Die Wiener Austria entschied das 340. Wiener Derby verdient mit 3:1 für sich. Wie immer haben wir das Derby im Doppelgespann analysiert: Dalibor Babic... Taktikanalyse: FK Austria Wien – SK Rapid 3:1 (14.5.2023)

Die Wiener Austria entschied das 340. Wiener Derby verdient mit 3:1 für sich. Wie immer haben wir das Derby im Doppelgespann analysiert: Dalibor Babic für die Austria, Daniel Mandl für Rapid.

Austria mit leichter Systemadaptierung

Im Vorfeld des großen Wiener Derbys gab es auf Seiten der Favoritner einige personelle Fragezeichen, die speziell die beiden wichtigen Akteure Braunöder und Gruber betraf. Der Einsatz der beiden Mittelfeldspieler sollte sich erst kurzfristig entscheiden und hatte natürlich auch Implikationen auf den Matchplan der Violetten. Während Gruber rechtzeitig fit wurde und auflaufen konnte, nahm U21-Teamspieler Braunöder nur auf der Bank Platz. Für ihn rutschte Routinier Holland in die Mannschaft, der es im Auswärtsspiel gegen Sturm zusammen mit Fischer im Zentrum ganz ordentlich machte. Wichtig war zweifellos auch die Rückkehr von Doron Leidner, der mit seiner Dynamik die linke Seite beleben sollte. Auf den ersten Blick schien es aufgrund der personellen Wahl auch so zu sein, als würden die Austrianer auf das übliche 3-4-1-2 zurückgreifen. Doch für dieses Schlüsselspiel passte man sich nochmal genauer an den Gegner an und kehrte zum 3-4-3 zurück, was man in dieser Saison bereits häufiger praktizierte.

 

Realtaktische Formation der beiden Teams (Alle Daten von Wyscout S.p.a.) Man erkennt hier die „flache“ Dreier-Angriffsreihe und das klare 3-4-3 System der Austria.

Die Beweggründe hingen wie gesagt vordergründig mit dem Gegner und dem Spiel gegen den Ball zusammen, da man sich für das 4-1-4-1/4-3-3 von Rapid ein passendes Korsett zurechtlegte, um den Erzrivalen gut unter Druck setzen zu können und rasch Zugriff zu erlangen. Hier gab es auch einige interessante strategische Kniffe, denen man sich bediente und auf die Stärken der Spieler abstimmte. So agierte etwa die „Dreierreihe“ ganz vorne sehr versetzt nach rechts, weshalb Fitz den rechten Innenverteidiger Sollbauer deckte, Tabakovic den linken Innenverteidiger Wimmer und Gruber sich um den Linksverteidiger Moormann kümmern sollte. Vermutlich rechnete das Trainerteam der Austria hier mit Teamspieler Jonas Auer und wollte dessen Kreise im Spielaufbau einengen, um ihn sofort unter Druck setzen.

Davon rückte man allerdings auch nicht durch die Besetzung von Moormann ab. Sobald Rapid versuchte das Spiel von hinten kurz aufzubauen, erfolgte recht zügig der Pressingauslöser der Austria und Zielspieler Tabakovic lief im Vollsprint die Innenverteidigung an, während die restlichen violetten Spieler nachschoben und weit nach vorne rückten. So sollte Rapid gar nicht die Möglichkeit gegeben werden, in einen Rhythmus zu finden und eine Sicherheit im Spiel zu erlangen. Aufmerksame Beobachter stellen sich nun natürlich die Frage: Wenn die Austrianer nach rechts versetzt attackieren, wer deckt dann den Rechtsverteidiger von Rapid – in dem Fall Kasius? Die Antwort darauf lautete: Doron Leidner. Der linke Flügelverteidiger lieferte sich schon im letzten Heimderby der „Veilchen“ einen intensiven Fight mit Kasius und das wollte man auch diesmal so handhaben. Die Pressingformation der Gastgeber kann man auf dem nächsten Bild gut erkennen:

 

Die Pressingformation der Austrianer, die im 3-4-3 attackieren und durch die vielen Mannorientierungen eine klare Zuteilung haben. Man erkennt hier auch am linken Bildrand die sehr hohe Position von Leidner, während in der Mitte Fitz diesmal eingerückt ist, da er zwischen dem Sechser und Innenverteidiger von Rapid pendelte – je nach Aufbauformation der Gäste.

