Im Mai 2012 triumphierte der Chelsea FC in der UEFA Champions League und realisierte damit den Traum des Eigentümers Roman Abrahmovic. Dieser Erfolg markierte... Mourinho statt Guardiola: Die ungewisse Frage nach der Philosophie des FC Chelsea

Jose Mourinho (Real Madrid)Im Mai 2012 triumphierte der Chelsea FC in der UEFA Champions League und realisierte damit den Traum des Eigentümers Roman Abrahmovic. Dieser Erfolg markierte aber nicht den Beginn einer Ära, sondern ihr Ende. Nun sucht der Club nach seiner spielerischen Identität.

Es stand nie zur Debatte, dass man den Spielstil, der zum CL-Sieg führte, so nicht fortführen durfte. Zu unübersehbar war, welche Rolle Glück bei diesem Erfolg spielte. Im Finale schoss Bayern über 40-mal aufs Tor, dennoch trafen sie nur ein Mal. Hingegen nutzten die Blues die erste Torchance nach ihrer ersten Ecke der Partie. Auch im Halbfinale hatten sie bereits mit exzellenter Chancenverwertung geglänzt.

Mit der Verbesserung des Spielstils beauftragte Abramovich Roberto di Matteo. Abramovich spekulierte allerdings schon darauf, dass er für die nächste Saison Pep Guardiola verpflichten könnte, weshalb er den Kader auf seine Vorstellungen ausrichtete. Der Club akquirierte mit Kevin De Bruyne, Lucas Piazon, Eden Hazard und Oscar junge, kreative, bewegliche und technisch starke offensive Mittelfeldspieler. Mit Juan Mata und dem schnellen sowie technisch versierten Innenverteidiger David Luiz verfügte die Mannschaft schon über zwei Spieler, die für Guardiolas Vorstellung prädestiniert wären.

Die Saison verlief zwar nicht miserabel, jedoch nicht überzeugend genug, um Di Matteos Amt zu sichern. Er setzte häufig auf Hazard, Oscar und Mata in der offensiven Dreierreihe, was attraktiven Kombinationsfußball bis zu einem gewissen Grad garantierte. Die Probleme lagen vor allem daran, dass die spielfreudige Offensivreihe manchmal nicht genug Zug zum Tor in Form von Läufen durch die Schnittstellen entwickelte, Chelsea kein funktionierendes Gegenpressing praktizierte (was z.B. gegen Atletico Madrid bei der 1:4-Schlappe im europäischen Supercup evident war) und Hazard und Mata nicht immer konsequent defensiv arbeiteten. Letzteres war beispielsweise bei der 2:3-Niederlage gegen Manchester United ein entscheidender Faktor, als Ashley Cole Rafael und Valencia nicht aufhalten konnte, da Hazard ihn nicht unterstützte.

In der Hoffnung auf Besserung entließ Abramovich Di Matteo nach der Pleite gegen Juventus und dem damit verbundenen Ausscheiden aus der Champions League. Rafael Benitez übernahm seinen Platz. Er ließ die Mannschaft etwas rigider agieren. Die freien Pärchenbildungen zwischen der Offensivreihe schränkte er ein, indem er einen Spieler instruierte, sich positionstreuer zu verhalten oder direkt den disziplinierteren Moses aufbot. Mehr Siege errang er damit nicht. Chelsea qualifizierte sich für die Champions League, was jedoch vermutlich auch mit Di Matteo gelungen wäre. Im FA Cup scheiterten sie an Manchester City. Die destruktive Einstellung, die Chelsea am Beginn Benitez‘ Amtszeit an den Tag legte, gab er sukzessive wieder auf, sodass sie höher verteidigten. Im Finale der Europa League errangen die Blues gegen Benfica Lissabon dennoch einen Titel. Defensiv standen sie stabiler als ein Jahr zuvor in München, zudem entfachten ihre langen Pässe mehr Gefahr. Trotzdem offenbarte sich erneut, dass sie in taktischer Hinsicht zu limitiert waren. Sie fanden weder gegen den variablen Spielaufbau noch gegen das hohe Pressing der Portugiesen spielerische Mittel.

