Am vierten Spieltag der UEFA Europa League gastierte der österreichische Meister Salzburg beim norwegischen Pedanten Rosenborg Trondheim zum „Rückspiel“, nachdem man vor zwei Wochen... Analyse: Salzburger fahren mit Rosenborg Schlitten

Am vierten Spieltag der UEFA Europa League gastierte der österreichische Meister Salzburg beim norwegischen Pedanten Rosenborg Trondheim zum „Rückspiel“, nachdem man vor zwei Wochen in Salzburg aufeinandertraf und die Bullen dieses Spiel problemlos und souverän mit 3:0 für sich entscheiden konnten. Im Rückspiel stand Rosenborg daher schon unter Zugzwang und es musste ein voller Erfolg her, um nicht schon frühzeitig aus dem Rennen um den Aufstieg in die nächste Runde auszuscheiden. Ganz anders war da die Ausgangslage bei Salzburg, die ihrerseits mit einem vollen Erfolg einen großen Schritt in Richtung K.O. Phase tätigen könnten , darüber hinaus aber auch noch wichtige Punkte für die UEFA-Fünfjahreswertung sammeln konnten, um erstmals in dieser Saison die Niederlande zu überholen und den wichtigen 11.Platz zurückzuerobern.

Hilflose Rosenborg-Defensive

Im Vergleich zum Spiel vor zwei Wochen gab es bei den Bullen keine großartigen Veränderungen systematischer Natur und man ging mit der gewohnten rautenförmigen 4-1-3-2 Formation in das Duell gegen den norwegischen Serienmeister. Schlager ersetze im Mittelfeldzentrum Junuzovic, während der Japaner Minamino für Wolf in die Mannschaft rutschte. Die Salzburger machten dabei von Anfang an klar, wie man gedachte, dieses Spiel anzugehen, nämlich ohne eine zögerliche Haltung, sondern stattdessen mit einer Vollgas-Attitüde. Bei gegnerischen Spielaufbau wurde die Norweger schon früh angelaufen und mit der üblichen 2-1 Staffelung versuchte man die beiden Innenverteidiger und den Sechser abzudecken, während ein Achter bei Abspiel auf den Außenverteidiger herausrückte und diesen stellte. Dieses Praxis im Pressingverhalten im Spiel gegen den Ball kann man beim ersten Bild gut erkennen:

Rosenborg im Spielaufbau, Salzburg versucht früh Druck auf den Gegner auszuüben und ihn anzupressen, wobei man mit der 2-1 Staffelung im (Sturm)Zentrum die zentralen Aufbauspieler von Rosenborg abdeckt, während der rechte Achter Haidara nach Pass auf den Außenverteidiger aus seiner Position herausrückt und in Richtung Flügel sprintet.

Die Salzburger versuchten mit ihrer Pressingstrategie nicht stürmisch mit vielen Spielern in der gegnerischen Hälfte zu rücken, sondern mit der Mindestanzahl  an notwendigen Spielern den gegnerischen Spielaufbau zu unterbinden und hohe Abschläge zu erzwingen, damit man bei den langen Bällen im Kampf um den ersten und zweiten Ball gut vorbereitet und organsiert darauf lauern konnte. Dies war nicht immer unproblematisch, wie wir später sehen werden.

Doch zunächst war viel mehr das Ballbesitzspiel gefragt, da man von Haus aus davon ausgehen konnte, dass man einen tiefen und abwartenden Gegner knacken und ausspielen musste. Rosenborg musste sich nach dem schwachen Auftritt in Salzburg klarerweise eine neue Defensivstrategie zurechtlegen, um mehr Gegenwehr auszuüben und kompakter in der Arbeit gegen den Ball zu agieren. Im Hinspiel setze man auf einen hohen Zentrumsfokus und versuchte mit kurzen Abständen untereinander die Mitte dicht zu machen. Dieser Ansatz ging allerdings gehörig schief, da die Salzburger sich einfach anpassten und viel über die Flügel und speziell Lainer angriffen, der seine Freude mit den Norwegern hatte. Im Rückspiel versuchte man es zunächst mit einer 4-2-3-1/4-4-1-1 Formation, wobei die Positionierung von Bendtner überraschte, der auf den linken Flügel aufgestellt wurde. Gegen den offensivstarken Lainer natürlich eine mutige Entscheidung. Man versuchte zumindest situativ etwas höher zu stehen und mehr Druck auf die Salzburger auszuüben, also nicht nur tief hinten zu stehen, weshalb man schon in den Anfangsminuten geschlossen in die Hälfte der Salzburger  aufrückte. Doch schnell kristallisierte sich allerdings heraus, dass dieser Matchplan keine gute Idee war.