Durch diese klare Aufgabenverteilung wusste jeder Austrianer, was zu tun ist und wer für welchen Gegenspieler verantwortlich ist. Man erlangte dadurch auch einen recht guten Zugriff gegen den Ball und konnte viele lange Bälle des Erzrivalen provozieren, die man in weiterer Folge aufsammelte.

Interessant ist hier aber auch ein weiterer strategischer Aspekt, nämlich wie man die Athletik auf der linken Seite ausnutzen und auf der rechten Seite Kapitän Mühl etwas „schützen“ wollte. Während Leidner quasi im Angriffspressing den Flügelstürmer gab und Meisl oftmals den Linksverteidiger, konnte durch das Attackieren von Gruber, Ranftl etwas tiefer stehen und in weiterer Folge musste Mühl nicht so weit nach vorne durchsichern und weite Wege gehen.

Im 3-4-1-2 war es normalerweise bislang so, dass die Doppelspitze die beiden Innenverteidiger deckte und Ranftl auf den gegnerischen Außenverteidiger schob, um ihn zu attackieren. Dadurch musste der Halbverteidiger dahinter ebenfalls nach vorne rücken und Ranftl absichern, was allerdings sehr gefährlich sein kann, muss man doch einen großen Raum verteidigen. Dem eigentlich gesetzten Handl gelang dieser Spagat nicht immer und er hielt dem Stress nicht immer stand. Mit dieser kleinen strategischen Adaption entschärfte man das Thema ein wenig und Trainer Wimmer beschützte seine Innenverteidigung quasi, indem eben auch Ranftl etwas tiefer blieb.

Überlegte Ballzirkulation sorgt für hohe Ballbesitzzeiten

Durch das gute Pressingspiel, kam man wie erwähnt recht rasch in Ballbesitz und nun stellte sich die Frage, was man damit anstellen würde. Hier lag sichtlich der Fokus darauf, mehr Ruhe hineinzubekommen und die Ballzirkulation über möglichst viele Stationen zu gestalten. Man zielte sichtlich auf die Kontrolle in diesem Spiel ab und wollte sich den Gegner zurechtlegen und nicht wie hin und wieder möglichst schnell vor das gegnerische Tor gelangen. Durch das etwas tiefere Mittelfeldpressing von Rapid bekamen die drei Innenverteidiger der Violetten auch recht viel Zeit am Ball und spielten sich die Bälle zu, bis dann die Eröffnung und der Übergang in die gegnerische Hälfte erfolgte.

Dieser lief meistens über die beiden Sechser Fischer und Holland. Diese wurden wesentlich mehr eingebunden, als dies die letzten Wochen der Fall war. Sie sollten dann die Bälle in die nächste Zone bringen und die Offensivakteure bedienen. Unterstützt wurden sie dabei aber auch immer wieder vom sehr umtriebigen Spielmacher Fitz, der generell viel unterwegs war, aber auch den Spielaufbau unterstützen sollte, indem er sich aus der Spitze nach hinten zurückfallenlassen sollte. Das kann man am nächsten Bild gut erkennen:

 

Austria im Spielaufbau, Fitz lässt sich aus der Spitze zwischen die eigenen Innenverteidigern fallen, um sich den Ball abzuholen und ihn in die nächste Zone nach vorne zu befördern.

An der Positionierung und dem Fallenlassen von Fitz konnte man erkennen, dass die Austria auf Kontrolle aus war und man mehr Präsenz in tieferen Regionen wollte, um dann kontinuierlich nach vorne zu gelangen, statt ganz vorne mehr Abnehmer für schnelle tiefe Pässe zu haben. Allerdings war es nicht so, dass man ewig quer spielte, sondern spätestens nach dem fünften Pass der Blick nach vorne wanderte. Hier ging es über die zentralen Mittelfeldspieler oder Kapitän Mühl, der einige präzise lange Bälle spielte oder vertikal in den rechten Halbraum. Das war auch die strategisch neuralgische Zone für die Violetten, denn Tabakovic und Gruber besetzten diese Zonen zusammen und wurden vom attackierenden Ranftl und dem nachschiebenden Fischer/Holland unterstützt.

