Als ihr Verein darnieder lag kauften die Fans des Portsmouth Football Club den Klub. Kürzlich sind die Blau-Weißen in die dritte Liga aufgestiegen. Vorstandsmitglied... Portsmouth FC und die Basisdemokratie: Der Klub, der den Fans gehört, soll verkauft werden

_England - Flagge

Als ihr Verein darnieder lag kauften die Fans des Portsmouth Football Club den Klub. Kürzlich sind die Blau-Weißen in die dritte Liga aufgestiegen. Vorstandsmitglied Johnny Ertl denkt groß – Traumziel: Premier League. Dazu muss Portsmouth investieren. Ein US-Investor will den Verein kaufen. Ob er darf, wird demnächst entschieden. Von den Fans.

Ostermontag 2017. Europa feiert das Fest der Auferstehung Jesu Christi. In Portsmouth feiert man auch Auferstehung. Besser: Aufstieg. Der Portsmouth Football Club ist aufgestiegen. Das 3:1 bei Notts County stellte den Aufstieg aus der viertklassigen League Two in darüber liegende League One sicher, die Fans enterten den Rasen. Im streng durchregulierten Insel-Fußball sind diese „Pitch Invasions“ längst eine Seltenheit.

Der Aufstieg ist der größte Erfolg seitdem „Pompey“ im Februar 2010 als erster englischer Profiklub überhaupt Konkurs anmelden musste, fremdbestimmt geführt und aus der Premier League abstieg. Umgerechnet 141 Millionen Euro Schulden hatten sich angehäuft, unter anderem wegen eines personell völlig überzogen breiten Kaders, der viel zu viel kostete.

Den finanziellen Turbulenzen folgte der sportliche Niedergang: Portsmouth, 2010 noch im FA-Cup-Finale, stieg 2012 (nun folgte Konkurs Zwei) aus der Championship ab, ein Jahr später ging‘s runter bis in die Viertklassigkeit. Bis zu diesem Zeitpunkt machte der Portsmouth FC weniger auf den Sport- denn auf den Gerichtsseiten der Presse Schlagzeilen: Ein Eigner folgte dem nächsten, niemand brachte den Verein zurück in die schwarzen Zahlen – dafür ging es den Geldgebern bald selbst an den Kragen.

Wladimir Antonow, ein Russe, sowie der Saudi Ali al-Faraj wurden aufgrund der ausstehenden Zahlungen per Haftbefehl gesucht und festgenommen. Dieser Zustand führte zu einem Unikum im milliardenschweren Fußball-Business. Der Traum jedes Fans, jener, dass man selbst Besitzer des Herzensklubs ist, wurde in Portsmouth Realität.

Eine Gruppe Fans schließen sich zusammen und gründen einen Einzahl-Fonds, den „Supporters Trust“, und stellen damit drei Millionen Pfund auf. Privatspenden. Der Traum wird wahr, die Fans kaufen den Portsmouth FC und machen ihn so zum größten britischen Klub der sich in Besitz der Fans befindet. „It’s ours!“ (‚Es ist unserer!“) wird zum geflügelten Motto in der Stadt, die Rettung wird in den Straßen Portsmouth gefeiert wie jetzt der Aufstieg.

Steirischer Local Hero

Einer der mitten drin, ist in der bewegenden Geschichte des Portsmouth FC, ist der Grazer Johnny Ertl. Der Ex-Sturm- und Austria-Kicker wechselte 2012 aus Sheffield zu Pompey, wurde Publikumsliebling und erlag bald selbst dem rauen Charme der Arbeiterstadt-Menschen am Ärmelkanal. Die Fans lieben ihren Johnny und sind froh dass dieser auch nach Beendigung der Karriere da blieb. 2015 wurde er zum Sprecher des „Supporters Trust“, sitzt damit im Vorstand des Teams (Ertl absolvierte eine Schulung bei der Fußballgewerkschaft PFA zur Unternehmensführung im Sportbereich und ist seit 2012 Master Of Business Administration).

