Das zweite Achtelfinale der WM 2014 beginnt erbauend. Erfahre ich doch, dass das Maracanã (offiziell: Estádio Jornalista Mário Filho)tatsächlich nach einem Sportjournalisten benannt ist!... Die WM und ich – Achtelfinale: Kolumbien gegen Uruguay

James Rodriguez - KolumbienDas zweite Achtelfinale der WM 2014 beginnt erbauend. Erfahre ich doch, dass das Maracanã (offiziell: Estádio Jornalista Mário Filho)tatsächlich nach einem Sportjournalisten benannt ist! Forza Samstag-Arena, denke ich mir da. Jetzt stehen aber zunächst Kolumbien und Uruguay im Vordergrund. Fast alle sind sich einig, dass die „Urus“ klare Außenseiter sind. Da hilft es auch nichts, dass die „Charrúas“ in hautengen Trikots stecken. Keiner von ihnen verwandelt sich an diesem Abend in einen Arjen Robben.

Nach 90 Minuten steht es 2:0 für Kolumbien und die schwachen Uruguayer sind ausgeschieden. Es fehlte nicht nur am vielzitierten „Biss“: Die Nichtanwesenheit von Luis Suarez konnten Cavani und Co. nicht kompensieren, zudem sind die Kolumbianer einfach die technisch- und taktisch bessere Mannschaft. So steht eines der flexibelsten WM-Teams im Viertelfinale und trifft dort auf Gastgeber Brasilien. Schon zuvor haben die Cafeteros überzeugt und eine starke Gruppenphase gespielt: Flexibel und schnell. Daheim im Norden Südamerikas hat kaum ein Kolumbianer gedacht, dass seine Nationalmannschaft so überzeugend auftreten würde.

Denn für die Südamerikaner ist Brasilien ’14 erst die fünfte Endrundenteilnahme. Qualifiziert haben sie sich mit Hilfe eines Argentiniers knapp hinter den Gauchos: José Pekerman und sein Trainerstab sind im Moment wohl die beliebtesten Ausländer in Kolumbien. Staatspräsident Santos hat „seinem“ Trainer aus Dankbarkeit schon die Staatsbürgerschaft nahegelegt. Warmherzige Beifallsbekundungen aus Bogotà und der Provinz nahm Pekerman bisher entgegen, so titelte „El Tiempo“: „Pure Magie“.

Vor mehr als zwei Jahren hat der argentinische Ex-Profi die Kolumbianer übernommen und jetzt grassiert das „Gelbfieber“ am Zuckerhut. Bazillus maximus ist dabei James Rodriguez, von seinen Landsleuten spanisch „Cha – mes“ gerufen. Der Mittelfeldakteur macht Falcao, den verletzten Wunderstürmer der Cafeteros, vergessen und ist der Motor des technisch-beschlagenen Teams.

Libertad y Orden ¿ – Freiheit und Ordnung ?

Kolumbien – 46 Millionen Einwohner verteilt auf 1,13 Millionen km² leben in der südamerikanischen Republik. Seit rund 50 Jahren herrscht ein blutiger Bürgerkrieg zwischen der Polizei und links- sowie rechtsgerichteten paramilitärischen Bündnissen oder Guerillabanden, von denen einige mit der Drogenmafia verbündet sind. Etwa 200. 000 Menschen sind bereits ums Leben gekommen. Das Drogengeschäft boomt und erwidert die staatliche Bekämpfung mit Gewalt und Entführungen.

Selbst jetzt stimmt das erfolgreiche Wettkampfprogramm der Los Cafeteros nicht alle Landsleute friedlich. Den agierenden Konfliktparteien ist genauso egal, ob Kolumbien ins Viertelfinale aufsteigt, wie es für sie eine Rolle spielt, ob Zivilisten durch Landminen oder beim “Drive-by-Shooting” erschossen werden. 1930 hatte man den Zuschauern vor dem Finale der ersten Fußball-WM noch sämtliche Revolver abgeknöpft, da vor allem die Fans der argentinischen Gauchos gerne Freudenfeuer aus ihren Pistolen abschosssen. Jetzt werden auf den Straßen Bogotás diese Zwischenfälle als Vertuschung politischer Morde verwendet. Zwar herrscht in der Zivilbevölkerung weitestgehend Partystimmung, die angespannten Verhältnisse lassen sich allerdings nicht so einfach “wegfeiern”. Immer wieder kommt es zu Massenschlägereien und gewalttätigen Auseinandersetzungen.

Die Drogenmafia hat Kolumbien seit Jahrzehnten im Griff. Selbst der Doppeltorschütze von Samstag, James Rodriguez, ist indirekt mit dieser verbunden. So soll er von einem Pablo-Escobar-Geschäftspartner entdeckt und gefördert worden sein, Familienmitgliedern fielen dem Bandenkrieg zum Opfer. Jetzt ist der 22-jährige Mittelfeldspieler der legitime Nachfolger von Carlos Valderrama und DAS Gesicht der Kolumbianer bei dieser Endrunde. Vor drei Jahren schon hatte der Jungspund seinen großen Auftritt bei der heimischen U-20-Weltmeisterschaft, auch damals schafften es die Jung-Cafeteros bis ins Viertelfinale. Dort war dann aber Endstation – das soll heuer anders sein. Valderrama, auf dessen Lockenpracht wahrscheinlich selbst Herbert “Schneckerl” Prohaska eifersüchtig wäre, gibt sich diesmal zuversichtlich.

James, der Schames

Rodriguez erstes Tor in diesem Achtelfinale war unglaublich und ist Anwärter für das schönste Goal des Turniers. Der Bursche hält, was er verspricht und spielt auch gegen Uruguay so sensationell wie in den vorangegangenen Partien. Mit fünf Toren liegt er auf Platz 1 der Torschützenliste, er hatte aber auch bei den restlichen Treffern der Kolumbianer seine Füße im Spiel. James – „Cha-mes“ ist zudem der Schammes der Cafeteros. Jene Bezeichnung, die vom hebräischen Wort für Synagogendiener kommt, wird im Wienerischen als Synonym für Lakai benutzt.Rodriguez dient den „Gelben“ als Vorlagengeber und Initiator. Fast jede Offensivaktion läuft über den flexiblen Mittelfeldmann ab. Auch im Defensivbereich steht der 22-Jährige erfolgreich seinen Mann, offensiv hat er alle Qualitäten eines Weltklassespielers. Schammes-James ist die „Entdeckung“ der Fußball-WM und Kolumbiens neues Aushängeschild.

Marie Samstag, abseits.at

Marie Samstag

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