Am Samstag wird Marko Arnautovic mit Stoke City im St. James‘ Park beim FC Newcastle United zu Gast sein. Dann wird sich in der...
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Newcastle UnitedAm Samstag wird Marko Arnautovic mit Stoke City im St. James‘ Park beim FC Newcastle United zu Gast sein. Dann wird sich in der beschaulichen, windigen Stadt an der Tyne wieder die Toon-Army (so werden die Fans bezeichnet) versammeln, um ihren Verein, die sogenannten Magpies nach vorne zu peitschen.

Aktuell rangieren die Schwarz-Weißen im grauen Niemandsland der Tabelle! Nämlich an elfter Stelle mit 30 Punkten – immerhin im gesicherten Mittelfeld, frei von Abstiegssorgen. Der mehrmals schon angezählte Coach Alan Pardew kehrte zum Jahreswechsel dem FC Newcastle den Rücken zu und heuerte bei „seinem Verein“ Crystal Palast an.

So übernahm John Carver vor wenigen Wochen das Traineramt bei den Elstern. Der „Local Lad“ (er stand schon als Spieler in den 80ern im Newcastle-Kader, blieb da aber ohne Einsatz) verdiente sich seine Sporen als Co-Trainer unter seinem Vorgänger Alan Pardew, sowie bei den Vereinslegenden Kevin Keagan und Sir Bobby Robson. Jedoch wurde er nicht zum klassischen – wie sonst in England üblichen – „Manager“ befördert, sondern nur zum „Head-Coach“. Sprich, er hat keinen Einfluss auf Transfers, die obliegen dem Managing Director Lee Charnley. Somit deutet vieles schon jetzt daraufhin, dass Carver ab Sommer wieder in die zweite Reihe zurückgegliedert werden wird. Mit etlichen Kandidaten wurde bereits gesprochen, jedoch fand man in der Eile noch nicht die passende, langfristige Lösung. Immerhin bekommt Carver jetzt doch noch seine verdiente Chance. Damit sein Vertrag aber im Sommer verlängert werden wird, müsste wohl ein Top 8 Finish erreicht werden. In den Fan-Foren wird ein Niederländer favorisiert: Der Ajax-Trainer Ronald de Boer gilt als Wunschkandidat Nummer eins!

Carver stellt die Schwarzweißen meist im 4-2-3-1 System auf, aus dem oft ein defensiveres 4-5-1 wird. Mit Jack Colback und Moussa Sissoko wird das Zentrum dicht gemacht. Offensiv soll Ayoze Perez den Topscorer Papiss Cisse füttern. Das Spiel machen überlässt man aber gerne dem Gegner, bei Ballgewinn wird versucht überfallsartig zu kontern. Selbst bei den abstiegsbedrohten Hull City Tigers wurde vergangenes Wochenende mit dieser destruktiven Spielweise ein klarer 3:0 Erfolg eingefahren. So konnte man auch dem Tabellenführer FC Chelsea im Dezember die erste Saisonniederlage zuführen. Generell erweist man sich mit dieser Spielweise regelmäßig als unangenehmer Gegner für die Spitzenteams der Premier League. Auch die Tottenham Hotspurs wurden in den letzten fünf Partien gleich dreimal besiegt! Für Überraschungen gegen die Big-Players der Liga sind die Schwarz-Weißen immer gut.

Die Mischung in der Mannschaft passt derzeit ganz gut, wobei der eine oder andere Punkt doch leichtfertig vergeben wurde (z.B. beim 3:3 gegen Burnley). Vor allem Goalie Tim Krul, Moussa Sissoko oder natürlich auch Captain Fabricio Coloccini zählen zu den Leistungsträgern in der Mannschaft. Vorne lastet momentan viel Last auf den Schultern des zuletzt nicht immer fitten Papiss Demba Cissè, der sich wochenlang mit diversen Verletzungen herumschlägt. Trotzdem sprechen neun Tore in nur 14 Einsätzen eine klare Sprache.

