Endlich rollt das runde Leder wieder durch die heimischen Stadien und erwachte der österreichische Fußball aus dem Winterschlaf. Nach knapp zwei Monaten Winterpause starteten... Analyse: Der GAK blamiert die Wiener Austria

Endlich rollt das runde Leder wieder durch die heimischen Stadien und erwachte der österreichische Fußball aus dem Winterschlaf. Nach knapp zwei Monaten Winterpause starteten die Vereine, die sich für das Cup-Viertelfinale qualifizierten, in die Saison und wollten gleich den nächsten Schritt in Richtung Finale gehen. Den Anfang machte dabei die Wiener Austria, die ein Traditionsduell gegen den GAK in Graz-Liebenau erwartete. Anders, als in den bisherigen Duellen der beiden Teams, ist der GAK jedoch aktuell nur in der Regionalliga beheimatet, auch wenn man diese anführt und den Aufstieg in die zweite Liga anpeilt. Daher gingen die Veilchen auch als klarer Favorit in das Spiel hinein und man ging von einem angenehmen Spaziergang in das Halbfinale aus. Doch es kam alles anders, als es die meisten Fans erwarteten.

Euphorie und ein David gegen Goliath Duell

Auch wenn der österreichische Pokal doch etwas stiefmütterlich behandelt wird, so macht die Faszination eines Pokal-Wettbewerbes dennoch vor allem aus, dass es viele David gegen Goliath Geschichten parat hält und gerade die Underdogs in 90 oder 120 Minuten einen Favoriten ärgern und mehr als ein Bein stellen können. Gerade in Österreich haben die Underdog-Erfolge im Pokal eine reiche Historie an Überraschungserfolgen und erst 2013 holte sich der damalige Regionalligist Pasching überraschend den Cupsieg gegen den damaligen österreichischen Meister Austria Wien. So haben die Violetten also selbst in der jüngeren Vergangenheit genügend leidvolle Erfahrungen mit Niederlagen gegen unterklassige Teams vorzuweisen, weshalb man vor solchen Duellen gewarnt sein sollte. Damit diese Geschichten nicht noch ein weiteres Kapitel erhalten, galt es für die Austria nun, den unterklassigen, wenn auch namenhaften GAK, aus dem Bewerb zu kegeln.

Für den GAK hingegen war dieses Spiel das große Highlight nach einem Jahrzehnt voller Rückschläge und Turbulenzen. Daher war die Vorfreude auch im Lager der Rotjacken riesengroß und aufgrund dieser entfachten Euphorie gelang es über 12.000 Zuschauer nach Graz-Liebenau zu locken, was für einen Regionalligisten natürlich bemerkenswert und mehr als beachtlich ist. Nichtsdestotrotz musste man die Sachlage realistisch betrachten und man ging als klarer Außenseiter in dieses Spiel. Dennoch konnte man sich durch die Winterpause ausführlich auf diese Partie vorbereiten und sich einen entsprechenden Plan zurechtlegen, um es dem violetten Gegner so schwer wie nur möglich zu machen. Der Trainer der Gastgeber kündigte im Vorfeld bereits an, die Spielanlage sehr defensiv auslegen zu wollen und der Fokus liege darauf, so lange wie möglich ein Gegentor zu vermeiden.

Und tatsächlich setzte man das Angekündigte auch in die Tat um. Der GAK formierte sich zu einem klaren 4-4-2-System, also relativ ähnlich wie der Gegner. Interessant war dabei allerdings vor allem die Schwerpunkte, die man beim eigenen Defensivkonzept in den Vordergrund rückte. So lautete die Devise beim Gastgeber: Zentrum um jeden Preis dichtmachen! Dabei verzichtete man auf ein höheres Attackieren und setzte auf ein tieferes Mittelfeldpressing – ließ folglich also die Austria kommen. Man verzichtete also darauf, den Spielaufbau der Gäste zu stören und wollte ihn stattdessen bewusst in eine bestimmte Richtung leiten, nämlich auf die beiden Außenverteidiger der Austria.

Um dies zu bewerkstelligen, bildete man einen engen und raumorientierten 4-4-2-Block, mit dem man versuchte, das Zentrum zu kontrollieren. Dabei sollten die beiden Stürmer bereits durch ihre enge Stellung zueinander die Passwege auf die beiden zentralen Mittelfeldspieler Jeggo und Matic verschließen, damit diese nicht von den Innenverteidigern angespielt werden konnten. Damit blieb ihnen meist nur der Pass auf die Flügel zu Klein oder Cuevas, die vom GAK offengelassen wurden. Sobald dann dieser Pass auf die Außenverteidiger erfolgte, war dies der Auslöser des GAK um ins Pressing zu starten. Der Flügelspieler der Gastgeber sprintete sofort den Gegenspieler an, während dessen Kollegen nachschoben und versuchten die Passwege zu verschließen. So war der Plan der Grazer relativ klar und simpel – Gegner auf den Flügel leiten und dann isolieren.

Austria überzeugt mit gutem Positionsspiel

Wie reagierten die Gäste aus der Hauptstadt darauf? Nominell gab es zunächst in der Aufstellung keine wirklichen Überraschungen. Einzig den Ausfall von Abwehrchef Madl musste man kurzfristig verkraften und stattdessen rückte Schoissengeyr in die Mannschaft. Von der Systematik her, bekam man das in der Vorbereitung getestete 4-4-2 zu sehen, bestehend aus einer Sechser/Achter Staffelung mit Jeggo und Matic, Prokop und Sax auf den Flügeln und Edomwonyi und Ewandro im Sturm. Die Austria agierte die ersten Minuten noch etwas abwartend und sah sich an, was sich der Gegner überlegte und wo dessen Schwerpunkte lagen. Zunächst also ein klassisches Abtasten.

Doch nach gut zehn Minuten übernahm die Austria die Kontrolle über dieses Spiel und brannte ein regelrechtes Chancenfeuerwerk ab. Ausschlaggebend dafür war eine kleine aber feine Adaption in der Anfangsphase, wo man auf den Plan der Grazer eine Gegenreaktion einleitete. Sechser Jeggo reagierte nämlich auf das Zustellen der Passwege ins Zentrum und ließ sich folglich nach hinten zwischen die beiden Innenverteidiger fallen. Durch dieses Abkippen entstand im Ballbesitz eine 3-1-4-2-artige Staffelung bei den Veilchen, die den Grazern in der Defensive enorme Probleme bereitete. Doch warum war diese Umstellung so ausschlaggebend?

Die Zuteilung der Grazer wurde dadurch nun auf die Probe gestellt und die Austria griff speziell über die Halbräume und Flügelzonen an, wo man immer wieder diagonal oder horizontal den Weg in den Zwischenlinienraum fand. Der Grund der Probleme war nämlich, dass die Austria ihre Aufbaulinie mit dem abkippenden Jeggo streckte und eine breite Dreierkette entstand. Dadurch konnten die beiden Innenverteidiger Schoissengeyr und vor allem der druckvolle Igor an den gegnerischen Stürmern vorbei das Spiel nach vorne eröffnen.

Gleichzeitig rückten auch die beiden Außenverteidiger der Austria etwas weiter nach vorne, weshalb nun die Flügelspieler der Grazer vor einem Problem standen. Übernimmt der Außenverteidiger oder der Flügelspieler den Außenverteidiger der Austria? Das Problem dabei war, wenn der Grazer Flügelspieler herausrückte, öffnete dies den vertikalen oder diagonalen Passweg zu Prokop oder Sax, die im Zwischenlinienraum lauerten. Rückte etwa der Grazer Außenverteidiger heraus, entstand wiederum ein großes Loch in der Abwehr und öffnete sich die Schnittstelle zwischen Innen- und Außenverteidiger. Die Austria nutzte diese Problematik gnadenlos aus und bohrte den GAK unaufhörlich an. Wie etwa beim Führungstreffer, wo man das eben beschrieben wunderbar zu sehen bekommt:

Szene vor dem 1:0, der GAK verteidigt im 4-4-2, Sechser Jeggo kippt zwischen die Innenverteidiger ab und bildet eine Dreierkette. Dadurch hat man im Aufbau eine 3 vs. 2 Überzahl und ermöglicht es Innenverteidiger Igor breiter zu stehen und folglich ins Mittelfeld zu dribbeln…

…Igor setzt sich stark durch, der Außenverteidiger der Grazer spekuliert auf den Pass auf Linksverteidiger Cuevas, wodurch sich die Schnittstelle öffnet und Edomwonyi sich freilaufen kann und auch von Igor perfekt angespielt wird. Der Stürmer bedient im Anschluss Prokop und dieser vollendet diesen schönen Spielzug zum 1:0.

