Vergangener Sonntag-Nachmittag, halb fünf britische Ortszeit in Westlondon: Dejan Lovren verlässt gerade nach nur 31 Minuten wie ein begossener Pudel den Rasen von Wembley.... Liverpools bekannte Achillesferse: Die Defensive

Vergangener Sonntag-Nachmittag, halb fünf britische Ortszeit in Westlondon: Dejan Lovren verlässt gerade nach nur 31 Minuten wie ein begossener Pudel den Rasen von Wembley. Der Kroate versinnbildlichte perfekt das Geschehen in diesem Spitzenspiel zwischen Tottenham und Liverpool. Die Reds am Boden – defensiv mit den „Spurs“ heillos überfordert, mit individuellen Fehlern und Torchancen der Heimmannschaft am laufenden Band. Natürlich kann man nicht das ganze Defensiv-Desaster einem einzigen (nicht ganz fitten) Spieler in die Schuhe schieben. Beim FC Liverpool passt es hinten schon länger nicht mehr. Und nein – es ist weder Pech noch mangelndes Spielglück oder sind es temporäre Ausrutscher und Fehlpfiffe der Referees. Das unzureichende Defensivverhalten bei den Roten hat schon länger Methode. Deshalb möchten wir heute die Gründe dafür unter die Lupe nehmen.

Ein desaströser Ligastart

Die knallharten Fakten: 16 Gegentore nach neun Liga-Partien. Das ergibt 1,8 pro Match und damit die schlechtes Quote für den Klub zu diesem Zeitpunkt der Saison seit 53 Jahren. Dazu ist man in der Fremde mit 15 Auswärtsgegentoren die Schießbude der Liga. Oder um es etwas zu pointieren: Damit kassierte man um sieben mehr als zwei der drei Klubs, die aktuell die Abstiegsränge einnehmen. Mehr auch noch als Schlusslicht und Prügelknabe Crystal Palace. Egal wie man es dreht und wendet, welche statistischen Hochrechnungen man auch benutzt: Kriegt man das Abwehrverhalten nicht bald wieder in den Griff ist selbst eine Platzierung in den Top-Acht Utopie! Vom selbst auferlegten Minimal-Ziel Champions-League-Platz braucht man gar nicht erst zu diskutieren, selbst wenn vorne der torhungrige Sturm weiter fleißig netzt. Die Offensivqualität kann man nicht mehr gegen die Defensivdefizite aufrechnen. Die „Suárez-Zeiten“ sind vorbei, als es egal war wenn man hinten drei kassierte, weil auf der anderen Seite ohnehin mindestens vier geschossen wurden. Und das Problem jetzt mit Ausreden, weil man bei Tormaschinen á la Manchester City oder Tottenham zu Gast war, klein zu reden, funktioniert auch nicht mehr. Drei Tore gegen Watford oder zwei bei Leicester sind nur die eines Spitze des Eisbergs, neben Unkonzentriertheiten und haarsträubenden Abwehrfehlern am laufenden Band.

Defensiv-Verbund wurde nicht gefestigt

Mehrmals wurde schon thematisiert bzw. kritisiert: Aus der heuer bevorzugten „Back-Five“ verteidigen mit Simon Mignolet, Alberto Moreno, Dejan Lovren und Joe Gomez gleich vier Spieler, die bereits Vorgänger Brendan Rodgers an die Anfield Road holte. Dem wurde bei seiner Entlassung unter anderem das mangelnden Defensivverhalten im blauen Brief attestiert. Seit der Nordire 2012 die Reds übernahm, kassierte bis heute kein anderer Top-Sechs-Klub mehr Gegentore als der FC Liverpool – aktuell steht man seitdem bei insgesamt 249 (1,25 pro Spiel). Manchester United und City halten ebenso wie Chelsea bei knapp unter einem Verlusttreffer pro Spiel, Arsenal und Tottenham bei 1,04 bzw. 1,09. Letzterer jedoch mit starker Tendenz nach unten! Seit Mauricio Pochettino in Tottenham am Zug ist, kassierte man in den drei Saisonen nur mehr 0,79 pro Spiel!