Dadurch spielte sich viel in dieser Spielfeldhälfte ab und Angreifer Gruber rutschte auch oftmals auf den Flügel hinaus, um gemeinsam mit Ranftl ein „Pärchen“ zu bilden und für Flügeldurchbrüche zu sorgen. Das gelang auch einige Male und viele Angriffe nahmen ihren Ursprung über die rechte Seite. Aufgrund dieser Faktoren schnellten auch die Ballbesitzwerte der Austria in der ersten Viertelstunde auf knapp 70 Prozent hoch und man schien alles unter Kontrolle zu haben. Die erste gute Möglichkeit hatte dann dennoch Rapid, als nach einem Einwurf Burgstaller zum Abschluss kam und an Torhüter Früchtl scheiterte.

Doch die Violetten ließen sich davon nicht beirren und zogen ihren Matchplan und ihre Spielweise weiterhin durch. Vor allem das Gegenpressing nach Ballverlust kam immer mehr in Schwung und der ballführende Rapidler sah sich meist gleich mehreren violetten Spielern gegenüber – und war dadurch auch einem hohen Druck ausgesetzt.

Doch eine Standardsituation sollte für die Führung der Veilchen sorgen, als sich Tabakovic nach einem Eckball von Fitz hochschraubte und zum 1:0 traf. Keine drei Minuten später legten die Violetten erneut nach, und wie! Nach einem Ballgewinn im Gegenpressing, ging es direkt und schnörkellos nach vorne und kombinierte man sich bis in den Strafraum, wo Spielmacher Fitz freigespielt wurde und mustergültig auf Tabakovic querlegte, der nur noch Danke sagen musste und einen Doppelpack schnürte.

Die Austria schien wie entfesselt und war die dominante Mannschaft auf dem Feld. Rapid tat sich schwer, sauber von hinten heraus ins Angriffsdrittel zu kommen und spielerische Lösungen zu finden. Nur hin und wieder gelang es, sofern der schnelle Seitenwechsel gelang, dass man Kühn in Eins-gegen-Eins-Situationen brachte und dadurch etwas Dynamik entstand. Die Gastgeber verteidigten das allerdings meist clever und zogen kleine Fouls, um damit wieder den Rhythmus zu brechen. Umso überraschender war dann der Anschlusstreffer, der nach einer schönen Kombination der Gäste zustande kam. Abwehrchef Martins rückte weit hinaus und der eigentlich eroberte Ball landete wieder bei Rapid, Innenverteidiger Meisl schloss die entstandene Lücke nicht und orientierte sich nach außen, statt nach innen, wodurch Torjäger Burgstaller völlig freistand und zum 2:1 traf.

Dadurch wurde das Spiel etwas ausgeglichener und nun kam auch Rapid zu etwas längeren Ballbesitzzeiten. Doch gegen Ende hin hatte dann erneut die Austria einige interessante Situationen, wo das 3:1 in der Luft lag. Das sollte nicht fallen und so blieb es beim 2:1-Halbzeitstand.

Intensität nimmt auf beiden Seiten zu

Nach dem Wiederanpfiff brauchten beide Teams nicht allzu lange, um wieder auf Betriebstemperatur zu kommen. Rapid wurde etwas offensiver in der Spielanlage, wodurch wiederum Räume für die violetten Umschaltsituationen entstanden und es ein wenig hin und her ging. Die Austria blieb im Gegenpressing weiter sehr griffig und speziell die rechte Seite übte viel Dynamik und Tempo nach vorne aus, womit die Hütteldorfer große Probleme hatten. Aber auch mit Spielmacher Fitz, der immer wieder durch seine kluge Positionierung Freiräume vorfand und in weiterer Folge die Fäden im violetten Offensivspiel ziehen konnte. Rapid gelang es auf der anderen Seite öfter über den Flügel zu kommen und hier die Austria zu gefährden, wodurch auch die erste Doppelchance der Gäste entstand.

Danach erspielten sich die Favoritner allerdings ein Chancenfeuerwerk und verzweifelten nahezu an Rapid-Torhüter Hedl. Innerhalb von 30 Sekunden vereitelte der Teamtorhüter gleich zwei Tabakovic-Sitzer und einen Holland-Nachschuss konnte Moormann gerade noch auf der Linie klären. Weitere Chancen von Martins und Gruber konnte Hedl ebenfalls bravourös vereiteln, wodurch die Austria zwar die klar tonangebende Mannschaft war, allerdings aus ihrer Überlegenheit kein Kapital schlagen konnte und es nur 2:1 stand. So blieb die Möglichkeit für den Lucky-Punch von Rapid weiterhin intakt und das blieb im Hinterkopf der Austrianer verankert. Beinahe sollte es dann auch tatsächlich so kommen, als wieder einmal die Violetten nach einem simplen langen Ball überrascht wurden und Burgstaller alleine vor Früchtl seinen Abschluss am langen Eck vorbeisetzte.

Mit etwas Glück überstand man diesen Moment mit einem Schrecken und auch die folgenden Minuten, ehe Tabakovic quasi mit dem Abpfiff noch das 3:1 besorgte und damit das violette Stadion in ein Tollhaus verwandelte.

Barisic nimmt gezwungenermaßen Umstellungen vor

Rapid-Trainer Zoran Barisic musste aufgrund von Verletzungen gleich auf drei Positionen umstellen. In der linken Verteidigung begann Moormann statt Auer, rechts rutschte Kasius anstelle von Schick in die Mannschaft. Zudem musste der Rapid-Trainer auch auf seinen Sechser Aleksa Pejic verzichten, was Rapid mit einem weiter zurückgezogenen Kerschbaum und einer Doppelacht mit Greil und dem noch einmal deutlich tiefer spielenden Druijf abfedern wollte. So agierte Rapid eher in einem 4-1-4-1, als im klassischen 4-2-3-1, das man sonst praktisch immer praktiziert.

Grundsätzlich sahen die Flügelbesetzungen zu Beginn auch geeignet für ein Wiener Derby aus. Auf der linken Seite sollte der üblicherweise sehr defensiv agierende Moormann vor allem hinten dicht machen und damit seinem Vordermann Nicolas Kühn, der zugunsten von Oliver Strunz von rechts nach links wechselte, den Rücken freihalten.

Auf der rechten Seite wäre eine andere Variante erfolgsversprechend gewesen. Hier hätte Rapid bei günstigem Spielverlauf damit arbeiten können, dass Strunz seine Rolle als Rechtsaußen stark einrückend interpretiert. Das könnte die defensive Ausrichtung der Austria ein wenig ins Zentrum verlagern und den Flügel für den dynamischen Denso Kasius freimachen.

Im Zentrum wiederum versuchte man das Fehlen von Pejic durch die gegen den Ball ungewöhnlich tiefe Position Druijfs physisch auszugleichen. Rapid spielte ein tiefes und abwartendes Mittelfeldpressing, wodurch Druijf sich häufig im Achterraum aufhielt. Der Plan hätte wohl vorgesehen, dass sich der Niederländer nach Ballgewinnen möglichst schnell in den Zwischenlinienraum bewegt, um die Zehn zu besetzen und Bälle zu sichern bzw. weiterzuverarbeiten.

Kaum Bindung zwischen den Mannschaftsteilen

Doch die strukturellen Probleme Rapids waren binnen Minuten wieder sichtbar. Die theoretischen Synergien hätten gegen die Austria durchaus passen können, wurden aber faktisch nie hergestellt. Moormanns Durchschnittsposition war am Ende sogar defensiver (!) als die von Sollbauer und sein Abstand zu Kühn bzw. nach einer halben Stunde zum eingewechselten Grüll war riesig. Auch aus dem Zentrum antizipierte kaum jemand auf Aufbausituationen über die linke Seite mit Wimmer und Moormann, wodurch zumeist der schwierige bzw. lange Ball gespielt werden musste. Lange Bälle festmachen oder zweite Bälle absammeln konnte Rapid aber praktisch nie, weil die Austria mit ihrer Dreierkette deutlich strukturierter formiert war und durch einfaches Durchschieben Bälle sichern konnte – häufig auch ohne in Zweikämpfe gehen zu müssen.

Auf der rechten Seite war vor allem die inferiore Vorstellung von Strunz in der ersten halben Stunde das Problem. Der Youngster, der gerade erst seinen Vertrag bis 2027 verlängerte, zeigte in seinen Aktionen, vor allem gegen den Ball, keinerlei Nachdruck und so war es für die Austria ein Leichtes, den Raum hinter ihm zu bespielen, um durch die Linien zu kommen. Dies drängte auch Kasius weit zurück und zwang ihn in Defensivaufgaben, anstatt ordentlich Meter am rechten Flügel machen zu können, was eher seinem Naturell entspricht.

Nach Strunz’ verletzungsbedingter Auswechslung wechselten die Flügel ihre Positionen: Kühn ging nun doch wieder nach rechts und spielte damit vor Kasius und Grüll agierte vor Moormann als Linksaußen. Damit gingen die Zuordnungen noch weiter verloren.