Purer Einsatz und leidenschaftliche Fans, dafür stehen die Magpies. Doch ausgerechnet im wichtigsten Spiel des Jahres, dem Tyne-Wear-Derby gegen die Nachbarn aus dem 15 Meilen entfernten Sunderland war der Frustfaktor bei den Supporten zuletzt immer besonders hoch. Die letzten vier Derbys wurden allesamt verloren, der letzte Sieg über den Rivalen datiert vom August 2011. Vor allem die Heimniederlagen gegen die spöttisch als Monkeys abgetanen Konkurrenten aus der Stadt am Ufer der Wear schmerzen immer ganz besonders. So wie vor zwei Jahren, als sich der Frust dermaßen hochschaukelte, dass er sich vor dem Stadion in Straßenschlachten entlud. Dies ist dann aber doch eher nur die Ausnahme, die die Regel bestätigt. Ansonsten geht es rund um den St. James Park ziemlich entspannt zu. Ein Newcastle-Brown-Ale in der Shearer’s Bar ist Pflicht zur Einstimmung auf den Matchday. Dort singt sich die enthusiastische Toon-Army schon Stunden vor dem Ankick für das Spiel warm.

Generell ist in einer Stadt, die touristisch relativ wenig zu bieten hat, der St. James‘ Park oder die Sports Direct Arena (wie er aus marketingtechnischen Gründen kurzzeitig auch genannt wurde) ein Highlight. Über 52.000 Fans pilgern am Matchday in die Barrack Road.

Dort wird aber auch viel geschimpft! Zum Beispiel über den bei den Fans eher unbeliebten Präsidenten Mike Ashley. Unter seinem Vorgänger Sir John Hall erlebte der FC Newcastle einen sportlichen Höhenflug, der 1995/96 fast mit der Meisterschaft gekrönt worden wäre. Doch mit zwei Remis in den beiden Schlussrunden verspielte man den Titel quasi auf der Zielgeraden. Doch in dieser Zeit hat sich der Klub auch extrem verschuldet, unter Ashley wurde die Kehrtwende geschafft. So scheinen die Magpies in der neusten Liste der „Deloitte Money League“ sogar unter den 20 reichsten Fußballklubs der Welt auf.

Kein Zufall, Mike Ashley gilt als knallharter, aber auch gewiefter Businessmann. Für den Eigentümer von weltweit über 500 Sports-Direct-Stores sind auch beim Fußball die Wirtschaftsbilanzen mindestens genauso wichtig wie Tabellenränge. Die Top-Stars werden regelmäßig am Transfermarkt zu Geld gemacht. Alleine das Quartett Cabaye, Carroll, Ba und Debuchy kostete den Magpies nur etwa 10 Millionen Euro und spülte mit ihren Verkäufen danach fast 100 Millionen Euro in die Klubkassen. Mit seinem ausgezeichneten Scouting-Netzwerk findet der FC Newcastle immer wieder talentierte Youngsters, die sich beim Mittelständer bestens weiterentwickeln können. Vor allem am französischen Markt bedienen sich die Scouts besonders gern, dank des deutlich besseren Preis-Leistungsverhältnis im Vergleich zu den oftmals überteuerten englischen Spielern. Auch mit den zuletzt getätigten Sommertransfers kann man in Newcastle durchaus zufrieden sein. Bestes Beispiel ist der junge Spanier Ayoze Pérez Gutiérrez, der konstant stark in der Offensive spielt und dabei auch bereits fünf Tore erzielte. Aber auch Colback und Janmaat konnten bislang überzeugen.

Somit hat sich ein Verein, der Ende der Neunziger schon schwer angeschlagen war, mehr als nur stabilisiert. Der Klub aus dem hohen englischen Norden hat sich – wie es so schön neudeutsch heißt – als ein Art Ausbildungsverein auf der Insel etabliert. Auf finanzielle Transferabenteuer lässt sich Mike Ashley prinzipiell nicht ein, dafür werden lieber talentierte Youngsters verpflichtet und diese dann oft als Leistungsträger wieder für großes Geld verkauft. Von der Grundphilosophie her erinnert das ein wenig an das alte Arsenal, nicht nur wegen der Franzosen-Affinität. Was natürlich beim Fan nur bedingt Anerkennung findet, schließlich lechzt man an der Tyne endlich wieder nach Titel. Der letzte ist schon etwas her, genauer gesagt im Summer of 69, damals holten die Magpies immerhin den Messepokal (der Vorgänger vom UEFA-Cup bzw. der Europa League). An die vier Meisterschaften können sich nur mehr die wenigsten erinnern, wurden sie doch alle in den Jahren vor 1927 geholt und auch der letzte von sechs FA Cup Siegen ist schon 60 Jahre her.

Werner Sonnleitner, www.abseits.at

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Werner Sonnleitner