Es wird oft darüber diskutiert, ob es im Fußball eine allgemeingültige Erfolgsformel gibt. Diese wird es wohl nie geben, doch die Suche nach ihr... Diskurs zu quantitativen Statistiken im Fußball am Beispiel Roland Loys (2)

TaktikEs wird oft darüber diskutiert, ob es im Fußball eine allgemeingültige Erfolgsformel gibt. Diese wird es wohl nie geben, doch die Suche nach ihr ist dennoch äußerst interessant – und manche nutzen Statistiken anhand quantitativer Analysen, um sich der Formel zumindest annähern zu können.

Der bekannteste statistische Analytiker dürfte dabei Roland Loy sein. Dieser verweist leicht anmaßend darauf, dass sich viele Experten ohne wissenschaftliche Basis zu eindeutigen Aussagen hinreißen lassen. Doch wie viel Wahrheit steckt hinter seinen Analysen, die er aus den Daten von  3000 Spielen gewann? Was verbirgt sich hinter einem Mann, der behauptet, Ralf Rangnick wisse nicht, wie Fußball funktioniert? Die Antwort dazu findet sich in einer vierteiligen Serie, wo ein paar seiner Statistiken genauer betrachtet werden.

In diesem Teil geht es unter anderem um Zweikampfstatistiken, Ballbesitzwerte und ähnliches.

Dazu wiederum eine Aussage von Roland Loy:

„Ich habe mehr als 100000 Eins-gegen-eins-Situationen untersucht und festgestellt, dass nur 40 Prozent aller Spiele von der zweikampfstärkeren Elf gewonnen wurden.“

Auch diese Zahlen sind logisch, wahr und sinnlos. Der Effekt ist relativ logisch, weil sich nicht alle Teams über Zweikämpfe definieren. Insbesondere hervorragende Mannschaften und Spieler definieren sich darüber, dass sie nicht in den Zweikampf gehen, sondern lieber antizipieren und Pässe abfangen. Gehen sie dann in den Zweikampf, verlieren sie ihn womöglich prozentuell gesehen öfter. Dass Spieler wie Nigel de Jong oder Jermaine Jones im direkten Defensivspiel und dem rustikalen Mann gegen Mann einem Sergio Busquets oder Xavi Hernandez überlegen sind, dürfte unbestritten sein. Wer von diesen Akteuren besser ist, dürfe ebenfalls relativ klar sein.

Hier ist wahrscheinlich sogar nur für die Bayern wichtig, dass sie mehr gewonnene Zweikämpfe haben, für Barcelona und Dortmund wiederum nicht. Die Bayern agieren nämlich im Pressing deutlich mannorientierter und gehen öfter in Zweikämpfe um Bälle zu erobern, während Barcelona lieber Fehlpässe des Gegners provoziert und diese abfängt. Ganz ähnlich sieht es auch bei den Dortmundern aus, weshalb auch die Bayern die Zweikampfstatistik in der Bundesliga anführen, während die Dortmunder weniger als 50% ihrer Duelle für sich entscheiden.

Auch andere Faktoren spielen mit. Es ist durchaus logisch, dass 60% der Verlierer mehr Zweikämpfe gewannen. Sie lagen wohl auch öfters über längere Spielphasen hinten, mussten dann mehr riskieren und gegnerische Konter werden hauptsächlich durch Zweikämpfe und Laufduelle abgefangen. In der gleichen Zeit spielte die führende Mannschaft tief und verschob im Raum. Zweikämpfe? Im Idealfall Fehlanzeige. Man provoziert lieber Schüsse aus wenig erfolgsversprechenden Lagen oder lässt den Gegner in ungefährlichen Räumen agieren und fängt dann wiederum durch die Kompaktheit den Ball ab. Die Liste für Erklärungen lässt sich auch hier beliebig fortsetzen.

