Im Halbfinal-Hinspiel um die deutsche Meisterschaft der U19 trafen Borussia Dortmund und der TSV 1860 München aufeinander. Wie es bei unserem Nachbarn im gehobenen... U19-Halbfinale der deutschen Meisterschaft: Junglöwen schlagen dank Traumtor den BVB

TSV 1860 München LogoIm Halbfinal-Hinspiel um die deutsche Meisterschaft der U19 trafen Borussia Dortmund und der TSV 1860 München aufeinander. Wie es bei unserem Nachbarn im gehobenen Jugendfußball aussieht, wollen wir uns mit dieser Analyse ansehen.

Prinzipielle Ausrichtungen

Die Münchner begannen in einer 4-1-4-1 Grundordnung, im Angriffspressing agierte das Mittelfeld mannorientiert auf die Außenverteidiger und die Sechser des BVB und wollte so hohe Bälle erzwingen. Auch der Torwart wurde situativ angelaufen. Der erste Pass wurde zwar stets zugelassen, jedoch schoben Mittelstürmer und Achter schnell aus der Formation und setzten die Innenverteidiger früh unter Druck. Meist bekam man das Stören des Dortmunder Spielaufbaus auch recht gut hin, obwohl man teilweise durch zu verfrühtes Aufrücken und schlechte Deckungsschattennutzung der Achter Passwege ins Zentrum offenbarte, die auch prompt genutzt wurden.

Das Gegenpressing griff aufgrund des Versuches des Kurzpassspiels auch meist recht erfolgreich. Nach ungefähr 15 Minuten begann das aktive Pressing der „Sechzger“ erst im Mittelfeld. Auch hier schob man recht aggressiv heraus, wenn sich die Möglichkeit dazu bot. Die Trigger hierfür waren meist unsaubere Mitnahmen der Innenverteidiger der Gastgeber, die oft nur hohe Bälle aufgrund fehlender Unterstützung im Aufbau aus dem Mittelfeld schlagen konnten.

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Das mannorientierte 4-1-4-1 Pressing der Münchner

Im frühen Aufbau schoben die Außenverteidiger der Münchner nicht sehr hoch, dies sollte wohl dem Pressing der Dortmunder Paroli bieten und so mehr Anspielstationen bieten. Aufgrund der zwei Stürmer im Dortmunder Pressing kippte der Sechser öfter diagonal neben oder zwischen die Innenverteidiger ab, um den Ballvortrag zu erleichtern. Situativ ließ sich auch ein Achter tiefer in den Halbraum fallen, um eine Anspielstation für die Außenverteidiger zu sein. Man war klar auf kontinuierlichen, flachen Spielaufbau bedacht und schaffte auch ballnah meist ordentliche Strukturen, wenngleich die Abstände zueinander teilweise zu weit waren.

Das Dortmunder Pressing formierte sich in einem 4-4-2/4-1-3-2 und versuchte den Sechser der 1860er abzudecken. Dieser löste sich jedoch oft und ließ sich tief fallen, was nicht verfolgt wurde. Das situative Zurückfallen der Achter der Gäste hingegen schon.

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Die Doppelspitze der Dortmunder schneidet die Passwege zu Alexander Fuchs ab

Im Ballbesitz formierte man sich in einem recht klaren 4-1-3-2 mit oft weit einrückenden Flügelstürmern. Die Innenverteidiger fächerten breit auf, wurden jedoch kaum genutzt, auf jegliches Anlaufen der Münchner reagierte man mit weiten Bällen, die auf die Flügel geschlagen wurden. Dies lag auch aber aufgrund fehlender Verbindung in den Sechserraum, welcher nominell nur einfach, teilweise aber gar nicht besetzt wurde.

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Das eigentliche Großtalent Burnic läuft sich nicht frei und zwingt seinen Mitspieler zu einem Rückpass zum Innenverteidiger. 1860-Stürmer Christoph Daferner wartet auf die Pressing-Gelegenheit.

Pressing, Pressing, Pressing (und Gegenpressing)

Mit fortlaufender Spielzeit bekamen die Münchner Probleme im Aufbau, dies lag primär an ungünstigen Staffelungen in der ersten Linie, die durch das Abkippen des Sechsers und das daraufhin fehlende Hochschieben der Außenverteidiger entstanden. So konnten die Achter im Zentrum leicht von den Dortmunder-Zentrumsspieler gedeckt werden.

Durchbrüche wurden auf beiden Seiten primär über die Flügel gesucht, wenngleich Dortmund deutlich direkter mit dem Ball agierte und die Vertikalität suchte, wo hingegen 1860 über die Zirkulation über die Flügel-Mitte-Flügel kommen wollte. Die Unsauberkeit in Pass- und Positionsspiel beider Teams ließ jedoch kaum konstruktive Angriffsaufarbeitung zu, sodass Torgelegenheiten primär über Flanken oder Konter entstanden. Beide Mittel wurden jedoch nicht mit ausreichender Qualität fertig gespielt und die Endverteidigung von beiden Mannschaften agierte sehr intensiv und kompromisslos. Nach einem Ballgewinn wurde das Spielgerät meist eher hoch und weit geklärt, als dass ein geordneter Angriffsaufbau gestartet wird.