Es ist derzeit ein Rapid-typisches Kuriosum, dass man gerne „flexibel“ agieren möchte und es angeblich kein Problem darstellt, wenn man während eines Spiels rochieren muss. Diese „Flexibilität“ ist aber gleich bedeutend damit, dass es keine klaren Aufgabenbereiche oder Mannorientierungen gibt. Rapid wurde in der jüngeren Vergangenheit immer wieder dafür kritisiert, dass das Auftreten zu wenig „choreografiert“ und bei den Abläufen auf dem Platz zu vieles dem Zufall und der Situation überlassen werden. Die im Bild weiter oben sichtbaren Mannorientierungen der Austria im Pressing sind das Gegenbeispiel dafür, wie es gehen könnte. Rapid verfolgt derart genaue Pläne allerdings nicht und versucht nur als Mannschaft Räume zu schließen oder zu besetzen. Weil die Hütteldorfer aber mannschaftlich nicht geschlossen genug agieren und viel zu häufig Opfer ihrer eigenen Lethargie werden, können strukturierte Mannschaften – wie die Austria unter Michael Wimmer eine ist – ohne größere Probleme reüssieren. Das trifft natürlich auch auf Salzburg, den LASK und Sturm Graz zu, was auch die miserable Bilanz Rapids gegen diese „modernen“ Teams erklärt.

Zentrum als Kardinalsproblem

An den Flügeln haperte es also bereits an Abständen, Genauigkeit und Konzentration – aber das größte Problem Rapids ist nach wie vor das Zentrum, wo es an allen Ecken und Enden an Qualität und Organisation fehlt. Die Konstellation mit Kerschbaum auf der Sechs spielte der Austria ebenfalls in die Karten. Der Ex-Admiraner war heillos überfordert, musste auch noch 28 Zweikämpfe führen und mit einem Auge stets den umtriebigen Fitz beobachten, der sich nicht nur antizipativ gut bewegte, sondern auch rund um Rapids Sechserraum einen großen Aktionsradius aufbaute.

Greil und Druijf waren davor keine große Hilfe. Die beiden agierten gegen den Ball abwartend, verschoben schlichtweg mit, bekamen aber keinerlei Zugriff auf ihre Gegenspieler und waren auch im Kampf um zweite Bälle nach langen Bällen viel zu unkonkret. Es fehlte auch die letzte Überzeugung und während die Austria teilweise gewonnene Zweikämpfe wie Torerfolge feierte, hatte man in Rapids Mittelfeld nie das Gefühl, dass einer der Spieler einen bestimmten Ball unbedingt haben wollte (wie etwa Burgstaller vor dem 1:2, das er mit einer guten Ballsicherung einleitete).

Die Kombination aus mangelnder Qualität und Mentalität, wie sie Rapid im zentralen Mittelfeld derzeit verfolgt, ist natürlich tödlich für eine solch wichtige Zone. Die Austria konnte sich mit Fortdauer des Spiels auch an der spielerischen Rat- bzw. Planlosigkeit Rapids im Zentrum aufbauen und bemerkte natürlich, dass die Hütteldorfer nicht „on-fire“ waren.

In solchen Situationen wäre es hilfreich gewesen, die eine oder andere Mannorientierung zu etablieren. Ein Beispiel wäre gewesen, Druijf oder Greil explizit auf den kreativen Schlüsselspieler der Austria, Dominik Fitz abzustellen, um ihn praktisch über den gesamten Platz in Manndeckung zu nehmen. Dies hätte zwar einen Rapid-Spieler aus dem (ohnehin unchoreografierten) Defensivverbund genommen, der Austria aber Schwierigkeiten im Aufbauspiel bereitet und/oder eine wichtige Anspielstation zwischen den Linien herausgenommen. Stattdessen ließ man den 23-Jährigen aber schalten und walten, wie er wollte und konzentrierte sich einfach darauf, möglichst kompakt im Block zu stehen und Räume zu stopfen – was aber kaum funktionierte.

Standards als Sinnbild

In der ersten Halbzeit konnte Rapid noch phasenweise mit der Austria mitspielen. In Halbzeit zwei hatten die Grün-Weißen aber Glück aufgrund der beschriebenen Probleme, die sich durch die gesamte Mannschaft zogen, nicht mit 1:3, 1:4 oder 1:5 in Rückstand zu geraten. Hedl hielt Rapid im Spiel und ironischerweise hätte Guido Burgstaller in der Schlussphase nach einer Zufallsaktion sogar noch den Ausgleich erzielen können. Es passte an diesem Sonntagabend aber wie die Faust aufs Auge, dass dem Rapid-Torjäger der Ball über den Rist rutschte und Tabakovic unmittelbar danach aus einer ähnlichen Situation heraus noch seinen Dreierpack schnürte.