Die Schlussfolgerung, dass Ballbesitz kein Erfolgsgarant ist, da Mannschaften mit weniger Ballbesitz häufiger gewinnen, ist ebenso wahr wie widersinnig.

„Es werden auch nur 30 Prozent der Spiele von der Mannschaft gewonnen, die mehr in Ballbesitz ist.“

Wenn zwei konterorientierte Mannschaften sich auf wenig Ballbesitz und schnelles Spiel in die Spitze konzentrieren, dann wird öfters jene gewinnen, die dem Gegner den Ballbesitz aufzwingt und selbst schneller in die Spitze spielt. Sie verfolgt ihre Philosophie besser.

Doch wenn zwei ballbesitzorientierte Mannschaften auf Ballbesitz spielen, wird eher jene mit mehr Ballbesitz gewinnen. Doch auch Letzteres muss nicht sein: wenn eine Ballbesitzmannschaft gegen eine andere in Führung geht, stellt sie sich oftmals hinten rein und überlässt dem anderen Team bewusst mehr Spielanteile. Die Bayern machen das öfters und setzen dann auf Kontersituationen über ihre schnellen Flügelspieler, um sich selbst angesichts der veränderten Umstände eine höhere defensive Stabilität zu geben.

„Ich habe über tausend wissenschaftliche Untersuchungen durchgesehen, und ich konnte an keiner einzigen Stelle einen seriösen Hinweis darauf finden, dass das schnelle Spiel nach vorne zu mehr Erfolg führt.“

Logisch: wenn eine gesamte Liga, wie etwa die Premier League, beispielsweise Kick and Rush spielt, dann gleicht sich das im Schnitt aus. Die schlechteste Mannschaft der Liga spielt ebenso ein Kick and Rush wie die beste. Die qualitativen Unterschiede in der Spielweise werden dabei kaum beachtet.

Auch in Bezug auf die jeweilige Zeit am Ball ist eine quantitative Analyse kaum interessant. Vor vierzig Jahren hatten die Fußballer bei den Ballkontakten im Schnitt zwei bis vier Sekunden Zeit, bis sie ihn weiterspielten; als sich die Topmannschaften steigerten, zogen die anderen nach. Jetzt sind die Spieler im Schnitt ein bis zwei Sekunden am Ball. Die Vergabe von Titeln und Siegen bleibt aber gleich. Es sind somit absolut unterschiedliche Rahmenbedingungen.

Würde eine Mannschaft heutzutage noch mit zwei bis vier Sekunden pro Ballkontakt spielen, dann wäre sie gegen schnellere Teams aufgrund des Pressings chancenlos. Auch hier werden zudem andere kontextuelle Aspekte vergessen: wann spielt die jeweilige Mannschaft schnell?

Wenn der unbedrängte Innenverteidiger bewusst auf den Ball steigt und 5-6 Sekunden wartet, bis er angegriffen wird, weil sich die gegnerische Mannschaft hinten einigelt, dann treibt das den Durchschnittswert in die Höhe. Die offensiveren Spieler können dann noch so schnell kombinieren – die Mannschaft wird statistisch gesehen nicht überdurchschnittlich schnell gespielt haben. Auch hier ein Verweis auf das des FC Barcelona – sie können das Tempo jederzeit hoch halten oder es erhöhen, wenn sie wollen. Es geht um dieses Potenzial und die passende Nutzung von extrem geringen Ballkontaktzeiten im Passspiel, nicht um eine konstante Umsetzung auf allen Positionen in allen Situationen.

Dazu müsste man die Sekundenzahlen nach „unter Druck“ und „nicht unter Druck“ unterscheiden, sowie berücksichtigen, wie schnell der Druck vom Gegner hergestellt wird, um daraus eine aussagekräftige Statistiken zu erschaffen.

Im nächsten Teil befassen wir uns mit Offensiv- und Defensivspiel sowie Ballkontaktzeiten.

René Maric, www.abseits.at

Rene Maric

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