Warum aber Jürgen Klopp nach über zwei Jahren im Amt, inklusiver vier Transferperioden noch immer auf diesen Stamm vertraut (oder vertrauen muss), bleibt sein Geheimnis. Die Zeit wirkt keine Wunder und so wurde der Gegentore-Schnitt auch unter dem Deutschen mit dem vorhandenen Personal nicht merklich gedrückt. Außer Joel Matip sind die nachgerüsteten Defensiv-Verpflichtungen á la Karius, Robertson oder Klavan weiterhin nur Back-Ups. Womit wir schon beim nächsten Punkt wären…

Versagen am Transfermarkt

Tottenham kassierte im Vorjahr nur 26 Gegentore, Manchester City schon gar deren 39 und Liverpool 42. Warum diese drei Beispiele aus der abgelaufenen Saison? Weil die ersten beiden Handlungsbedarf identifizierten und deshalb im Sommer die Defensive gekonnt sowie teuer verstärkten. Selbst in die bereits stabile und beste Innenverteidigung der „Spurs“ wurde um 40 Millionen Euro in Form von Davinson Sánchez weiter investiert. Ein wesentlicher Puzzlestein für die ausgewogene Teambalance, mit der die beiden Top-4-Rivalen den „Reds“ ein weiteres Stück enteilt sind.

Der FC Liverpool verfügt zwar über eine talentierte und flinke Offensivreihe, die auch laufend personaltechnisch verstärkt wird. Dazu über ein Mittelfeld das mal Licht mal Schatten ist, aber vor allem offensiv Akzente setzen kann. Aber man verfügt auch über eine Abwehr, die aktuell keinen Anspruch auf einen Champions-League-Platz in der Premier League hat. Dazu einen Tormann der zwar zuletzt oft über sich hinaus wuchs und für „Big-Saves“ gut ist. Doch andererseits – laut Opta – mit dreizehn Fehlern seit seinem Transfer 2013, mehr Tore als jeder andere Keeper der Liga herschenkte.

Um dies alles weitgehend auszumerzen, ging man im Sommer „All-In“ auf das erklärte Transferziel, bei dem aber Southampton von Anfang an „no“ sagte: Virgil van Dijk. Wenig überraschend scheiterte der Deal – selbst in Liverpool gestand man sich bereits Anfang Juni (!) mit einer offiziellen Entschuldigung bei den Saints das Platzen ein. Trotzdem versuchte man sich danach noch wochenlang im Flirt mit dem Niederländer. Daneben wurde aber keine weitere Innenverteidiger-Option mehr ernsthaft in Betracht gezogen. Zum Deadline-Day war der 26-Jährige dann noch immer in Hampshire und die Reds ohne den benötigten Abwehrstabilisator. Geld war noch da, so wurden knappe 30 Millionen in Alex Oxlade-Chamberlain investiert, einem weiteren Back-Up für die Offensive.

Stabilität in der Hintermannschaft

Mit Jordan Henderson, Georginio Wijnaldum, Emre Can oder zuletzt auch wieder James Milner hat man zwar auf der Sechser-Position die Qual der Wahl an soliden, weitgehend gleichmäßigen Spielern. Doch allzu oft performt der Staubsauger vor der Kette nicht wie gewünscht. Offensive Genieblitze, die ob der individuellen Qualität immer wieder vorkommen, können die teilweise eklatanten Defensivaussetzer und taktischen Stellungsfehler nicht länger kaschieren.

Dazu wurde aus der Not eine Tugend, dass Spieler außerhalb ihrer gewohnten Stammpositionen aushelfen müssen. James Milner machte dies im Vorjahr auf der Leftback-Position ganz passabel. Dass mit Joe Gomez ein junger, gelernter Innenverteidiger den langzeitverletzten Nathaniel Clyne jetzt rechts außen ersetzen soll, ist wieder so ein Beispiel. Gegen Tottenham spielte dann dort lange Zeit der nicht mit der allergrößten Schnelligkeit gesegnete Can, während Alex Oxlade-Chamberlain vor der Abwehr abräumen sollte. Nach Can’s Auswechslung ging Milner zurück auf die rechte Seite der Kette. Schwer vorstellbar ob so eine Ausrichtung schon oft trainiert wurde. Irgendwie wirkt zuletzt immer öfter alles improvisiert als ein vorbereiteter „Plan B“.

