Saudi-Arabien ist einer der größten Underdogs der WM und zugleich eine der ersten Mannschaften von denen man sich in Russland ein Bild machen kann.... WM-Teamanalyse Saudi-Arabien: Underdog mit Charme

Saudi-Arabien ist einer der größten Underdogs der WM und zugleich eine der ersten Mannschaften von denen man sich in Russland ein Bild machen kann. Das Eröffnungsspiel wird zu einer schwierigen Nagelprobe für die Saudis.

In den Tests machten die Saudis einen engagierten, aber auch spielerisch wenig spektakulären Eindruck. Allerdings sorgte die Elf des Spaniers Juan Antonio Pizzi zuletzt für einen Achtungserfolg: Gegen Deutschland verlor man die Generalprobe für das Turnier nur mit 1:2. Zuvor gab es Niederlagen gegen Peru (0:3) und Italien (1:2). Auch wenn das Auswendiglernen der Namen eine Herausforderung sein dürfte, analysieren wir die Mannschaft Saudi-Arabiens im Detail.

Das große Problem mit den exotischen Keepern

Der 31-jährige Keeper Abdullah Al-Muaiouf ist einer von neun Kaderspielern des saudischen Meisters Al-Hilal Riad. Spielerisch ist er dem WM-Niveau nicht gewachsen und auch seine Strafraumbeherrschung könnte deutlich besser sein. Da und dort zeigt er eine gute Parade, in anderen Situationen aber auch eine sinnlose. Nichts desto trotz ist er immer zumindest aktuell der beste Keeper seines Landes, wenn auch keiner, der bei einem europäischen Top-Klub bzw. auch bei Mittelständlern einen Stammplatz hätte.

Die Hawsawi-Show

Das Zauberwort in der saudischen Innenverteidigung ist Hawsawi. Denn drei der vier zum Turnier mitgenommenen Innenverteidiger heißen so und zwei dieser drei sind gesetzt. Kapitän ist der 34-jährige Osama Hawsawi, der ein knappes halbes Jahr für Anderlecht spielte und jetzt wieder bei Al-Hilal unter Vertrag steht. Neben ihm spielt der abräumende Motaz Hawsawi. Der Spielaufbau läuft über Osama Hawsawi und dann nur selten durch die Mitte. Gegen den Ball agiert die saudische Innenverteidigung aber durchaus gefällig, auch weil die physische Komponente für die Akteure spricht – spielerisch darf man sich keine Wunderdinge erwarten.

Probieren wir einfach mal etwas aus!

Auf den Außenverteidigerpositionen im saudischen 4-2-3-1 spielen zwei Linksverteidiger. Auf der linken Seite ist Mansour Al-Harbi gesetzt, der gerne mal Ausflüge nach vorne macht, wobei es interessant zu sehen sein wird, ob er sich das auch gegen Uruguay oder Ägypten traut. Hohe Ballverluste sind bei ihm nämlich keine Seltenheit und das könnte den Trumpf der Saudis – nämlich eine gut strukturierte Abwehr – schnell mal torpedieren. Rechts spielt Yasir Al-Shahrani, der ein klassischer Linienverteidiger ist und einen kleinen, aber feinen Aktionsradius recht gut bespielt und auch gerne mal eine Halbfeldflanke zur Mitte bringt. Defensiv ist die rechte Seite etwas solider, allerdings werden beide Außenverteidiger Probleme mit schnellen, trickreichen Flügelspielern bekommen.

