Jeden Sonntag wollen wir an dieser Stelle Briefe aus aktuellem Anlass versenden. Mit Gruß und Kuss direkt aus der Redaktion – Zeilen zum Schmunzeln,... Briefe an die Fußballwelt (3): Lieber Marcelo Bielsa!

Jeden Sonntag wollen wir an dieser Stelle Briefe aus aktuellem Anlass versenden. Mit Gruß und Kuss direkt aus der Redaktion – Zeilen zum Schmunzeln, Schnäuzen und Nachdenken an Fußballprotagonisten aus allen Ligen.  Diesen Sonntag versenden wir eine Nachricht an einen Argentinier, der in England lebt.

Lieber Marcelo Bielsa!

Fußball ist heute mehr als ein Spiel. Es ist ein riesiges Geschäft, indem die Sieger triumphieren und die Verlierer zu Versagern abgestempelt werden. Moderne Heldengeschichten ohne Moral. Es geht vielfach nur mehr um Geld, Geld und Geld. Besonders die englischen Ligen haben sich an den modernen Kapitalismus verkauft und züchten Generationen von Athleten ohne Ethik.

Deshalb war der letzte Sonntag wirklich heilsam: Aston Villa gegen Leeds United. Villas Kodjia bleibt nach einem Zweikampf liegen Roberts deutet an den Ball hinauszukicken, spielt aber einen Pass in die Tiefe und plötzlich führte United 1:0. Die Folge waren Tumulte – auf und abseits des Platzes. Du bist der Trainer von Leeds und letztendlich der Verantwortliche. Der, der entlassen wird, wenn der Erfolg nicht stimmt, denn eine Mannschaft kann man nicht hinauswerfen. Und wie hast du reagiert?

Aus deinen Augen zuckten richtige Blitze, als du deinen Spielern in radebrechendem Englisch zugeschrien hast, sie mögen das Gegentor zulassen. Später hast du gemeint, du hättest Aston Villa das Tor nicht geschenkt, du hättest es nur zurückgegeben. Das, lieber Marcelo, ist ganz großer Sportsgeist. Da ist es wirklich zweitrangig, wie groß die Aufstiegschancen deiner Mannschaft waren oder warum du so gehandelt hast. Ob du dir vielleicht nur ein peinliches Nachspiel ersparen wolltest oder nicht in die Sportgeschichte als Unfair-Play-Coach eingehen wolltest. Oder ob es persönliches Gerechtigkeitsempfinden war. Wichtig ist: Du hast es getan. Du hast laut geschrien: „Give the goal! Give the goal!“ Gut gebrüllt, Löwe! Denn wie wir aus unbekannter Quelle wissen: „Achte auf deine Handlungen, denn sie werden Gewohnheit.“

Du hast einen Schritt gesetzt. Nachahmungstäter sind erwünscht. Mögen manche dich dafür kritisieren – ernsthaft?! Ich finde deine Aktion richtig und wichtig. Es geht doch nicht darum, dass Spieler die Aufgaben des Schiedsrichters übernehmen. Ein Passant, der erste Hilfe leistet, maßt sich auch nicht die Arbeit des Notarztes an. Wie wir bereits wissen, ist so ein Verhalten nicht selbstverständlich. Christian Mayrleb, wink amoi! Anstand bleibt Anstand. Das Motiv ist in diesem Fall nicht so bedeutend. Trotzdem sollte man nicht vergessen, wie der oben zitierte Spruch weitergeht: „Achte auf Deinen Charakter, denn er wird Dein Schicksal.“

Lieber Marcelo, alles Gute für die Play-Offs wünscht dir und deiner Mannschaft

Marie Samstag, abseits.at

Marie Samstag

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