Ernst Happel ist einer der wenigen Fußballer, die sowohl als Spieler als auch als Trainer zu absoluten Weltspitze gehörten. So nebenbei nahm sich der... Anekdote zum Sonntag (76) – Ernst sein ist alles (Teil V)

_Ernst HappelErnst Happel ist einer der wenigen Fußballer, die sowohl als Spieler als auch als Trainer zu absoluten Weltspitze gehörten. So nebenbei nahm sich der Ernstl nie ein Blatt vor den Mund. Sich zu verstellen kam für den Wiener nicht in Frage. Schon als Jugendspieler bei Rapid Wien, fiel Happel auf, als er sich den vorgeschriebenen NS-Schulungen entzog.

Jeder Verein wurde damals von einem sogenannten Dietwart betreut, der für die ideologische Vergiftung (sic!) der Spieler zuständig war: Man sammelte Altmetall, hörte sich Vorträge an und sang Lieder. Happel wusste von Anfang an: „Der Schaaß interessiert mi net.“ und der Rapid-Dietwart wollte ihn für seine Renitenz immer wieder sperren. Einzig der rettenden Fürsprache von Trainer Nitsch verdankte es Happel, dass er nicht ständig zum Rapport bestellt wurde.

Nachdem Österreich bei der WM 1954 trotz seiner Favoritenrolle „nur“ den dritten Platz erreicht hatte, schoss sich die Presse vor allem auf Happel ein, der im Spiel gegen Deutschland nicht seine beste Partie abgeliefert hatte.  „Disziplinlosigkeit“ gehörte da noch zu den harmloseren Vorwürfen. Der Sportfunk schrieb gar vom „schwärzesten Tag seiner Karriere“. Biblischer wurde das kleine Volksblatt: Man wünsche Happel „zehn Jahre Fegefeuer, verschärft durch täglich zwanzig verlorene Schnapspartien.“ Viel später gestand der Trainer, dass er aufgrund von Hüftschmerzen von Beginn an eigentlich nicht einsatzfähig gewesen wäre. Bereits nach wenigen Minuten hatte Happel zudem sein Selbstbewusstsein verschenkt, als er die ersten Zweikämpfe verloren hatte. Er beschloss nicht mehr richtig zu attackieren um keine weiteren Fehler zu begehen. Diese Einstellung war an diesem Tag sein größter Fehler.

Die Häme der Presse im Sommer ‘54 machte es dem Spieler Happel jedoch leichter sein Glück im Ausland zu suchen. Kommentare, er sei ein „faules Genie“, hatten seine Karriere von Beginn an begleitet, nun war jedoch der Punkt erreicht, wo es ihm einfach zu viel wurde. Bereits einige Jahre zuvor musste Happel eine Anfrage von Real Madrid aufgrund der ÖFB-Statuten ablehnen. Racing Club Paris bot dem Sohn eines Wirten jetzt für einen Wechsel 25.000 Dollar bar auf die Hand.  Aschyl grantelte ab diesem Zeitpunkt auf Französisch.

Seinem herben Charme ging auch in der Seine-Metropole die Luft nicht aus. Sportlich war Paris allerdings ein Abstieg. Zwar gab es einige gute Spieler in der Mannschaft, ein richtiges Team formten sie allerdings nicht. Betreut wurde Racing Club vom gebürtigen Linzer Gustl Jordan. Jordan war 1933 mit Heinrich Hiltl und Rudi Hiden nach Frankreich gekommen und dort zum Superstar aufgestiegen. „Bébé de Linz“ – taufte ihn die Presse: „Baby aus Linz“. Vier Mal wurde Jordan Cupsieger, einmal Meister. Er entschied sich 1938 dafür, die französische Staatsbürgerschaft anzunehmen und kickte so  – zum Widerwillen der extremen Rechte – auch für die équipe tricolore. „Frankreich darf zurecht stolz auf seinen neuen Staatsbürger sein.“, wusste die Sportzeitung „Miroir des Sports“ nach seinem Debüt. Nach seiner Laufbahn als aktiver Sportler schlug der gebürtige Oberösterreicher eine erfolgreiche Trainerkarriere ein. Von Red Star bis Olympique Marseille coachte er in seiner neuen Heimat große Vereinen. Seinen prestigeträchtigsten Erfolg feierte er jedoch mit dem 1. FC Saarbrücken, als er 1952 das Finale der deutschen Meisterschaft verlor. Als respektierter Fußballfachmann verlebte Jordan seine letzten Lebensjahre östlich von Paris, wo er 1990 starb.

Happels Pariser Zeit war zwar von Lebensqualität getragen, sportlich aber durchwachsen. „Paris ist keine Stadt für Fußballer, weil du so viele Möglichkeiten hast.“ Tatsächlich hatte der Grantler mit dem türkischen Filmhelden Aschyl, den seine Rapid-Kollegen für ihn als Spitznamen auserkoren hatten, eines gemeinsam: Ernstl war ein begnadeter Flirter. So traf er in seiner Pariser Zeit einmal auf die italienische Filmdiva Gina Lollobrigida. Happel wohnte in einem Haus, indem auch ein Filmstudio untergebracht war und so lernte er viele Leute der in Frankreich höchst beliebten „septième art“ kennen. Jene, über die Hugo Wiener und Cissy Kraner sangen: „Wenn die ums Eck kommt, ist der Busen früher schon als sie da!“, wurde von Happel trotz seines gebrochenen Französisch zum gemeinsamen Mittagessen überredet. Das Braten im Nobellokal überlies der Fußballer nicht nur dem Koch. Dabei sollte es aber auch bleiben, schließlich war Happel verheiratet. Die Szene ist jedoch symbolisch für seinen Aufenthalt in der französischen Hauptstadt: Spaß hat es gemacht das Leben in Paris, für einen ehrgeizigen Sportler war es jedoch verschwendete Zeit.

Marie Samstag, abseits.at

Marie Samstag