Kontrolle ist alles

Der wichtigste Mann in der Mittelfeldzentrale der Saudis ist der 130-fache Nationalspieler Taisir Al-Jassim, der die Schaltzentrale des Teams ist. Er ist nur schwer aus der Ruhe zu bringen, pressingresistent und durchaus mit Übersicht ausgestattet. Er ist der Boss in der Schnittstelle zwischen Defensive und Offensive. Demnach spielt neben ihm natürlich ein rustikaler Spieler – entweder der laufstarke Abdullah Ateef oder der körperlich etwas robustere Abdulmalek Al-Khaibry. Beide spielen für Al-Hilal, im Nationalteam ist aber nur für einen der beiden nicht gerade gesegneten Techniker Platz. Denn auf der Zehn ist voraussichtlich Yahya Al-Shehri fix eingeplant. Der nur 162cm große Kreativspieler, der sich extrem viel und flink bewegt, wurde zuletzt sogar für ein halbes Jahr vom spanischen Verein Leganés ausgeliehen, kam aber zu keinen Einsätzen. Zuvor wurde er von Al-Ettifaq zu Al-Nasr transferiert und war dabei mit fast zehn Millionen Euro Ablöse einer der teuersten saudischen Spieler aller Zeiten. Der ein Jahr ältere Hattan Babhir ist eine weitere Alternative für die Zehn, aber in der Hierarchie knapp hinter Al-Shehri. Das zentrale Mittelfeld ist sicher das Prunkstück der Araber, wobei der Sechser Al-Jassim und der Zehner Al-Shehri sicher die Spieler sind, die am ehesten ins Auge stechen.

Ein paar Minuten Primera División

An den Flügeln ist ein „Spanien-Doppel“ zu erwarten. Links spielt der gute Dribbler Fahad Al-Muwallad von Levante. Der 23-Jährige ist sicher der torgefährlichste, weil technisch unberechenbarste Akteur der Saudis und kam sogar zu zwei Kurzeinsätzen in La Liga. Rechts spielt der 26-jährige Salem Al-Dawsari, der sein Geld bei Villarreal verdient und in La Liga in einer Partie eine halbe Stunde mitwirken durfte. Ihn zieht es etwas stärker zur Mitte als Al-Muwallad, aber beide sind trickreich und durchaus für ein erfolgreiches Eins-gegen-Eins gut. Defensiv fehlen den beiden allerdings Welten auf WM-Durchschnitt und auch das tiefe Pressing der Saudis liegt ihnen nicht wirklich. Es gibt noch diverse Alternativen für die Flügelposition, so etwa der nominelle Achter Salman Al-Faraj für die rechte Außenbahn, aber er und viele andere sind eher blasse Akteure.

Vorbereitung bei den Roten Teufeln

Es ist durchaus möglich, dass Saudi-Arabien ohne echten Stürmer spielt, sondern die bereits genannten Spanien-Legionäre in der Spitze aufbietet, um dann auf die Flügel abzukippen. Wenn man sich für einen echten Neuner entscheidet, dann wohl am ehesten für den 31-jährigen Mohammed Al-Sahlawi, der in 38 Länderspielen 28 Tore erzielte und wie ein Irrer die gegnerischen Reihen anbohrt. Vor der WM trainierte er drei Wochen bei Manchester United mit, um sich auf das Turnier vorzubereiten. Es ist also durchaus wahrscheinlich, dass wir ihn in allen drei Partien sehen werden, womöglich aber nur als Joker. Auf großer internationaler Bühne konnte er sich – wie auch sein mannschaftsinterner Konkurrent Muhannad Asiri – noch nie beweisen.

Spanischer Coach mit argentinischen Wurzeln

Der Trainer der Saudis und Nachfolger von Bert van Marwijk ist Juan Antonio Pizzi, der zuvor die chilenische Nationalelf betreute und unter anderem auch schon Trainer des FC Valencia war. Die beiden Grundformationen, das 4-2-3-1 und das 4-3-2-1, hat Pizzi in seinen neun Spielen als Trainer der Saudis recht gut etabliert und gegen den Ball wirkt seine Mannschaft weitgehend solide. So konnte man im Zuge der Vorbereitung sogar Siege gegen Griechenland und Algerien einfahren. Es gäbe sicher schlechtere Teamchefs für diese ambitionierte Mannschaft.

Die abseits.at-Einschätzung

Saudi-Arabien spielt in dieser Konstellation schon lange zusammen und ist als Truppe eine Einheit. Der Underdog kann sicher für ein paar positive WM-Momente sorgen, ist hinten schwer zu knacken und in der Zentrale nicht schlecht aufgestellt. Für uns ist diese Mannschaft ohne Druck kein „Nullpunkter“ und wir glauben sogar an eine Außenseiterchance im Eröffnungsspiel gegen Russland.

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen