Nach einer 90-minütigen Nervenschlacht, die Sturm-Graz-Trainer Franco Foda nach eigenen Angaben drei Jahre seines Lebens kostete, stehen die “Blackies“ in der dritten Qualifikationsrunde zur... Krimi in Székesfehérvár – Sturm Graz trotz Niederlage weiter

Nach einer 90-minütigen Nervenschlacht, die Sturm-Graz-Trainer Franco Foda nach eigenen Angaben drei Jahre seines Lebens kostete, stehen die “Blackies“ in der dritten Qualifikationsrunde zur UEFA Champions League. Besonders die ersten 45 Minuten hatten es in sich, denn alle fünf Treffer fielen in der ersten Halbzeit.

Videoton-Trainer Paulo Sousa erzählte in der Pressekonferenz vor dem Spiel, dass er mit Juventus Turin in der Saison 1995/96 einen 0:1-Rückstand gegen Real Madrid im Rückspiel umdrehen konnte und anschließend die Champions League gewann. Er sprach davon, dass internationale Bewerbsspiele eigene Gesetze haben und dass seine Spieler verstehen müssen, dass ein Aufstieg gegen Sturm Graz im Bereich des Möglichen liegt. Diese Ansprache verfehlte nicht ihre Wirkung, denn Videoton übernahm ab der ersten Minute das Kommando und setzte Sturm Graz unter Druck.

DIE STARTAUFSTELLUNGEN BEIDER MANNSCHAFTEN

So wie im Hinspiel setzte Paulo Sousa auf ein 4-1-4-1-System, das darauf abzielte, im Mittelfeld ein Übergewicht herzustellen und die Räume eng zu machen. Personell hatte der Portugiese im Rückspiel mehr Möglichkeiten, da der zentrale Mittelfeldspieler György Sándor wieder fit wurde und den 32jährigen Attila Polonkai auf die Ersatzbank verdrängte. Jungstar András Gosztonyi wechselte von der rechten auf die linke Seite und Daniel Nagy nahm dessen Platz im rechten Mittelfeld ein. Ansonsten veränderte Sousa seine Mannschaft auf keiner Position, was bedeutete, dass der Portugiese weiterhin auf Tormann Tujvel setzte und Mladen Bozovic wie im Hinspiel auf der Ersatzbank Platz nahm.

Wie sein portugiesischer Kollege änderte Franco Foda nichts am System, stellte aber ebenfalls sein Mittelfeld um. Der Sturm-Graz-Trainer setzte wie in Klagenfurt auf ein 4-4-1-1-System mit Imre Szabics als einziger Spitze. Im Mittelfeld begann Patrick Wolf anstelle des verletzten Haris Bukva, wobei Andreas Hölzl auf der linken Seite auflief und Wolf im rechten Mittelfeld für gefährliche Situationen sorgte. Dominik Pürcher bekam auf der linken Abwehrseite den Vorzug gegenüber Neuzugang Popkhadze, was sich als Fehler herausstellen sollte, den Franco Foda in der zweiten Halbzeit korrigierte.

EINE VERRÜCKTE ERSTE HALBZEIT

Videoton übernahm ab der ersten Minute das Kommando und setzte die “Blackies“ von Beginn an unter Druck. Die Ungarn gewannen mehr Zweikämpfe im Mittelfeld und profitierten von zahlreichen Fehlpässen der Gastmannschaft. Der brasilianische Stürmer Alves konnte sich im Rückspiel nie richtig in Szene setzen, bereitete der gegnerischen Abwehr aber dennoch einige Sorgen, da er sich im Ballbesitz oftmals zurückfallen ließ um seiner Bewachung zu entkommen. Wenn er von einem Innenverteidiger verfolgt wurde, dann öffneten sich Räume in der Viererkette, in die die Mittelfeldspieler Elek, Sandor und Nagy stießen. Auf diese Weise geriet die Viererkette der Grazer einige Male ins Wanken und es war nicht zu übersehen, dass ein Abwehrorganisator à la Schildenfeld an allen Ecken und Enden fehlte.

