Für viele waren diese beiden Mannschaften die Topfavoriten auf den Meistertitel. Die Austrianer unter Vastic waren allerdings in den letzten Wochen nur Durchschnitt, aus... 1:1 zwischen Austria Wien und Red Bull Salzburg: Wie ähnliche taktische Schemata praktisch voneinander abweichen können!

Für viele waren diese beiden Mannschaften die Topfavoriten auf den Meistertitel. Die Austrianer unter Vastic waren allerdings in den letzten Wochen nur Durchschnitt, aus den letzten sechs Partien konnten nur zwei Siege und zwei Unentschieden geholt werden, der Rest ging verloren. Ganz anders die Salzburger. Sie enttäuschten zwar oftmals spielerisch, holten dafür Punkte – ganze 13 aus den letzten sechs Spielen. In der Rückrundentabelle sicherte man sich somit den ersten Platz und auch die Tabellenführung stand sinnbildlich für die Konstanz der Bullen.

Auswärts gegen die Austria wollte man diesen kleinen Lauf fortsetzen und sich im Meisterschaftskampf weiterhin ganz vorne positionieren, allerdings erwarteten viele eine defensivere Ausrichtung der Veilchen, trotz des Heimvorteils. Dies spiegelte sich auch im Spiel wider. Red Bull musste zwar deutlich öfter auf Fouls zurückgreifen, um schnelle Konter und das Angriffsspiel der Hausherren zu unterbinden, letztlich erreichte man aber einen deutlichen Vorsprung in puncto Ballbesitz und auch bei den Großchancen.

In der ersten Halbzeit war die Austria etwas überlegen, dieser Vorteil wandte sich nach dem Seitenwechsel allerdings auf die andere Seite. Fast schien es, als ob Moniz‘ Mannschaft eine Lösung für die flexible Spielweise der Gastgeber fand, gleichzeitig schienen die Wiener etwas an Effektivität verloren zu haben. Ob dies mentale Ursachen aufgrund der Führung hatte? Fest steht nur, dass nach dem Ausgleichstreffer in der letzten Minute die Salzburger zumindest psychologisch als Sieger aus dieser Partie gegangen sind.

Wechselwirkung der jeweiligen Formationen

Die beiden Mannschaften traten in einem sehr ähnlichen System auf, dem 4-4-1-1 als Variation des 4-4-2. Das hieß, dass einer der beiden Stürmer klar tiefer agierte, aber dennoch vor dem Mittelfeld platziert war. Das Mittelfeld organisierte sich in der Defensive, ergo ohne Ball, in einer Viererreihe. Diese Viererkette im Mittelfeld hat den Vorteil, dass man auf den Außen gefährliche Flügelstürmer der Gegner doppeln und im Gegenzug schnell kontern kann. Hinzu kommt, dass der eigene Außenspieler im Mittelfeld den gegnerischen Außenverteidiger beim Aufrücken übernehmen und dadurch die eigene Verteidigung entlasten kann. Zentral hat man die Doppelsechs, welche defensiv für viele Dinge hauptverantwortlich ist: das Organisieren des Pressings, Kontrollieren der gegnerischen Angriffe (durch die Richtung und die Lage, wo man attackiert) sowie das Schließen von Löchern im eigenen Defensivverbund. Sehr oft schieben die beiden Sechser zur Seite und einer füllt den Raum zwischen den beiden Innenverteidigern, während der andere die Passwege des ballführenden Außenspielers in die Mitte abdeckt.

Bei den Veilchen waren es besonders die Außenverteidigerposten, welche sehr modern und offensiv besetzt waren. Mit Klein und Leovac spielten auf den Seiten zwei sehr offensivorientierte Spieler, welche wichtige Aufgaben im zweiten und letzten Spielfelddrittel zu erfüllen hatten. Eine war es, dass man in der Mitte des Feldes das Spiel breit machte: das heißt, sie mussten aufrücken und die Positionen in der Nähe der Auslinie besetzen. Das hatte zur Folge, dass die gegnerischen Flügel sich sehr breit positionieren mussten und sich deswegen mehr Raum im Zentrum auftat. Im Idealfall waren es sogar die beiden Außenverteidiger, die aus der Kette rücken mussten und man dadurch die Schnittstellen der gegnerischen Abwehrreihe weit geöffnet hatte.

Vor diesen offensivorientierten Außenverteidigern kamen zwei Flügelspieler auf den Außenbahnen zum Einsatz, welche sich anders als klassische Außenspieler positionieren sollten. Damit ist gemeint, dass sie immer bereit sein sollten, zum „letzten Schlag auszuholen“. Genauer gesagt sollen sie ins Zentrum ziehen und dort Löcher zum Abschluss suchen oder die Mittelstürmer einsetzen. Grünwald als hängender Stürmer übernahm dann oftmals ihre Position auf den Außen, der ballferne Flügelspieler rückte ein und den leeren Raum füllte der Außenverteidiger dahinter. Um dieses moderne und flexible Spielsystem in der Offensive abzuschließen, rückte Kienast einige Male eine Linie nach hinten, was die Austrianer teilweise fast ohne Stürmer spielen ließ.

