Das heutige Länderspiel gegen die Schweiz bzw. das sechstägige Trainingslager in Spanien in der vergangenen Woche sind vor allem aus personeller Sicht wichtig für... Probe für den Worst Case: Wie kann Junuzovic im ÖFB-Team ersetzt werden?
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Marcel Sabitzer_abseits.atDas heutige Länderspiel gegen die Schweiz bzw. das sechstägige Trainingslager in Spanien in der vergangenen Woche sind vor allem aus personeller Sicht wichtig für das ÖFB-Team. Einerseits wurde neuen Spielern die Möglichkeit geboten, sich im Training für den EM-kader anzubieten, andererseits können nominelle Rotationsspieler aktiver eingebunden werden.

Teamchef Marcel Koller ist vor allem für sein konsequentes Festhalten am Kaderstamm bekannt. Andererseits zeigte der Schweizer gerade im Rahmen von Freundschaftsspielen immer wieder, dass er dazu bereit ist, auch neue Personalien und Herangehensweisen zu testen. Im Spiel gegen die Schweiz wird das in erster Linie vermutlich in der Offensive der Fall sein.

Junuzovic als Symbol für das Koller-System

Nach dem Ausfall von Martin Harnik nominierte Koller mit Karim Onisiwo und Florian Kainz zwei neue Flügelspieler, deren Perspektiven wir bereits unter die Lupe genommen haben. Für Zlatko Junuzovic gab es keine positionsgetreue Nachnominierung. Dabei ist der Werder-Legionär seit Beginn der Koller-Ära ein wichtiger Spieler für das System des 55-Jährigen und hat seit dessen Antritt nach Marko Arnautovic die meisten Partien bestritten. Für viele Fans wäre ein Ausfall von ihm das Worst-Case-Szenario des nächsten Sommers.

Junuzovic verkörpert wohl besser als jeder andere Spieler die Philosophie von Koller. Dieser genießt weniger aufgrund hochentwickelter, taktischer Finesse Ansehen, sondern vielmehr aufgrund seiner Kompetenzen im Teambuilding und im öffentlichen Auftreten. Auch Junuzovic ist individuell im internationalen Vergleich kein herausragender Fußballer. Vielmehr ist er jemand, dessen Fähigkeiten sich dann am meisten zeigen, wenn er in einem gefestigten Kollektiv agieren kann.

Österreichs impliziter Strukturgeber

Österreichs Nummer zehn ist kein Ballverteiler oder spektakulärer Dribbler. Seine strategischen Fähigkeiten sind zu limitiert um auf höchstem Niveau mit dem Ball am Fuß die Struktur und den Rhythmus des Spiels bestimmen zu können. Bei ihm geschieht dies vielmehr implizit. Er ist jemand, der individuell einfache Aktionen zeigt und dabei wenige Fehler macht. Junuzovic beeindruckt oft mit seiner enormen Physis sowie seinem großen Aktionsradius. Eine Eigenschaft, die in der Anfangszeit von Koller enorm wichtig war.

Das Pressing war damals zunächst äußerst aggressiv und intensiv, hatte aber durchaus Lücken – vor allem hinter der ersten Pressinglinie. Junuzovic konnte mit seiner unglaubliche Laufstärke und Weiträumigkeit aber oft so unterstützen, dass diese Lücken vom Gegner nicht bespielt werden konnten. Nachdem diese Schwächen nach und nach behoben wurden, zeigte das ÖFB-Team seit dem Beginn der EM-Qualifikation auch im Spiel mit dem Ball deutliche Fortschritte.

Hier nimmt Junuzovic ebenfalls eine äußerst wichtige Rolle ein. Er positioniert sich meist in den Halbräumen zwischen den Linien und zeigt dort seine Stärken im Kombinationsspiel: kurze und beschleunigende Ablagen mit dem ersten Ballkontakt, schnelle Drehungen und sofortiges Freilaufen. Durch das ständige Positionieren in den Zuordnungsgrenzen der gegnerischen Defensive, bewirkt er eine hohe Dynamik, die die ÖFB-Elf dann mit direkten Kombinationen zum Tor hin versucht auszunützen.

