Erstmals seit 2003 steht der italienische Rekordmeister Juventus Turin im Halbfinale der UEFA Champions League. Nun wartet mit Real Madrid der Champions League Rekordsieger... Juventus Turin: Eine Seniorentruppe als Champions-League-Aspirant?
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Juventus Turin - Logo, WappenErstmals seit 2003 steht der italienische Rekordmeister Juventus Turin im Halbfinale der UEFA Champions League. Nun wartet mit Real Madrid der Champions League Rekordsieger und zugleich auch der amtierende Champion. Die Königlichen könnten als erstes Team der Geschichte den Titel zweimal hintereinander gewinnen und werden mit Sicherheit alles daran setzen, den elften Champions League Triumph in der Clubgeschichte in die Luft zu stemmen. Allerdings hat diese Saison wieder einmal beweisen, dass sich die von Carlo Ancelotti trainierte Startruppe gegen defensiv kompakte Gegner wie Juventus schwer tut.

Tatsächlich liest sich die bisherige Champions League Bilanz der Madrilenen beeindruckend. Am Weg ins Halbfinale erzielte man 22 Treffer und kassierte lediglich fünf (alleine drei davon von Schalke 04 im Achtelfinale) in zehn Spielen. Die „Alte Dame“ machte es etwas spannender und setzte sich mit insgesamt 13 erzielten Treffern bis ins Halbfinale durch. Allerdings stehen ebenfalls nur fünf Gegentore auf dem Konto der Italiener. Für beide Teams wurde es im Viertelfinale richtig eng und doch erreichte man die nächste Runde sehr unterschiedlich. Während Juventus im Hinspiel gegen AS Monaco einen fragwürdigen Elfmeter nützte und mit 1:0 gewann, mauerten sie sich im Rückspiel in die Runde der letzten vier. Bei Real Madrid war die Ausgangslage nach dem Hinspiel an Spannung kaum zu überbieten. Nach einem 0:0 mussten die Königlichen das Rückspiel unbedingt für sich entscheiden, um Erzrivale Atletico aus dem Rennen zu kegeln. Nach einem Sturmlauf des Starensembles erzielte Javier Hernandez den erlösenden 1:0-Treffer kurz vor Spielende.

Warum Juventus bestehen kann

Auf dem Papier ist natürlich klar, wer in diesem Duell zu favorisieren ist. Allerdings gibt es eine Reihe von Gründen, warum man die „Alte Dame“ nicht abschreiben darf.

Die Erwartungshaltung

In Madrid spricht man nur noch davon, den elften Titel in der Königsklasse mit nach Hause zu nehmen. Speziell seit man den Erzrivalen Atlético Madrid im Viertelfinale besiegte, muss der historische zweite Triumph hintereinander geliefert werden. Juventus kann demnach nur überraschen. Man ist in Italien bereits jetzt stolz auf die Leistungen der Turiner, daher würde es bei einem Ausscheiden gegen Real Madrid wohl keinen Spott regnen. Real muss, Juventus darf.

Die Erfahrung

Wenn man sich die Aufstellungen der „Alten Dame“ im Rückspiel gegen AS Monaco ansieht, fällt ein Fakt ganz besonders auf: Das Alter der Spieler. Mit einem Durchschnittsalter von 30,5 Jahren kann man den italienischen Meister durchaus als Seniorentruppe bezeichnen. Allerdings haben die Juventus-Profis sehr viel Routine. So hat zum Beispiel Torhüter Gianluigi Buffon insgesamt 85 Champions-League-Einsätze vorzuweisen. Andrea Pirlo hat bereits 105-mal Champions-League-Luft geschnuppert und Patrice Evra 93-mal. Demnach wissen die Spieler ganz genau wie man mit einer solchen Drucksituation umzugehen hat. Mit Gianluigi Buffon und Andrea Pirlo stehen sogar zwei Weltmeister von 2006 im Team und mit Carlos Tevez gibt es noch einen Champions-League-Sieger.

Standardsituationen

Die Standards könnten für Juventus ein großer Trumpf im Ärmel sein. Erstens sind die Kopfballstarken Innenverteidiger Giorgio Chiellini, Andrea Barzagli und Leonardo Bonucci bei jeder Ecke vorne dabei. Zweitens stehen mit Claudio Marchisio oder Arturo Vidal auch schussgewaltige Spieler am Sechzehner bereit. Außerdem gibt es mit Andrea Pirlo einen der stärksten Freistoßschützen der Welt. Der Altmeister wird aus nahezu jedem Freistoß gefährlich, der rund um den Sechzehner platziert ist.

Umschaltspiel

Gegen Borussia Dortmund zeigte Juventus, dass sie im schnellen Umschalten von Defensive auf Offensive ihre Stärken haben. Über die schnellen Außenverteidiger Patrice Evra und Stephan Lichtsteiner, oder über die dribbelstarken Mittelfeldspieler Arturo Vidal und Roberto Pereyra finden Bälle sehr schnell ihren Weg zum Sturmduo Carlos Tevez und Alvaro Morata. Dass diese beiden nicht viele Chancen benötigen um ein Tor zu erzielen, ist hinlänglich bekannt. Juventus tut sich gegen Teams die Powerfußball spielen, wie etwa Borussia Dortmund oder auch Real Madrid, leichter als gegen tiefstehende Mannschaften. Sollten gegen Real Madrid die Innenverteidiger an der Mittellinie Sergio Ramos und Pepe (oder Raphael Varane) zu finden sein, reicht oft ein weiter Ball nach vorne und Tevez und Morata sind auf einem guten Weg. Dass vor allem Carlos Tevez ein Angreifer mit Weltklasse-Format ist, ist kein Geheimnis.

Das Mittelfeld

Bei der „Alten Dame“ spielt sich sehr viel im Mittelfeld ab. Pirlo holt sich die Bälle von den Innenverteidigern und entscheidet sich in weiterer Folge ob sein Zuspiel weit oder kurz ausfallen soll. Mit Arturo Vidal, Roberto Pereyra und Claudio Marchisio gibt es drei weitere Mittelfeldspieler die oft ihre Rollen tauschen. So verteidigt der Chilene Vidal gerne im eigenen Strafraum mit, während Pereyra und Marchisio eher in der Offensive unterwegs sind. Außerdem halten sie Pirlo den Rücken frei, wenn er zu seinen tödlichen Pässen hinter die gegnerische Abwehr ansetzt. Sollte es Real Madrid nicht gelingen im Zentrum sofort zu attackieren, könnte dies fatale Folgen haben.

Fazit

Selbstverständlich hat die Champions League ihre eigenen Gesetze und ein großer Teil macht auch die Tagesverfassung aus, zumal sämtliche Fehler auf diesem Niveau hart bestraft werden. Vor allem von einem Gegner wie Real Madrid. Juventus Turin ist aber nicht zufällig im Halbfinale, sondern aufgrund des Ergebnisses von jahrelanger harter Arbeit. Sollten diese fünf genannten Gründe für einen Erfolg zum Tragen kommen, wird es erneut keine Mannschaft geben, die den Titel zweimal hintereinander gewinnt.

Andreas Prentner, abseits.at

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Andreas Prentner