In den letzten fünf Jahren hat sich das Wort „Gegenpressing“ zum Buzzword in der Fußballtaktik und in der medialen Berichterstattung gemausert. Durch die Erfolge...

TaktikIn den letzten fünf Jahren hat sich das Wort „Gegenpressing“ zum Buzzword in der Fußballtaktik und in der medialen Berichterstattung gemausert. Durch die Erfolge des FC Barcelona und von Borussia Dortmund wurde das Gegen- oder Konterpressing zu einem der Hauptgründe ihrer Titel erhoben. Insbesondere der BVB definierte sich durch diese Spielweise. Doch häufig fehlt es medial am Verständnis, was genau das Gegenpressing überhaupt darstellt. Darum soll in diesem zweiteiligen Artikel zuerst geklärt werden, was das Gegenpressing ist und wie man es grundsätzlich umsetzt, bevor bestimmte Varianten, mögliche Weiterentwicklungen, die Frage nach dem genauen Effekt und die strategischen Grundlagen dahinter im zweiten Teil besprochen werden.

Welche Varianten gibt es in der Deckung?

Grundsätzlich kann man wohl vier Varianten im Gegenpressing bei der Deckung unterscheiden.

Beim mannorientierten Gegenpressing sucht man sich nach einem Ballverlust sofort einen Gegenspieler und deckt diesen. Ein Spieler läuft an, stellt den Gegner und zwingt ihn zu einer Folgeaktion. Meistens kommt hierauf ein Pass zu einem Spieler und erst nach diesem Pass folgt die eigentliche Balleroberung im Normalfall. Bei der mannorientierten Deckung im Gegenpressing sollen alle anspielbaren Optionen in Ballnähe sofort unter Druck gesetzt werden können, wodurch der Gegner sich nicht ordentlich befreien kann und jederzeit unter Druck steht. Der FC Bayern unter Jupp Heynckes hat eine solche Spielweise praktiziert.

Heynckes mannorientiertes Gegenpressing1_1 

Eine andere Option ist das (spiel-)raumorientierte Gegenpressing. Hier wird relativ wenig Rücksicht auf die jeweiligen Gegenspieler genommen. Stattdessen fokussiert man sich auf den Ballführenden, den Ball selbst und den umliegenden Raum. Das gesamte Kollektiv presst in Richtung Ball und versucht möglichst großen Druck zu erzeugen. Der Druck soll zu Fehlern zwingen, ermöglicht Absicherung und Unterstützung für den ersten Spieler, der attackiert, und gleichzeitig werden die Passoptionen des Gegners in den Deckungsschatten genommen. Hier folgt sehr häufig ein sofortiger Ballverlust oder ein langer Ball. Der BVB unter Jürgen Klopp nutzt eine solche Spielweise.

Klopps raumorientiertes Gegenpressing1_1

Beim passwegorientierten Gegenpressing wird der Gegner ebenfalls von einem Akteur unter Druck gesetzt, aber auch hier wird wie beim mannorientierten Gegenpressing der erste Pass zugelassen. Im Gegensatz zum mannorientierten Gegenpressing soll aber nicht der Passempfänger dann attackiert werden, sondern der Pass selbst. Das Ziel ist es also sich zwischen einigen Gegenspielern zu positionieren und dann flexibel bei einem Pass des Akteurs, der den Ball erobert hat, den Pass abzufangen oder – wenn es schief geht – zu zweit den Passempfänger zu pressen. Der FC Barcelona hat dies insbesondere unter Josep Guardiola gerne genutzt.

Guardiolas passwegorientiertes Gegenpressing1

Beim ballorientierten Gegenpressing wird einfach ohne Rücksicht auf Verluste oder Struktur auf den Ball gegangen. Das bedeutet, dass diese Spielweise einerseits natürlich maximales Tempo und Aggressivität darstellt, andererseits aber auch am anfälligsten und simpelsten ist. Ajax und die Niederlande in den 70er-Jahren haben dies ebenso praktiziert wie der SV Grödig unter Adi Hütter in der Vorsaison.

Hütters ballorientiertes Gegenpressing1_1

Gleichwohl darf man allerdings nicht davon ausgehen – und als Trainer auch nicht fordern –, dass eine bestimmte Deckungsart immer eingesetzt wird. Meistens hängt es von der Situation und den Möglichkeiten ab, welche von der eigenen Staffelung und der Art des Ballverlusts gegeben sind. Meistens ist es also eine Mischung aus diesen vier Deckungsarten.

Wieso ist das Gegenpressing wichtig?

Man sieht, dass das Gegenpressing durchaus eine taktisch komplexe, schwer perfekt abzustimmende und körperlich anstrengende Spielweise ist. Die Frage ist natürlich, wieso man das Gegenpressing praktizieren sollte und welche Vorteile es hat. Der wichtigste Faktor ist natürlich die defensive Stabilität.

1) Defensive Stabilität!

Im modernen Fußball können die meisten Mannschaften enorm schnell umschalten; die Spieler sprinten in hohem Tempo nach vorne, die Akteure am Ball sind technisch gut genug, um mit Ball am Fuß schnell Räume zu überbrücken und dann auch gute Pässe zu spielen. Die Spieler sind taktisch so ausgebildet, dass sich beispielsweise die Stürmer oder zockende Flügelstürmer schon im Vorhinein auf die Suche nach Räumen bewegen, was das Konterspiel ebenfalls noch gefährlicher macht. Desweiteren ist man im Moment des Ballverlusts einfach noch desorganisiert, während viele Mannschaften es als Philosophie etabliert haben enorm vertikal und schnell umzuschalten.

Würde man also auf die eigenen Positionen zurückweichen versuchen, dann könnte der Gegner mit dem eigenen Zurückweichen aufrücken, würde schnell an Geschwindigkeit und Raum gewinnen sowie gefährliche Angriffe spielen können. Das Gegenpressing hingegen drängt ihn zurück und verhindert das. Es erhöht dadurch die defensive Stabilität; exklusive bei schlechter Umsetzung natürlich. Dennoch vermeidet das Gegenpressing gegnerische Konter besser und macht gespielte Konter gleichzeitig schwieriger.

2) Vermeidung von Raum- und Organisationsverlust

Ein anderer Aspekt geht Hand in Hand mit dem ersten. Selbst wenn man mit einem Zurückweichen und neuerlichen Stellen den Ball konstant auf ähnlichem Niveau wie bei einem guten Gegenpressing erobern könnte, so würde man trotzdem den mithergehenden Raum- und Organisationsverlust nicht vermeiden. Nach der Balleroberung würde man sowohl tiefer stehen als auch in einer defensiven Staffelung. Der große Vorteil beim Gegenpressing ist neben der höheren Position der Balleroberung (im Normalfall) auch der Fakt, dass man aus einer ursprünglich offensiven Staffelung den Ball wiedererobert. Da man sich zuvor in eigenem Ballbesitz befand, hatte man eine Positionierung der Spieler inne, welche für den eigenen Angriff normalerweise positiv war. Eine schnelle Ballrückeroberung sorgt dafür, dass man diese wieder einnehmen kann. Dazu kommt, dass die Gegner in diesen Momenten meistens auffächern möchten und dadurch Räume öffnen, die es vorher nicht gab; diese Synergie sorgt für den dritten großen Vorteil, die erhöhte offensive Präsenz.

3) Verbesserte Offensive!

Nach einem Ballgewinn im Gegenpressing in hohen Zonen kann man gegen eine Mannschaft „kontern“ oder „gegenkontern“, welche sich gerade in den Vorwärtsgang bewegt hat. Sie stehen dadurch schlecht gestaffelt beziehungsweise agieren in einer unpassenden Dynamik, weil sie aus einer engen Formation eine breite und tiefe Formation herstellen möchten; man selbst ist gleichzeitig aber lokalkompakt in Ballnähe.

Während des gegnerischen Umschaltens schraubt man selbst das Tempo hoch, attackiert aus einer guten Staffelung (sh. Punkt 2), kann den gerade aufrückenden Gegner sofort attackieren oder in höheren Zonen den Ball wieder neu zirkulieren lassen. Nicht umsonst bezeichnet Jürgen Klopp das Gegenpressing als „den besten Spielmacher der Welt“.

Warum funktioniert das Gegenpressing?

Für Trainer sollte auch noch von Interesse sein, wieso das Gegenpressing überhaupt funktioniert. Wichtig ist, dass beim Gegenpressing die eigene Mannschaft den „ersten Schritt“ macht. Zieht man sich zurück, kann der Gegner agieren, während man selbst reagiert. Man muss also einer Bewegung des Gegners und seiner Entscheidungsfindung nachfolgen, anstatt selbst zu entscheiden. Der Vorteil der ersten Entscheidung und des ersten Schritts ist, dass man selbst die Regeln vorgibt und dadurch bestimmte Strukturen abspielen kann. Außerdem ist man durch die Position des Agierenden und des Bestimmenden in einer besseren Position. Die genaue Anwendung ist dann nur Umsetzungsfrage; der größte Vorteil liegt in diesem „ersten Schritt“.

Dass es praktisch und nicht nur theoretisch funktioniert, ist aber auch ein einfacher motorischer und technischer Aspekt entscheidend. Der Gegner muss sich bei der Balleroberung zuerst wieder darauf einstellen, dass er attackiert. Das reicht vom Umblicken der Situation und der Suche nach Passstationen bis hin zu dem Fakt, dass man bei einer Ballannahme den Ball erstmal verarbeiten muss – teilweise noch schwieriger und technisch umständlicher als bei einem schwierigen und zu harten Pass. Diese Ballverarbeitung, das Einnehmen einer passenden Position zum Ball hin und danach das Abspiel selbst (inkl. der Entscheidungsfindung) dauert seine Zeit und mit einem schnellen, aggressiven Gegenpressing kann das genutzt werden.

In kaum einem Moment ist ein einzelner Spieler anfälliger für das Pressing als direkt nach der Balleroberung. Und das ist das große Geheimnis des Erfolgs des Gegenpressings.

René Maric, www.abseits.at

Rene Maric

  • Morph

    3.Oktober.2014 #1 Author

    Mit welcher Variante spielen die Bayern unter Guardiola hauptsächlich?

    Antworten

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