Der ursprüngliche Plan in und um Bremen zwei Spiele an diesem Samstag wurde zu Gunsten einer Fahrt in die Hansestadt Hamburg verworfen, denn dort... Groundhopper’s Diary: Auf der Suche nach dem wahren Fußball (6)

Der ursprüngliche Plan in und um Bremen zwei Spiele an diesem Samstag wurde zu Gunsten einer Fahrt in die Hansestadt Hamburg verworfen, denn dort konnte man nicht nur der zweiten Mannschaft des HSV in der Regionalliga Nord, sondern auch dem Altonaer FC 1893 auf der altehrwürdigen Adolf Jäger-Kampfbahn einen Besuch abstatten.

Hamburger SV II – TSV Havelse 1912 2:1 (0:1)

Unsere erste Station sollte der Sportpark Eimsbüttel sein, der bis Oktober 2022 noch als Wolfgang-Meyer-Sportanlage bezeichnet wurde. Doch die NS-Vergangenheit des Namensgebers führte zur Umbenennung der Spielstätte des HSV II, der in der Regionalliga Nord der erste Verfolger des VfB Lübeck ist. Heute hat man den TSV Havelse zu Gast, der seinerseits Absteiger aus der 3.Liga ist. Doch die aus der Gegend um Hannover stammende Elf ist nach der Hälfte der Saison nur auf Platz 13 zu finden, sodass nicht nur der Wiederaufstieg in weiter Ferne ist, sondern auch der Hamburger SV II heute vor 200 zahlenden Besuchern als klarer Favorit in diese Begegnung geht.

Das Stadion hat übrigens das geringste Fassungsvermögen in der Regionalliga Nord und ist an den Hintertorseiten nicht ausgebaut. Auf der Gegengerade kann es auch nur mit einem Stahlrohrgerüst, das heute für Zuschauer nicht begehbar ist, aufwarten. Diese Konstruktion fungiert wohl aus Auswärtssektor. Die mitgereisten Fans aus Havelse waren eher hohen Alters und nahmen auf der Haupttribüne Platz. Die Längsseite ist immerhin ordentlich ausgebaut und so gibt es hier in der Mitte eine überdachte Tribüne. Links und rechts davon befinden sich Stehstufen, von denen aber nur die links neben der Tribüne als Zuschauerbereich dienen.

Auf dem Rasen ist die zweite Mannschaft des Hamburger SV in der Anfangsphase überlegen. Doch die Hintermannschaft der Hansestädter wird nach einer Viertelstunde unkonzentrierter und leistet sich einige haarsträubende Abspielfehler. Dies erweckt den TSV Havelse aus seiner Lethargie und so bringt Langfeld mit einem satten Schuss von der Strafraumgrenze die Gäste in Führung. Havelse kontrolliert danach diese Begegnung und geht mit einer verdienten Pausenführung in die Kabine. Mit Shakin` Stevens und seinem Song „Merry Christmas Everyone“ wird versucht ein wenig Weihnachtsstimmung unter die Besucher zu bringen. Auch wenn es schon das zweite Adventwochenende ist, ist dies für mich noch ein wenig zu früh.

In der zweiten Spielhälfte wird es für die Besucher etwas Ungemütlicher, denn ein kalter Wind macht das Zusehen im Sportpark spürbar kühler. Die spielerische Darbietung auf dem Rasen erwärmt ebenfalls nicht. Allerdings ist das „Boycott Qatar 2022“-Transparent immerhin eine positive Erscheinung, in einer doch schwachen Partie, in der Havelse auf einen Auswärtssieg zusteuert.

Doch es sollte weder etwas mit dem Auswärtssieg noch mit einem Punktgewinn für Havelse werden. Eigentlich trifft Fabisch in der 77.MInute aus dem Nichts zum Ausgleich für die Hamburger, die binnen 60 Sekunden ein weiteres Mal treffen sollten. Diesmal ist der eingewechselte Rexhepi der Torschütze. Dieser Doppelschlag war natürlich das K.O. für Havelse, das für diese gute Leistung in Hamburg nicht belohnt wurde. Der HSV II konnte mit diesen schmeichelhaften drei Punkten seinen zweiten Tabellenplatz in der Regionalliga Nord behaupten. Für uns geht es nun in Hamburg etwas weiter südwärts und auch eine Liga weiter nach unten, denn in der Oberliga Hamburg stand noch ein Heimspiel von Altona 93 auf dem Programm.