Dadurch, dass Rosenborg nämlich mit einer Doppelsechs auflief, hatte man im Mittelfeld ein Problem. Mit Schlager, Haidara und dem zurückfallenden Minamino, hatte man quasi drei Gegenspieler in der Umgebung und war damit in Unterzahl. Man versuchte das von Haus aus damit zu kompensieren, indem die Flügelspieler etwas in die Mitte rückten, um die Halbräume zu schließen. Doch sobald die Rosenborg-Spieler auf eine Seite verschoben, öffnete sich oft der diagonale Passweg für die Salzburger, die dieses Angebot dankend annahmen und in der Anfangsphase die Gastgeber so recht mühelos aufreißen konnten. Oder sie gerieten von Haus aus im Zentrum in Unterzahl, was die andere Alternative war. Diese Problematik kann man auch bei den nächsten beiden Beispielszenen sehen, woraus u.a. dann auch der frühe Führungstreffer der Bullen resultierte:

Beispielszene #1 im Vorfeld des 0:1, Rosenborg versuchte etwas weiter vorne den Gegner zu stellen und ist jetzt in der Rückwärtsbewegung, Gulbrandsen startet in die Tiefe und attackiert die Schnittstelle zwischen den Verteidigern, die dadurch mitgezogen werden, weshalb im Rückraum Platz für Minamino geschaffen wird, der mit einem diagonalen Pass von Lainer im Zwischenlinienraum bedient wird und anschließend zum 0:1 trifft.     

Beispielszene #2 zeigt schön die Problematik von Rosenborgs anfänglicher 4-4-1-1 Formation. Die drei zentralen Mittelfeldspieler der Norweger konzentrieren sich auf die drei zentralen Mittelfeldspieler von Salzburg, weshalb der zurückfallende Minamino im Zwischenlinienraum völlig freisteht und von keine Gegenspieler aufgenommen wird. Daher kann ihn IV Ramalho auch problemlos mit einem Diagonalpass anspielen und die Salzburger danach mit Tempo auf die Abwehr zulaufen.

Rosenborg versuchte sichtlich Lehren aus der letzen Schlappe gegen Salzburg zu ziehen und nicht mehr so eng in der Mitte zu stehen. Das Problem, dadurch öffneten sich eben im Zwischenlinienraum Räume und die Salzburger bespielten diese immer wieder mit Diagonalpässen. Vor allem ein Muster war dabei oft zu sehen, nämlich der in die Tiefe sprintende Gulbrandsen, der die Aufmerksamkeit der Abwehr auf sich zieht, während Minamino oder Dabbur mit der Gegenbewegung entgegenkommen und freistehen, was ja zum 1:0 Führungstreffer der Bullen führte.

Rosenborg reagiert und zeigt plötzlich spielerische Qualitäten

Aufgrund dieser Spielmuster zeigten die Salzburger bereits in der Anfangsphase eine starke Leistung. Nicht nur, dass man wie gewohnt flexibel und dynamisch immer wieder den Gegner problemlos aufreißen und bespielen konnte, auch gegen den Ball konnte man dank des starken Gegenpressings die Bälle immer wieder rasch zurückgewinnen. Da sein Team ziemlich ins Schwimmen kam und die Probleme unübersehbar waren, entschied sich der Rosenborg-Trainer frühzeitig eine Anpassung vorzunehmen und das System umzustellen. Man wechselte zu einem 4-1-4-1, womit man vor allem die horizontale Kompaktheit stärken wollte. Man agierte jetzt quasi mit drei zentralen Mittelfeldspielern bzw. mit einem Sechser vor der Abwehr und statt Minamino wurde jetzt quasi Sechser Samassekou in Ruhe gelassen. Diese Umstellung kann man beim nächsten Bild schön sehen:

Salzburg im Ballbesitz, Rosenborg hat das System nun auf ein 4-1-4-1 umgestellt mit drei klaren zentralen Mittelfeldspielern auf fast einer Höhe und man lässt nun Sechser Samassekou quasi in Ruhe, um stattdessen Minamino (gelber Strich) enger zu markieren und damit ein Vorwärtskommen durch diese Region zu erschweren.