Der erklärte Wunschtrainer Pep Guardiola hatte derweil bei Bayern München unterschrieben. Auf der Suche nach einer Alternative wurde man schnell fündig und bemühte sich erfolgreich um den ehemaligen Coach Jose Mourinho.

Diese Konstellation ist ziemlich brisant, da Mourinho sich als Madrid-Trainer als Guardiolas Nemesis inszenierte. Er attackierte ihn und den FC Barcelona permanent über die Presse, um Unruhe zu stiften. Doch Mourinhos Real war auch fußballerisch die Antithese zu Barcelona. Die Katalanen vertrauten auf ruhiges, ballbesitzorientiertes Kurzpassspiel durchs Zentrum, Real konterte mit direktem Spiel über die Flügel. Barca verkörperte die Idee des totalen Fußballs, dass jeder Spieler alles können müsse, während Real um Cristiano Ronaldo sich durch eine klarere Arbeitsteilung auszeichnete.

Daher wirft es Fragen nach Chelseas Konzept auf, wenn sie als Alternative zu Guardiola den komplett gegensätzlichen Mourinho präsentieren. Dass er nun einen Kader, der für Ballbesitzfußball wie geschaffen ist, anführt, zwingt ihn womöglich dazu, seine typische Spielweise umzustellen. Als er Chelsea zum ersten Mal trainierte, forcierte er ein sehr physisches Spiel mit drei kampfstarken Mittelfeldspielern, schnellen Außen und Didier Drogba als Sturmtank. Bei Inter Mailand und Real Madrid entschied er sich für schnellen Umschaltfußball mit Wesley Sneijder bzw. Mesut Özil als kreative Spieler im Zentrum. Im Kader Chelseas tummeln sich mit Hazard, Mata, Oscar und de Bruyne hingegen vier tolle Kreativspieler. Natürlich könnte er einen davon im Zentrum postieren und die anderen anweisen, klassische Außen zu mimen oder direkt Schürrle, Moses oder Ramires dort einsetzen. Aber damit würde er das Potential seiner Auswahl verschwenden. Stattdessen sollte er die freie Fluidität innerhalb einer gewissen Ordnung fördern, damit sich ihr Potential entfaltet.

David Luiz und Ivanovic sind durch ihre Schnelligkeit und Qualität im Aufbau ideale Innenverteidiger für eine aggressiv pressende Ballbesitzmannschaft. Azpilicueta und Cole erfüllen die Anforderungen als Außenverteidiger. Nur im zentralen Mittelfeld mangelt es noch an einem tiefen Spielgestalter à la Luka Modric. Eventuell könnte der junge Holländer van Ginkel in diese Rolle wachsen. Er verfügt über die grundlegenden Fähigkeiten in puncto Passsicherheit, Ballbeherrschung und defensive Antizipation, benötigt aber wahrscheinlich noch Zeit. Eine andere Idee wäre eine 4-1-2-3 -Formation, in der Oscar und de Bruyne die Halbpositionen bekleiden. Sie könnten abwechselnd nach vorne stoßen und ihre Stärke in engen Räumen ausspielen und würden sich ihre defensiven Aufgaben teilen. Zudem hätten sie kürzere Wege zum Flügel, um dort Breite zu offerieren, während Mata und Hazard ins Zentrum ziehen. Absichern würde sie vermutlich Obi Mikel. Außerdem könnte Wayne Rooney als mitspielender Angreifer fungieren, der sich situativ fallen lässt, um seine Kollegen in Szene zu setzen. Mit Lukaku, Torres und Ba gibt es jedoch auch andere Kandidaten dafür, Rooney wäre allerdings technisch allen überlegen.

Mit diesem Spielermaterial könnte man eine der drei besten Mannschaften der Welt kreieren. Allerdings widerspricht die Idee des extrem ballbesitzorientierten und kurzpassbetonten Spiels, die sich durch diese Akteure aufdrängt, fundamental allem, was Jose Mourinho bisher seine Mannschaften lehrte. Ob diese Verpflichtung als Erfolg in Erinnerung bleiben wird, hängt also davon ab, ob er eine Taktik entwickeln und vermitteln kann, die zu diesem Team passt. Es hängt davon ab, ob er sich auf Bewährtes besinnt oder den Mut aufbringt, sich selbst neu zu erfinden. Seine Flexibilität ist mehr denn je gefordert.

Leonard Dung, abseits.at

Leonard Dung

  • Thomas Stieber

    22.Juli.2013 #1 Author

    Wow…. dieser Artikel war großartig
    Richtige Freude sowas lesen zu Dürfen…. Vielen Dank

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  • Held

    22.Juli.2013 #2 Author

    Ein wirklich guter artikel, der die Fragen der kommenden Saison unter Mou gut aufwirft. Er wird wie immer ein schnelles Umschaltspiel spielen lassen, wofür er mMn die richtigen Leute hat.

    Nur eines noch:
    Dass die Bayern 40 mal aufs Tor geschossen haben stimmt so ned ganz.

    http://de.uefa.com/uefachampionsleague/season=2012/matches/round=2000267/match=2007693/postmatch/statistics/

    Chelseas CL-Sieg wird ständig als reines Glück dargestellt, was absolut nicht stimmt. Dass der Spielstil nicht gefallen hat, ist verständlich, aber die Leistung im Semifinale und Finale war trotzdem herausragend.
    Sry, aber es wurmt mich immer wenn ich so etwas lese, vorallem auf einer Taktikseite.

    Trotzdem guter Artikel, ich hoffe da kommt noch mehr ^^.

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  • LD

    22.Juli.2013 #3 Author

    @Held

    Erstmal bedanke ich mich für das Lob und die Kritik.

    Ich bezog mich auf whoscored.com, die 43 Schüsse von Bayern gezählt hatten. Dass die Anzahl so divergiert, liegt daran, dass auf der offiziellen Seite der UEFA die geblockten Schüsse (22) nicht gezählt werden.

    Der Sieg war sicher kein reines Glück, aber ich denke, bei so einem Spielverlauf siegt in vier von fünf Fällen der FC Bayern, obwohl sie keine glasklaren Torchancen kreierten. Die reine Quantität an Chancen sorgt dann im Normalfall dafür, dass mindestens ein Tor fällt (wie es dann auch passiert ist). Dafür dass Chelsea postwendend die erste Torchance verwandelt und Robben einen Elfmeter vergibt, fällt mir keine andere Erklärung ein, als dem Zufall eine wesentliche Rolle zuzuschreiben.

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  • C

    23.Juli.2013 #4 Author

    Freut mich, dass ihr was zu Chelsea bringt. Was Chelsea so n bisschen fehlt is die Extraklasse auf der 6 ansonsten wirklich eine herausragend zusammengestellte Mannschaft wie man es von Abramovich gewohnt ist. Eine Sache muss ich allerdings anmerken Rooney soll Torres technisch überlegen sein? Ich denke das sehen viele anderes

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  • Austriacu

    23.Juli.2013 #5 Author

    „Allerdings widerspricht die Idee des extrem ballbesitzorientierten und kurzpassbetonten Spiels, die sich durch diese Akteure aufdrängt, fundamental allem, was Jose Mourinho bisher seine Mannschaften lehrte. “
    Wie hat er es bei Porto angelegt? Ich kann mich nicht mehr erinnern.

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  • Nader Ben-Abdallah

    17.August.2013 #7 Author

    Chelsea hat durchaus gute und Kreative Spieler im zentralen Mittelfeld die das Team leiten können und mit schönen, kreativen pässen und wuchtigen Weitschüsse grosse Gefahr bringen können. Ich denke da an Lampard und Essien die beide trotz fortgeschrittenem Alter immer noch auf dem Level von hazard, Mata und Oscar spielen und die keineswegs wegen dem Alter unterschätzt werden dürfen.

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