Wie schon in den vergangenen Transferfenstern gehen wir in dieser Rubrik auf einzelne fixe Transfers zumeist größerer Vereine ein und beleuchten die Hintergründe und...

Angel di Maria - Argentinien 2Wie schon in den vergangenen Transferfenstern gehen wir in dieser Rubrik auf einzelne fixe Transfers zumeist größerer Vereine ein und beleuchten die Hintergründe und Motive. Wieso holt eine Mannschaft diesen Spieler? Wer ist dieser Spieler überhaupt? Was erwartet sich sein neuer Verein von ihm? Kann er die Erwartungen in seinem neuen Verein erfüllen?

Diese Fragen sollen beantwortet werden. Auch die taktische Perspektive soll nicht zu kurz kommen, immerhin ermöglicht ein neuer Spieler oftmals eine Vielzahl neuer Kombinationen und Synergien, die ebenfalls kurz erläutert werden sollen.

In dieser Ausgabe blicken wir auf den Transfer von einem der unterschätztesten Weltklassefußballer überhaupt, der sich in einem in mehrfacher Hinsicht umstrittenen Wechsel dem kriselnden Topverein Manchester United angeschlossen hat.

Bei Real Madrid verkannt?

Obwohl es aus dem Fanlager zahlreiche kritische Stimmen zu diesem Verkauf gab, so war es lange Zeit ein offenes Geheimnis, dass die Madrilenen Di Maria unbedingt noch in diesem Sommer abgeben wollten. Wieso? In einem Interview gab einer der Funktionäre als Begründung über den Verkauf die erhöhte Anzahl an Marketing und Trikotverkäufen an, die ein Rekordtransfer – diesen Sommer läuft dieser unter dem Namen James Rodriguez – gegenüber Di Maria mitbringt.

Dies zeigt schon in gewisser Weise, wie sehr der sportliche Mehrwert Di Marias ignoriert und unterschätzt wird. Der Argentinier hat in der Vorsaison als Achter im 4-1-4-1 gespielt, der durch seine Ausdauer, Athletik, technische Stärke und Spielintelligenz mit Vertikal- und Diagonalläufen Cristiano Ronaldo auf links unterstützt und Räume für ihn geöffnet hat. Desweiteren spielten sie häufig gegen den Ball asymmetrisch, Di Maria übernahm dann die Position Cristiano Ronaldos, damit der Portugiese offensiv zocken kann.

Ohne Di Maria ist eine solche Spielweise nicht möglich. Dennoch gibt es in England unterschiedliche Meinungen zu diesem Transfer.

Auch in England verkannt?

60 Millionen Pfund zahlte Manchester United für Angel di Maria. Das sind ungefähr 75 Millionen Euro, die sie für den laut Atlético-Trainer Diego Simeone „besten Spieler Real Madrids“ und den Man of the Match des CL-Finals ausgaben. In der heutigen Zeit sind solche Summen nach wie vor exorbitant, wurden aber schon mehrfach gezahlt, ob für Gareth Bale, James Rodriguez oder Luis Suárez. Trotzdem wird in englischen Medien häufig davon gesprochen, dass United zu viel bezahlt hat; teilweise sprechen manche Zeitungen und Foren gar davon, United hätte das Doppelte des Marktwerts gezahlt.

Natürlich muten solche Summen absurd an, insbesondere für einen Spieler, der nie besonders im medialen Fokus und meist im Schatten der anderen Superstars um ihn herumstand. Dennoch muss schlichtweg berücksichtigt werden, dass Spieler wie Modric und Di Maria letztlich spielentscheidend für die CL-Kampagne Reals waren; Bale und Cristiano Ronaldo waren nicht die Spielgestalter und –entscheider, sondern eher die Systemspieler, welche durch ihre besonderen Merkmale (bspw. Athletik und Durchschlagskraft) schlichtweg eine enorme Präsenz in puncto Ergebnisgestaltung und Torerfolge hatten. Fakt ist aber, dass Di Maria weltweit als Spielertyp seinesgleichen sucht.

Der beste Balancespieler der Welt

Als „balancegebend“ versteht man einen Fußballer, der durch seine Bewegungen, Entscheidungen und Aktionen die potenziell negativen Effekte der Aktionen seiner Mitspieler ausgleicht. Beispielsweise kann ein balancegebender Sechser in einer extrem kombinations- und vertikalorientierten Mannschaft einer sein, der sich im richtigen Moment in engen Räumen anbietet und das Spiel horizontaler gestaltet, um Ballverluste zu vermeiden. In einer stark aufrückenden Mannschaft kann es auch ein Akteur sein, der die Vertikalläufe seiner Mitspieler intelligent absichert.

Di Maria ist in dieser Hinsicht einmalig, weil er so viele unterschiedliche Aspekte dieses „Balancegebens“ beherrscht und mit ungeheurer Athletik und Technik verbindet. Er kann gegen den Ball enorm weiträumig agieren, Räume verschließen, schnell Konter des Gegners unterbinden oder für pressende Mitspieler absichern. Offensiv kann er Räume öffnen, Engen auflösen, das Spiel verlagern, eine zusätzliche Anspielstation im richtigen Moment bieten oder sich auch alleine per Dribbling oder tödlichem Pass durchsetzen.

Generell gibt es in der Offensive weniger Balancespieler als in der Defensive, was an der dynamischen, spontanen und variablen Natur des Offensivspiels liegt; nur wenige Spieler wie bspw. Kevin Großkreutz vermögen dies auf höchstem Niveau. Doch kaum einer beherrscht zusätzlich noch das 1-mal-1 des Dribblings und Kombinationsspiels so sehr wie Di Maria. Das macht ihn auch gegen besonders starke Gegner nützlich.

Ein Mann für die großen Spiele

Während manche Weltklassespieler gegen Topmannschaften untertauchen, zum Beispiel auch Di Marias Mannschaftskollege Cristiano Ronaldo, blüht Di Maria regelrecht auf. Viele herausragende Akteure erhalten diesen medialen Status durch ihre sehr auffälligen Leistungen gegen unterlegene Gegner in 80% aller Spiele. Ihre Präsenz rückt sie in den Fokus, während Spieler wie Iniesta oder eben Di Maria häufig in den umkämpfteren Spielern mehr auffallen.

Dies liegt meistens daran, dass hier die Gegner nicht nur spielerisch, sondern auch taktisch deutlich stärker sind. Besonders auf CL-Niveau ist die Kompaktheit enorm groß und die Räume eng; dadurch werden die Angriffssituationen taktisch komplexer und gleichzeitig deutlich dynamischer. Spieler, die primär ihre Athletik in ihren Aktionen nutzen, tun sich hier schwerer; Spielertypen wie Iniesta und Di Maria, wobei letzterer noch in puncto Geschwindigkeit stärker ist, dafür aber technisch nicht ganz so perfekt, leben hierbei jedoch auf und können dann solche Spiele entscheiden.

Diese Mischung aus Technik, Athletik und Intelligenz ermöglicht es ihm auch viele unterschiedliche Positionen zu spielen; für Louis van Gaal und den personell etwas unangenehm bestückten Kader Manchester Uniteds ein Gottesgeschenk.

Ein Allrounder für Manchester United

Offensive Flügelspieler für ein 4-3-3, 4-4-2 oder 4-2-3-1 welcher Umsetzung auch immer, Sechser und Achter in sämtlichen Formationen gehen Manchester United auf allerhöchstem Niveau ab. Valencia und Young entsprechen maximal internationaler Klasse, auf der Sechs und Acht gibt es mit Fletcher und Carrick lediglich zwei defensive Partner für Ander Herrera, ein offensives Verbindungsglied fehlt neben Herrera. Dazu kommen zahlreiche Verletzungssorgen, weswegen Di Maria wohl zu Beginn eher als zweiter Sechser im 5-3-2/5-2-3 Van Gaals auflaufen dürfte. Langfristig ist aber sogar möglich, dass er nach vorne in den Sturm rückt (eine Rolle ähnlich wie Robbens bei der WM) oder auf den Flügel; hier kann er sowohl als Flügelverteidiger im 5-3-2/5-2-3 als auch als Flügelstürmer in einem 4-3-3 spielen.

Durch den Transfer Di Marias eröffnen sich zahlreiche Möglichkeiten für unterschiedliche Formationen. Auch in puncto Spielphilosophie kann Di Maria alles: Ballbesitz, Konter oder eine Mischung davon. Sobald die Verletzten zurück und van Gaals Spielprinzipien verinnerlicht sind, dürfte Manchester United auch dank Di Maria wieder eine wichtige Rolle spielen – wenn bis dahin nicht schon zu viel zu Bruch gegangen ist.

Rene Maric, abseits.at

Rene Maric

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