Diese Europameisterschaft zeichnet sich durch viele Überraschungen, zahlreiche Tore und nur wenige restlos überzeugende Auftritte von gesamten Mannschaften aus. Woran das liegt, ist die...

Diese Europameisterschaft zeichnet sich durch viele Überraschungen, zahlreiche Tore und nur wenige restlos überzeugende Auftritte von gesamten Mannschaften aus. Woran das liegt, ist die versuchte Abkehr von vielen Faustregeln des modernen Fußballs. Die Teams versuchen ihre Gegner zu überraschen, alte Ideen wiederzubeleben oder sie gänzlich neu zu erfinden – mit Risiko für die Defensive, welche man mit simplen Mitteln aufgrund der fehlenden Zeit zum Einspielen auffangen möchte. Daraus entstehen einige interessante Trends, welche sich auf Vereinsebene wohl nur bedingt fortsetzen werden. Das extremste Beispiel dürfte vermutlich das Schlagwort des modernen Fußballs sein: „Kompaktheit“.

Ist weniger doch mehr?

In den letzten Jahren ging der Trend im Vereinsfußball zu einer erhöhten Verdichtung der Mannschaftsformationen hin. Das Ziel ist es, den Raum für den Gegner zu schließen und ihn durch die Enge zu Fehlern zu zwingen. Dafür ist jedoch neben viel Athletik und Spielintelligenz auch eine hohe Feinabstimmung nötig. In der Nationalmannschaft ist es schwer diese bei nur wenigen gemeinsamen Trainingswochen im Jahr zu schaffen. Deswegen gibt es auch keinen so hohen Fokus auf die Kompaktheit der Mannschaftsteile. Durch Löcher im Schaffen dieser kollektiven Enge würde der Gegner diese bespielen können und gegen die Laufrichtung des Aufrückens agieren. Dank diesem Geschwindigkeitsvorteil würden sich auf einfache Weise zahlreiche Großchancen  ergeben.

Darum verzichten die Teams auf diese Spielweise. Stattdessen versuchen sie den Gegner zu isolieren und die Passwege der jeweiligen Spieler zuzusperren. Dies ist zumindest im Ansatz eine individualtaktische sowie weniger riskante und anspruchsvolle Spielweise. Alternativ positionieren sie sich auch noch sehr tief, um nur einen geringen Raum hinter der Abwehr verteidigen zu müssen. Mit dem Mittelfeld entsteht dann automatisch eine hohe Kompaktheit vor dem Strafraum, allerdings sind die Wege zum Kontern länger und dadurch schwerer zu bespielen. Daraus entwickelt sich eine Gegenisolation, welche die eigene Formation zerschneidet.

Offensive, Defensive … die Aufteilung der Mannschaft in Blöcke

Da diese Gegenisolation schwer zu vermeiden ist, greifen einige Mannschaften – wie beispielsweise Griechenland – ebenso auf eine altmodisch wirkende Spielweise zurück. Anstatt dem Grundsatz „Die Stürmer sind die ersten Verteidiger, die Verteidiger sind die ersten Stürmer“ zu folgen, zersplittern sich die Aufgaben der Mannschaft. Die Verteidiger sollen zwar das Spiel aufbauen, aber weder ins Mittelfeld aufrücken oder sich als primäre Spielmacher geben. Passstärke und –genauigkeit sind ein Muss, aber Kreativität und Einfallsreichtum sind es nicht bei allen Mannschaften. Vielmehr soll das Spiel geduldig und risikolos aufgebaut werden, um keine gefährlichen Konter zu fangen.

Das Mittelfeld fungiert in weiterer Folge als Verbindung in beide Richtungen. Sie sollen das Spiel einleiten, aber Gegenangriffe sofort unterbrechen. Um dies bei der geringen Kompaktheit zu ermöglichen, können sie jedoch nur bedingt mit nach vorne aufrücken und es entstehen Unterzahlangriffe in der Defensive. Die defensiven Aufgaben belasten die Mittelfeldspieler und sorgen für eine tiefere Stellung. Damit dies zumindest ansatzweise kompensiert werden soll, agieren die Stürmer ungemein hoch und suchen sich die Lücken zum Tor. Nur selten kann bei der Vielzahl der Teams beobachtet werden, dass sich die Sturmreihe nach hinten fallen lässt und aus dem Mittelfeld kommt oder gar von dort aus spielgestalterisch wirkt.

