Im zweiten Teil des Interviews spricht der Teamchef über den Kader, „Badkicker“ und die  taktische Grundordnung. Dabei bestätigt er die Analyse, ein Taktikfuchs zu... „Im Zweifelsfall auch eines mehr schießen“ – Marcel Koller im großen Abseits.at-Interview (2/3)

Im zweiten Teil des Interviews spricht der Teamchef über den Kader, „Badkicker“ und die  taktische Grundordnung. Dabei bestätigt er die Analyse, ein Taktikfuchs zu sein und erteilt Spielern, die nicht hundert Prozent geben wollen, eine Absage.

 

abseits.at: Das Ziel heißt WM-Qualifikation. Das heißt, von den derzeit verfügbaren Spielern werden zwar noch ein paar Junge nachkommen, der Kader wirkt aber abgesteckt. Während Sie als Vereinstrainer Typen suchen können, müssen Sie als Teamchef mit dem vorhandenen Spielermaterial arbeiten. Geben die Spieler das System und die Taktik vor oder geht das umgekehrt?

Marcel Koller: Das, was Österreich vom System 4-2-3-1 gespielt hat, passt gut. Es ist wichtig, dass sich die Spieler sicher fühlen. Das geht eben mit einem System, in dem sich die Spieler auskennen. Wenn das sitzt, kann man noch ein zweites dazu nehmen. Es ist aber immer von den Spielern abhängig. Hätte ich gesehen, dass es nicht geht, weil wir keine Außenspieler haben, dann müsste ich andere suchen. Grundsätzlich geben die Spieler vor, was schlussendlich das Beste ist. Ich habe Ideen – wenn einer diese nicht umsetzen kann, bringt es nichts, wenn ich ihn dazu zwinge. Die Position muss für ihn und für das Team passen, damit wir erfolgreich sein können.

 

Bleiben wir bei den Spielern. Sie haben vermutlich den besten österreichischen Kader seit dem Bosman-Urteil. Ist es denkbar, aufgrund taktischer Überlegungen, Spieler nicht aufzustellen, obwohl sie bei europäischen Topclubs Stammspieler sind?

Für mich ist nicht entscheidend, wo einer spielt. Die Frage ist, was er mir anbietet und wie seine Leistungen im Klub und im Team sind. Wenn diese gut sind und er meine Vorgaben umsetzt, dann ist er mit dabei. Wenn ich das Gefühl habe, er hat unglaublich große Möglichkeiten, zeigt sie aber nicht, dann hilft er uns nicht weiter. Ein, zwei, drei können den Erfolg des Ganzen gefährden, wenn sie nicht bereit sind, Gas zu geben. Jeder Einzelne ist wichtig, aber man muss auch etwas zusammenfügen. Die Regeln gelten außerhalb des Platzes und auf dem Platz. Der Stürmer muss, wenn er den Ball verliert, sofort attackieren. Der kann nicht einfach zehn Meter in die falsche Richtung laufen, nur damit er nicht nach hinten muss. Das war ja früher öfters der Fall, dass ein Stürmer gesagt hat, er hat riskiert und geht nicht mehr nach hinten.

 

Der sogenannte „Badkicker“?

(lacht) Ich will den nicht am eigenen Sechzehner grätschen sehen. Wenn du den Ball verlierst, hast du noch ein, zwei Sekunden um zu reagieren. Ist der Ball 30 Meter weit weg, dann soll er schon in der offensiven Position bleiben.

 

Bei Stürmern ist das ja offensichtlich – Hacke-Spitze-Tralala und nicht nach hinten arbeiten geht nicht. Aber wie ist das bei Innenverteidigern? Was ist mit einem starken Zweikämpfer, der gut gegen den Raum arbeitet, aber ein Spiel nicht eröffnen kann? Gehen Ihre Überlegungen auch in die Richtung, dass sie vielleicht einen schwächeren Zweikämpfer aufstellen, der aber den Ball schnell machen kann?

Ja, das sind Überlegungen, die man machen muss. Es ist nicht so, dass wir überall die Nummer eins haben, er ist kopfballstark, zweikampfstark, Spieleröffnung, Spielintelligenz, schnelle Wahrnehmung und macht Tore. Wenn von diesen sechs Punkten vier passen, ist es auch gut. Drei von denen, die gespielt haben (Anm.: gegen die Ukraine: Fuchs, Pogatetz, Prödl, Schiemer), machen ja im Ausland einen guten Job. Die aus der heimischen Liga machen das auch. Du musst dann entscheiden, was das Beste, das Kompakteste ist.


Das Torverhältnis in der EM-Quali betrug 16:17. Nach Ansicht der Spiele in jüngster Vergangenheit: Wo ist da anzusetzen? Sind Sie mit der Offensive zufrieden?

Wir wollen weiter mehr Tore schießen und weniger bekommen. Ich kann das nur vom Ukraine-Spiel beurteilen, die anderen kann und will ich nicht beurteilen. Wir hatten gute Offensivaktionen, haben aber zu wenig Tore gemacht.

 

Hilft es da, einfach vorne eins mehr zu schießen, als man hinten bekommt?

Hinten spiele ich gerne zu Null. Wir müssen aber im Zweifelsfall auch eines mehr schießen. Darum ist es besser, zu agieren. Das wäre die gute Lösung. Wir müssen in der Defensive kompakter sein. Alle zusammen müssen bewusster und aggressiver verteidigen, damit wir die Räume nicht hergeben. Nach vorne haben wir das Potential uns Torchancen herauszuspielen. Da braucht es die Aggressivität, das Bewusstsein, dass man jede nützt. Die erste muss genutzt werden, nicht die fünfte oder sechste. Die Spannung muss hoch sein.

 

Franz Beckenbauer sagte im Zuge des Belgien-Heimspieles in der EM-Quali, dass die Spieler viel unnötig laufen. Ein Indikator für mangelnde Vorgaben. Österreich ist in vier Spielen Favorit, in vier leicht unterlegen und bei zwei wäre ein Punkt schon eine Riesensensation. Wie könnte eine Grundtaktik/-ausrichtung aussehen?

Das ist auf der einen Seite das System, die Grundordnung. Wenn diese da ist, jeder sie weiß, dann ist es egal. Der Stürmer muss dann eben auch mal zentral spielen. Dann geht der Mittelfeldspieler in seine Position. Man muss schnell die Ordnung herstellen, Rochaden sind möglich, die Position muss aber besetzt sein.

© Sander. Taktische Grundordnung im 4-2-3-1

Die Aufgaben sind offensiv wie defensiv die gleichen. Spielt er auf seiner Position, wird er flanken, ist er auf der anderen Seite, geht er eher nach hinten. Rochaden gehören dazu und dürfen kein Problem sein. Man muss flexibel und unberechenbar sein. Defensiv ist es wichtig, die Position zu halten. Das kann man alles ausmessen. Es ist wichtig, im entscheidenden Moment da zu sein und clever zu sein.

© Sander. Defensive Grundordnung

Wenn man klug und ruhig spielt, kann man auch ruhig sein. Der Gegner verschiebt gegen den Ball und dann bekomme ich Platz. Dann ist entscheidend, die Vorgaben umzusetzen. Wenn du überall wie ein Bienenschwarm bist, dann fehlt dir im entscheidenden Moment die Kraft, egal ob hinten oder vorne.

 

Im dritten Teil des großen Interviews analysiert Marcel Koller Fehler und Möglichkeiten in der Defensive und erklärt, nicht zufällig nach Brasilien fahren zu wollen.

Das Interview führten Georg Sander und Archimedes, abseits.at

 

Georg Sander

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