Jahrelang befand sich der kolumbianische Fußball im Umbruch, aber 2014 in Brasilien setzten „Los Cafeteros“ mit der Qualifikation fürs Viertelfinale der WM ein Ausrufezeichen.... WM-Analyse Kolumbien: Ein Star, ein Knipser und richtig gute Innenverteidiger

Jahrelang befand sich der kolumbianische Fußball im Umbruch, aber 2014 in Brasilien setzten „Los Cafeteros“ mit der Qualifikation fürs Viertelfinale der WM ein Ausrufezeichen. Dies soll auch heuer wieder gelingen, auch wenn einige Stammspieler der Kolumbianer zuletzt eine persönlich harte Saison hinter sich bringen mussten.

Langzeittrainer José Néster Pékerman, gebürtiger Argentinier, 68 Jahre alt und ein ehemaliger Top-Nachwuchstrainer, setzt in seiner aktuellen Mannschaft auf unterschiedliche Ausrichtungen. Jeweils mit Viererkette, jeweils mit flexibler Mittelfeldzentrale, aber in leicht veränderlichen Systemen. Das 4-4-2 ist die Grundformation, die Kolumbien in praktisch allen Spielsituationen nicht verlässt, allerdings sahen wir in den letzten Wochen und Monaten auch 4-1-4-1- oder 4-2-3-1-Varianten. Aktuell dürfte aber eine neue Form dieser Varianten die Oberhand gewinnen und es ist wahrscheinlich, dass wir Kolumbien in einem 4-4-1-1 sehen werden, wobei der Superstar des Teams, James Rodríguez, den Freigeist geben wird.

Die Tests vor dem Turnier verliefen mäßig befriedigend. Gegen Ägypten und Australien gab es jeweils torlose Unentschieden, allerdings konnte Kolumbien Ende März die Franzosen mit 3:2 besiegen. Daraufhin kam im südamerikanischen Land zwischenzeitlich Euphorie auf, auch weil die Franzosen in Bestbesetzung spielten und nicht außerordentlich viel durchwechselten. Noch dazu führte die Equipe Tricolore bereits mit 2:0, ehe Tore von Muriel, Falcao und Quintero das Spiel noch drehten. Auf die WM hat dieses Monate zurückliegende Testspiel aber bestimmt keine Auswirkung.

Praxis-Problem beim Schlussmann

Es ist sonnenklar, dass der 29-jährige David Ospina vom FC Arsenal bei der WM der Tor der Kolumbianer hüten wird. Wirklich ideal ist dies nicht, da Ospina in London die klare Nummer Zwei hinter Petr Cech ist – und das seit mittlerweile drei Jahren. In der abgelaufenen Saison durfte Ospina aber immerhin in der Europa League und den Pokalbewerben ran, was ihm insgesamt 21 Einsätze einbrachte. Dennoch ist der fehlende Rhythmus als problematisch zu betrachten. Bei einer WM muss man eben sofort funktionieren. Wir denken, dass Ospina – obwohl er ein insgesamt guter, wenn auch mit 183cm kleiner Keeper ist – bei der WM für „Böcke“ gut ist. Seine Ersatzleute Vargas und Cuadrado kommen aber klarerweise nicht an ihm vorbei.

Zukünftige Weltklasse-Innenverteidigung

Die Innenverteidigung der Kolumbianer ist womöglich nicht jedermann ein Begriff, besteht aber aus zwei Spielern, die in den nächsten Jahren in die absolute Weltspitze vorstoßen können. Der 23-jährige Yerry Mina ist 195cm groß und spielt für den FC Barcelona, wo er im Frühling unterschrieb, bisher aber noch in der Eingewöhnungsphase ist. Neben ihm spielt der ein Jahr jüngere Davinson Sánchez, der vor einem Jahr von Ajax Amsterdam zu Tottenham wechselte und sich in London sofort durchsetzen konnte. Zwar hat er noch sechs Jahre Vertrag bei den Spurs, aber es ist nur eine Frage der Zeit bis er von einem der größten Klubs der Welt aus ebendiesem herausgekauft wird – dann womöglich für die höchste Summe, die je für einen Innenverteidiger bezahlt wurde. Die beiden bringen alle Anlagen für ein Klasse-Duo mit – einzige Ausnahme ist die fehlende Routine. Zusammen kommen sie gerademal auf 21 Länderspiele, während der erste Ersatzmann Cristián Zapata alleine bei 55 Länderspielen steht.

Schmerzlicher Ausfall schwächt linke Seite

Die Verletzung von Boca-Juniors-Linksverteidiger Frank Fabra kurz vor dem Turnier schmerzt Pékerman besonders. Er hätte eine wichtige Rolle eingenommen, wird nun aber von Johan Mojica ersetzt werden, der nicht so komplett ist wie Fabra, obwohl er bereits in La Liga bei Girona spielt. Die Stärken der Kolumbianer liegen auf der rechten Seite, wo der spielstarke Santiago Arias von der PSV Eindhoven gesetzt ist. Der 26-Jährige ist bereits seit längerer Zeit im Team gesetzt und kann das Spiel perfekt lesen. Arias gilt als Spieler, der ein Gespür für Situationen hat und könnte in der unerfahrenen Viererkette noch dazu so etwas wie eine mentale Führungsrolle einnehmen.

