Die Schlacht um den Vizemeistertitel ist geschlagen: Rapid unterliegt in Graz mit 2:4 und Sturm, verliert erstmals nach fünf Siegen in der Liga in... Fehlende Prozente: Rapid unterliegt deutlich aggressiverer Sturm-Elf

Die Schlacht um den Vizemeistertitel ist geschlagen: Rapid unterliegt in Graz mit 2:4 und Sturm, verliert erstmals nach fünf Siegen in der Liga in Serie und fällt damit wieder acht Punkte hinter Sturm zurück, das auch weiterhin sechs Punkte Vorsprung auf den LASK hat.

Nach dem Ausfall von Boli Bolingoli wurde auch schnell klar, dass Lucas Galvao für das Spiel gegen Sturm nicht fit wird. Das Innenverteidiger-Duo hieß damit erstmals seit dem 24.Februar (2:0 gegen den LASK) Sonnleitner-Hofmann. Auf den Außenverteidigerpositionen verteidigten Thurnwald und Auer. Schon vor der Partie war die Viererkette also als Achillesferse Rapids auszumachen…

Probleme im Aufbauspiel

…nicht unbedingt was die kämpferischen Qualitäten betrifft, sondern viel mehr in der Abstimmung zu vorgelagerten Positionen und im Aufbauspiel. Der Drang in die Tiefe, der Galvao und Bolingoli ausmacht, fehlte gegen den SK Sturm komplett und Rapid konnte dieses Problem gruppentaktisch nicht abfedern. Das 0:1 nach nur zwei Minuten nach einer vogelwilden Gesamt-Abwehrleistung machte die Situation nicht einfacher.

Überwinden der ersten Linie als Problem

Rapid versuchte sich nach dem frühen Rückstand zu stabilisieren, aber war als Team deutlich unausgewogener als Sturm. Wenn Rapid es schaffte hinter die erste Pressinglinie der Grazer zu kommen, war man aufgrund der (Fast-)Bestbesetzung in der Offensive immer wieder gefährlich und giftig. In dem Moment, wo Rapid Angriffe abbrechen und auf einer tieferen Position neu starten musste, war die Mannschaft aber verwundbar, weil die Passqualität der Abwehrspieler nicht hoch genug war.

Schwab und Ljubicic im Aufbauspiel zu hoch

Schon im Aufbauspiel hätte Rapid dies abfedern können, aber weder Schwab noch Ljubicic kippten weit genug ab. Stattdessen wurde der Spielaufbau der Abwehr überlassen und Sturm konnte die zentralen Anspielstationen Rapids zustellen. Hätten Schwab oder Ljubicic häufiger als abkippende Sechser ins Aufbauspiel eingegriffen, wäre zwar eine Anspielstation nach vorne weggefallen, dafür aber mehr Raum für Schnittstellenpässe geblieben. So verdichteten sich das Zentrum und die Halbpositionen zusehends und Sturm war stark aufs Attackieren nach der ersten Ballberührung von Rapids Mittelfeldspielern fokussiert. Die Grazer hatten in diesen Zweikämpfen stets Vorteile, weil man destruktiv agieren konnte, während Rapid die Bälle sauber weiterverarbeiten musste.

Berisha und Schaub als offensive Schwachstellen

Durch die starken Murg und Kvilitaia konnte Rapid im letzten Drittel Nadelstiche setzen und es kommt nicht von ungefähr, dass es auch die beiden waren, die für Rapids Hoffnungsmomente sorgten. Die Leistungsdichte in Rapids Offensive war aber dennoch nicht hoch genug, denn während am technisch schwachen Berisha nahezu alles vorbeilief, erwischte auch Louis Schaub einen schwachen Tag und wirkte oft so, als wäre er mit dem Kopf bereits in Köln. Dies stieß einigen sauer auf, denn im Derby, sowie im Cup-Halbfinale gegen Sturm zeigte er jeweils ein ganz anderes, viel angriffslustigeres Gesicht. Aber nachdem „das letzte Derby“ und die letzte Titelchance dahin waren, schaltete er wieder einen Gang zurück.

(Situatives) 4-4-2 wäre gute Option gewesen

Rapid hatte also Probleme beim Überbrücken der Drittel – auch eine formative Veränderung hätte hier Abhilfe geschaffen. Die Aufbauschwäche der Viererkette wäre prädestiniert für ein 4-4-2 gewesen. Gerade weil es schwierig war, hinter die jeweiligen Pressinglinien Sturms zu kommen, hätte eine stärkere Abkehr von den Flügeln Rapid gut getan. Mit zwei Stürmern – beispielsweise Kvilitaia und Berisha – hätte man sich versetzt zur gegnerischen Dreierkette positionieren können. Die äußeren Mittelfeldspieler wären auf Halbpositionen ideal gewesen. Das Verteidigen nach Ballverlusten wäre dann von innen nach außen passiert, um Sturms offensive Flügelverteidiger wieder zu stellen. Aber mit dem Ball hätte Rapid nicht nur Sturms Ordnung ins Wanken gebracht, sondern wäre auch bei langen, überbrückenden Bällen in die Spitze unberechenbarer geworden. Leider kam es nicht einmal zum Versuch.

