73 Minuten lang lag Salzburg im Stadio Olimpico von Rom gegen Lazio voll auf Aufstiegskurs, ehe die Mannschaft von Marco Rose eine nahezu perfekte... Analyse: Salzburgs Niederlage in Rom

73 Minuten lang lag Salzburg im Stadio Olimpico von Rom gegen Lazio voll auf Aufstiegskurs, ehe die Mannschaft von Marco Rose eine nahezu perfekte Ausgangsposition für das Rückspiel mit zwei unnötigen und aus der Spielstruktur heraus entstandenen Fehlern hergab.
In einer äußerst temperamentvollen und intensiven Partie drehten die Römer fast wie befürchtet den Spies in Sachen Spielrhythmus und Spielstruktur tatsächlich etwas um. Simone Inzaghi fokussierte sich auf ein passendes Konzept im Spiel gegen den Ball und überließ den Bullen häufig den aktiveren und gestalterischen Part eines Spielaufbaus, um ausgehend von dieser Grundidee in die bevorzugten und extrem gefährlichen Umschaltsituationen zu kommen.
Dadurch entstanden für die Salzburger andere Aufgaben und Konstellationen als in den bisherigen KO-Duellen gegen Sociedad und Dortmund, in denen sie hauptsächlich ihre Power und Griffigkeit im Pressing akzentuieren konnten und selbst auf Umschaltmomente lauerten.
Wir schauen uns nun kurz an, mit welchen taktischen Mustern Lazio einen solchen Spielverlauf provozierte und welche Probleme für die Salzburger damit verbunden waren, die vor allem in den letzten 20 Minuten sichtbar wurden.

Grundordnungen und Personal

Marco Rose sah natürlich wie erwartet im Vorfeld der Partie wenig Gründe, in Sachen Grundordnung und Personal groß etwas zu ändern. Einzig und allein der gesperrte Hwang musste im Sturm ersetzt werden. Gulbrandsen besetzte daher die Position in der vordersten Linie neben Dabbur im 4-3-1-2 Mantel der Salzburger.
Vor Torhüter Alex Walke bestand die Viererkette daher wieder aus den beiden Stamm-Innenverteidigern Ramalho und Caleta-Car, unterstützt wurden die beiden auch in Rom von Lainer auf der rechten und Ulmer auf der linken Außenverteidigerposition.
Der umworbene Samassekou gab den Sechser vor der Abwehr, in den Halbräumen neben bzw. vor ihm agierten die beiden Achter Berisha und Haidara, wobei Haidara vor allem bei eigenem Aufbauspiel eine sehr breite Position auf dem rechten Flügel einnahm.
Wie schon gegen Sociedad und den BVB kam der äußerst pressingstarke und spielintelligente Xaver Schlager auf der Zehner-Position hintern den besagten Stürmern Dabbur und Gulbrandsen zum Zug.

Simone Inzaghi schickte seine Mannschaft auch gegen Salzburg im „klassisch italienischen“ 5-3-2 / 5-3-1-1 auf den Rasen des Stadio Olimpico. Das zentrale und robuste Verteidigungstrio der Fünferkette setzte sich aus Radu und Luiz Felipe auf den jeweiligen Halbpositionen sowie aus de Vrij als mittigsten Punkt vor Torhüter Strakosha zusammen. Immer wieder unterstützt und zu einer flachen Fünferkette aufgefüllt wurden diese drei Akteure von den beiden Flügelverteidigern Lulic und Basta, die im Pressing aber auch immer wieder interessante Hybrid-Rollen einnahmen.

Der Ex-Liverpooler Lucas bekleidete die zentrale Position im Mittelfeld, unterstützt wurde er von den sehr beweglichen (vor allem in der vertikalen Linie) Achtern Milinkovic-Savic und Parolo. Luis Alberto und Toptorjäger Ciro Immobile bildeten die sehr harmonisch wirkende Sturmreihe der Römer. Vor allem die unterschiedlichen Interpretationen und oft gegensätzlichen Laufwege stellten die Salzburger vor Herausforderungen. Luis Alberto war meist jener, der näher am Mittelfeld spielte und sich sehr häufig in diese Mittelfeldzonen fallen ließ, während Immobile gemäß seinen individuellen Qualitäten diese Laufwege spiegelte und in der Regel auf Abseitshöhe auf Pässe hinter die Salzburger Viererkette lauerte. Man kann sich vorstellen, wie unangenehm und fordernd eine solche Konstellation für die Innenverteidiger ist, vor allem wenn der gegnerische Stürmer auch noch den Namen Immobile auf dem Rücken seines Trikots trägt.