Altonaer FC 1893 – Hamm United FC 2005 3:0 (1:0)

Wenn es beim Groundhopping so etwas wie eine Bucket-List geben sollte, dann befindet sich die Adolf-Jäger-Kampfbahn im Hamburger Stadtteil Altona sicher auch auf dieser. Das 1908 eröffnete und nach einem für Altona 93 spielenden Nationalspieler Deutschlands benannte Stadion ist die Heimstätte des Altonaer FC 1893, der in dieser Saison – nach einem Ausflug in die Regionalliga Nord – wieder in der fünfklassigen Oberliga Hamburg spielt. Der Hamburger Traditionsverein ist aber nicht nur sportlich über die Grenzen Norddeutschlands bekannt, sondern auch wegen seiner im linken Lager angeordneten Fanszene. Diese ist noch einmal in drei Lager unterteilt. Neben der Haupttribüne findet man in der „Meckerecke“ die traditionellen AFC-Fans vor, auf dem „Zeckenhügel“ hinter dem westlichen Tor stehen die sogenannten „Hügelpunks“ mit einer selbstgemachten Anzeigetafel und auf der Gegengerade stehen einige ehemalige Mitglieder von St. Pauli, die, aus ihrer Sicht, eingetretene Kommerzialisierung und Verbürgerlichung des FC St. Pauli protestieren und beim AFC eine neue Heimat gefunden haben. Dass bei Altona kaum jemand die Haupttribüne frequentiert, müsste daher eigentlich nicht erwähnt werden.

Für die Adolf-Jäger-Kampfbahn gibt es schon seit 15 Jahren Abrisspläne. Das derzeitige Datum für einen Umzug Altonas in ein neues Stadion ist spätestens für 2026 geplant. Ab diesem Jahr soll Altona in einem neuen 3.000er-Stadion an der Memellandallee spielen und die Adolf-Jäger-Kampfbahn neuen Wohnungen weichen. Falls es tatsächlich einmal so weit kommen sollte, ist es gut gewesen, dem Stadion bereits jetzt einen Besuch abgestattet zu haben. Im Zuge des WM-Boykotts ist dies auch die einzig richtige Entscheidung gewesen, denn hier wird nicht nur während der Weltmeisterschaft die Kommerzialisierung des Fußballs angeprangert. Dass auch hier ein „Boycott Qatar 2922“-Transpartent hängt, ist wohl nicht außergewöhnlich. Dass dieser Schriftzug auch den Dressen der Heimelf steht, verleiht dem WM-Boykott noch einmal eine andere Note.

In der heutigen Begegnung war Hamm United FC 2005 zu Gast. Der noch junge Verein konnte nach seinem kometenhaften Aufstieg im Vorjahr die Klasse in der Oberliga halten und gewann sogar das Hinspiel gegen Altona mit 2:1. Die Mannschaft aus dem Stadtteil Hamm konnte heute sogar auf einen Fanblock von rund 30 Leuten zurückgreifen. Auch wenn man damit gegen Altona vor 959 Zuschauern in klarer Unterzahl war, ist dies für die Oberliga Hamburg doch ein unerwartet guter Auswärtssupport.

Unerwartet offen hält Hamm United diese Partie beim Favoriten aus Altona. Es ist aber Gries, der in der 42.Minute Altona doch verdient in Führung bringen kann. In der Halbzeitpause wird hier auf Weihnachtslieder verzichtet, sondern bei Temperaturen um den Gefrierpunkt einfach einmal „Vamos a la Playa“ durch die Lautsprecher geschickt. Das ist dann ganz nach meinem Geschmack.

Ganz nach dem Geschmack von Altona 93 verläuft auch die zweite Spielhälfte, denn Prinz von Anhalt (71.) und Feigenspan (76.) sorgen für klare Verhältnisse auf dem Rasen und sichern drei weitere Punkten auf dem Konto Altonas, das weiterhin vier Punkte hinter dem Tabellenführer TuS Dassendorf liegt, wo die ehemalige Offensivkraft der österreichischen Nationalmannschaft, Martin Harnik, nach wie vor das Um und Auf ist. Hamm United bleibt trotz dieser Niederlage noch knapp vor den Abstiegsplätzen.

Während es für die Altona-Fans zum Vereinsheim geht, wo die Mannschaft Freibier spendiert, geht es für uns zurück nach Bremen. Statt einem Ratsherrn Pils checken wir nach etwas mehr als einer Stunde Fahrtzeit in unserem Quartier in Ritterhude ein. Da wir uns davor mit Nordseekrabben und einem Jever eingedeckt haben, endet dieser perfekte Tag auch noch mit einem guten Bier und einem Krabbenbrot.

Einziger Wehrmutstropfen dieser Reise sollte der sonntägige Rückflug am Flughafen in Bremen werden. Aufgrund von zahlreichen Ferienfliegern nach Spanien ist der Security Check dermaßen überfordert, dass ich nach zwei Stunden Wartezeit gerade noch den Flieger erwische. Mitfahrer Andi hat, so wie 40 andere Reisende nach Wien, weniger Glück und verpasst den Flieger, sodass er mit Zug heimkommen muss. Ich hoffe aber, dass ihm die Reise dennoch viel Freude gemacht hat und er mich in naher Zukunft ein weiteres Mal nach Norddeutschland begleiten wird.

Heffridge

Philipp Karesch alias Heffridge wurde 1979 in Wien geboren und hatte von Kindesbeinen an die Lust am Reisen und Fußball zu spielen. Durch diese Kombination bedingt, zieht es ihn nach wie vor auf die Fußballplätze dieser Welt. Die dort gesammelten Eindrücke sind ein fixer Bestandteil der abseits.at-Kolumne Groundhopper's Diary.