Eine sehr bittere 1:2-Heimniederlage musste die österreichische Fußballnationalmannschaft am Dienstag hinnehmen. Eine ausführliche Analyse zu diesem Spiel findet sich an anderer Stelle, dieser Artikel... Ein weiterer Schritt in die richtige Richtung – eine Analyse von Österreichs Pressing

Eine sehr bittere 1:2-Heimniederlage musste die österreichische Fußballnationalmannschaft am Dienstag hinnehmen. Eine ausführliche Analyse zu diesem Spiel findet sich an anderer Stelle, dieser Artikel beschäftigt sich mit dem Pressing des ÖFB-Teams. Weiterentwicklungen waren sichtbar, genauso aber auch, dass das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht ist. Mit der DFB-Auswahl als direkten Gegner boten sich dabei einige interessante Vergleichsmöglichkeiten.

Bundestrainer Joachim Löw möchte seinem Team ein pressingorientierteres Gesicht verpassen. Er wolle offensiver verteidigen, so der 52-Jährige. Auch Marcel Koller setzt seit seiner Ernennung zum ÖFB-Teamchef auf das moderne taktische Werkzeug zur Dominanz ohne Ball. In den ersten Länderspielen unter dem neuen Coach steigerte sich die Mannschaft sukzessive, am Dienstag kam mit Deutschland die erste Bewährungsprobe.

Pressinganordnung

Im Spiel gegen den Ball formierte sich das ÖFB-Team wie üblich in einem 4-4-2, wobei der ballnahe Stürmer (hier Junuzovic) den ballführenden Innenverteidiger unter Druck setzte, während sich der andere (hier Harnik) auf den Passweg zum zweiten Innenverteidiger konzentrierte. Die offensive Ausrichtung erkennt man daran, dass die Österreicher bewusst nur die Viererkette hinter den letzten beiden deutschen Reihen absichern lässt. Davor zog man eine zweite, enge Viererreihe auf, die stark nach vorne drückte. In dieser Szene erkennt man dies besonders am Verhalten von Kavlak, der in weiterer Folge Khedira anlief. Auch das in der Analyse erwähnte Zurückdrängen der österreichischen Außenverteidiger durch die hohen Stellungen der deutschen Außenspieler ist angedeutet. Die numerische Unterzahl auf den Außenbahnen wurde dadurch kompensiert, dass der äußere Spieler situativ seine zentrale Position verließ und auf seinen direkten Gegenspieler spielte. Sie waren also physisch mehr gefordert als ihre zentralen Mitspieler, was sich auch in der Statistik wiederspiegelt: Arnautovic und Ivanschitz bestritten 46 Zweikämpfe, Baumgartlinger und Kavlak nur 29.

Vor- und Rückwärtspressing

Dadurch, dass Österreich die zweite Viererkette schon vor den letzten beiden Angriffsebenen der Deutschen aufzog, waren die Abwehrspieler im Normalfall stets in Unterzahl. Dennoch waren die DFB-Angreifer, vor allem in den ersten 20 Minuten, unsichtbar. Warum? Weil das Mittelfeld extrem viel lief und auch nach hinten presste. Teamchef Koller hatte vor dem Spiel angekündigt, dass er keinen Kettenhund für Özil abstellen wolle, was in den beiden oberen Bildern gut sichtbar ist. Dass man sich dennoch eine Taktik gegen den Real-Star zurechtlegte, ist aber genauso zu sehen. Hier orientieren sich Ivanschitz, Kavlak und Baumgartlinger schon zum Zeitpunkt des Abspiels in Richtung Özil um den Raum zu verengen. Weil dies zum eigenen Tor, also nach hinten, vonstattengeht, spricht man vom sogenannten Rückwärtspressing. Hatte Deutschland den Ball weiter vorne, rückten zusätzlich auch noch Spieler aus der Abwehrkette nach vorne (Vorwärtspressing).

Mit diesem Verhalten hatte Deutschland große Probleme, war eventuell sogar überrascht, dass die ÖFB-Auswahl ein derartig intensives Pressing auf- und durchzog. Die Spieler der Viererkette und Torhüter Neuer spielten 45 der insgesamt 88 Fehlpässe.

Fehlende Rückendeckung

Dass das Spiel gegen den Ball trotz aller Loblieder und Statistiken nicht in Perfektion funktioniert hat, war ebenfalls zu sehen. In manchen Fällen fehlte die Rückendeckung, was Abstriche in der Kompaktheit bedeutete.

Hier sieht man, dass Harnik, Junuzovic und Ivanschitz in einer Diagonalkette versuchen Quer- und Diagonalpässe abzufangen, in ihrem Rücken entstand dadurch aber großes Loch. Über Lahm wäre das Spiel leicht auf die gegenüberliegende Seite umzuleiten gewesen, wo Badstuber, Khedira und Kroos viel Platz hatten. Dass das den Weißen aber nicht gelang, sondern Hummels‘ versuchter Abschlag von Junuzovic geblockt wurde, ist ein weiteres Indiz dafür, dass das DFB-Team überrascht war. Ein weiteres Beispiel fand man nur zwei Minuten später vor.

Der Druck auf den ballführenden Müller ist aufgrund des aggressiven ÖFB-Trios extrem groß, so dass er nur mehr einen Ausweg hatte, nämlich ein Querpass zu Kroos. Dass der Bayer diese Option überhaupt noch vorfand, lag am schlechten Stellungsspiel bzw. der schlechten Antizipation von Junuzovic, der sich noch als vierter Österreicher ins Gedränge werfen will, anstatt den Passweg auf Kroos zuzustellen.

Antizipation

Neben der besseren Raumaufteilung – Deutschland verengte den aktiven Flügel stets so, dass auch die Wege zum passiven zugestellt waren – zeigte sich außerdem, dass die schwarz-rot-goldene Auswahl der rot-weiß-roten vor allem in der Antizipation überlegen war. Man hatte stets das Gefühl, dass das Pressing der Gäste einen Schritt voraus war. Hier eine Beispielszene.

Götze, Schmelzer und Kroos befinden sich in direktem Umfeld des ballführenden Baumgartlinger, der aber nur von Letzterem attackiert wird. Schmelzer und Götze orientieren sich schon vor dem Abspiel zu Junuzovic bzw. Garics. Der Lösungsansatz der österreichischen Mannschaft in so einer Situation wurde davor skizziert: man orientierte sich in erster Linie zum Ball und vergaß gelegentlich auf die Absicherung. Dass aber auch die Gastgeber sehr gute Ansätze zeigten, war ebenso offensichtlich und hätte beinahe zu einem Tor geführt.

Hier rückt Baumgartlinger intuitiv ein, fängt den Pass von Hummels auf Kroos ab und spielt einen gut getimten Steilpass auf Harnik. Hätte dieser das Zuspiel verwertet, hätte das Spiel mit hoher Wahrscheinlichkeit einen anderen Verlauf genommen.

Alexander Semeliker, abseits.at

Alexander Semeliker

@axlsem