Der AC Milan war viele Jahren lang eine Institution, eine der besten Mannschaften der Welt. Superstars wie Kaka, Maldini oder Ibrahimovic trugen dabei das... Analyse: Milan mit Last-Minute Sieg gegen die Roma

Der AC Milan war viele Jahren lang eine Institution, eine der besten Mannschaften der Welt. Superstars wie Kaka, Maldini oder Ibrahimovic trugen dabei das Trikot der Rossoneri. Die letzten Jahre hingegen waren desaströs. Es ist nicht mehr viel übrig geblieben von den glanzvollen Jahren. Meisterschaftskandidat ist man seit langem nicht mehr. Im Sommer dieses Jahres übernahm eine amerikanische Investmentgesellschaft den AC Milan. Nun möchte man sich langsam wieder an die Spitze arbeiten. Mit Gennaro Gattuso steht dabei ein alter Bekannter an der Seitenlinie.

Der Saisonstart hatte es in sich. Zuerst traf man auf den SSC Neapel. Nach einer 2:0-Führung verspielte man letztlich den Sieg noch und musste sich dem Vorjahres-Zweiten mit 3:2 geschlagen geben. Am zweiten Spieltag spielte man nun gegen den AS Rom. Letzte Saison standen die Römer immerhin im Champions League Halbfinale. In einer intensiven Partie war Milan das stärkere Team und belohnte sich letztlich mit einem Last-Minute Treffer durch den jungen Cutrone und siegten mit 2:1.

Milan mit gutem Ballbesitzspiel

Unter Gennaro Gattuso entwickelte sich Milan zu einer Mannschaft, die gut strukturiert in Ballbesitz ist. Gegen die Roma zeigte man hier eine besonders gute Leistung. In ihrem 4-3-3 hatten sie viele Anspielstationen und den Mut so gut wie jede Situation mit flachen kurzen Pässen zu lösen. Gegen das höhere Pressing der Roma ließen sie den Ball gut laufen und öffneten geschickt Räume, um das Pressing zu überspielen.

Das Aufbauspiel war dabei sehr ruhig. Der spielstarke Donnarumma zeigte immer wieder, wieso er als so großes Torwarttalent gilt. Der 19-jährige löste dabei sehr viele brenzlige Situationen durch kluge Pässe und unterstütze die beiden breiten Innenverteidiger Romagnoli und Mussachio sehr gut. Vor der Abwehr zog Lucas Biglia die Fäden. Der Argentinier überzeugt schon seit Jahren mit seiner guten Positionierung, passenden unterstützenden Bewegungen und seinem guten Passspiel.

Auf den Außenverteidiger-Positionen spielten mit Calabria und Rodriguez zwei technisch starke Akteure, die das Offensivspiel immer wieder gut unterstützenden. Gerade der ehemalige Wolfsburger Rodriguez zeigte eine hervorragende Leistung und bereitete das erste Tor mustergültig vor.

Die große Stärke des AC Milan war die gute Raumaufteilung und Struktur in Ballbesitz. Dies ermöglichte ihnen das Spiel besonders in der ersten Hälfte zu dominieren. Dafür notwendig war die flexible Besetzung des Mittelfeldes. Normalerweise agierten Kessie und Bonaventura auf den Achterpositionen. Sie hielten dabei ihre Position sehr gut und boten sich im Halbraum an. Stand Milan unter Druck, ließen sie sich zurückfallen und waren hinter der ersten Pressinglinie der Roma anspielbar. Dadurch entstand ein stabiles Netz mit vielen Dreiecken in Ballbesitz.

Auch die beiden Flügelspieler Calhanoglu und Suso waren maßgeblich für das gute Ballbesitzspiel verantwortlich. Die beiden rückten meistens etwas ein und blieben nur selten an der Außenlinie kleben. Im Wechsel mit den Achtern konnten sie sich tiefer anbieten, um das Aufbauspiel zu unterstützen, oder sie boten sich hinter Romas Mittelfeldspieler an. So hatten Biglia und die Achter stets eine Anspielstation, nachdem sie die erste Pressinglinie der Roma überspielten.

Auch Neuzugang Gonzalo Higuain wurde immer wieder in das Kombinationsspiel eingebunden. Dafür ließ er sich immer wieder aus dem Sturmzentrum fallen und half Milan wenn sich der Ball im zweiten oder letzten Drittel befand.

Di Francesco mit gescheitertem Experiment

Romas Trainer Eusebio di Francesco setzte in dieser Partie nicht auf sein 4-3-3, sondern strukturierte seine Mannschaft in einem 3-4-1-2. Neuzugang Olsen agierte dabei im Tor vor einer Dreierkette aus Manolas, Fazio und Marcano. Karsdorp und Kolarov besetzten die Breite während Steven Nzonzi neben Daniele de Rossi auf der Sechserposition auflief. Davor spielte Javier Pastore auf der Zehn und sollte die beiden Stürmer Schick und Dzeko in gute Abschlusspositionen bringen.

Allerdings hatte die Roma große Probleme mit dem neuen System. Im Pressing agierte die Roma sehr mannorientiert und spiegelte die Formation Milans gegen den Ball. Die beiden Stürmer orientierten sich an Mussachio und Romagnoli während Pastore sich um Biglia kümmern sollte. Die beiden Sechser orientierten sich an den Achtern von Milan. Einzig gab es ein Problem.

Zwar sollten Karsdorp und Kolarov Milans Außenverteidiger attackieren, jedoch verfolgten die Innenverteidiger Calhanoglu und Suso nicht konsequent, wenn sich einer der beiden fallen ließ oder die Breite besetzte. So konnte sich Milan entweder über außen befreien, wenn Romas Flügelverteidiger tiefer stehen mussten oder Milan fand Suso oder Calhanoglu frei zwischen den Linien.

Milan konnte sich durch eine ruhige Ballzirkulation immer wieder aus dem nicht gerade aggressiven hohen Pressing der Roma befreien und dann die Räume neben den Sechsern nutzen. Gerade Suso und Calhanoglu leiteten viele Angriffe von dort ein, während die beiden Achter den Strafraum mit Higuain besetzten. Dies stellte die Roma in der ersten Hälfte sichtlich vor Probleme, da sie keinen Zugriff erhielten. Grund dafür war die fehlende Hilfe der drei Offensivspieler, die kaum mit nach hinten arbeiteten.

Aggressives Milan

Auch mit dem Ball viel der Roma in der ersten Hälfte fast nichts ein. Dies lag unter anderem auch an dem sehr aggressiven und gut organisierten Pressing der Mannschaft von Gattuso. Milan formierte sich gegen den Ball meist in einem 4-1-4-1/4-5-1. Normalerweise ließen sie den AS Rom etwas kommen und pressten nur vereinzelt sehr hoch. Higuain hatte dabei eine Freirolle. Der Argentinier beteiligte sich nur lose an der Defensivarbeit und verweilte meist im Sechserraum.

Sonst standen die Rossoneri aber sehr kompakt und rückten immer wieder aggressiv heraus, um die Roma nach hinten zu drücken. Besonders die Sechser Nzonzi und de Rossi hatten selten die Möglichkeit mit offenem Sichtfeld in Ruhe Pässe zwischen die Linien zu spielen. Auch Suso und Calhanoglu konnten sich auf die Halbräume konzentrieren, da die Roma die Außenbahn nur einfach besetzte. Gerade bei Rückpässen gingen die beiden Flügelspieler recht schnell ins Pressing und verhinderten so einen geregelten Spielaufbau der Roma.

Durch die neue Formation lag der Fokus des AS Rom klar auf dem Zentrum, doch dort hatte Milan eine Überzahl gegen die drei Angreifer Dzeko, Schick und Pastore. Auch deshalb war die Roma in Hälfte eins selten gefährlich.

Umstellung und dominantere Roma

Zur Halbzeit brach di Francesco das Experiment Dreierkette ab. Nach dem 1:0 durch Kessie drängte die Roma in der zweiten Halbzeit auf den Ausgleich. Mit El Shaarawy für Marcano wechselte di Francesco offensiv und stellte auf das bewährte 4-3-3 um. Aufgrund der Umstellung und der Führung Milans agierte die Roma wesentlich dominanter und drückte die Rossoneri weiter nach hinten. Nun hatte die Roma eine bessere Struktur in Ballbesitz, ließ den Ball schneller laufen und wechselte die Seite einige Male geschickt.

Das alles stellte Milan vor größere Probleme. Letztlich erzielte Fazio das 1:0 nach einer Ecke. Postwendend traf Higuain zum vermeintlichen 2:1, doch der Treffer wurde nach dem Einsatz des Videobeweises nicht gegeben. Danach gab es einen offenen Schlagabtausch mit den besseren Chancen für den AC Mailand. Weiterhin arbeiteten Dzeko und die anderen Offensivspieler nur sehr verhalten mit nach hinten. Gattusos Mannen fanden so immer wieder gute Abschlusspositionen im Rückraum der Roma.

Letztlich entschied Milan das Spiel in den letzten Minuten für sich. Nach einem überragenden Pass von Higuain stand Cutrone genau richtig und vollendete zum letztlich verdienten Sieg für Milan.

Fazit

In einem abwechslungsreichen und sehr unterhaltsamen Spiel war der AC Mailand die dominantere Mannschaft und zeigte eine wirklich gute Partie mit und gegen den Ball. Die Entwicklung scheint unter Gattuso weiter positiv zu verlaufen. Die Roma hingegen wird vor allem mit der ersten Halbzeit nicht zufrieden sein. Di Francesco probierte etwas Neues aus, jedoch gab es einfach zu große Lücken gegen den Ball. Bei der Roma wird es wahrscheinlich noch einige Wochen dauern, bis sich die Neuzugänge perfekt in das Team integriert und die Spielweise verinnerlicht haben.

Tobias Hahn, abseits.at

Tobias Hahn