Die deutschen Vereinsmannschaften haben in den letzten Jahren auf taktischer Ebene durchaus überzeugt, beim DFB-Team ist das jedoch etwas anders. Joachim Löw ist offenbar... Lahms Position als entscheidender Faktor der deutschen Taktikfindung

Philipp Lahm - DeutschlandDie deutschen Vereinsmannschaften haben in den letzten Jahren auf taktischer Ebene durchaus überzeugt, beim DFB-Team ist das jedoch etwas anders. Joachim Löw ist offenbar erst auf der Suche nach dem richtigen System, lehnte sich zuletzt auch an der Philosophie von Pep Guardiola an. Sogar die lange praktizierte 4-2-3-1-Grundordnung wackelt.

Die Voraussetzungen für ein starkes Pressing und Umschaltspiel sind bei den Deutschen in hohem Maße vorhanden. Mit Miroslav Klose hat man einen starken Pressingstürmer, der weite Wege geht, zudem im Mittelfeld antizipationsstarke Spieler. Wenn zudem noch Philipp Lahm als Sechser auflaufen würde, könnte man das Niveau des Spiels gegen den Ball noch einmal anheben – vor allem im Gegenpressing. Lahm orientiert sich extrem gut im Raum und verfügt über eine sehr intelligente Zweikampfführung. Im Umschaltspiel gibt es mit Mesut Özil jemanden, der die schnellen Flügelstürmer mit seinem raumgreifenden Passspiel perfekt einsetzen kann. Einzig die Abwehr könnte Probleme bereiten. Die Einzelspieler verfügen zwar über gutes Auge und gute Antizipation, wirken aber nicht immer eingespielt mit den Vorderleuten.

Pressing-8

Die Verteidigung wurde in den letzten Jahren regelmäßig als der Schwachpunkt des DFB-Teams ausgemacht. Immer wieder sah man individuelle Fehler, die zu Chancen oder gar Toren führten. Das ist auch der Grund, warum es Sinn machen würde, Lahm im defensiven Mittelfeld aufzubieten, zumal die Kadersituation auf dieser Position angespannt ist. Er könnte die Angriffe bereits stoppen, bevor sie die Abwehr vor Aufgaben stellen würden. Allerdings würde man sich dadurch auf den Außenverteidigerpositionen schwächen. Kevin Großkreutz bewegt sich zwar taktisch gut, vor allem offensiv, ist aber nicht frei von individuellen Nachlässigkeiten – ebenso Marcel Schmelzer auf der linken Seite. Gemessen an den meisten anderen Teams ist dies zwar Jammern auf hohem Niveau, für die hochgesteckten Ziele aber eine mögliche Bruchstelle.

Stabilität-7

In puncto Flexibilität ist die deutsche Nationalmannschaft durchaus gut aufgestellt, wenngleich sie nicht zur absoluten Spitze dieses Turniers zu zählen ist. Mit Lahm als Sechser könnte man die Grundordnung ohne weiteres als 4-1-4-1 sehen, wie es etwa gegen Chile der Fall war. Dabei suchte Löw zudem mit den Aufstellungen von Özil und Götze auf den Flügeln noch stärker den Zugriff aufs Zentrum. Obwohl das Spiel gewonnen wurde hinterließ diese Umstellung keinen bleibenden positiven Eindruck, was zeigt, dass zwischen guten Voraussetzung und einer guten Umsetzung ein breiter Weg zu bestreiten ist.

Flexibilität-7

Seitdem die deutsche Nationalmannschaft die Vorbereitung für die WM aufgenommen hat, gab es bereits viele aufmerksamkeitserregende Meldungen – jedoch hauptsächlich negativer Natur: Kevin Großkreutz randalierte nach dem Pokalfinale, Löw wurde der Führerschein abgenommen, bei einem Werbedreh wurde ein Urlauber schwer verletzt und nicht zuletzt gab‘s noch die Hängepartie um die angeschlagenen Führungsspieler Lahm und Manuel Neuer. Dazu kommt die problematische Situation im defensiven Mittelfeld: Sami Khedira kam erst von einer schweren Verletzung zurück und Ilkay Gündogan wurde aufgrund seiner mysteriösen Rückenverletzung erst gar nicht nominiert. Auch der Ruf, eine Turniermannschaft zu sein, scheint aufgrund der letzten Turniere, als man in engen Situationen stets den Kürzeren zog, mehr als angekratzt zu sein.

Stimmung-5

Die Voraussetzungen für die Weltmeisterschaft könnten also besser sein, wenngleich man anmerken muss, dass es sich im Fall von Deutschland eher um ein Jammern auf höchstem Niveau handelt. Man geht trotz aller Nebengeräusche als Favorit in die Gruppenphase und hat gute Chancen, diese als Erster zu überstehen. Auch die weitere Auslosung für ein etwaiges Achtel- und Viertelfinale scheint machbar, womit man zum vierten Mal in Folge in einem WM-Halbfinale stehen würde. Ob es letztlich zum ganz großen Wurf reichen wird, bleibt abzuwarten. Der Gedanke, das Turnier würde für das DFB-Team ein Jahr zu spät kommen, ist aber nicht völlig abwegig. Nach der letzten Saison war der deutsche Fußball nämlich das Maß aller Dinge.

Gesamtwertung-Deutschland

Mögliche Aufstellungen

Im Grunde genommen steht und fällt die Formation der deutschen Nationalmannschaft damit, wohin Löw Lahm stellt. Sieht der Bundestrainer seinen Kapitän im defensiven Mittelfeld würde die Aufstellung des DFB-Teams wie folgt aussehen – ein 4-1-4-1 bzw. 4-1-1-3-1 mit klarerer Staffelung auf der Zentralachse.

Deutschland-4-1-4-1

Die zweite Möglichkeit wäre, Lahm anstelle von Großkreutz auf die rechte Außenverteidigerposition zu stellen. Die Konsequenz im Zentrum wäre eine breitere Aufgabenverteilung zwischen Schweinsteiger und seinem Nebenmann. Je nachdem, ob dieser Khedira oder Kroos heißt, wäre sie klarer oder verschwommener. Auch Özil würde wohl etwas tiefer spielen.

Deutschland-4-2-3-1

Der B-Mannschaft würde am ehesten auch eine 4-2-3-1-Grundordnung stehen. Kroos würde auf der Doppelsechs die spielerischen Aufgaben übernehmen, Draxler den Zehner- und Zwischenlinienraum bespielen und Götze als falsche Neun agieren.

Deutschland-4-2-3-1-B

Alexander Semeliker

@axlsem

  • tramina

    4.Juni.2014 #1 Author

    1) Marcel Schmelzer wurde bereits aus dem Kader gestrichen
    2) Philipp Lahm hat sich in Deutschland ein sehr gutes Standing bei den Schiedsrichtern erarbeitet. Dadurch bleibt er sehr oft von Karten verschont die andere Spieler bei Fouls erhalten.(zB Pokalfinale gegen Dortmund) Dies ist für einen Defensivspieler natürlich ein immenser Vorteil. Ohne diesen Vorteil ist er mMn nicht dieser „Wunder“-6er als der er gerne hingestellt wird.
    3) Mit Jogi Löw als Trainer hätte Deutschland mMn auch vor einem Jahr den Titel nicht geholt, obwohl alle wichtigen Spieler in Top-Form waren. Jogi versucht in letzter Zeit, wie im Artikel erwähnt, einiges von Pep Guardiola abzukupfern, ist diesem aber im in-game-Coaching weit unterlegen.

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