Die naheliegenden Varianten

Medienberichten zufolge hat sich Koller bei der Wahl der Zehnerposition für das Länderspiel gegen die Schweiz bereits auf Marcel Sabitzer festgelegt. Der 21-Jährige scheint für Koller generell eine der ersten Alternativen zu sein, wenn es um einen personellen Wechsel geht. Letzte Saison drängte er sogar in die Stammelf, war bei seinen Auftritten auf der Harnik-Position aber zu unauffällig um den VfB-Legionär zu verdrängen. Ein weiteres Argument dafür, dass Sabitzer zentral besser funktioniert.

Nachdem er bereits letzte Saison in Salzburg eine sehr flexible, schwimmende Rolle im Angriffszentrum innehatte, wurde er nun auch bei RB Leipzig in die Mitte gezogen. Dort kann er seine Flexibilität im Bewegungsspiel besser einbringen. Im ÖFB-Team wäre es zwar seine Premiere auf dieser Position, im ÖFB-Kader ist Sabitzer jedoch derjenige, der Junuzovic von den Anlagen her am ähnlichsten ist. Auch er sucht immer wieder bewusst ballnahe Überladerungen um sich dort anzubieten und sofort weiterzuspielen.

Als zweite Möglichkeit wird Jakob Jantscher gehandelt. Auch er ist Ex-Salzburger und hat seine Ursprünge auf den Flügeln. Beim FC Luzern agiert er abwechselnd auf der linken Außenbahn und im zentralen offensiven Mittelfeld. Koller brachte den 26-Jährigen zuletzt manchmal als Joker für Junuzovic. Er interpretierte die Zehnerrolle jedoch etwas anders, spielte vertikaler und zeigte sich weniger kombinativ. Insofern dürfte er sich eher auf die vakante Rolle am Flügel einstellen.

Die physischen Varianten

Eine Option, die Koller in der Vergangenheit noch berücksichtigt hat, ist Lukas Hinterseer. Der 24-Jährigen ist hinter Junuzovic vermutlich der kompetenteste Spieler im Pressing, glänzt vor allem mit der Nutzung seines Deckungsschattens. Als das Kombinationsspiel des ÖFB-Teams noch nicht so gefestigt war wie aktuell, wurde Hinterseer zudem als Anspielstation für lange Bälle bzw. Wandspieler im Zwischenlinienraum genutzt. Im Kombinationsspiel hat der Ingolstädter jedoch viel Luft nach oben.

Möchte Koller aber tatsächlich die physische Komponente im zentralen offensiven Mittelfeld erhöhen, würde sich auch Arnautovic als Option anbieten. Dieser hätte die technischen und strategischen Fähigkeiten um auch in engen Räumen die richtigen Entscheidungen zu treffen bzw. umzusetzen. Zudem zeigte er sich bei seinen letzten Auftritten im ÖFB-Team recht kombinierfreudig. Andererseits würde man durch das Hineinziehen von Arnautovic auch eine Facette im Offensivspiel verlieren. Der Stoke-Legionär ist nämlich einer der wenigen, der das Spiel aus dem Stand heraus beschleunigen kann. Auf diese Diagonaldribblings müsste das ÖFB-Team verzichten.

Die Allzweckwaffe

Selbstverständlich hat man neben den genannten Optionen noch einen Spieler, der im ÖFB-Team wohl auf jeder Position problemlos eine Alternative darstellen kann: David Alaba. Der Bayern-Star kam auf der Junuzovic-Position in der Vergangenheit ebenfalls zum Einsatz. Durch diese Option würde man sich zwar auf der Achterposition eine Baustelle aufmachen, andererseits scheint die Decke im defensiven Mittelfeld sowohl personell dichter, als auch wettkampferprobter als jene im offensiven. Gerade ein Freundschaftsspiel würde sich allerdings anbieten, um auf der heiklen Zehnerposition zusätzliche Varianten zu entwickeln.

Alexander Semeliker, abseits.at

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Alexander Semeliker

@axlsem