Im Finale der Europa-League trafen Atlético Madrid und Athletic Bilbao aufeinander. Die beiden Vereine stehen in der spanischen Liga klar im Schatten der großen...

Im Finale der Europa-League trafen Atlético Madrid und Athletic Bilbao aufeinander. Die beiden Vereine stehen in der spanischen Liga klar im Schatten der großen Zwei: Real Madrid und dem FC Barcelona. Gestern hatten sie die Chance auf einen europäischen Titel, welcher ihnen zumindest in Sachen Prestige ein kleines Stückchen näher an die schier unerreichbaren Rivalen rücken würde.

Für viele Experten war die Ausgangssituation vor der Partie unklar. Athletic Bilbao galt als die innovativere Mannschaft mit überlegenerer Taktik und einem besseren Trainer. Bei Atlético sprach neben einer minimal größeren Erfahrung und den etwas besseren Einzelspielern ihr Mittelstürmer für sie. Falcao kam vor der Saison als Europa-League-Rekordtorschützenkönig vom FC Porto für die gewaltige Ablösesumme von 40 Millionen €. Es sollte sich zeigen, dass er dieses Geld mehr als wert ist.

In einer hervorragenden Partie traf er bereits in der Anfangsphase mit einem hervorragenden Treffer. Er stoppte sich einen Pass im gegnerischen Strafraum, ließ einen der Athletic-Verteidiger aussteigen und zirkelte den Ball von halbrechts in den Winkel – mit chirurgischer Präzision ins Kreuzeck beim langen Pfosten. In der 34. Minute fiel dann der zweite Treffer. Falcao erhielt den Ball dieses Mal auf der Grenze zum Fünfmeterraum, mit einer eleganten Drehung foppte er alle und schob den Ball in die geöffnete Ecke des Tores ein.

Athletic wehrte sich, hatte mehr vom Spiel und ging bissig in die Zweikämpfe, dennoch hatten sie lange Zeit keine wirkliche Chance. Erst ab der siebzigsten Minute konnten sie sich Chancen gegen die sehr tief spielenden Madrilenen erspielen. Mit fast 70% Ballbesitz gerieten sie nur durch Konter in Gefahr – einen davon spielte Diego zauberhaft zum 3:0 zu Ende. Hauptverantwortlich für den Sieg und bester Spieler an diesem Abend war dennoch jener Falcao.

Atlético Madrid

Die vermeintlichen Favoriten begannen mit einer konservativen 4-4-1-1/4-2-3-1-Hybridformation. Vorne bewegte sich Falcao auf weiter Flur, wurde hin und wieder jedoch von Diego unterstützt. Dieser spielte zwischen Arda Turan und Adrían zentral in der Mittelfelddreierreihe. Die beiden spielten allerdings manchmal etwas tiefer, wodurch ein sehr kompaktes 4-4-1-1 zustande kam. In der Offensive spielten die Zwei ebenfalls ziemlich ähnlich. Sie rückten entlang der Seite auf und brachten Breite ins Spiel, versuchten aber bei Gelegenheit mehr ins Zentrum für einen Abschluss oder tödlichen Pass zu kommen.

Im Mittelfeld sicherten Mario Suarez und Gabi ab. Diese beiden spielten klassische Rollen einer Doppelsechs, füllten Schnittstellen und rückten nur bei langsam vorgetragenen Angriffen mit auf. Der Grund war, dass bei schnellen Angriffen das Aufrücken schwerer und ein etwaiger Ballverlust fataler ist. Dasselbe Spielchen gab es bei den Außenverteidigern. Filipe Luis und Juanfran, eigentlich zwei offensivfreudige Akteure, hielten sich zurück und sorgten dafür, dass die Viererkette sehr kompakt agierte.

Athletic Bilbao

In Gegensatz zum sehr eng und kompakt agierenden Atlético stand der Herausforderer aus Bilbao. Dieser spielt unter Marcelo Bielsa stark auf Ballbesitz und Kurzpässe ausgerichtet, ähnlich dem FC Barcelona. Hierzu gibt es mit Javi Martinez und Amorebieta zwei spielstarke Innenverteidiger, welche gegebenenfalls ins defensive Mittelfeld aufrücken. Zumeist bilden sie jedoch eine Dreierkette mit dem Sechser Iturraspe, welcher sich in diesem Spiel zusätzlich noch um Diego kümmern musste. Dank dieses defensiven Dreiecks konnten die Außenverteidiger höher aufrücken und das Spiel in die Breite zu ziehen. Sowohl Iraola auf rechts als auch Aurtenetxe auf links hatten die Aufgaben, sich in die Offensive miteinzuschalten und ihre Vordermänner zu hinterlaufen. Diese waren mit Muniain und Susaeta nämlich invers spielende Flügelstürmer, die sich immer wieder ins zentraloffensive Mittelfeld oder den Sturm bewegten. Davor spielte Llorente, welcher zwischen vier gegnerischen Spielern gefangen war. Er hatte dadurch kaum eine Möglichkeit flache Pässe von der Doppelacht, bestehend aus Ander Herrera und De Marcos zu empfangen. Diese beiden zeigten an sich keine schlechte Leistung, konnten jedoch nie die nötige Kreativität einbringen, um den Defensivwall des Gegners zu überwinden.

