Wenn das österreichische Nationalteam morgen Abend gegen die Ukraine die Arena Lwiw einweihen wird, dann trifft Marcel Kollers Truppe auf einen Gegner, der am...

Wenn das österreichische Nationalteam morgen Abend gegen die Ukraine die Arena Lwiw einweihen wird, dann trifft Marcel Kollers Truppe auf einen Gegner, der am vergangenen Wochenende viel Selbstvertrauen tanken konnte. Das 3:3-Unentschieden gegen die DFB-Auswahl darf Oleg Blochins Mannschaft als einen großen Erfolg werten, auch wenn die Deutschen bei diesem Spiel experimentierten und ihr System komplett umstellten.

Joachim Löw verzichtete auf sein gewohntes 4-1-4-1-System und stellte auf eine 3-4-1-2-Formation um. Der deutsche Teamchef tat dies aus mehreren Gründen: Einerseits wollte er für die kommenden Gegner weniger berechenbar sein und verschiedene System in petto haben, andererseits könnte es bei der Europameisterschaft Situationen geben, in denen Deutschland die Viererkette auflösen muss, um in der Schlussphase einen Rückstand aufzuholen. Ein weiterer Aspekt dieses Experiments war, dass Löw die Flexibilität der Spieler testen wollte, was erklärt, weshalb er dieses System nicht einmal im Training üben ließ. Die Spieler erfuhren erst bei der Abschlussbesprechung, dass sie mit einer Dreierkette in der Abwehr spielen würden.

Das Experiment ist allerdings klar gescheitert. Auch wenn die Deutschen aufgrund ihrer individuellen Klasse mehr Spielanteile hatten, herrschte eine große Unordnung in der Mannschaft, was insbesondere beim Umschalten nach einem Ballverlust zu sehen war. Die Deutschen hatten außerdem große Probleme in der Defensive, wenn die Flügelspieler der Ukraine das Spiel breit machten. Für Löw ist es schade, dass diese Formation nicht besser funktionierte, denn für die zukünftigen Gegner wird es nach diesem Unentschieden kein großes Rätselraten geben, was das deutsche System betrifft.

 Die Aufstellungen der beiden Mannschaften

 

 

 

 

 

 

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Wie oben beschrieben stellte Löw testhalber auf eine Dreierkette um, die aus spielstarken Abwehrspielern bestand, die das Spiel gut eröffnen konnten. Der deutschen Mannschaft gelang es wie erwartet ein Übergewicht im Mittelfeld herzustellen. Da die Ukraine aber die meiste Zeit über recht tief und sehr kompakt stand, wurden weniger Chancen als erhofft herausgespielt. Das Umschalten nach Ballverlusten in die Defensive funktionierte überhaupt nicht, da sich nicht alle Spieler an der Balleroberung beteiligten und die meisten Akteure nicht rechtzeitig hinter den Ball kamen. Auch wenn sich eine nähere Betrachtung des Experiments durchaus lohnen würde, wenden wir uns jetzt der Ukraine zu, da sie unser morgiger Gegner im Freundschaftsspiel sein wird.

Die Ukraine setzte auf ein 4-1-3-2-System und lief in etwa so auf, wie abseits.at es vor einigen Tagen prophezeite. Rybka stand so wie zuletzt gegen Estland im Tor und absolvierte sein zweites Länderspiel gegen die Ukraine. In der Abwehr-Viererkette spielten wie erwartet die international eher unerfahrenen Butka und Selin auf den Außenpositionen, während neben Abwehrchef Rakitskiy der 29-Jährige Kucher den Vorzug gegenüber Mandzuk und Khacheridi bekam. Im defensiven Mittelfeld absolvierte Tymoshchuk eine ausgezeichnete Partie. Der Bayern-München-Legionär bestritt unermüdlich zahlreiche Zweikämpfe, zeigte ein hervorragendes Stellungsspiel und war in Sachen Einsatz und Moral ein Vorbild für die teilweise recht junge Mannschaft. Im zentralen, offensiven Mittelfeld bekam Bezus das Vertrauen ausgesprochen. Das 21-jährige Talent war mit der Rolle hinter den beiden Sturmspitzen jedoch ein wenig überfordert und einer der schwächsten Spieler auf dem Feld. Dafür sorgten die offensiven Flügelspieler im Mittelfeld der Ukrainer für viel Druck und gaben dem deutschen Team einige Probleme zu lösen auf.