Sturm im Kopf schneller, Rapid nicht zwingend genug

Chancen waren am Ende dennoch genug da. Immer wieder hatte man das Gefühl, dass Rapid ansatzweise zurückkommen könnte, aber der Killerinstinkt fehlte. In den meisten Szenen, weil man im Kopf nie schneller war als Sturm. Wie so oft war aber das wesentlich größere Problem, dass man nicht in noch mehr Strafraumszenen kam. Schuld daran war der größte Unterschied zwischen den beiden Verfolgerteams am gestrigen Nachmittag.

Sturm gegen den Ball deutlich aggressiver

Sturm Graz war gegen den Ball schlichtweg enorm stark. Gar nicht unbedingt, weil man Rapid qualitativ deutlich überlegen wäre, sondern einfach weil man bei jedem Spieler das hundertprozentige Commitment spürte, was bei Rapid nicht der Fall war. Immer wieder wurde Rapid extrem früh gestört und hart attackiert. Mit dieser Gangart kamen die oft zu filigranen Hütteldorfer nicht zurecht. Rapid spielte dadurch ängstlich, nahm es nie in Kauf, auch einmal rüde gefoult zu werden, sondern hopste immer samt Ball aus brenzligen Situationen – bis Sturm eben den Ball gewann.

Sturms Mittelfeld nicht ausreichend unter Druck gesetzt

Rapid zeigte sich nicht einmal ansatzweise so aggressiv. Sturm konnte immer wieder passieren, wurde bei Ballannahmen nur spärlich unter Druck gesetzt. Die einzigen Duftmarken setzten die Innenverteidiger Sonnleitner und Hofmann, die ihre Gegner stets recht hart behandelten. Allerdings wäre die engere Positionierung schon viel früher, nämlich in Sturms Mittelfeld, nötig gewesen. Aber Rapid verfolgte zu häufig nur, ging zu vielen Zweikämpfen aus dem Weg oder führte sie halbherzig.

Zuljs Treffer als Sinnbild

Die Art der Gegentore hatte nicht unmittelbar mit dieser Laschheit zu tun, war aber auch ein Resultat daraus. Symptomatisch war das 3:1 durch Peter Zulj: Sturm baute über Maresic auf, ließ ihn schalten und walten, wie er wollte und beschränkte sich schlichtweg darauf die Anspielstationen in der Mitte zuzustellen. Wenn Maresic nach vorne spielen wollte, hatte er praktisch nur eine Möglichkeit – nämlich einen langen Pass auf den sich lösenden Zulj. Der kam an, die Ballannahme des Mittelfeldspielers war Weltklasse und der Abschluss ebenso. Ein präziser Pass, eine perfekte Abschlusssituation und Rapid war erledigt – mehr brauchte es nicht. Dabei hätte Maresic bei 2:1 für Sturm nie und nimmer so ungehindert aufbauen dürfen. Rapid presste zwischen zaghaft und gar nicht und wurde dafür völlig zu Recht bestraft. Nur die Mitte zuzustellen ist gegen eine mit großem Esprit ausgestattete Sturm-Elf zu wenig.

Mentalität und Konstanz

Sturm geht als verdienter Sieger und (mit hoher Wahrscheinlichkeit) würdiger Vizemeister vom Platz. Bei Rapid fehlte auf diesen zweiten Platz über die gesamte Saison einfach zu viel. Sturm hat aktuell nicht nur die bessere Mannschaft als Rapid, sondern auch die gesündere Mentalität. Rapid lässt die ihre immer wieder aufblitzen und holt punktuell die Fans auf ihre Seite, aber wenige Spiele später hat man trotzdem wieder das Gefühl, dass nicht jeder Akteur 100% gibt. Die fehlende Konstanz und die wankelmütige Mentalität sind und bleiben die großen Probleme Rapids. Was übrigens auch für den Trainer gilt: Djuricin agierte gegen Sturm schwach und schöpfte seine gruppen- und mannschaftstaktischen Optionen gegen einen aggressiven Gegner nicht aus. Einige der vorangegangenen Spiele bestritt er hingegen gut und clever. Heute soll sein Vertrag um ein Jahr verlängert werden. Ein kleinwenig wohl auch wegen Mangel an vernünftigen Alternativen.

Daniel Mandl, abseits.at

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen