Irgendwo in Wien am 20. Mai 2018. Das Schloss fällt in die Tür, der Schlüssel dreht sich um die eigene Achse. Die Sonnenbrille sitzt... Kommentar: Es war kitschig, und wie, und das war gut so!

Irgendwo in Wien am 20. Mai 2018. Das Schloss fällt in die Tür, der Schlüssel dreht sich um die eigene Achse. Die Sonnenbrille sitzt schief auf der Nase, aber das fällt heute niemanden mehr auf. Einige Schritte bis zu den öffentlichen Verkehrsmitteln, es ist schattig, man trägt daher Pullover. Ein kurzer Sprint und man ist im Waggon, fährt über- und untergrund, den Ärger über die Aufstellung vergisst man beim Starren auf das Smartphone und die Sonntagszeitung. Linienkreuz Längenfeldgasse gemeistert und nicht so wie Dannyo über den Bisamberg ausweichen müssen um nach Hütteldorf zu gelangen. Alles in grün, die Menschen, die Handtaschen, die Hunde, sogar die U-Bahnlinie, nur die Polizisten am Bahnsteig in Hütteldorf, wissen nicht was sich gehört.

Raus aus dem Tunnel, die Sonne knallt runter als wäre man gerade nach zwei Stunden Flug aus dem Ferienflieger nach Kreta gestiegen. Pullover runter, Handschlag und Bussis zur Begrüßung und gemeinsam weiter, an den hippen Strandbars Hütteldorfs entlang Richtung Weststadion. Dass das Stadion dabei östlich des Bahnhofes steht scheint niemanden groß zu stören. Immer vorwärts Rapid Wien, bis zum Drehkreuz, Rucksack öffnen, dafür werden die Geschlechtsteile unangetastet gelassen, ein fairer Deal wie mir scheint. Scannen, drehen, Schritt vorwärts gehen und sich bewusst werden, dass es das jetzt ist. Jetzt ist es amtlich, das allerletzte Spiel im Heimstadion ist nicht morgen oder übermorgen, nicht im Juni und schon gar nicht im Juli, sondern jetzt und hier. Blick nach links, blick nach rechts, olle die Händ auffe, die Rapid Marie aufladen bitte. Zwei Aufladerinnen entdeckt und schon war das Geldbörserl wieder leer: Spritzer oder Bier? Süßer oder Scharfer? Die schwierigen Fragen des Lebens beantworten sich heute leicht, denn man ist sich bewusst, dass der schwerste Moment heute noch bevorsteht.

Ein paar Stiegen links, ein paar Schritte rechts, gerade hinauf und schon flucht man wieder. Dieses Mal aber nicht wegen der Aufstellung, sondern ob der Affenhitze unter dem Dach. Verständlich, es hat schließlich tiefstsommerliche 23 Grad. Aufwärmprogramm für Mannschaft und Fans abgeschlossen, drei Sitze weiter fließt bereits das erste Bier die Stiegen hinunter. Marek mit der Aufstellung und von irgendwo hörst du einen ASBler bei jedem gegnerischen und eigenen Spieler „Hofmann Fußballgott“ schreien. Stell dir vor es ist Ankick und niemanden interessierts: „Steffen Hofmann! Steffen Hofmann!“ ist alles was passiert. Ein Haken links, ein Haken rechts und Joelinton müsste schon auf 1:0 stellen. Dass ihm das dann ein paar Minuten später gelingt, nimmt der Fanblock mit einem noch lauteren: „Steffen Hofmann! Steffen Hofmann!“ zur Kenntnis. Das Spiel plätschert vor sich hin, wie spielende Kinder im aufblasbaren Pool im Juli beim Gartenfest der Tante und ehe man sich versieht ist das zweite Bier getrunken und trifft Joelinton im eben so vielten Versuch. Danach … Stille. Den Fans vergeht langsam die Freude an „Steffen Hofmann!“, daher werden die alten Klassiker ausgepackt um das Stadion anzuheizen: „Nürnberg! Nürnberg!“, ja ein paar Rostbratwürstel wären jetzt genau das Richtige. Also runter zum Würstelstand, was soll schon großartig passieren, der Gegner scheint den Kampf um Platz 7 aufgegeben zu haben, etwas unverständlich, schließlich weiß ja jeder, dass es nur ein Ziel im österreichischen Fußball gibt: dass dein Vereinschannel im ASB vor der Austria gereiht ist. Da fällt Altach plötzlich ein, dass sie vergessen haben den Schampus einzukühlen und schießt schnell ein Tor, damit der Co-Trainer unbemerkt in die Kabine laufen kann um das Vergessene nachzuholen. Dafür hast du frisches Bier und Rostbratwürstel, Altach nichts davon.

