Jeden Sonntag wollen wir in dieser neuen Serie einen Blick in die Vergangenheit werfen: Wir spielen sozusagen einen Zuckerpass in den Rückraum und widmen... Wiederholung in Zeitlupe (38) –  Kampf um die „antiken Blumenvase“ (KW 49)

Jeden Sonntag wollen wir in dieser neuen Serie einen Blick in die Vergangenheit werfen: Wir spielen sozusagen einen Zuckerpass in den Rückraum und widmen uns kurz und bündig legendären Toren, Spielen, Fußballpersönlichkeiten, Ereignissen auf oder neben dem Platz und vielem mehr. Wir wollen Momente, Begebenheiten, Biografien im Stile von Zeitlupenwiederholungen aus dem TV nochmals Revue passieren lassen. Zum Anlass nehmen wir hierbei Vergangenes, das in der abgelaufenen Kalenderwoche stattgefunden hat: Heute erinnern wir anlässlich des ersten Finalspiels am 8. Dezember 1935 an den „Tschammerpokal“…

Schale und Pokal

„Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin!“ – dorthin wollen alle deutschen Mannschaften. Der DFB-Pokal ist – neben der Meisterschale – der zweitbegehrteste Ligatitel unsrer nördlichen Nachbarn. Seit 1985 wird das Endspiel im Berliner Olympiastadion ausgetragen. Die Wurzeln des goldene DFB‑„Humpens“ reichen allerdings in wenig schöne Zeiten zurück: Nach Vorbild des englischen Cups ließ Reichssportführer Tschammer von Osten die Deutsche Vereinspokalmeisterschaft einführen. Neben der Viktoria [Anmerkung: damaliger deutscher Meisterschaftspokal] wird es nun auch für die deutschen Vereine eine zweite Trophäe geben, die eines sehr nahen Tages an Bedeutung den Kämpfen um die Deutsche Meisterschaft ebenbürtig sein wird.“, verkündete der NS-Politiker.

Ein Jahr nach der erstmaligen Austragung erhielt die Siegestrophäe den Namen „Von Tschammer-Pokal“, im Volksmund schlicht „Tschammerpokal“ genannt. Die Nationalsozialisten waren zwar vom Fußball nicht gerade begeistert, konnten aber die Beliebtheit des Massensportes nicht mehr eindämmen. Stattdessen versuchten sie den Sport propagandistisch zu nutzen. Im „Tschammerpokal“ sollten sämtliche deutsche Mannschaften aufeinandertreffen, die Gauligisten mussten mitspielen, der Rest durfte. Das Elfmeterschießen war noch nicht bekannt, im Falle eines Remis wurde ein Wiederholungsspiel angesetzt.

Am 6. Jänner 1935 wurde die erste Runde der Deutschen Vereinspokalmeisterschaft ausgetragen. Elf Monate später erfolgte das Finale. Insgesamt sollte der Cup neunmal ausgespielt werden, zweimal konnten mit Rapid (1938) und der Vienna (1943) zwei österreichische Klubs gewinnen. Im Jahre 1935 nahmen über 4000 Mannschaften teil. Für die erste Schlussrunde waren die Gauliga-Meister qualifiziert, es spielten Mannschaften wie Hertha BSC, der Polizeisportverein Chemnitz, Hannover 96, Yorck Boyen Insterburg oder der 1. Hanauer FC 93. Der Hamburger SV, Werder Bremen oder der heutige Rekordmeister FC Bayern München mussten sich auf regionaler Ebene für die Endspiele als würdig erweisen. Im Halbfinale setzte sich schließlich Schalke gegen den Freiburger FC und der 1. FC Nürnberg gegen Waldhof Mannheim durch.

Am Sonntag, dem 8. Dezember 1935, spielte man im Düsseldorfer Rheinstadion schließlich das erste Finale um die „antike Blumenvase“, die so klein war, dass man sie selbst mit einer Hand in die Höhe recken konnte. Vermutlich wäre das erste Endspiel heutzutage nicht einmal angepfiffen worden: Es schneite und der Wind pfiff über den Platz. Die Schalker Mannschaft, die die ersten drei Toptorschützen des Cupwettbewerbes (Kuzorra, Kalwitzki, Poertgen) stellte, galt als Favorit – immerhin waren die Knappen erst vor wenigen Monaten Deutscher Meister geworden. Nürnberg dagegen hatte bereits fünf Meistertitel geholt und war der berühmteste deutsche Fußballklub. 60.000 Zuschauer verfolgten bei widrigen Bedingungen das Match, in dem es den Gelsenkirchnern wegen ihres erschöpften Regisseurs Fritz Szepan nicht gelang, ihren berühmten „Schalker Kreisel“ aufzuziehen. Stattdessen gingen die Süddeutschen nach einem Gestocher im Strafraum in der 46. Spielminute in Führung. Die Königsblauen setzten daraufhin zu einem Sturmlauf an, doch am Ende der zweiten Halbzeit sollte den Nürnberger das erlösende 2:0 gelingen. Der Jubel der Franken kannte keine Grenzen.

Am nächsten Tag wurden die Spieler schon am Bahnhof von ihren Anhängern empfangen, ehe sie sich zu einer rauschenden Siegesfeier und offiziellen Ehrung begaben. Julius Streicher, NSDAP-Politiker und Herausgeber des Hetzblattes „Der Stürmer“, hielt die Rede am Festbankett. Aus sportlicher Sicht witterte die Presse Wachablösung für das berühmten Schalker Kurzpassspieles, tatsächlich sollte die Dominanz der Ruhrpott-Kicker aber noch andauern.

Der „Tschammerpokal“ wurde noch bis ins Jahr 1943 ausgespielt, sein Stifter starb am 25. März diesen Jahres. Das nächste deutsche Cupspiel fand erst 1952 als Match des DFB-Vereinspokals statt. Von Tschammer von Osten blieb nur der tatsächliche Pokal über: Noch in den 60ern wurde er vergeben, ehe er gegen den heutigen „Blumentopf“ ausgetauscht wurde.

Marie Samstag, abseits.at

Marie Samstag

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