Taktische Fouls und Bilbaos Ballbesitzspiel

Herrera und De Marcos waren auch jene Spieler, die sich mit den Innenverteidigern hauptverantwortlich für das Funktionieren des Ballbesitzspiels zeigen. Sie ließen den Ball zirkulieren und suchten immer Pärchen. Da die aufgerückten Außenverteidiger für diese Spielweise breit agieren mussten und Atlético bereits in Führung ging, konnte der Zuschauer beobachten, wie die enge Formation Atléticos die Basken zur Verzweiflung brachte.

Die offensiven Außenspieler Madrids versuchten entweder tor- oder ballseitig vor den Gegenspielern in ihrer Nähe zu stehen. Dadurch machten sie das Spielfeld enger und Bilbao musste sich oftmals den Ball ohne Raumgewinn im zweiten und ersten Spielfelddrittel zuschieben. Die tiefe Formation ermöglichte es weiters, dass das effektiv bespielte Feld ohnehin halbiert war, was diese disziplinierte Spielweise Madrids vereinfachte. Sie verteidigten auf engem Raum, die Viererkette agierte sehr nah aneinander und öffnete keine Schnittstelle. Nur selten pressten mehr als ein oder zwei Spieler, hierbei vorrangig die zwei offensiven im Zentrum, Diego und Falcao.

Falls diese jedoch scheiterten und sich Lücken auftaten, dann setzten sie mit Rückwärtspressing nach. Im Idealfall wurden sie von einem weiteren Spieler unterstützt und es wurde aggressiv auf den Ballführenden attackiert. Konnte der Ball nicht erobert werden, wurde ein taktisches Foul begangen oder die Atlético-Spieler schalteten schnell um, um sich möglichst dynamisch wieder in ihre eigene Position zu bringen. Bei einem erfolgreichen taktischen Foul hatten sie den Vorteil, dass sich die gesamte Defensive ohne Stress neu ausrichten konnte. Kein Wunder also, dass die Madrilenen fast doppelt so viele Fouls spielten wie ihr Gegner. Im Gegenzug wurden sie bei ihren Kontern fast schon zu fair angegangen, was im Verbund mit den großen Räumen, die frei vor ihnen lagen, sehr gefährlich war. Die Ursache lag aber in einem proaktiveren Spielsystem bis zum ersten Treffer Falcaos.

Die Bewegungen Falcaos und die Defensivformation Atléticos

Zu Spielbeginn pressten der Kolumbianer und seine Mitspieler nämlich hoch. Teilweise entwickelte sich eine 4-2-4-Formation, die dank einer aufgerückten Verteidigungslinie kompakt blieb. Normalerweise schob sich einer der beiden zentralen, zumeist natürlich der aus der Tiefe kommende Diego, auf den Flügel, weil dorthin der Ball unter Bedrängnis gespielt wurde. Er attackierte gemeinsam mit einem Außenspieler den gegnerischen Außenverteidiger. Falls dieser es schaffte, den Ball zwischen ihnen ins Zentrum zu spielen, wurde eine interessante Pressingvariante der Makrotaktik sichtbar.

Damit sich Diego nicht umdrehen sowie zurücksprinten musste und dadurch individuell viel an Substanz und kollektiv viel an Pressingzeit verloren hätte, übernahm dies oftmals der Außenspieler, zumeist Turan. Er bewegte sich ins Zentrum, während Diego auf dem Flügel blieb und erst nach einer neuerlichen Pressingaktion oder einer Spielunterbrechung wurden wieder die klassischen Positionen eingenommen. Dadurch wechselte Atlético aus seinem 4-2-3-1 flexibel in ein 4-3-3 und ein 4-2-4 zum Pressing. Nach dem ersten Tor wurde das Pressing immer weniger, die Madrilenen zogen sich immer stärker zurück.

Hierbei hatten sie dank der gegnerischen Formation Glück, denn mit den invers spielenden Susaeta und Muniain konnten sie ihre enge Viererkette problemlos aufrechterhalten. Im Konterspiel war dann Falcao der entscheidende Mann. Mit unermüdlicher Ausdauer und hervorragender Spielintelligenz „zockte“ er unaufhörlich. Er suchte die Lücken in der gegnerischen Abwehrreihe, riss Löcher und wich auf die Flügel aus. Die weiten Bälle und Befreiungsschläge nach vorne schien er förmlich aufzusaugen und konnte den Großteil in beeindruckender Manier in seinem Ballbesitz behaupten. Sogar ohne Unterstützung seiner Mitspieler konnte er sich durch Einzelaktionen Torchancen erspielen, er hatte seinen Hattrick auf dem Fuß, doch es sollte Diego sein, der nach einem Kurzpass die Hintermannschaft Bilbaos zum 3:0 düpierte.

Rene Maric, abseits.at

Rene Maric

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