Spieler des Tages: Evgen Konoplianka

Wie vor einigen Tagen im Ukraine-Bericht angesprochen, hat Oleg Blochin ein Luxusproblem im linken, offensiven Mittelfeld. Neben Senkrechtstarter Andriy Yarmolenko drängte sich in letzter Zeit verstärkt der 22-jährige Evgen Konoplianka auf. Der Trainer der Ukrainer hatte die Wahl, ob er Oleg Gusev im rechten Mittelfeld beginnen lässt und dafür auf einen der beiden jungen Flügelspieler verzichtet, oder ob er Yarmolenko auf die rechte Seite stellt. Abseits.at favorisierte die zweite Variante, da sich Konoplianka in einer bestechenden Form befindet und für mehr Dynamik und Überraschungsmomente sorgen kann. Oleg Blochin sah es genauso und diese Entscheidung erwies sich als goldrichtig, denn Konoplianka machte auf der linken Seite mit Träsch und Boateng was er wollte, erzielte nach einem sehenswerten Solo den Treffer zum 2:0 und sorgte auch ansonsten ständig für große Gefahr. Yarmolenko zeigte ebenfalls eine anständige Leistung, auch wenn er im Schatten von Konoplianka stand. Oleg Blochin wird sich jedenfalls freuen, dass diese Umstellung im Mittelfeld erfolgreich war.

Stärken und Schwächen der Ukraine

Die Ukraine fuhr gegen das deutsche Nationalteam brandgefährliche Konter und schaltete blitzschnell nach einem Ballgewinn in der eigenen Hälfte um. Gleich zwei Treffer fielen nach Eckbällen der deutschen Nationalmannschaft, die mit der Kontertaktik der Ukrainer große Schwierigkeiten hatte. Die Ukraine zeigte eine kämpferisch starke Leistung und stand trotz der drei Gegentore die meiste Zeit über kompakt. Die Mannschaft von Oleg Blochin zog sich insbesondere in der zweiten Halbzeit weit zurück, stand tief und verzichtete auf Ballbesitz. Der österreichische Teamchef Marcel Koller wird sicherlich mit einer defensiveren Grundausrichtung als Löw spielen, weshalb bei gegnerischen Konterchancen (hoffentlich) mehr Spieler hinter den Ball kommen werden, als bei den Deutschen. Die Ukraine wird sich gegen Österreich nicht mehr auf ein reaktives Spiel beschränken können, sondern selbst das Heft in die Hand nehmen müssen und das Spiel gestalten. In dieser Hinsicht dürfen wir ein komplett anderes Spiel erwarten – wir werden sehen, wie die Ukraine mit dieser Aufgabe zurechtkommt.

Während Tymoshchuk und Konoplianka die mit Abstand auffälligsten Spieler waren, machten Bezus und Tormann Rybka eine unglückliche Figur. Gegen Österreich wird deshalb vermutlich der offensive Mittelfeldspieler Sergiy Nazarenko den enttäuschenden Bezus ersetzen, der allerdings einen Platz im Sturm bekommen könnte, da Shevchenko Rückenprobleme hat und gegen Österreich fraglich ist. Das im vorigen Artikel angesprochene Tormannproblem wurde auch gegen Deutschland deutlich, denn Rybka strahlte wenig Sicherheit aus und muss besonders den Ausgleich zum 3:3 auf seine Kappe nehmen. Der Schuss von Müller war zwar ein wenig verdeckt, ging aber mitten aufs Tor. Wir werden sehen, ob Blochin gegen Österreich weiterhin dem 24-jährigen Tormann sein Vertrauen ausspricht. Das 3:3-Unentschieden gegen Deutschland wird dem ukrainischen Nationalteam, das in diesem Jahr schon einige Enttäuschungen einstecken musste, sicherlich Auftrieb geben.

Nach dem Spiel gab es übrigens ein großes Verkehrschaos und zahlreiche Menschen steckten lange in der Nähe des Stadions fest. Die wichtigsten Straßen rund ums Olympiastadion von Kiew waren abgesperrt und die U-Bahnen fuhren nicht mehr. Auf die Frage, weshalb man die Züge an Matchtagen nicht länger fahren lassen kann, bekamen Journalisten die Antwort, dass sie für so große Menschenmassen sowieso nicht geeignet wären. Dieser Abend war also schon ein kleiner Vorgeschmack darauf, was die Fans bei der Europameisterschaft erwarten wird.

Stefan Karger, www.abseits.at

Stefan Karger

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