Hohe Intensität, aber Entscheidungsschwächen in der Zentrale

In der Mittelfeldzentrale Kolumbiens ist unverändert Carlos Sánchez von Espanyol Barcelona gesetzt. Der mittlerweile 32-Jährige ist äußerst routiniert, verliert kaum Bälle und erobert viele. Ausbaufähig ist jedoch die schnelle und präzise Weiterverarbeitung, die eher dem Nebenspieler zukommen wird. Der solide Boca-Juniors-Akteur Wilmar Barrios wird dies nicht sein, weil das Mittelfeld sonst wohl zu defensiv wäre. Somit ist der zweite Platz in der Zentrale noch völlig offen. Gegen schwächere Gegner dürfte Mateus Uribe vom mexikanischen Klub CF America die besten Karten haben. Sind die Gegner aber offensiv stark, werden eher der 23-jährige Jefferson Lerma von Levante oder der 33-jährige Routinier Abel Aguilar von Deportivo Cali zum Einsatz kommen. Sollte James Rodríguez am linken Flügel spielen, was ebenfalls im Rahmen des Möglichen ist, könnten sogar zwei dieser drei Spieler auflaufen, wodurch das System zu einem 4-1-4-1 werden würde. Zwar hält jedes der denkbaren Gespanne die Intensität auf der Zentralachse hoch, allerdings wird Kolumbien mit diesem Mittelfeld gegen stärkere Gegner Probleme bekommen.

Offensive Flügel mit unterschiedlichen Qualitäten

An den Flügeln ist die Besetzung klar abgesteckt. Rechts spielt der wieselflinke und trickreiche Juan Cuadrado von Juventus Turin, der bereits 70 Länderspiele auf dem Buckel hat und 30-jährig in seine zweite WM geht. Links wird Sevilla-Angreifer Luis Muriel spielen, auch wenn er bei Sevilla ausschließlich im Sturm-Zentrum spielte. Im Nationalteam spielt er häufiger auf links, konnte dort nicht immer überzeugen, aber Pékerman schwört auf diese Idee. Der Zug zum Tor ist natürlich dennoch vorhanden. Alternativen wären eine Positionsrochade von James oder Brighton-Linksaußen José Izquierdo.

Freigeist James und Knipser Falcao als Top-Angriffsduo

Ein Freigeist und ein Knipser – das sind nicht nur die Stars, sondern unterm Strich auch die großen Hoffnungsträger der Kolumbianer. James Rodríguez, mittlerweile beim FC Bayern unter Vertrag, war der aufgehende Stern der letzten Weltmeisterschaft. Er ist amtierender WM-Schützenkönig und verzückte 2014 das Publikum mit seinen Dribblings und präzisen Abschlüssen. Seitdem reifte der einzige Kolumbianer mit sechs WM-Toren bei Top-Klubs weiter heran und ist der Star im Verbindungsspiel der Südamerikaner. Vor ihm spielt Radamel Falcao, der als echter Brecher zu bezeichnen und auf Flanken bzw. allgemein gute Zuspiele angewiesen ist. Falcao sucht Situationen, in denen er nur einen Ballkontakt braucht und spielt extrem zielgerichtet. Die Spitze der Kolumbianer ist also perfekt ausgestattet, wird aber auch stark von der Kreativität ihrer Hinterleute abhängig sein.

Nachwuchs als Pékermans Parade-Disziplin

Der 68-jährige José Néstor Pékerman stieg eigentlich erst im Jahr 2004 so richtig ins Profi-Trainergeschäft ein. Davor war er vor allem in der Nachwuchsarbeit tätig. Der dreifache U20-Weltmeister hat auf Profiebene noch keine großen Erfolge aufzuweisen, passt aber gut zur kolumbianischen Nationalelf, die er 2014 ins Viertelfinale führte. Pékerman ist nicht für gewagte Experimente, sondern viel mehr für kühles Analysieren des Gegners und entsprechende Maßnahmen bekannt. Ein guter Trainer mit Erfahrungen, wie sie andere Coaches nie sammeln durften.

Die abseits.at-Einschätzung

Kolumbien ist nicht von vorne bis hinten das Top-Team, wie man es unmittelbar nach der letzten WM vielleicht vermuten konnte. Die Elf hat sich nur marginal weiterentwickelt, dafür aber starke neue Innenverteidiger hervorgebracht, die ein enorm wichtiger Baustein sein werden. Die Wiederholung des Erfolgs von 2014, ein Einzug ins Viertelfinale, wäre heuer ein Riesenerfolg. Die Gruppe sollte für Kolumbien zu überstehen sein, aber ab dem Achtelfinale wird es ganz eng.

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen