Das einzige Halbfinale mit nicht-spanischer Beteiligung fand in Bilbao statt. Sporting Lissabon hatte einen Sieg im Hinspiel zu verteidigen und wollte die kleine Überraschung... Athletic Bilbao im EL-Finale – fehlende Kompaktheit von Sporting spielte Trainerfuchs Bielsa in die Karten!

Das einzige Halbfinale mit nicht-spanischer Beteiligung fand in Bilbao statt. Sporting Lissabon hatte einen Sieg im Hinspiel zu verteidigen und wollte die kleine Überraschung perfekt machen. Überraschung deswegen, weil Bilbao unter dem argentinischen Trainer Marcelo Bielsa hervorragend spielt. Neben starken Resultaten in der heimischen Liga konnten die Basken sogar Manchester United aus dem Wettbewerb werfen.

Ihr Spiel basiert auf einer hohen Geschwindigkeit im Verbund mit möglichst viel Ballbesitz, also eine gewisse Orientierung am FC Barcelona. Sporting versuchte hingegen mit schnellem Konterfußball nach vorne zu kommen und ein Auswärtstor zu erzielen. Dies gelang zwar, allerdings lag man da bereits mit einem Tor zurück. Nur wenige Minuten später fiel dann der abermalige Führungstreffer für Athletic Bilbao, welche im Hinspiel wie auch im Rückspiel drückend überlegen waren. Als sich in der zweiten Halbzeit, die Bilbao weiterhin dominierte, alle auf die Verlängerung einstellten, traf Llorente zum 3:1-Siegtreffer. Somit steht die Mannschaft Bielsas erstmals in einem europäischen Finale und kann mit einem Erfolg sowie dem Finale im Copa del Rey sogar zwei Titel in dieser Saison holen.

Die Aufstellung Sporting Lissabons

Die Gäste begannen mit einem 4-3-3-System, in welchem der Fokus auf ein schnelles Umschalten und Angriffe über die Flügel lag. Die Viererkette spielte eine ziemlich konservative Rolle. Die Innenverteidiger beschränkten sich auf schnelles Umschalten und ihre klassischen Defensivaufgaben. Das wirklich Besondere war allerdings, dass auch die beiden Außenverteidiger in der Offensive sehr passiv auftraten. Sie wollten zwar durchaus nach vorne kommen, die Umschaltversuche waren allerdings zu schnell oder wurden zu früh vom Gegner abgefangen. Deswegen beschränkten sie sich auf ihre Aufgaben in der Defensive, versuchten eng zu spielen und die Schnittstellen zu verschließen. Besonders bei Insua, einem sehr offensivstarken Außenverteidiger, manchen aus seinen Liverpool-Zeiten wohl noch bekannt, fiel diese defensive Ausrichtung auf.

Ein weiteres Indiz für diese defensive Orientierung stellten die beiden Sechser dar. Im Normalfall spielen im modernen Fußball ein Achter und ein Sechser nebeneinander oder ein vertikaler und ein horizontaler Sechser. Damit sind zwei unterschiedliche Ansätze gemeint. Ein Achter übernimmt die offensiven Aufgaben höher auf dem Feld, der Sechser sichert ab. Somit gibt es eine klare Unterteilung in einen offensiven Spieler und einen defensiveren. Bei der zweiten Interpretation der Doppelsechs übernimmt der horizontale Sechser die spielgestalterischen Aufgaben, der vertikale agiert box-to-box (von Strafraum zu Strafraum). Somit ist der technisch stärkere der tiefere, er leitete das Aufbauspiel und organisiert die Offensive. Deswegen auch „horizontal“, weil er sich entlang der Breite bewegt, um allzeitbereit für einen Pass zu sein. Der vertikale Spieler gewinnt bereits vorne Zweikämpfe, unterstützt das Pressing und kommt stärker über seine physischen Attribute.  Bei Sporting gab es diese Aufteilung nicht – beide Spieler konzentrierten sich auf defensive Aufgaben und verschoben gegen das gegnerische Offensivspiel. Sie verschlossen die Schnittstellen und ließen sich teilweise sogar zwischen die Abwehrreihen fallen. Dadurch spielten sie im wahrsten Sinne des Wortes als „Sechser“.

Die offensiven Aufgaben wurden somit vollständig auf die Schultern der vorderen vier Akteure verteilt. Dies hat zwar hauptsächlich Nachteile, eine solche klare Zuteilung aber einen großen Vorteil. Da die Spieler wissen, wer vorne agiert und dass die anderen im Normalfall nicht mitziehen werden, sind sie defensiv entlastet. Des Weiteren können sie sich dann vorne bewusst suchen und sehr nahe aneinander agieren. Je geringer die Aufgaben in der Defensive, desto einfacher kann der Offensivspieler Verbindungen zu seinen Mitspielern in der Offensive suchen. Dieses Mal funktionierte dies jedoch nicht wirklich. Einerseits konnte Athletic Bilbao seine numerische Überlegenheit geschickt nutzen, um die Offensivbemühungen der Portugiesen im Sande verlaufen zu lassen, andererseits waren das Offensivquartett Lissabons teilweise zu weit auseinander. Selten fanden sie einander und konnten durchbrechen.

Sporting Lissabon schien sich auf den „Lucky Punch“ zu konzentrieren, doch dafür fehlte es an einem: der Kompaktheit.

Ein löchriger Offensiv- wie Defensivblock

Da die Verantwortungsbereiche in der Offensive klar eingeteilt waren, entstand im Mittelfeld ein großes Loch. In diesem Raum hatte Athletic Bilbao ohnehin Überzahl und konnte durch Pressing sowie gutes Verschieben viele Bälle bereits im gegnerischen Aufbauspiel erobern. Die Folge davon war, dass sie nach dem Ballgewinn sehr simpel ungemein sichere Pässe anbringen konnten.