Die Dortmunder Aufbauversuche liefen überhaupt sehr alibimäßig ab, wenn man nicht schnell nach den direkten Weg nach vorne fand, wurde der Ball meist hoch nach vorne geschlagen. Das mannorientierte Pressing der Münchner konnte nicht ausgehebelt werden, auch weil raumöffnende Bewegungen der Mittelfeldspieler des BVBs vergebens zu suchen waren. Man versuchte es dann auch mit dem Abkippen des Sechsers, was jedoch völlig unnötig war und die Mitte nur unterbesetzte. Eine Torwartkette mit Torhüter  Reimann wäre eine ideale Lösung gewesen, diese formte man jedoch nur wenn kein Druck gegeben war und dies keine Vorteile brachte. Vor allem mit dem Umstand, dass die Löwen mit nur einem Stürmer im Pressing agierten macht das Abkippen obsolet und die Einbindung des Torwarts wäre deutlich sinnvoller gewesen, hätte das breitere Auffächern der Innenverteidiger ermöglicht und so die Wege im Pressing für die Gäste weiter und somit laufintensiver gemacht. Die erste Halbzeit war dominiert von zwei Mannschaften, die ihre Stärken in der Arbeit gegen den Ball zeigten. Im Ballbesitz sahen die Spielzüge nicht besonders sauber aus, egal welche Strategie man benutzte. Die Münchner mit ihrem Versuch der längeren Passstaffetten, die Dortmunder mit ihrer übertriebenen Vertikalität. Der BVB ging in Minute 45 jedoch in Führung, aus einem Elfmeter der durch einen Fehlpass eingeleitet wurde.

Zähe zweite Halbzeit

Der BVB presste nun etwas höher und mannorientierter, die Stürmer richteten sich an den Innenverteidigern aus und Zehner Passlack am Sechser Alexander Fuchs. Dies brachte die Münchner dazu, den Ball meist hoch nach vorne zu schlagen. Beide Mannschaften ließen nun vor allem an vertikaler Kompaktheit vermissen, was natürlich noch mehr hohe Bälle provozierte. Danach ging es bei beiden Mannschaften ins Gegenpressing was zusätzliches Chaos und Unordnung ins Spiel brachte. In Minute 56 erwischten die Gäste den BVB ungeordnet, der zweite Ball wurde im Mittelfeld leicht gewonnen, woraufhin eine Vier-gegen-Drei-Situation entstand. Es folgte ein Stanglpass von Plattenhardt und das Tor von Stürmer Daferner konnte nicht verhindert werden. Mit zunehmender Spielzeit richteten sich die Münchner etwas tiefer aus, der BVB konnte leichter aufbauen, fand jedoch kaum Lücken in der gegnerischen Formation. Sechser Burnic war besonders auffällig in dieser Phase, da er immer wieder Bälle abfing, wenn die Sechzger kontern wollten und diese dann auch gut verteilte. Seine Positionsfindung war nun ohne größeren Druck der Gäste ebenfalls besser als phasenweise in Halbzeit eins. Durch einen Überraschungstreffer ging der TSV 1860 München mit einem Heber von der Mittellinie kurz vor dem Schlusspfiff in Führung. Neuhaus sah, dass der Dortmunder Torwart Reimann zu weit vor seinem Tor stand, dies nutzte er zur 1:2 Führung. Aufgrund seines „übertriebenen“ Jubels bekam er jedoch Gelb-Rot und musste vom Platz.

Fazit

Das Spiel war, wie so viele Jugendspiele im deutschen Fußball, geprägt von DFB-Lehrbuchsarbeit gegen den Ball. Konstruktiver Angriffsaufbau war leider eine Seltenheit, Dreiecksbildung ebenso. Pep Guardiola hat Deutschland wohl zu früh verlassen. Matthias Leitner, österreichischer Legionär im Diensten der Münchner, war leider nicht im Kader zu finden.

Auffälligster Spieler: Dzenis Burnic mit der Nummer 31 zeigte vor allem in Halbzeit zwei ein gutes Spiel, fing viele Bälle ab und zeigte ein kluges Passspiel. Nicht nur die Genauigkeit, auch sein Timing war besonders gut, denn er löste sich vom Ball immer erst im letzten Moment der gegnerischen Attacke, wählte dennoch meist die richtige Anspielstation und spielte somit stets Gegner aus, ohne sie auszudribbeln.

David Goigitzer, abseits.at

David Goigitzer