Der SK Rapid kommt im Gerhard-Hanappi-Stadion gegen Peter Stögers Abstiegskandidaten aus Wiener Neustadt über ein 1:1 nicht hinaus. Der späte Ausgleich aus einem Elfmeter... Rapid weiterhin schwach: Überheblichkeit kostet Sieg gegen Wiener Neustadt!

Der SK Rapid kommt im Gerhard-Hanappi-Stadion gegen Peter Stögers Abstiegskandidaten aus Wiener Neustadt über ein 1:1 nicht hinaus. Der späte Ausgleich aus einem Elfmeter durch Thomas Helly war die gerechte Strafe dafür, dass die Hütteldorfer sich über lange Zeit überheblich und zu wenig zielstrebig präsentierten.

Dabei fing alles perfekt an: Nach Christopher Drazans fünftem Bundesligator nach knapp acht Minuten dachte niemand daran, dass das Heimspiel gegen Peter Schöttels Ex-Mannschaft zu einer Zitterpartie werden könnte. Auf den Rängen sprach man bereits von einer locker-lässigen Partie, mit der Rapid Boden gut machen würde. Die unroutinierte Elf aus Niederösterreich bekäme noch locker zwei, drei weitere Tore eingeschenkt. Diese Einstellung schien sich jedoch nicht nur auf den Tribünen breit zu machen, sondern auch in den Köpfen der Spieler. Von Anfang an hatte man den Eindruck, dass sich Rapids Kicker zu siegessicher waren…

Auftakt nach Maß

Wiener Neustadt machte taktisch einiges richtig: Nach Drazans Führungstreffer ließ sich die Mannschaft nicht von Rapid herauslocken, blieb weiterhin tief stehen, ließ Rapid kommen. Hätte Stögers Elf direkt nach dem Gegentreffer zum 0:1 aufgemacht und versucht einen schnellen Ausgleich zu erzielen, wäre die Partie womöglich bereits nach einigen Minuten vorentschieden gewesen. Neustadt spielte weiter, als würde es noch 0:0 stehen, wartete auf seine Konterchance, die schließlich spät aber doch kam und etwas glücklich per Elfmeter genützt wurde.

Flügelspieler schwächer als zuletzt

Rapid präsentierte sich feldüberlegen, aber zu zweidimensional. Das Spiel der Hütteldorfer war einmal mehr leicht ausrechenbar. Über die Flügel ging kaum etwas, was einerseits an Drazans fehlender Präzision lag, andererseits daran, dass sein Gegenüber Christopher Trimmel mit Andreas Schicker einen laufstarken Gegenspieler hatte, den der 24-jährige Burgenländer zu selten überwinden konnte. Guido Burgstaller, der nach seiner Verletzung erstmals in der Startelf der Grün-Weißen stand, zeigte sich präsent, forderte Bälle, versuchte auch des Öfteren zum Abschluss zu kommen. Ihm sind jedoch fehlende Matchpraxis und –fitness anzusehen. Auch wenn der 22-Jährige wieder zurück ist, wird er noch einige Monate brauchen, um sich zu akklimatisieren. Trotz guter Momente ist die technische Leistung des jungen Kärntners ausbaufähig, was aber angesichts seiner langen Verletzungspause normal ist.

Hofmann außer Form, Pichler offensiv schwach

Während Rapids Flügelspieler überschaubar agierten und René Gartler zu wenige Bälle effektiv weiterverarbeiten konnte, zeigte auch das zentrale Mittelfeld des Rekordmeisters Schwächen: Steffen Hofmann läuft seiner Form weiter hinterher, Genieblitze darf man vom 31-jährigen Deutschen aktuell keine erwarten. Das Grundproblem im Rapid-Mittelfeld ist jedoch weiterhin die zweite zentrale Position, die zu einer Schlüsselposition wird, wenn die Flügelspieler einmal aussetzen (was gestern sicher nicht zum letzten Mal passierte). Auf dieser Position braucht Rapid einen Mittelfeldspieler, der sowohl defensive als auch offensive Stärken hat und vor allem effektiv am Offensivspiel teilnehmen kann. Eben einen „modernen 6er“. Harald Pichler, der als Lösung für die Innenverteidigung geholt wurde, kann auf dieser Position nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Der Kärntner mag ein zweikampfstarker Spieler sein, der Bälle erobern kann, das bringt jedoch in einem Vierermittelfeld niemandem etwas, wenn er in Vorwärtsbewegung keinerlei Kreativität oder Lockerheit besitzt.