Vertauschte Rollen sorgen für ungewohnten Spielrhythmus

Wie bereits in der Einleitung erwähnt, fokussierte sich Lazio zunächst auf eine stabile Defensive und eine kompakte Organisation bei gegnerischem Ballbesitz. Salzburg wurde dadurch oft gezwungen, das Spiel aus der eigenen Abwehr heraus aufzubauen und das Spiel bzw. die eigenen Angriffe vorzutragen und zu entwickeln. Während Red Bull Salzburg in der heimischen Bundesliga fast wöchentlich damit konfrontiert wird und sich in dieser Saison unter Marco Rose vor allem dank eines sehr guten Positionsspiels enorm weiterentwickelt hat, war es europäisch in erster Linie das aggressive Pressing und die hohe Spielintensität, mit denen die meist individuell überlegenen Gegner bezwungen werden konnten. So gab es gegen Sociedad und Dortmund deutlich mehr klare Pressingsituationen als im Hinspiel gegen Lazio. Simone Inzaghi erkannte dies natürlich und wollte diese besonderen Stärken der Salzburger nicht zur Geltung kommen lassen. Und wie macht man das am besten? Na klar, man überlässt ihnen den Ball (Salzburg hatte nach 90 Minuten 54 % Ballbesitz) und konzentriert sich selbst auf Ballgewinne und Umschaltaktionen. Eine ziemlich simple aber sehr effektive strategische Herangehensweise von Inzaghi, die sich vor allem zu Spielbeginn und dann in den letzten 20 Minuten bezahlt machen sollte.

Basis dafür war für die Italiener die angesprochene 5-3-1-1 Ordnung im Spiel gegen den Ball. Wie wir später noch sehen werden, konnten sie dank dieser Grundordnung überall auf dem Feld rasch Zugriff auf die jeweiligen Gegenspieler herstellen und so auch die gelebte Emotionalität und Aggressivität im Zweikampf umsetzen. Viele Aspekte im Pressing wirkten dadurch passend und homogen.
Entscheidend war natürlich die etwas zurückgezogene Pressingzone. Die beiden Stürmer Alberto und Immobile attackierten die Salzburger Innenverteidiger Ramalho und Caleta-Car nicht sofort und ließen die Ballzirkulation zwischen den beiden zu. Diese abwartende Haltung im Pressing war ein wesentlicher Aspekt für den weiter oben beschriebenen Spielrhythmus, mit dem die Bullen konfrontiert wurden.
Wie bei eigenem Ballbesitz gab es auch im Bereich der Defensivarbeit unterschiedliche Aufgaben und Rollen für die beiden vordersten Spitzen der Italiener. Es wurde relativ schnell ersichtlich, dass sich Luis Alberto an der Position von Samassekou orientierten sollte und diesen zustellte. Dadurch positionierte er sich in der Regel etwas tiefer als Immobilie und es entstand die angesprochene 5-3-1-1 Ordnung, in der die Römer verteidigten.

Durch das mannorientierte Zustellen von Samassekou hätten potentielle freie Räume neben Alberto bzw. hinter der ersten Pressinglinie von Lazio entstehen können, aus denen die Salzburger mit ihren Achtern (vor allem mit Berisha aus dem linken defensiven Halbraum) die Angriffe hätten einleiten können. Aber auch darauf hatte Inzaghi die richtigen Antworten und neutralisierte die Offensivbewegungen der Bullen. Die beiden Achter Milinkovic-Savic und Parolo nahmen in diesem Zusammenhang interessante aufrückende Bewegungen ein. Sie rückten aus dem Mittelfeldband neben Sechser Lucas immer wieder nach vorne neben die beiden Sturmspitzen und stellten die ballfordernden Bewegungen der Achter in den Halbräumen. Aber nicht nur auf die abkippenden Bewegungen der Achter schoben sie vor, auch auf die Außenverteidiger Lainer und Ulmer schoben sie in der ersten Pressingphase immer wieder heraus und trennten dadurch die bevorzugten diagonalen Passwege der Salzburger Außenverteidiger ins Zentrum und in die Halbräume. Aufgrund dieser neutralisierenden Bewegungen und Zuordnungen wurden der Schwung und die Dynamik aus dem Salzburger Angriffsspiel genommen und viele Aufbau- und Angriffsversuche konnten verschleppt bzw. frühzeitig abgewürgt werden. Die Bullen kamen de facto nie in die bevorzugten Spielfeldzonen und in die anvisierten Räume, in denen sie ihre starken und eingespielten gruppentaktischen Aktionen hätten ausspielen können.