Nach dem 1:0 ließen die Violetten nicht nach und drückten weiter auf das nächste Tor, wobei man sich dabei zahlreiche gute Möglichkeiten herausspielte, diese jedoch nicht verwertete. Ausschlaggebend dafür war vor allem die starke linke Seite der Austria, wo sich mit Igor, Cuevas, Prokop und Ewandro immer weder Dreiecke für Kombinationen bildeten, die von den ausweichenden Bewegungen von Edomwonyi ergänzt wurden, wie eben im Vorfeld des 1:0.

Davon profitierte auch die ballferne Seite, auf der Sax immer wieder Raum vorfand und gefährliche Situationen initiierte. Die ausweichenden Bewegungen von Edomwonyi ermöglichten es aber vor allem Prokop sich frei auf dem Spielfeld und konstant im Zwischenlinienraum zu bewegen und dort als Kombinationspartner zu fungieren, weshalb der hochtalentierte Mittelfeldspieler aufgrund dieser Rolle auch regelrecht aufblühte.

Darüber hinaus zeigte die Austria auch ein sehr flexibles Positionsspiel. Die Positionen wurden fleißig getauscht und unterschiedlich besetzt, weshalb es auch vorkam, dass die Außenverteidiger in den Halbraum bzw. ins Zentrum rückten und so für Verwirrung bei der Übernahme der Gegenspieler beim Gegner sorgten, was man von der Austria bislang so nicht kannte.

Man konnte also gut erkennen, dass die Austria in der Vorbereitung viel am Positionsspiel feilte und die Prinzipien wesentlich besser als im Herbst griffen. Die ganze Struktur und Einbindung der Spielertypen schien nun wesentlich homogener, was zur Folge hatte, dass man sehr dominant auftrat und auf knapp 70 Prozent Ballbesitz kam. Ergänzt wurde dies durch ein gutes Gegenpressing, wodurch man sich immer wieder den Ball schnell wiedererlangen konnte.

In dieser Phase war der GAK völlig überfordert und der Klassenunterschied machte sich bemerkbar. Nicht nur in der Defensive hatte man große Probleme, auch in der Offensive konnte man aus Ballgewinnen kaum etwas Brauchbares daraus machen und setzte stattdessen auf viele lange Bälle, die gegen den extrem athletischen Igor natürlich wenig erfolgsversprechend waren. So konnte man von Glück sagen, dass man nach einem Torschussverhältnis von 14:3 nur mit einem 0:1 in die Halbzeitpause geschickt wurde.

Austria bringt sich selbst ins Verderben

Nach der Halbzeitpause ging es zunächst in einer ähnlichen Tonart weiter. Die Austria war weiterhin die klar spielbestimmende Mannschaft, jedoch wurden ersten Risse im Spiel der Gäste sichtbar. Die Defensive agierte nicht immer sattelfest und so kam der GAK zu einer gefährlichen Szene, die sie jedoch nicht verwerten konnten.

Quasi im Gegenzug hatte die Austria die Möglichkeit, für eine kleine Vorentscheidung zu sorgen. Sax bediente mit einem schönen Steckpass Ewandro, der alleine vor dem Tor den Torhüter umkurvte, jedoch zu lange für den Abschluss brauchte und letztlich vom Gegenspieler noch erfolgreich gestört werden konnte.