Lediglich die Spanier mit Fabregas sind hier eine konstante Ausnahme; sogar Deutschland mit Müller, Podolski und Gomez orientiert sich klar am gegnerischen Tor statt dem Ball. Noch extremer ist dies bei den Iren, wo die Stürmer lediglich aufgrund der extremen Isoliertheit vom Mittelfeld nach hinten eilten. Sobald der Ball jedoch länger in eigenem Ballbesitz gehalten werden konnte, veränderte sich das wieder zu einem klaren 4-4-2-System: selten war jenes so einfach zu erkennen. Apropos, die aus der Formationsaufteilung entstehenden Unterzahlangriffe hatten eine weitere Wirkung auf die Defensiven von so mancher Mannschaft.

Die Erben Chelseas? Das passive Abwehrpressing

Da sich die Mannschaften oftmals mit nur drei oder vier Mann zwischen den Linien des Gegners befanden, sahen sie sich andauernd unter Zeit- und Raumdruck. Im Finale der diesjährigen Champions League hatte Di Matteo ebenfalls diese Idee: wenn der Gegner nur mit drei oder vier Mann vor der Viererkette agiert, hat er effektiv 8-9 Mann in seiner Umgebung. Da er von zwei Viererketten eingekreist ist, vermindern sich die Optionen für den ballführenden Spieler automatisch. Pressing ist nicht vonnöten – im Gegenteil. Schlechtesten Falls würde es sogar dafür sorgen, dass sich die Schnittstellen öffnen und ein Geistesblitz reicht aus, um dieses Loch zu nutzen. Bleiben die zwei Viererketten jedoch passiv und verschieben ballorientiert, so erledigen der Deckungsschatten und die Hast des Gegenspielers ihr Übriges.

Die Spieler der Abwehr müssen nur langsam den Raum verengen und ein Attackieren antäuschen, dann wird der Gegenspieler schon zum Handeln gezwungen. Handelt er nicht, sondern führt den Ball entlang der Linie weiter, dann wird ballseitig dazu hin verschoben. Führt er den Ball horizontal, dann kommt er nur zu einem qualitativ minderwertigen Abschluss oder einem Querpass. Führt er ihn vertikal, muss er unter Bedrängnis flanken, was bei den vielen Ein-Stürmer-Systemen kaum Erfolg verspricht – und auch bei zwei zentralen Angreifern nur bedingt verwertbar sind.

Eine interessante Idee: das verkehrte Zocken

Das passive Abwehrpressing scheint wenig erfolgsversprechend: der Gegner kann wahllos zum Abschluss kommen und sich danach bei Abstoß neu formieren oder gar eine Ecke bekommen. Allerdings sind es oftmals viele technische Fehler, welche diese theoretische Idee zunichtemachen. In der Praxis werden viele Bälle unter der Bedrängnis falsch oder schwach gespielt und landen beim Gegner. Auch ist zu beobachten, dass die Abwehrspieler beim engeren Bedrängen ihren Gegenspieler dazu zwingen, sich den Ball weiter vorzulegen, was dann zu Ballverlusten führt.

Während beim klassischen Zocken darauf spekuliert wird, dass der Ball gewonnen wird und der zockende Spieler sich eine ideale Position gesucht hat, so wird beim verkehrten Zocken von einem ballnahen Gegenspieler gehofft, dass ihm der Ball verspringt oder er einen technischen Fehler begeht. In weiterer Folge kann dann der lose Ball aufgelesen werden und sofort ein Gegenangriff initiiert werden.

Das 4-4-2 lebt noch – die zwei Viererkette mit unterschiedlicher Breite

Als letzter markanter Punkt dürfte zu nennen sein, dass das 4-4-2 keineswegs verstorben ist – in der Defensive lebt es weiter, wohl stärker denn je. Nur wenige Teams behalten ihr 4-2-3-1 oder ähnliche Systeme bei, wenn sie sich tiefer positionieren wollen. Meistens lassen sich die Außen zurückfallen, während der zentraloffensive Spieler aufrückt und dadurch ein erkennbares 4-4-2 formt. Mit den zwei Viererketten kann gut verschoben werden, wobei die Abwehrreihe meistens die engere ist. Vor dem Tor sollen die Schnittstellen geschlossen sein, dafür darf das Mittelfeld breiter agieren und sich um die Außenbahnen des Gegners kümmern.

Im extremsten Falle entsteht dann eine Raute über die gesamte Formation hinweg gesehen, da die Stürmer sich nach dem gegnerischen Spielaufbau breit positionieren und die Viererkette im eigenen ersten Spielfelddrittel sehr eng. Ziel ist es, dass bei Balleroberung schnell gekontert werden kann. Wenn der Ball jedoch das zweite Spielfelddrittel ebenfalls überschreitet, lässt sich der nominelle zentraloffensive Spieler wieder zurückfallen – nun ist er wieder ein Verbindungsspieler und das Konterspiel beruft sich wieder auf die Flügel. Ein weiterer Trend, der im nächsten Artikel näher erläutert wird.

Rene Maric, abseits.at

Rene Maric

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