Ein ganz wichtiger Aspekt dafür im Defensivkonzept von Lazio war, dass sie den Zwischenlinienraum im Prinzip komplett neutralisierten. Einfacher ausgedrückt kann man behaupten, dass es den Zwischenlinienraum in seiner bekannten Form einfach nicht gab. Verantwortlich dafür war in erster Linie das aufmerksame und aggressive Verteidigungsverhalten der drei zentralen Verteidiger in der Fünferkette. Durch die Fünferkette und der damit einhergehenden guten Breitenstaffelung war es den drei Akteuren im Zentrum immer wieder möglich, auf Spieler in den Räumen vor ihnen (gemeint sind damit vor allem Dabbur, Schlager und Gulbrandsen) herauszurücken und sie bereits bei der Ballannahme mit dem Rücken zum Tor zu stellen. Die notwendige Absicherung in der Tiefe war durch die Fünferkette ja gegeben. Lazio praktizierte dies über die gesamte Spielzeit sehr diszipliniert und konzentriert und sie nahmen den Salzburgern dadurch einer ihrer gefährlichsten Offensivwaffen. Als Folge daraus fanden die drei offensivsten Akteure Dabbur, Schlager und Gulbrandsen selten bis gar nie ins Spiel oder fanden sich in Räumen und Konstellationen wieder, aus denen sie keine durchschlagskräftigen Aktionen hätten starten können.

In dieser Grafik sieht man die einzelnen Facetten des Defensivplans von Simone Inzaghi. Einerseits natürlich die etwas zurückgezogene Pressingzone, mittels der die Verantwortung des Spielaufbaus an die Salzburger weitergegeben werden konnte. Man erkennt aber auch das mannorientierte Zustellen von Samassekou, die Hybridrollen der beiden Achter als Reaktion auf abkippende Bewegungen der Salzburger sowie das Herausrücken der drei zentralen Verteidiger auf Dabbur, Schlager und Gulbrandsen im Rücken des Lazio-Mittefeldes, wodurch sich nie ein Zwischenlinienraum öffnete. Interessant waren auch die situativ aufrückenden Bewegungen der beiden Flügelverteidiger Lulic und Basta auf die Salzburger Außenverteidiger, was Elemente einer pendelnden Viererkette zum Vorschein brachte.

Salzburg beißt sich am italienischen Defensivblock zu oft die Zähne aus

Die Salzburger versuchten zwar, die gestalterische Rolle aufzunehmen und das Spiel zu beschleunigen, es fehlte aber zu häufig an der notwendigen Durchschlagskraft und Dynamik, was aber hauptsächlich an der Defensivarbeit von Lazio lag. Valon Berisha versuchte in gewohnter Manier und aus den gewohnten Räumen das Spiel anzukurbeln und voranzutreiben, die Außenverteidiger Ulmer und Lainer marschierten wie gewohnt fleißig, aber gefühlt hatten die Römer immer die passenden Antworte parat und in den entscheidenden Bereichen auch die notwendigen Überzahlsituationen. So entwickelte sich auf beiden Seiten ein Spiel mit vielen Ballverlusten, unvollendeten Angriffen und vielen engen und unübersichtlichen Drucksituationen.

Trotzdem konnten die Salzburger auswärts in Rom zwei Treffer erzielen und sich eigentlich bis 20 Minuten vor Schluss eine fast perfekte Ausgangsposition für das Rückspiel zuhause in Salzburg erarbeiten. Allerdings machten jeweils zwei falsche Entscheidungen im Abwehrverhalten und im Spielaufbau diese Ausgangsposition zunichte. Vor allem der vierte Gegentreffer durch Immobile schmerzt besonders, weil ziemlich sinnlos direkt in die römische Pressingfalle gespielt wurde und die anschließende Umschaltaktion nicht mehr verteidigt werden konnte.

Fazit

Mit Hinzunahme der Expected-Goals Daten kann man festhalten, dass der Sieg von Lazio Rom unterm Strich natürlich in Ordnung ging. Es ist auch erkennbar, dass den Salzburgern die letzten 20 Minuten zum Verhängnis wurden und in dieser Zeitspanne der Wert von Lazio erheblich nach oben geklettert ist. Der interessanteste Aspekt in diesem Europa-League Viertelfinale war der Spielrhythmus. Inzaghi wusste um die Stärken der Truppe von Marco Rose im Pressing und im Umschaltspiel und verlagerte deshalb geschickt die kreativen und aktiven Elemente eines Fußballspiels auf die Seite der Salzburger. Die versuchten zwar das Spiel so anzunehmen und zu gestalten, blieben aber zu häufig ohne durchschlagende Mittel gegen das ausgeklügelte Defensivkonzept der Italiener. Die Salzburger ihrerseits haben aber auch mit einigen ungewohnten Fehlern dazu beigetragen, dass Lazio zu vier Treffern kam und so das Spiel zu ihren Gunsten entscheiden konnten.

Aus Sicht der Salzburger ist die Konstellation für das Rückspiel natürlich alles andere als optimal. Während Lazio sich auf eine stabile Defensive und Umschaltmomente konzentrieren kann muss Red Bull wieder das Spiel gestalten und dabei noch mindestens zwei Tore erzielen. Es ist also aller Voraussicht nach davon auszugehen, dass sich an der Spielstruktur auch in Salzburg nicht viel verändern wird. Interessant wird sein, welche Lösungsansätze Marco Rose mit seinem Team für das Rückspiel ausarbeitet.

Sebastian Ungerank, abseits.at

Sebastian Ungerank

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