Wenige Augenblicke später erzielte stattdessen der GAK den Ausgleich. Igor und Cuevas konnten den Ball nicht klären und ließen GAK-Kapitän Perchtold aus den Augen, der mit einem Flachschuss zum 1:1-Ausgleich traf. Doch nicht nur das, wenig später dezimierte sich die Austria auch noch nummerisch. Nach einem katastrophalen Cuevas-Fehlpass zog der GAK-Stürmer alleine auf das Tor und wurde vom letzten Mann Ewandro zu Fall gebracht. Der Schiedsrichter entschied ein Foul zu geben und schickte den Brasilianer mit Rot vom Platz, weshalb die Austria nun in Unterzahl weiterspielen musste. Den fälligen Freistoß setzte der GAK ans Aluminium und scheiterte damit nur knapp. Die Austria stellte nun auf ein 4-4-1 um und brachte überraschend den wiedergenesenen Kapitän Grünwald für den stark aufspielenden Sax, der bis dahin zu den Aktivposten zählte.

Trotz der Überzahl machte der GAK weiterhin keinerlei Anstalten, mehr Risiko zu gehen und die Spielanlage zu verändern. Die Austria ließ man weiterhin in Ruhe das Spiel gestalten und selbst verzichtete man meist auf längeren Ballbesitz. Beinahe fing man sich auch in Überzahl einen Gegentreffer ein, jedoch feuerte Schoissengeyr einen Gewaltschuss nur an die Latte. Die Austria konnte man selten in Bedrängnis bringen und war insgesamt zu limitiert, daher übernahmen die Wiener diese Aufgabe selbst. Jeggo rutschte unnötigerweise zum Ball, Perchtold nahm dieses Geschenk an und hob theatralisch ab und der Schiedsrichter zückte die zweite gelbe Karte für Jeggo und stellte den Australier vom Platz. Damit musste die Austria mit 8 (!) Feldspielern das Spiel fortsetzen, weshalb man sich nun zu einem 4-3-1 formierte und sichtlich versuchte, sich irgendwie in die Verlängerung zu retten.

Der GAK wurde nur minimal mutiger und konnte spielerisch weiterhin kaum Akzente setzten, weshalb das Spiel vornehmlich von der Spannung aufgrund der Umstände lebte. Kurz vor Schluss schlug der GAK dann doch noch zu und erzielte nach einer schönen weitgezogenen Flanke und der Ablage an den Elfmeterpunkt das 2:1 und brachte damit das Stadion zum Kochen.

Die Austria brachte danach noch mit Monschein einen zusätzlichen Stürmer, beorderte Schoissengeyr nach vorne und stellte auf ein 2-3-3 um, jedoch blieben die letzten Angriffsbemühungen unbelohnt und so blieb es beim 2:1-Sieg der Grazer.

Fazit

Wenn ein Drehbuchautor eine Geschichte erfinden müsste, wie man auf die dümmste Art und Weise aus einem Cup-Viertelfinale gegen eine unterklassige Mannschaft ausscheidet, das Spiel der Austria wäre wohl mit hoher Wahrscheinlichkeit dabei herausgekommen. Nach einer starken ersten Halbzeit, wo man endlich das Gefühl hatte, es würde ein homogenes und strategisch gut durchdachtes Gebilde auf dem Platz stehen, leistete sich die Austria im zweiten Durchgang eine Vielzahl an dummen bis katastrophalen Fehlern und schmiss die Nerven einfach komplett über Bord.

Natürlich hat auch der schlechte Schiedsrichter seinen Teil dazu beigetragen, dennoch wäre es zu einfach, dem Referee die Schuld in die Schuhe zu schieben, dies haben ganz und alleine die Spieler auf dem Platz zu verantworten. Man hatte den Aufstieg am Silbertablett liegen und der Gegner hing in den Seilen, aber statt das Spiel vorzeitig zu entscheiden, leistete man sich Fehler in Hülle und Fülle und brachte sich damit selbst um die Lorbeeren der guten ersten Halbzeit. Damit herrscht bereits nach dem ersten Spiel im Frühjahr wieder Feuer unter dem Dach in Wien-Favoriten und vor dem ersten und schwierigen Bundesligaspiel beim starken LASK ist der Druck auf die Mannschaft wieder enorm gestiegen, was sich die Spieler selbst zuschreiben müssen.

Dalibor Babic, abseits.at

Dalibor Babic