Anders begannen jedoch die Salzburger, welche schematisch eine fast idente Formation besaßen. Genauer betrachtet sah man die zahlreichen Unterschiede. Einerseits spielten Zárate und Svento deutlich klassischer, sie hatten die Aufgabe die Außen zu beackern und andererseits lag dies auch an den Außenverteidigern, welche sich nur sporadisch in die Offensive mit einschalteten.

Wichtig war ebenfalls der Vergleich der beiden Stürmer. Sowohl Maierhofer als auch Soriano bewegen sich weniger als die Pendants aus Wien. Ersterer dient beispielsweise vornehmlich als Prellbock. Der Neo-Bulle vom FC Barcelona mag zwar durchaus mehr Wege nach hinten gehen, dennoch vornehmlich zum Ball hin und nicht aus taktischen Beweggründen. Damit wollte er sich allerdings selbst ins Spiel bringen und öffnete keine Räume für seine Mitspieler, dies tat sogar Maierhofer eher. Der ehemalige Rapidler tut dies allerdings auf eine sehr körperliche Art und Weise. Nicht nur, dass er mit seiner körperlichen Präsenz oft mehrere Spieler mitzieht, er erfüllt sogar mehrere andere Funktionen, worauf wir später noch zurückkommen werden.

Austrias einrückende Außenstürmer

Bereits erwähnt wurden die Flügel der Veilchen, welche sich nach vorne orientierten und dort Richtung Tor gehen sollten. Damit dies risikolos funktionierte, benötigte man eine disziplinierte Positionseinhaltung. In der Grafik erkennt man ein bestimmtes Szenario dieses Spielsystems. In diesem bestimmten Fall hatte Jun den Ball und befand sich beinahe in der Mitte des Spielfelds. Vor Jun kreuzte Grünwald und versuchte mit dieser diagonalen Bewegung die gegnerische Abwehrreihe auseinander zu ziehen. Er wollte verhindern, dass der Außenverteidiger dem Außenstürmer folgen konnte und gleichzeitig wollte er die Innenverteidiger und die Doppelsechs der Salzburger verwirren.

Wer würde Grünwald folgen? – das war eine von mehreren Fragen. Die nächste war dann ebenfalls von großer Wichtigkeit: wann war der richtige Moment des Übergebens? Übergab man den Spieler zu spät, so öffnete man zu viel Raum auf dem Flügel – geschah es zu früh, hatte er zu viel Raum und die Innenverteidiger mussten aufrücken, was die Löcher in der Abwehr zutage förderte.

Deshalb hatten Leovac und Klein dermaßen viele „unauffällige“ Aufgaben in der Offensive, sie mussten mit ihrer Positionierung den gegnerischen Abwehrverbund vor Probleme stellen und die eigenen Spieler unterstützen. Wenn Grünwald sich nach außen bewegte, so hätte ihm rein theoretisch der Außenmittelfeldspieler folgen können. Falls aber der ballnahe Außenverteidiger nach vorne ging, war dies nicht möglich. Der Außenmittelfeldspieler Red Bulls musste ihn abdecken und konnte die eigene Abwehr beim Kreuzen der gegnerischen Stürmer kaum unterstützen.

Komplettiert wurde das System durch die Abwehr- und ballfernen Außenspieler. Kienast als Mittelstürmer bewegte sich relativ frei, manchmal machte er das Spiel tief, zumeist kam er aber in die Tiefe und unterstützte seine Mitspieler als Anspielstation für Kurzpässe. Gorgon und Klein auf der ballfernen Außenbahn rückten auf und positionierten sich so, dass beiden alle Möglichkeiten offen standen. Gorgon konnte steil auf die Seite oder Richtung Sechzehner geschickt werden, dazu konnte er per Kurzpass über eine Anspielstation den Ball erhalten. Der Außenverteidiger hinter ihm konnte ihn dann bei erfolgreichem Passspiel durch Hinterlaufen unterstützen oder bei erfolglosem vorhergehendem Pass die Defensive sofort sichern.

Unterstützt wurden die Außenverteidiger meistens von Dilaver, der diese Rolle kennt und deshalb prädestiniert zum Aushelfen ist. Er rückt meist etwas Richtung der geöffneten Lücke und sichert vor den beiden Innenverteidigern diesen Raum, während Liendl sich in der Tiefe als sichere Anspielstation anbot. Die beiden wechselten sich in der Offensive jedoch immer ab, manchmal rückte auch Dilaver nach vorne oder Liendl verließ seine Rolle als spielmachender Sechser aus der Tiefe.