Mit dieser Umstellung bekam Rosenborg das Mittelfeldzentrum zumindest etwas stabilisiert und man wurde nicht mehr so einfach mit Diagonalpässen aufgerissen. Die Bullen mussten dadurch speziell von hinten heraus geduldiger und mit mehr Querpässe agieren und kamen langsamer nach vor, was bereits ein Teilerfolg von den Gastgebern war. Allerdings blieben die Salzburger nach wie vor gefährlich und fanden immer wieder einen Weg in die gegnerische Hälfte, wobei sie es vor allem über die Flügel öfters schafften und sich da speziell Rechtsverteidiger Lainer auszeichnen konnte, der auch aus dem Grund im Spielaufbau oft etwas tiefer stand. Das Positionsspiel war dabei sehr gut strukturiert und die Spieler bewegten sich intelligent und tauschten auch fleißig Positionen, wobei man speziell im linken Halbraum hinter Rosenborg´s Kapitän Jenssen immer wieder erfolgreich eindringen und da eine Schwachstelle ausmachen konnte. Ein sehr gutes Bewegungsspiel zeigte dabei vor allem der Japaner Minamino, der sich nicht nur immer wieder fallen ließ, sondern stetig auch in die Spitze startete – wie auch etwa beim 0:2, als er einen langen Ball von Ramalho forderte, ihn dann technisch hochwertig im Tor unterbrachte und damit frühzeitig einen Doppelpack schnürte.    

Interessanterweise kam dann aber eine recht ordentliche Phase von Rosenborg, in der man etwas besser ins Spiel fand und sich die Umstellungen langsam bezahlt machten. Vor allem im Ballbesitzspiel wurde man plötzlich mutiger und noch sauberer, was zu einigen schönen Ballstafetten führte und man zeigte, dass man in der Lage ist Fußball zu spielen. Es gelang sogar, sich einige Male aus dem Pressing der Salzburger zu befreien, die dadurch zumindest etwas den Zugriff auf den gegnerischen Spielaufbau verloren. Rosenborg nutze dabei das „Unterzahl-Pressing“ der Salzburger aus, indem die beiden Innenverteidiger auffächerten, die Außenverteidiger weit nach vorne schoben und sich konstant zwei und sogar manchmal drei Sechser tiefer aufhielten und versuchten an den Ball zu kommen. Dabei zeigten vor allem die beiden tiefen Sechser ein sehr gutes Bewegungsspiel, wechselten sich immer wieder ab (einer kommt tief, der andere bleibt hoch und umgekehrt) und konnten sich durch diese Gegenbewegung oft freischieben. Dies kann man beim nächsten Bild gut erahnen:

Rosenborg mit einem gut strukturierten Spielaufbau, der Tormann wird mit einbezogen und man bildet mit der Hilfe der beiden IV und des Sechsers eine „Diamantenstruktur“, während die beiden Außenverteidiger hochschieben und zwei Sechser sich im Zentrum freilaufen.

Durch diese Aufbaustruktur und das gewählte Positionsspiel hatte Rosenborg oft acht (!) Spieler in der eigenen Hälfte die versuchten, das Spielgerät in den eigenen Reihen zu halten. Die Salzburger probierten dennoch auch weiterhin mit maximal vier bis fünf Spielern Druck auszuüben, weshalb Rosenborg auch speziell über einen der beiden Sechser immer wieder Lösungen fand und so den Ball in den eigenen Reihen halten und oft nach vorne führen konnte. Daraus resultierte dann auch eine Doppelchance nach etwas mehr als einer halben Stunde, wo man den Anschlusstreffer erzielen hätte können. Doch diese gute Phase dauerte nur knapp zehn Minuten an, die Salzburger legten in der Offensive schnell nach und nahezu im gleichen Muster wie es im Hinspiel oft der Fall war, bekam Lainer auf rechts viel Zeit und flankte zu Gulbrandsen, der das 0:3 markierte. Spätestens da rächte sich die eigenartige Entscheidung Bendtner auf Lainer anzusetzen, der dem Stürmer immer wieder davoneilen konnte und ihm nur so um die Ohren sprintete.