Körpersprache passte nicht

Rapid bettelte in Wahrheit fast über die gesamte Spieldauer um ein Gegentor. Obwohl die Führung gegen den SC Wiener Neustadt sehr dünn war, vergaß das Team von Peter Schöttel auf das Wesentliche. Die Hütteldorfer glänzten vor allem durch Überheblichkeit: Da ein Ferserl, dort ein Schupferl, da ein zu lascher Pass, dort dem Ballführenden nicht schnell genug entgegen gekommen. Auch die Körpersprache einiger Akteure ließ zu wünschen übrig: Durchwegs aufrechte Oberkörper, in zu vielen Szenen keinerlei Zug, Ziel oder Dynamik. Als etwa René Gartler in der zweiten Halbzeit einen Sitzer vom Fünfmetereck vergab, sah man dem zweifachen Saisontorschützen seinen Ärger nicht an. Kein lauter Aufschrei, kein Biss ins Gras, kein Haareraufen – es wirkte so, als würde man sich sagen: „Wurscht, denen machen wir schon noch eins…“

Hoch und weit statt kurz und überlegt

So kam es selbst gegen zehn Neustädter (Kapitän Tomas Simkovic war mit Gelb-Rot vom Platz geflogen) wie es kommen musste. Die offensiv praktisch nicht vorhandenen Niederösterreicher belohnten sich für taktische Disziplin, Geduld und den größeren Willen mit dem Ausgleich zum 1:1. Plötzlich machte sich bei Rapid Fassungslosigkeit breit. Selbst in der siebenminütigen Nachspielzeit konnte die Schöttel-Elf nur noch einmal gefährlich werden. Anstatt „blind“ hohe Bälle in den gegnerischen Sechzehner zu schlagen, hätte Rapid gut daran getan, zehn Neustädter auszuspielen. Die numerisch unterlegenen Niederösterreicher standen gegen Ende des Spiels nicht nur tief, sondern belagerten quasi ausschließlich den eigenen Strafraum. Neustadt rechnete nur noch mit hohen Bällen Rapids – und Grün-Weiß spielte der verteidigenden Mannschaft in die Karten. Rapid hätte bis 25 Meter vor dem gegnerischen Tor Räume vorgefunden, mit spielerischen Mitteln erreicht, dass der dezimierte Gegner seine Igeltaktik verwerfen und hinausrücken muss. Dies wiederum hätte in der Gefahrenzone Räume eröffnet. Aber Rapid fehlten das Selbstvertrauen und die spielerischen Mittel (Salihi und Nuhiu konnten keinen einzigen Ball verarbeiten, geschweige denn stoppen), um den Abstiegskandidaten in der Schlussphase aus der Reserve zu locken.

Falsche räumliche Spielverlagerung nach dem 1:0

Was wiederum sinnbildlich für die gesamte Partie war! Bereits nach dem 1:0 hätte Rapid umdenken und seinen spielerischen Schwerpunkt einige Meter nach vorne verlagern müssen. Da Wiener Neustadt weiterhin tief stand, Rapid kommen ließ, keine Anstalten machte, selbst etwas für das Spiel zu tun, hätte Rapid direkt nach dem Führungstreffer mehrere Torchancen kreiert, wenn bereits die ersten spielaufbauenden Akteure (also die Abwehrspieler Rapids) grundsätzlich wenige Meter näher ans gegnerische Tor gerückt wären. Das hätte die Feldüberlegenheit in eine andere Pressingzone verlagert und Rapid wäre mit hoher Wahrscheinlichkeit das zweite Tor gelungen. So sorgte Wiener Neustadt jedoch stets für Entlastung – genau wie in der für die Niederösterreicher erfolgreichen Schlussphase.

Siege in Top-Spielen – andernfalls Bedeutungslosigkeit

Der Abstand auf das Spitzentrio bleibt für Rapid damit vorerst gleich, der Pflichtsieg wurde verpasst. In den nächsten Wochen müssen die Westwiener, die nur zwei ihrer sechs Heimspiele gewinnen konnten, gegen die Top-4 der vergangenen Saison antreten: Derby in der Generali-Arena, Heimspiel gegen Sturm, Auswärtsspiel in Ried und Heimspiel gegen Salzburg. Zwischendurch gibt’s zudem das Cup-Duell mit der SV Ried im eigenen Stadion. Man muss sich in Hütteldorf trotz weniger Lichtblicke in den vergangenen Wochen (Auswärtssieg in Innsbruck, Kantersieg über Kapfenberg) darüber im Klaren sein, dass der Verein in die Tabellenregion 5 bis 8 abdriften wird, wenn man in den nächsten vier Runden keine oder wenige „Big-Points“ macht, wovon man nach den jüngsten Leistungen ausgehen muss. Um einen sportlichen GAU zu vermeiden, müssen sich die Verantwortlichen selbst hinterfragen. Sowohl was Personalentscheidungen auf dem Platz betrifft, als auch die Transferpolitik, die Rapid in den vergangenen Jahren nicht stärker, sondern kontinuierlich schwächer und durchschaubarer machte.

Schwere Gesichtsverletzungen bei Novota

Zu allem Überfluss verletzte sich gegen Wiener Neustadt auch noch der slowakische Rückhalt des SK Rapid: Jan Novota erlitt bei einem Zusammenprall mit Fernando Troyansky eine Gehirnerschütterung, sowie Brüche der Augenhöhle und des Daches der Kieferhöhle. Der 199cm große Torhüter wird wochenlang ausfallen und nun wieder dauerhaft von Helge Payer ersetzt werden. Auch das wird Rapid nicht mehr Sicherheit geben: Der routinierte Torhüter mit der gar nicht so routinierten Außendarstellung genießt mittlerweile den Ruf, dass er seinem Team keine Spiele mehr rettet…

Daniel Mandl, abseits.at

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen

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