Die Rolle Maierhofers und sein Einfluss auf die Mitspieler

Bereits angeschnitten wurde die Rolle Maierhofers. Für viele sind die regelmäßigen Einsätze des großgewachsenen Stürmers als Solospitze unverständlich, insbesondere da im modernen Fußball der Trend zu einem technisch starken und quirligen Mittelstürmer geht. Einzelne verbliebene Exemplare früherer Zeiten wie Mario Gomez haben sich weitgehend angepasst und setzen ihre körperliche Robustheit mit viel Laufarbeit für die Defensive ein. Dies tut Maierhofer nicht, doch im österreichischen Fußball bietet seine Präsenz viele simple und zeitgleich effektive Methoden zur Überbrückung von Raum.

In der Grafik erkennt man einen klassischen langen Ball aus der Defensive heraus. Stefan Maierhofer positioniert sich hierbei als Zielspieler auf einer Linie mit dem abspielenden Sekagya, Lindgren und Schwegler haben das Spiel im Aufbau logischerweise sehr breit gemacht. Nach dem erfolgten Pass rücken sie nach innen und sichern den aufgerückten Ulmer. Der Linksverteidiger bewegte sich umgehend nach vorne, um dort die Offensiven zu unterstützen. Mendes und Cristiano schieben deswegen etwas zur Seite und kümmern sich um die sogenannten zweiten Bälle – jene Kopfbälle und Befreiungsschläge, die nach hohen Bällen oder nach sonstigen Unterbrechungen gespielt werden.

Soriano und Svento profitieren hierbei auch sehr von Maierhofer. Mit seiner Kopfballstärke kann er den Ball prallen lassen und seine Mitspieler schnell einsetzen. Svento sowie Soriano starten hierbei aus der Tiefe in den Halbpositionen vertikal nach vorne, können dann den Ball in den Fuß gespielt bekommen oder nach einer klassischen Weiterleitung per Kopf mit einem Geschwindigkeitsvorteil in den freien Raum hinter der Abwehr starten. Zarate sichert die Seite und nach einem erfolgreichen Kopfball startet er zumeist diagonal ins Zentrum, das sorgt dafür, dass er einerseits das Spiel zu Beginn breit macht und später das gegnerische Tor mitbelagern kann.

Die Tore

Das erste Tor fiel durch die Austria. Grünwald zog sich nach außen, Jun rückte nach vorne und durch den tief agierenden Kienast waren viele Räume offen. Genau das war das Ziel der Austrianer und diese Taktik ging zumindest dieses eine Mal hervorragend auf.

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Während das Tor der Veilchen exemplarisch für das simple Aufgehen einer relativ einfachen Taktik stand, zeigte sich beim zweiten das brachliegende Potenzial der Bullen. Hier setzte man, gut zu erkennen, den ballführenden Gegenspieler im Mittelfeld unter Druck. Ein Spieler (Maierhofer) „zockte“. Das heißt, er spekulierte bereits auf einen Ballgewinn und versuchte die gegnerischen Innenverteidiger in die Tiefe zu ziehen, zeitgleich sperrte er den Passweg hinten, der hängende Stürmer bewegte sich zwischen den zwei sicher postierten gegnerischen Defensivspielern. Dies zwang den ballführenden Austrianer zu einem riskanten Pass nach vorne, doch hier hatte er schlicht keinen Raum. Salzburg setzte ihn unter Druck und mit drei Mann konnte man sämtliche Passwege zusperren. Die Folge: Ein einfacher Ballgewinn entgegen des gegnerischen Momentums. Ein wichtiger Punkt ist natürlich Sekagya, der ebenfalls mit nach vorne schob.

Im zweiten Bild sieht man, dass Maierhofer dann eben jene Kopfbälle in die Lücken spielte, welche eingangs erwähnt wurden. Sekagya hatte übrigens den weiten Ball von hinten gespielt, es war eine abgewandelte Form des klassischen Spielaufbaus – diesmal mit Erfolg.

Rene Maric, abseits.at

Rene Maric

  • Peda

    4.April.2012 #1 Author

    Tolle Analyse!

    Was mich bei Salzburg überrascht bzw. stört ist, dass man (unter einem TECHNIK-Trainer!) so stur auf lange Bälle setzt.
    Auch in ihren starken Spielen (die dann meistens Unentschieden enden)  entsteht der Großteil der Strafraumszenen aus langen Bällen.
    Fehlt Leitgeb so stark, ist das Verständnis mit den neuen noch nicht ausgeprägt genug – oder ist das wirklich die Art wie Moniz seine Mannen spielen lassen will?

    Ich persönlich glaube und hoffe das nicht.

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