Mit der komfortablen Führung und der klaren Dominanz, schien alles auf Schiene für die Salzburger. Dabei war wieder einmal diese schier unendliche Variabilität im Offensivspiel der Bullen einfach wunderbar mitanzusehen. Man fand eigentlich immer eine Lösung gegen die Aufgaben, die der Gastgeber versuchte zu stellen. Ließ Rosenborg in etwa die Mitte offen, wurde das Zentrum bespielt. Zogen sie sich zusammen, spielte man einfach über die Flügel. Verschoben sie stärker in Richtung Ball und versuchten in ballnähe Überzahl zu schaffen, wechselten die Bullen einfach die Seite und probierten es über den ballfernen Flügel, da sie wussten, dass da der Freiraum sein muss. Die Prinzipien des Positionsspiel sind bei den Bullen mittlerweile so sehr ausgereift, es läuft quasi wie am Schnürchen. Exemplarisch dafür ist diese zunächst „unscheinbare“ Szene, die aber viel über die starke und flexible Offensive aussagt:

Salzburg im Ballbesitz, der Gegner versucht nun stärker auf eine Seite zu schieben und in ballnähe Überzahl zu schaffen. Müssen die Salzburger unbedingt vertikal oder diagonal nach vorne kommen? Natürlich nicht. Die Spieler merken, der Raum auf der Seite ist zu, also spielen wir auch mal in die Breite und wechseln schnell die Seite, um den ballfernen Raum mit einer Spielverlagerung auf Ulmer zu attackieren, der bereits in Stellung läuft.

Rosenborg war mit dieser Variabilität und Offensivpower so sehr überfordert, dass man beinahe Mitleid bekam. Mit dem 0:3 Halbzeitrückstand waren die Norweger sogar noch gut bedient, denn die Salzburger fanden zig weitere gute Situationen vor, die man in noch mehr Treffer ummünzen hätte können. Nach der Halbzeit nahm der Trainer der Norweger dann eine weitere Systemumstellung vor, passte die Formation auf ein 4-1-3-2 an, damit man auf die Salzburger Spielweise besseren Zugriff bekam und quasi das System der Bullen spiegelte. Zumindest wurde das Spiel etwas „ausgeglichener“, wobei die Bullen mit dem raschen 0:4 auch etwas Fahrt aus der Partie nahmen und öfter auf Konter spielte, wodurch Rosenborg zumindest auf etwas längere Ballbesitzphasen kam, dazu noch einige gute Situationen kreierte und letztlich sogar zwei Treffer erzielte. Die Bullen setzen ebenfalls noch einen drauf, weshalb die Partie letztlich mit einem 5:2 Auswärtserfolg für den österreichischen Meister endete.

Fazit

Wie bereits im Hinspiel, zeigten die Salzburger auch im hohen Norden den Norwegern die Grenzen auf und überrollten förmlich die hilflosen Gastgeber. Entscheidend dafür war wie so oft im Spiel der Bullen die große Variabilität im Offensivspiel und dass man immer eine Lösung gegen die Aufgabenstellung des Gegners parat hatte. Durch das starke Positionsspiel und der strukturellen Überlegenheit, konnte man sich eine Dominanz aufbauen, ohne dabei ausrechenbar und statisch zu sein. Egal ob in Sachen Direktspiel mit kurzen Kontakten, klassisches Flügelspiel, raumöffnende Bewegungen in die Tiefe gepaart mit Gegenbewegungen, lokale Überladungen oder schnelle Seitenverlagerungen und attackieren der ballfernen Räume, die Salzburger verfügen mittlerweile über ein großes Repertoire an Angriffsmustern, wodurch man nur sehr schwer auszurechnen ist. Diese strategische und taktische Reife spricht für das hohe Niveau, auf dem sich die Salzburger mittlerweile Bewegen und für die herausragende Arbeit, die das Trainerteam der Bullen leistet.

Dalibor Babic, abseits.at

Dalibor Babic