Aufgrund des geöffneten Raumes war das Zirkulieren des Balles kein großes Problem. Ein Querpass konnte aufgrund der sehr defensiven Doppelsechs Sportings immer leicht angebracht werden. Bilbao hatte somit im Ballbesitz sehr viele Vorteile und dominierte das Spiel. Die Gäste konnten sich nur selten mit ihren Kontern befreien und selbst wenn sie über das Mittelfeld kamen, standen sie vor einem großen Problem. Sichere Pässe zurück zur Abwehr waren unmöglich, die Passwege wurden durch das Mittelfeld Bilbaos zugesperrt. Die Flügelstürmer betrieben Rückwärtspressing, setzten die gegnerischen Außenstürmer also verstärkt unter Druck. Gemeinsam mit den Außenverteidigern wurden diese Spieler noch gedoppelt, was die Offensivbemühungen nochmals erschwerte.

Damit war Athletic überlegen

Wie auch ihre Gegner begannen Bielsas Mannen in einem 4-3-3. Der Unterschied war allerdings, dass ihr zentral-offensiver Mittelfeldspieler etwas tiefer spielte und das gesamte Kollektiv kompakter auftrat. Muniain ist eigentlich ein gelernter Flügelstürmer, kann aber auch diese Position bekleiden. Seine Dynamik, technische Stärke und das Überbrücken großer Räume in höchster Geschwindigkeit waren ideal für Bilbaos Spielweise. Er konnte sich schnell am Pressing beteiligen, half hinten aus und versuchte öfters mit Llorente ein Pärchen zu bilden.

Llorente selbst ist ein weiterer herausragender Spieler Bilbaos. Trotz seiner Größe besitzt der spanische Nationalspieler gute Fähigkeiten im spielerischen Bereich. Somit bietet er die fast einmalige Vereinigung zweier teilweise als grundsätzlicher geltender Attribute: er ist sowohl ein mitspielender Stürmer, der die Mannschaft im Kombinationsspiel unterstützt, als auch ein physisch starker Stürmer, der Zweikämpfe in der Luft gewinnen, den Ball behaupten und Kopfballtore erzielen kann. Kein Wunder, dass er an diesem schicksalsträchtigen Abend zwei Vorlagen und das entscheidende Tor als Scorerpunkte geltend machen konnte. Immer wieder ließ er sich fallen, zog die gegnerischen Verteidiger heraus und öffnete Lücken, in welche er selbst den Ball weiterleiten konnte. Am Ende war es letztlich eine abgerissene Flanke, wo Llorente seine körperliche Überlegenheit und seinen Torriecher unter Beweis stellen durfte.

Die Verbindung zwischen dem Sechser Iturraspe, der Defensive und den offensiven Spielern war Ander Herrera, ein ausnehmend feiner Spieler. Er beteiligt sich am Spielaufbau und besitzt herausragende technische Eigenschaften. Seine Passfähigkeiten und die Geduld in der Ballzirkulation sind essentiell wichtig für das Ballbesitzspiel Bilbaos. Allerdings ist das Mittelfeld generell taktisch sehr interessant. Die bereits erwähnten Herrera und Muniain sind nicht die einzigen, welche sich ins Offensivspiel einbeziehen. Iturraspe rückt vor und erzeugt eine Überzahl, wobei die Innenverteidiger für ihn absichern und sich einer der Außenverteidiger meistens zurück in die Defensive orientiert.

Allerdings gibt es auch die beiden Innenverteidiger, die sich ganz nach dem Prinzip des FC Barcelona und der Idee des totalen Fußballs ins Angriffsspiel miteinschalten können.

(nicht nur) Javi Martinez als Symbolfigur

Es war zwar nicht nur Javi Martinez, der aus der Verteidigung ins Mittelfeld aufrückte. Sogar sein Partner Amorebieta schob eine Stufe höher und teilweise taten sie es gemeinsam. Dann sicherte Iturraspe gemeinsam mit den Außenverteidigern ab und es entstand eine Dreierkette hinter den beiden aufgerückten Innenverteidigern. Das Aufrücken sollte die Mannschaft flexibler agieren lassen und die gegnerische Doppelsechs vor einen Zwist stellen.

Die Unberechenbarkeit entstand dadurch, dass sich die Außenverteidiger standardmäßig nach vorne positionierten und das Spiel breit machten. Sporting wollte sich darauf einstellen, Athletic reagierte darauf mit dem Aufrücken der beiden Innenverteidiger. Sie gingen ins Zentrum, stellten eine Überzahl her und die beiden sehr defensiven Sechser des Gegners schienen sich zu weigern, sie zu attackieren. Zu zweit, und im Verbund mit Herrera davor, war es kein Problem den gegnerischen hängenden Stürmer auszupassen und den Ball an ihm vorbeiziehen zu lassen. Sie waren immer als sichere Anspielstationen dabei und besonders Javi Martinez konnte seine Fähigkeiten mit dem Ball unter Beweis stellen. Der gelernte defensive Mittelfeldspieler organisierte das Spiel von hinten heraus und zeigte eine gute Leistung.

Diese taktischen Kniffe waren ein weiteres Testament der Fähigkeiten Bielsas. Der ehemalige Nationaltrainer Chiles gilt als einer der besten Taktiker auf diesem Planeten und überrascht immer wieder durch solche taktischen Mittel. Diese sorgten für die Überlegenheit der Basken und letztendlich ihr verdientes Weiterkommen.

Rene Maric, abseits.at

Rene Maric

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