In dieser Serie gehen wir auf einzelne Weltklassetalente ein, die auf dem Sprung standen – und ihn nicht schafften. Zumeist waren es persönliche Tragödien,... Der verlorene Weltklassespieler (27) – Clodoaldo

In dieser Serie gehen wir auf einzelne Weltklassetalente ein, die auf dem Sprung standen – und ihn nicht schafften. Zumeist waren es persönliche Tragödien, Verletzungen oder einfach die Umstände ihrer Karriere: zur falschen Zeit am falschen Ort kann manchmal schmerzhaft wahr sein.

Wir lassen die Karrieren dieser Akteure Revue passieren, spekulieren über die mögliche Auswirkung ihres fehlenden Durchbruchs in der Geschichte des Fußballs und ein kleines „was wäre, wenn…?“ darf natürlich auch nicht fehlen. Immerhin besitzt für solche Spieler nahezu jeder Fußballfan noch eine schöne Erinnerung und jene fragende Wehmut, welche Erinnerungen man nicht alles verpasst hat.

In diesem Teil widmen wir uns …

Clodoaldo

Die brasilianische Weltmeistermannschaft von 1970 gilt bei vielen Experten und Fußballfans als die vielleicht beste Mannschaft in der Geschichte des Wettbewerbs. Angeführt von ihrem Superstar Pelé dominierte die „Seleção“ das Turnier nach Belieben und zeigte dabei einen Fußball, der vor allem im offensiven und technischen Bereich Maßstäbe setzte. Die Stars der Mannschaft waren neben Pelé vor allem seine Sturmkollegen Tostão, Roberto Rivelino und Jairzinho, aber auch der Kapitän und Rechtsverteidiger der Mannschaft, Carlos Alberto. Ebenso wichtig für den Erfolg, allerdings weniger beachtet, war auch die Schaltzentrale der Brasilianer im Mittelfeld, die aus Gérson und dem gerade einmal 20 Jahre alten Clodoaldo bestand. Für letzteren sollte das Turnier trotz seines jungen Alters der Höhepunkt seiner Karriere bleiben…

Erste Jahre und schneller Aufstieg

Clodoaldo Tavares de Santana wurde am 26. September 1949 in Aracuju geboren. Bereits früh erkannte man sein Talent, sodass er 1962 im Alter von 13 Jahren vom FC Santos verpflichtet wurde. Nach vier Jahren in den Jugendmannschaften des Vereins debütierte „Corro“, wie Clodoaldo seit seinen Jugendtagen genannt wurde, 1966 in der Profimannschaft von Santos. Santos zählte in jenen Jahren zu den absoluten Spitzenmannschaften Südamerikas und stellte zahlreiche Nationalspieler, wie z.B. Pelé, Carlos Alberto, Coutinho oder Brasiliens Stammtorwart Gilmar.
Auf Clodoaldos Position spielte bei Santos zu dieser Zeit Zito, der mit Santos 1962 und 1963 die Copa Libertatores gewonnen hatte und 1958 und 1962 mit der „Seleção“ Weltmeister geworden war. Nach einer letzten Spielzeit, in der er seinem Nachfolger einiges von seinem Können vermittelt hatte, beendete Zito 1967 seine Karriere.
Auch wenn die Fußstapfen seines Vorgängers groß waren, gelang es Clodoaldo schnell, sich durch gute Leistungen Respekt zu verschaffen, sodass er nach kurzer Zeit ebenso unumstritten war, wie es Zito vor ihm gewesen war. 1968 gewann er mit Santos den ersten und einzigen nationalen Meistertitel seiner Karriere und ein Jahr später feierte er am 12. Juni 1969 gegen Mexiko sein Debüt in der Nationalmannschaft. Auch dort konnte er sich schnell einen Stammplatz erkämpfen und wurde 1970 für den Kader der „Seleção“ für die WM in Mexiko nominiert.

Spielweise und Position

Im damals weit verbreiteten 4-2-4-System agierte Clodoaldo zumeist als der defensiver Ausgerichtete der beiden Mittelfeldspieler und überließ die Spielgestaltung in der Regel seinem jeweiligen Nebenmann (bei Santos war dies zumeist Lima, in der Nationalmannschaft Gérson). Dies bedeutete jedoch nicht, dass Clodoaldo sich allein auf die defensive Absicherung und reine Zerstörung des gegnerischen Spiels beschränkte: er schaltete sich regelmäßig in Offensivaktionen seiner Mannschaft mit ein, bei denen ihm vor allem seine (für einen defensiven Mittelfeldspieler) überdurchschnittliche Technik und seine Dribbelfähigkeiten zugute kamen. Dank seiner enormen Kondition und seines Einsatzwillens war es Clodoaldo möglich, über 90 Minuten die komplette Breite des Spielfelds zu bearbeiten.

WM 1970 als Karrierehöhepunkt

 Am 3. Juni 1970 begann für Brasilien die Fußballweltmeisterschaft mit dem Spiel gegen die Tschechoslowakei, bei dem Clodoaldo neben Gérson in der Startelf stand. Nachdem die Tschechoslowakei durch Ladislav Petráš in Führung gegangen war, konnte Roberto Rivelino mit einem wuchtigen Freistoß kurze Zeit später das 1:1 erzielen. In der zweiten Halbzeit spielte die brasilianische Offensive ihre gesamte Klasse aus, als Pelé und zweimal Jairzinho für den verdienten 4:1 Sieg sorgten. Nach zwei knappen Siegen über England und Rumänien erreichten die Brasilianer  als Gruppenerster das Viertelfinale, wo sie auf Peru trafen, bei denen im bisherigen Turnier vor allem ihr Jungstar Teófilo Cubillas geglänzt hatte. Die Brasilianer überwanden jedoch auch diese Hürde mit 4:2 und standen schließlich im Halbfinale gegen Uruguay.
In diesem Spiel gelang Clodoaldo, der bislang ein unauffälliges, aber dennoch sehr gutes Turnier gespielt hatte, das wohl wichtigste Tor seiner Karriere: er passte den Ball zunächst zu Tostão, dieser spielte den Ball von der linken Außenbahn steil in den Strafraum, wo Clodoaldo in Position gelaufen war und den Ball mit dem rechten Außenrist ins lange Eck schoss.

Der Zeitpunkt des Ausgleichs in der 44. Minute war psychologisch enorm wichtig für die „Seleção“, die in der zweiten Halbzeit deutlich stärker wurde und das Spiel durch Tore von Jairzinho und Rivelino schließlich mit 3:1 gewann.
Im WM-Finale wartete nun Italien, das zwei Jahre zuvor Europameister geworden war und im Halbfinale der WM die Bundesrepublik Deutschland im legendären „Jahrhundertspiel“ mit 4:3 nach Verlängerung bezwungen hatte. Nach 18 Minuten konnte Pelé Brasilien mit einem wuchtigen Kopfball mit 1:0 in Führung bringen, ehe ausgerechnet Clodoaldo die „Squadra Azzura“ zurück ins Spiel brachte: Brito spielte den Ball per Kopf zu Clodoaldo, dieser wollte den Ball lässig mit der Hacke verlängern und übersah dabei Roberto Boninsegna, der entschieden dazwischen ging und schließlich das 1:1 erzielen konnte.

In der zweiten Halbzeit gelang es den Italienern jedoch nicht mehr, den Widerstand gegen die Brasilianer aufrecht zu erhalten: Gérson erzielte mit einem fulminanten Distanzschuss zunächst das 2:1 und leitete dann mit einem Steilpass über 40 Meter das 3:1 durch Jairzinho ein. Die Krönung sollte jedoch noch folgen, als Carlos Alberto in der 87. Minute nach einer Traumkombination der Brasilianer zum 4:1 traf. Eingeleitet wurde dieses Tor ausgerechnet durch Clodoaldo, dem sein Trainer Mario Zagallo noch in der Halbzeit eine zu lässige Spielweise vorgeworfen hatte, was Clodoaldo jedoch nicht daran hinderte, im Alleingang vier Italiener auszudribbeln.

Am Ende des Turniers stand schließlich der verdiente dritte Weltmeistertitel der Brasilianer, zu dem Clodoaldo einen nicht unerheblichen Beitrag geleistet hatte. Als Anerkennung seiner Leistungen wurde Clodoaldo, der in jedem Spiel in der Startelf gestanden hatte, gemeinsam mit fünf seiner Mannschaftskameraden (Pelé, Jairzinho, Gérson, Carlos Alberto und Rivelino) in die Elf des Turniers gewählt.

Weiterer Karriereverlauf

In den Jahren nach der Weltmeisterschaft blieb Clodoaldo weiterhin Stammspieler bei Santos, ohne dabei jedoch bedeutende Erfolge feiern zu können. Santos war zwar jährlicher Teilnehmer an der brasilianischen Fußballmeisterschaft, aber spielte dort aufgrund der starken Konkurrenz (vor allem durch Palmeiras, Internacional oder Vasco da Gama) keine große Rolle.
Den einzigen nennenswerten Erfolg in diesen Jahren konnte Clodoaldo hingegen mit der Nationalmannschaft erringen: 1972 fand in Brasilien das sog. „Taça Independência“ statt, ein mit 20 internationalen Mannschaften besetztes Turnier, dass die Brasilianer nach einem 1:0 Finalsieg gegen Portugal gewinnen konnten. Wie zwei Jahre zuvor bildeten Clodoaldo und Gérson erneut das Mittelfeldduo der Brasilianer, wobei Gérson nach diesem Turnier aus der Nationalmannschaft zurücktrat.

In den folgenden Jahren konnte Clodoaldo nicht mehr an seine früheren Leistungen anknüpfen, da er zunehmend mit Verletzungen zu kämpfen hatte. Nachdem ihn 1974 bereits eine Muskelzerrung die Teilnahme an der Weltmeisterschaft in Deutschland gekostet hatte, zog er sich 1978 eine schwere Knieverletzung zu, die ihn längere Zeit außer Gefecht setzte.
Clodoaldo spielte noch ein Jahr für Santos, ehe er 1980 in die USA zu den Tampa Bay Rowdies wechselte. Er wurde dort jedoch nicht glücklich und kehrte nach nur einem Jahr zurück in seine Heimat, wo er 1981 seine Karriere beim National FC beendete.

Bis heute gilt Clodoaldo in Brasilien als einer der besten Mittelfeldspieler, die jemals das Trikot des FC Santos und der Nationalmannschaft trugen. Auf internationaler Ebene erfuhr bzw. erfährt er wie sein Vorgänger Zito jedoch für seine Leistungen nie ein solches Maß an Aufmerksamkeit und Anerkennung, wie er es eigentlich verdient hätte…

Marcel Grün, abseits.at

Marcel Grün