Pressing funktioniert nicht mehr

Der Vollgasfußball mit dem Klopp anfangs die Insel verzückte, funktioniert so heute auch nicht mehr. Das Gegenrezept wurde auch in der Vorsaison schon immer öfter gefunden, die Gegner stellen sich auf die „Heavy-Metal-Party“ der „Reds“ ein. Kleinere Teams (oder auch Manchester United auswärts) parken den Mannschaftsbus im eigenen Strafraum und lassen so die ratlos wirkende Pressing-Maschinerie erst gar nicht auf Touren kommen. Dafür geht es bei Ballgewinn schnell vertikal nach vorne, weil der Plan simpel ist: Mit zügigem Umschaltspiel wird die hochstehende, nicht immer sattelfeste Defensivreihe im Tempo überwinden.

Während im Vorjahr in den Duellen gegen die Top-Sechs keiner mehr Punkte machte als die Klopp-Mannschaft, ist man heuer auch gegen die Spitzenteams nicht mehr so effektiv. City und Spurs versuchen seit jäh her und heuer tor- bzw. erfolgreich – ungeachtet vom Gegner – das eigene, schnelle Offensivspiel zu forcieren. Dazu die sich bietenden Fehler auszunutzen und so die „Reds“ gar nicht erst ins Spiel kommen zu lassen. Doch immerhin hat man ja noch die Wohlfühloase „Anfield Road“ – dort kassierte man nämlich nur ein Gegentor in vier Liga-Spielen. Darunter auch Clean-Sheets gegen Arsenal und Manchester United.

Die Hoffnung besteht

Wie eingangs erwähnt, kann die Schuld für die Misere nicht einem Spieler angekreidet werden. Auf der Insel registrierte man aber, den für Jürgen Klopp doch ungewöhnlichen Sager nach dem frühen Wechsel von Lovren interessiert. Dass nämlich mit ihm selbst am Feld – einem 50-Jährigen, der es nie über die deutsche zweite Liga hinaus geschafft hat- die beiden ersten Tore es so nicht gegeben hätte. Dieses vielleicht etwas unfreiwillig herausgerutschte Zitat wird schon als ein erster Hinweis auf den notwendigen Umdenkprozess gedeutet. Zumindest sollten spätestens jetzt die Augen geöffnet worden sein, was Fakten und Beobachtungen schon längst offenbaren: Die Defensive muss schleunigst gestärkt werden. Nur Pushen und Motivieren wird da zu wenig sein. Vielmehr muss kurzfristig vielleicht mit neuen Trainingsformen, am besten sogar mit einem eigenen Defensiv-Coach oder System- bzw. Aufstellungsanpassungen am Spieltag reagiert werden. Ein Danny Ward im Tor würden sich ebenso anbieten, wie ein Trent Alexander Arnold oder Andrew Robertson für die Außen.

Und langfristig wird sich wohl neues Defensiv-Personal nicht vermeiden lassen, um wieder den eigenen hochgesteckten Ansprüchen gerecht werden zu können.

An der Merseyside liegt man Jürgen Klopp immer noch zu Füßen. Die Emotionen und den frischen Wind den der Deutsche in der schon etwas lethargischen Industriestadt entfachte, brachte ihm viel Kredit und Sympathie ein. Kaum ein Trainer repräsentiert den „Liverpool-Style“ so wie der aktuelle Coach. Doch auch er wird am Ende des Tages an Ergebnissen gemessen werden. Wenn die langfristigen Fortschritte ausbleiben, kann es selbst für den „Normal One“ in der windigen Beatles-Stadt sehr ungemütlich werden.

Werner Sonnleitner, abseits.at

Werner Sonnleitner

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