Ein weiteres, über das gesamte Spiel zu beobachtende Sinnbild für die Planlosigkeit Rapids waren aber einmal mehr die Standardsituationen. Aus sieben Eckbällen und drei Freistoßflanken konnte Rapid praktisch keine Gefahr kreieren. Entweder war die Flanke zu schlecht oder die Idee nicht inspiriert genug, wie etwa bei einem kurz abgespielten Eckball, den die Austria nach zwei Pässen ins Seitenaus klären konnte. Auch an der Zuordnung im Zentrum kann etwas nicht stimmen – oder aber: Auch hier ist die Zuordnung des Gegners besser…

Seit jeher für Standards zuständig, ist bei Rapid Co-Trainer Thomas Hickersberger. Angesichts dessen, dass Rapid nicht erst seit gestern als bei Standards schwache Elf gilt, könnte man langsam überlegen, für neue Impulse zu sorgen, an denen Hickersberger womöglich nicht mitarbeitet. Oder auch, ob der „Theoretiker“ Hickersberger überhaupt noch mitarbeiten sollte…

In einer schwierigen Lage wie jener von Rapid derzeit, wären Standardsituationen wohl der einfachste Weg, Torgelegenheiten zu erzwingen. Aber die Hütteldorfer schenkten im Derby, aber auch in den vorangegangenen Spielen, auch diese Option leichtsinnig her, zeigten keinerlei Kreativität, zu wenig Präzision, zu wenig klaren Willen, das Glück zu erzwingen. Ebenso sinnbildlich wie Rapids inferiore Standards ist auch die Tatsache, dass es ein einfacher Fitz-Eckball auf Tabakovic’ Kopf war, der Rapids Niederlage in diesem Derby einleitete…

Fazit

Im letzten Derby der Saison setzten die Violetten nochmal ein Ausrufezeichen und gewannen mit ihrer wohl besten Saisonleistung hochverdient mit 3:1. Austria-Trainer Wimmer schickte seine Mannschaft mit einem perfekt abgestimmten Matchplan aufs Feld, welchen die Spieler großteils sehr gut umsetzten und befolgten. Die Adaptionen im Pressing sorgten dafür, dass man die Stabilität in der Defensive erhöhte und dennoch einen guten Zugriff erhielt. Mit dieser verbesserten Balance wirkte auch die Abwehrkette sattelfester und man ließ nicht mehr so viele Torchancen des Gegners zu. In der Offensive konnte man sich auf das überragende Duo Fitz und Tabakovic verlassen, die dem Offensivspiel ihren Stempel aufdrückten und kaum zu bremsen waren. Mit diesem wichtigen Sieg rückten die Austrianer nun auf Platz 4 vor und haben es nun selbst in der Hand, diesen bis zum Schluss zu verteidigen.

Rapid war mit dem 1:3 gut bedient. Die Expected Goals Statistik zeigte am Ende einen Wert von 3.59 : 1.31 für die Austria an, was ergebnis- aber nicht leistungsgerecht war. Einzig ein Top-Tag von Niklas Hedl rettete Rapid mit einem 1:2 in die Schlussphase, wo man den Lucky Punch durch Guido Burgstaller noch verabsäumte. Die Probleme waren aber auch im Derby wieder struktureller Natur. Aufbau, Zentrum, Bindung, Gegenpressing, taktische Kreativität in-play… es fehlte bei Rapid erneut an allen Ecken und Enden und neben den offensichtlichen Qualitätsproblemen, wird es in den verbleibenden drei Spielen auch nicht gerade einfacher, nach so vielen Niederschlägen die Mentalität hochzuhalten. Rapid muss die Saison einfach irgendwie rüberbiegen und Schadensbegrenzung betreiben. Der Rückfall auf Platz fünf ist im Vergleich dazu, wie strukturiert die Austria agiert und wie wenig Konzept Rapid Woche für Woche auf den Platz bringt, absolut verdient. Ob es nächste Saison besser wird, wird jedoch primär am Konzept und erst sekundär an den Spielern liegen, die man im Zuge des nötigen Umbruchs verpflichten wird.

Dalibor Babic (Austria) & Daniel Mandl (Rapid), abseits.at

Dalibor Babic