Ertl kümmert sich um Öffentlichkeitsarbeit, das Bild, das der Verein nach außen abgibt und ist zuständig für die Kommunikation zwischen Klub und Mitgliedern. „Der Aufstieg bedeutet den Leuten hier unendlich viel. Die Aufbruchsstimmung in der Stadt ist enorm“, so Ertl, der trotz seiner Analysten-Jobs bei Puls4 und DAZN regelmäßig auf die Insel fliegt. Und die Aufbruchsstimmung rund um den Portsmouth FC führt auch zu Veränderungen. Tiefschneidenden. Veränderungen die ein ganz neues Kapitel in der an Auf und Abs nicht armen Geschichte des zweimaligen englischen Meisters (1949, 1950) einläuten dürften. Ausgerechnet der Portsmouth FC, größter sich in Fanbesitz befindlicher Club, steht vor einem Verkauf.

Basisdemokratie beim „gebrannten Kind“

Michael Eisner heißt der Mann der ein Auge auf das Team geworfen hat. Eisner ist Amerikaner und einstiger Geschäftsführer der Walt Disney Company. Eisner leitet heute die Tornante Company, seine eigene Firma. Diese investiert Gelder im Medienbereich sowie im Unterhaltungs-Business und produziert auch selbst.

Doch so einfach wie bei „normalen“ britischen Clubs die in den letzten Jahren von Investoren aus Asien oder Amerika gekauft wurden, wird ein Verkaufs-Prozedere bei Portsmouth nicht ablaufen. „Die Fans sind die aktuellen Besitzer des Clubs. Es wird daher zu einer basisdemokratischen Abstimmung kommen ob Eisners Kaufantrag angenommen wird“, erklärt Ertl der als „Spokesman“ (eben Sprecher) der Share-Holder, sprich Anteilseigner, die strategische Vorgehensweise über hat.

Das Ganze ist kein Prozess von einem einzigen Abstimmungsmeeting sondern wird schon lange geplant. Ertl: „Aktuell trifft sich der Vorstand regelmäßig zu internen Besprechungen wie wir vorgehen, beziehungsweise wie das Kaufangebot von Walter Eisner am besten vermittelt werden kann. Er selbst ist natürlich stets am Laufenden und bringt sich ein. Demnächst wird er mit seiner ganzen Familie in die Stadt kommen. Nähe zu den Fans ist ihm wichtig. Er will angreifbar sein. Transparent arbeiten. Eisner ist kein Chinese der niemals vor Ort ist und den Club nur als Spielzeug betrachtet. Solche Beispiele gibt‘s in England ja.

Die Fans wissen auch schon was dem Verein nun nach dem Aufstieg alles ins Haus steht. Man wird sich verändern müssen. Sich adaptieren. Das sieht wie folgt aus: „Der Fratton Park ist in die Jahre gekommen, die Stadioninfrastruktur muss erneuert werden, vor allem verbessert! In der League One müssen wir eine gute Arbeitsumgebung fürs Team schaffen“, weiß Ertl und ergänzt: „Außerdem werden wir den Kader verstärken müssen. Genau abgestimmt natürlich – denn was ein aufgeblähter Kader zur Folge haben wissen wir. Der Portsmouth FC ist ein gebranntes Kind.“

„Wohin wollen wir?“

Michael Eisner ist der Mann der mittels seiner Finanzkraft diese Vorsätze umzusetzen helfen soll. Denn mit dem Aufstieg in die League One gibt man sich bei Pompey nicht zufrieden. „Wir sind demütig, keine Frage. Wir wissen was in den letzten Jahren hier passiert ist. Aber schau dir die Fanbasis des Clubs an! Da sind wir reif für die Premier League!“

Premier League? Denken Ertl und Co. da nicht etwas überforsch? „Wir gehen Schritt für Schritt vor. Der erste ist geschafft, die Gegenwart heißt Liga 3 – und die Zukunft soll Premiership heißen. Nur muss man sich eben auch fragen: wollen wir das alle?“ Deswegen wird abgestimmt. Am Schluss soll in einem städtischen Gebäude die letzte Abstimmungsveranstaltung abgehalten werden. „Vorher wird sich Eisner wie gesagt noch einmal für alle klar positionieren.“

Der Portsmouth Football Club, dieser Verein mit dem romantischen Stempel „Fanverein“ versehen muss sich demnächst entscheiden wohin der Weg gehen soll. Ertl abschließend: „Wir stehen zu dem was wir sind. Aber das heißt nicht, dass das hier alles nicht noch viel größer werden kann.“

Philipp Braunegger, abseits.at

Philipp Braunegger