Die zweite Hälfte beginnt, wie die erste: „Steffen Hofmann! Steffen Hofmann!“. Mittlerweile hast sogar du den Text gelernt und klatscht immer ungeduldiger in die Hände, das bekommt auch der Block West mit und verlangt nun auf deine Initiative hin immer energischer den Auftritt des Fußballgotts. Wird zunächst nur die Intensität und Länge auf „Steffeeen Hofmann! Steffeeen Hofmann! Steffeeen Hofmann!“ erhöht so folgen danach die Partyklassiker: „Wir wollen den Steffen sehen!“ und der „Gogo was ist mit dir?!“-Remix von DJ Oli. Als dann Ersatzkapitän Schwab zuerst die Arbeit des Platzwarts mit einem Freistoß ans Metall prüft, dann das erlösende 3:1 macht und sogar Kvilitalias Dress den Platz betreten darf, hat der Trainer endlich ein Einsehen. Plötzlich hören alle Gesänge abrupt auf, du schaust kurz verwirrt von deinem Smartphone auf, auf dem du den so spannenden Kampf um Platz 3 live mitverfolgt hast. Gab es leicht eine Durchsage zum Spielstand in Linz? Nein, nein, nein, ganz im Gegenteil: der Moment war gekommen. Du realisierst, dass am Spielfeldrand die Anzeigetafel vorbereitet wird. Schneller als Lucky Luke greifst du in deinen Rucksack, du erlebst diese Sekunden wie in Zeitlupe, die Finger tasten sich am verschwitzten Pullover vorbei und tasten sich langsam vorwärts, bis sie das weiche etwas entdecken, das du sofort hinausziehst, mit zittrigen Fingern, denn die Anzeigetafel bewegt sich immer weiter in die Senkrechte. Gerade noch rechtzeitig, bevor die rote Sieben und die grüne Elf nicht mehr nur vom VIP-Club aus zu lesen sind hast du deine Packung Taschentücher geöffnet und dir gleich zwei zwischen die Finger gesteckt.

Die „Oh“s und „Ah“s von den Rängen werden immer schneller, alles hechelt nach Luft. Schobesberger spielt mit deinen Gefühlen und macht einen Schritt nach links, der den Austausch um 0,1 Sekunden verzögert. Fünf Schritte noch bis zur Outlinie, vier, drei, zwei, eins, abklatschen, Binde auf den Oberarm, und das Stadion bebt erstmals. Der capitano betritt das Feld, du weißt nicht ob du klatschen oder weinen sollst, schreien oder dich schneuzen. Dieses neue Ottakringer mit Zwiebelaroma entfaltet seine volle Wirkung, nicht sehr nett vom Biersponsor die Fans hier als Marketingtestopfer zu missbrauchen. Nach ein paar Sekunden hustest du nur noch, du schaust zu deinem Nachbarn, der sieht deine feuchten Augen und du sagst nur: „Pollenallergie, du weißt schon.“

Da lief er nun, der echte Thor, und war so gut als wie zuvor! „Steffen Hofmann!“ Das Tränengas aus dem Block nimmt dir nicht nur die Sicht, es drückt auch weiterhin auf die Tränendrüse, jetzt spürt es auch dein Nachbar: „Ah, du auch Allergiker?“ „Steffen Hofmann!“ Der Nebel lichtet sich und du erblickst einen Eckball für Rapid. „Steffen Hofmann!“ Er verweigert dir den SHFG-Gedächtniseckball auf den rechten Unterschenkel des ersten Verteidigers am kurzen Eck und zirkelt ihn über die vorarlberger Abwehr auf den Kopf des Mitspielers, der allerdings so sehr wie du beim Anblick Gottes vor Ehrfurcht erstarrt, dass er den Ball nicht mehr scharf auf’s Tor bekommt. „Steffen Hofmann!“ Das Stadion brummt. „Steffen Hofmann!“ Das Stadion erzittert und dann passiert es:

Thurnwald nimmt sich ein Herz und sprintet zwischen zwei Gegenspielern hindurch bis zur 20-Meter-Marke, scharfer Pass auf die Linke Seite, dort wartet schon Murg, der sich den Ball ansieht, kurz vorlegt und – den Gegenspieler überraschend – den Ball durch die Beine in den Strafraum spielt, um per Billiardstoß mit Altachs Salomon den Ball an die linke Elf-Meter-Linie zu platzieren, wo ein gewisser Steffen Hofmann, von dem vielleicht einige schon einmal gehört haben, plötzlich aus dem Hinterhalt auftaucht und den Ball direkt übernimmt und ihn an den Fuß Netzers spielt um den Tormann ins Eck springen zu lassen um danach eben diesen alt aussehen zu lassen in dem er den runden Schwarz-Weißen über den am Boden entsetzt liegenden Torwart chipt. Du bist in diesem Moment wieder im Zeitlupenmodus, eben noch warst du dir sicher, den Torschrei loszulassen, als der Ball vom Vorarlberger zurückprallt und nun springt der Ball vom Fuß Gottes über die schwarze 12 und fliegt und fliegt und fliegt und fliegt auf die Torlinie zu und du schreist ihm nach, damit er auch ja über die Linie segelt und du springst und das Bier mit dir und du schreist und das Stadion mit dir und du umarmst deine Freunde und die unbekannten Seelen in deiner Umgebung dich und ihr brüllt gemeinsam mit den anderen 20.000 im Stadion und ihr lässt das Stadion erbeben, sodass die Geigenzähler im Praterstadion, am Hernalser Friedhof und auf der Hohen Warte anspringen und ihr habt Freudentränen in den Augen, die ihr zuletzt nach Beendigung der neunzehnjährigen titellosen Zeit hattet und es explodiert einer nach dem anderen neben dir, bis du selbst explodierst und nicht mehr weißt, ob du Mann oder Frau, Kind oder Greis bist.

Deine Stimme versagt, zu trinken hast du nichts mehr, dafür die Menschen vor deinem Platz umso mehr auf ihren Schultern. Es zurckt immer noch durch deinen ganzen Körper, du sackst nieder und springst gleich wieder auf: „Steffen Hofmann!“, so gehen die  nächsten Minuten dahin bis in die Nachspielzeit. Djuricin zeigt, dass er nach der Vertragsverlängerung keine Zeit bis zur Vorbereitung für die neue Saison verstreichen lassen will und lässt die Mannschaft für die letzten paar Minuten Unterzahl trainieren. Du applaudierst zwar seit Stunden und spürst keinen Finger mehr, aber jetzt ist nun soweit und derjenige, der der Nachfolger des Fußballgotts sein hätte sollen muss nun noch vor dem Original selbst den Platz verlassen und du weißt, das Abbild kommt nicht in sechs Monaten wieder. Es ist laut zur Verabschiedung von Schaub und der Ball landet schon wieder im Aus. Es kommt nun was kommen musste, und eigentlich ja schon einmal passierte, damals im 05er-Jahr gegen den Superfund aus Pasching, aber das hattest du schon wieder verdrängt und vergessen nach zwölfeinhalb Jahren: Der Kapitän verlässt das Feld.

Du klatscht weiter, ein, zwei, drei, unzählige Male verabschiedest du, verabschiedet ihr den Kapitän und wenn der Platzwart nicht irgendwann die Flutlichtmasten abgedreht hättet, ihr würdet noch immer dort stehen und klatschen und weinen und den Kopf schütteln und „Steffen Hofmann!“ schreien. Es treibt dich zurück in den grünen Silberpfeil, retour ins Innere der Stadt, in die Betonwüste hinein. Du irrst durch die Gärten Wiens und umrundest die Bäume deiner Straße ehe du nachhause zurückkehrst. Du fühlst die Leere wie Elwood, da du aber keine Terrasse besitzt, setzt du dich an deinen Computer und tippst ins ASB: „Es war kitschig, und wie …