Es dauerte bis zur 27.Minute, ehe die überlegenen Ungarn den ersten Treffer erzielen konnten. Davor hatte Sturm Graz insbesondere auf der linken Seite große Schwierigkeiten, da Hölzl und Pürcher mit Brachi und Nagy heillos überfordert waren. Das erste Tor fiel jedoch über die rechte Seite der Grazer. Die Situation wirkte zunächst nicht allzu gefährlich, da sich Sturm Graz in Überzahl befand:

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Der technisch starke Gosztonyi dribbelt mit dem Ball auf der rechten Seite. Standfest ist sein direkter Gegenspieler, Feldhofer sichert ab, falls Gosztonyi am rechten Verteidiger vorbeikommt. Burgstaller bewacht im Abwehrzentrum Alves. Der linke Verteidiger Pürcher sollte ein wenig weiter Richtung Ball verschieben. Die zentralen Mittelfeldspieler Koch und Weber befinden sich in Rückwärtsbewegung und traben mit ihren Gegenspielern mit, wobei Koch in weiterer Folge Akos Elek aus den Augen verlieren wird.

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Gosztonyi zieht nach innen und wird schlecht von Standfest attackiert, der damit gerechnet hat, dass er gerade zur Grundlinie dribbeln wird. Die entscheidende Geste macht der Brasilianer Alves, der auf die Seite zieht und den zweiten Innenverteidiger weglockt, sodass Elek in das Loch zwischen Pürcher und Burgstaller stoßen kann. Der Brasilianer hatte diesen Spielzug schon Sekunden zuvor geplant, denn ohne sich umzudrehen deutet er Gosztonyi mit dem linken Arm an, dass er den Pass auf Elek spielen soll.

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Nun nehmen die Dinge ihren Lauf: Gosztonyi spielt im perfekten Moment den tödlichen Pass. Der Abstand zwischen Burgstaller und Pürcher ist zu groß. Auch Koch wird sich anhören müssen, dass er Elek ziehen ließ.

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Elek nimmt den Ball im vollen Lauf an und zieht aus etwa 12 Metern ab. Pürcher und Burgstaller kommen zu spät und Tormann Gratzei hat keine Chance. Eine sehr schöne Aktion der Ungarn, die die Stellungsfehler der Grazer Hintermannschaft perfekt ausnutzten.

AUSGLEICH SORGT FÜR HEFTIGE DISKUSSIONEN

Die Grazer hatten unmittelbar nach dem Führungstreffer die perfekte Antwort parat und erzielten den Ausgleich, der bei den Ungarn zahlreiche Diskussionen hervorrief, da der Linienrichter eine krasse Fehlentscheidung traf und die Fahne hob. Schiedsrichter Aleksander Stavrev behielt jedoch den Überblick und bewies Mut, da er den Ausgleich der Gastmannschaft anerkannte und sich nicht auf seinen Assistenten verließ. Eine Annullierung des Treffers wäre doppelt bitter gewesen, da Wolf nicht im Abseits stand und der Pass zudem von einem Gegner kam, wie diese Bilder beweisen:

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Standfest wirft auf der rechten Seite ein und der Ball gelangt über Umwege zu Muratovic, der in Bedrängnis zurück passen möchte. Der defensive Mittelfeldspieler Nikola Mitrovic fängt den Ball jedoch so unglücklich ab, dass daraus eine perfekte Vorlage für Wolf entsteht, der in weiterer Folge bis zur Grundlinie geht und ideal für Andreas Hölzl aufspielt.

WEITERER STELLUNGSFEHLER FÜHRT ZUM 2:1

Die Freude über den Ausgleich währte nur kurz, denn nur vier Minuten später gingen die Hausherren abermals in Führung.

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Alves gelingt es abermals die Innenverteidigung der Grazer zu zerreißen, sodass Györgyi Sandor in das entstandene Loch sprinten kann. Der Abstand zwischen Pürcher und Burgstaller ist zu groß.

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Der Pass über das halbe Spielfeld kommt genau in den Lauf von Sandor, der dann Ball perfekt annimmt. Pürcher kann nicht mehr entscheidend eingreifen.

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Sandor verwandelt ohne Mühe – Gratzei hat auch bei diesem Treffer keine Chance

EIN GESCHENK VON TORMANN TUJVEL

In der 39.Spielminute wurde Sousa für seine eigenwillige Personalentscheidung auf der Torhüterposition bestraft. Der Portugiese verbannte den früheren Stammtorhüter Mladen Bozovic auf die Eratzbank und vertraute stattdessen dem Slowaken Tomás Tujvel. Bozovic ist 16-facher montenegrinischer Nationalspieler und brachte mit seinen Paraden selbst das englische Nationalteam zur Verzweiflung. Der Pressesprecher der Ungarn bestätigte auf Anfrage von abseits.at, dass Bozovic nicht angeschlagen war und ohne Probleme hätte spielen können. Sousa entschied sich jedoch in beiden Spielen für den Slowaken, was bei den Videoton-Fans auf großes Unverständnis stieß, da Bozovic über große Klasse verfügt und ohne Probleme in einer großen Liga spielen könnte.

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Nach einem Eckball steigt Feldhofer in die Höhe und köpft den Ball direkt auf Tujvel, der den Ball jedoch auslässt….

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…sodass der Innenverteidiger zum Nachschuss kommt und den Ausgleich herstellt.

LETZTER TREFFER KNAPP VOR DER PAUSE

Kurz vor dem Pausenpfiff erhöhte der ungarische Nationalspieler Zoltán Lipták auf 3:2.

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Nach einer gefährlichen Hereingabe von Alvaro Brachi…

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….reagiert Zoltán Lipták am schnellsten, rutscht in die Flanke hinein und sorgte für den 3:2-Pausenstand, der gleichzeitig der Endstand werden sollte.

EINE RUHIGE ZWEITE HALBZEIT

Fraco Foda hatte zur Halbzeit genug von Pürcher und brachte den georgischen Neuzugang Popkhadze ins Spiel, der bis auf einen Stellungsfehler eine solide Partie absolvierte. Während die erste Hälfte Chancen im Minutentakt brachte, entwickelte sich in den zweiten 45 Minuten eine ruhige Partie, da die Ungarn das hohe Tempo aus der ersten Spielhälfte nicht mehr halten konnten. Brachi und Sandor kamen in der Schlussphase zu guten Chancen, die allerdings ungenutzt blieben. Paulo Sousa brachte Attila Polonkai, Nemanja Nikolic und Walter Fernández für die Offensive, konnte aber mit seinen Einwechslungen das Spiel nicht mehr umdrehen, da die Grazer im Gegensatz zur ersten Halbzeit viel kompakter standen und weniger Chancen zuließen.

Nach den 90 Minuten bleibt die Erkenntnis, dass sich Sturm Graz insbesondere in spielerischer Hinsicht steigern muss. Speziell in der ersten Halbzeit funktionierte das Umschalten von Defensive auf Offensive überhaupt nicht, da nur selten drei Pässe am Stück gelangen. Die Hintermannschaft beging zahlreiche Stellungsfehler, für die insbesondere Pürcher und Burgstaller verantwortlich waren. Mit der Hereinnahme von Popkhadze machte die Abwehr einen besseren Eindruck und der Georgier dürfte zumindest in den kommenden Spielen gegenüber Pürcher den Vorzug erhalten. Ein weiteres großes Fragezeichen ist Matthias Koch, der nach Pürcher der zweitschlechteste Mann am Platz war und viele Abspielfehler beging. Der 23jährige Mittelfeldspieler wird sich in den kommenden Partien enorm steigern müssen, wenn er seinen Platz in der Startaufstellung verteidigen will.

Entscheidend für das Weiterkommen der Grazer war, dass sich die beiden Schlüsselspieler der Ungarn nicht in Szene setzen konnten. Andre Alves verführte die Abwehr zwar zu Stellungsfehlern, blieb aber für seine Verhältnisse blass, auch wenn man in gewissen Situationen sein hohes Spielverständnis sehen konnte. Der zweite Schlüsselspieler hatte keine Chance sein Können zu beweisen, da Sousa Stammtorhüter Bozovic zum Ersatzspieler degradierte. Der Trainer mit dem exquisiten Modegeschmack ist somit ein ernstzunehmender Kandidat für den “Pfosten der Woche“ auf abseits.at.

Stefan Karger, www.abseits.at

Stefan Karger

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