Im gestrigen WM-Qualifikations-Playoff trennten sich Island und Kroatien in Reykjavik mit 0:0. Damit lebt die Chance für Island weiter, erstmals zu einer Weltmeisterschaftsendrunde zu... Die Chance lebt: Island steht nach einem 0:0 gegen Kroatien vor einem heißen Endspiel – und umgekehrt!

islandIm gestrigen WM-Qualifikations-Playoff trennten sich Island und Kroatien in Reykjavik mit 0:0. Damit lebt die Chance für Island weiter, erstmals zu einer Weltmeisterschaftsendrunde zu fahren. Auch wenn die Kroaten das Spiel im Griff hatten und alles nach einem angerichteten Endspiel in Zagreb aussieht, muss die Elf von Niko Kovac weiter zittern.

Island hat nicht ganz 320.000 Einwohner – etwa 50.000 mehr als Graz. Dennoch schaffte es die Mannschaft des schwedischen Trainers Lars Lagerbäck ins Playoff. Der 65-jährige Coach reiste in der Vergangenheit bereits mit den Nationalteams von Schweden und Nigeria zu WM-Endrunden. Auch für 2014 kann er sich noch berechtigte Hoffnungen machen.

Isländisches Spiel hat sich verändert

Das Spiel bzw. die allgemeine Wahrnehmung des isländischen Spiels hat sich geändert. Es sind nicht mehr nur die wenigen Standardsituationen, bei denen man vor den Nordländern auf der Hut sein muss. Das Spiel der Isländer wurde in den letzten Jahren variabler, die einzelnen Akteure haben teilweise tolle Visitenkarten vorzuweisen. Dennoch haben die Blau-Weißen gegen Gegner wie Kroatien phasenweise individuelle Probleme, vor allem in der Ballbehauptung.

4-4-2 mit zwei Topstürmern

Island versuchte erwartungsgemäß die Zentralachse zuzustellen und die Zweikämpfe anzunehmen. Anders als in der Vergangenheit setzte das Team im Offensivspiel nicht auf Standards und das Forcieren von Stoßstürmern mit weiten Bällen, sondern auf kontrollierte, schnelle Konter. Die Abnehmer sollten die beiden Stürmer Finnbogason und Sigthorsson sein. Diese sind im 4-4-2-System Lagerbäcks zugleich die größten Trümpfe.

Erster in der niederländischen Torschützenliste

Beide sind schnell, dynamisch, technisch beschlagen – und extrem torgefährlich. Der 24-jährige Alfred Finnbogason erzielte in der vergangenen Saison in 33 Pflichtspielen 28 Tore für den SC Heerenveen. In der laufenden Saison hält er nach 13 Spielen bei 16 Treffern, traf dabei etwa gegen Ajax, Twente und Alkmaar jeweils doppelt. Finnbogason führt derzeit überlegen die niederländische Schützenliste an. Der 23-jährige Kolbeinn Sigthorsson geht indessen für Ajax Amsterdam auf Torjagd, konnte sich in dieser Saison als Stammspieler etablieren und traf siebenmal. Im Nationalteam erzielte er in 20 Spielen 13 Tore. Während Finnbogason eher als Mittelstürmer zu bezeichnen ist, fühlt sich Sigthorsson auch am rechten Flügel pudelwohl. Im 4-4-2 Islands braucht man in jedoch als Antizipationsstürmer in der Zentrale. Auf der Bank verfügt Lagerbäck mit dem 35-jährigen Eidur Gudjohnson, aktuell Ergänzungsspieler beim FC Brügge, auch noch über einen Nationalhelden.

Zentrales Mittelfeld spielt in der Premier League

Während die Angreifer in den Niederlanden für Furore sorgten, verdient das Herzstück das isländischen Mittelfelds sein Geld in England. Aron Einar Gunnarsson ist 24 Jahre alt, spielt seit fast sechs Jahren im Nationalteam (40 Einsätze) und kickt seit 2 ½ Jahren für Cardiff City – heuer erstmals in der Premier League. Der Sechser, der im Nachwuchs für AZ Alkmaar spielte, ist beim Aufsteiger gesetzt. Etwas versetzt, als Achter, spielt der ebenfalls 24-jährige Gylfi Sigurdsson, der nun seine zweite Saison bei Tottenham Hotspur spielt und seinen Status als Ergänzungsspieler offenbar in den des Stammspielers eintauschen kann. Die beiden Mittelfeldspieler ergänzen sich gut: Während Gunnarsson die Kampfmaschine ist und mit gutem Stellungsspiel überzeugt, ist Sigurdsson der Taktgeber im isländischen Mittelfeld. Da sie gegen Kroatien weitgehend mit Defensivaufgaben betraut waren, rückten auch die beiden äußeren Mittelfeldspieler stark ein, um der kroatischen Kreativzentrale wenig Platz zu lassen. Die anderen Mittelfeldspieler sind Birkir Bjarnason (25, Sampdoria Genua) und Jóhann Berg Gudmundsson (23, AZ Alkmaar).

Kopenhagen-Abwehrchef als Leader

Wer bei den Isländern der Chef am Platz ist, sah man (auch) gegen Kroatien deutlich. Der 27-jährige Abwehrchef Ragnar Sigurdsson hat bereits mehr als 300 Spiele als Profi auf dem Buckel. In jüngeren Jahren war er 4 ½ Jahre lang Innenverteidiger bei IFK Göteborg. Seit 2 ½ Jahren ist Sigurdsson Abwehrchef des FC Kopenhagen und damit auch mit reichlich Champions-League-Erfahrung ausgestattet. Im Spiel gegen Kroatien gelangen ihm die meisten Balleroberungen und Rettungen in höchster Not. Zudem lag seine Passquote bei 95%, was weit über dem isländischen Durchschnitt lag. Die Isländer brachten gegen Kroatien insgesamt nur 65% ihrer Pässe an den Mann. Sigurdsson wurde in der Innenverteidigung vom 31-jährigen Kari Arnason vom englischen Drittligaklub Rotherham United unterstützt, der ebenfalls einen guten Tag erwischte.

Sternstunde eines biederen Torwarts

Und zu guter letzt erwischte gestern auch Torhüter Hannes Thor Halldórsson einen guten Abend. Der 29-Jährige spielte beinahe seine gesamte Karriere über in Island, steht aktuell beim Meister KR Reykjavik zwischen den Pfosten. Nur ein halbes Jahr spielte er in Norwegen für Brann Bergen. Der 17-fache Teamtormann machte zahlreiche kroatische Chancen relativ humorlos zunichte. Halldórsson ist als Instinkttorhüter zu bezeichnen – über großes Talent verfügt er zwar nicht, aber Angst dorthin zu gehen, wo’s weh tut, kann man dem KR-Torhüter auch nicht nachsagen.

Kroatien überlegen, aber…

Am Ende lautete das Torschussverhältnis 14:4 für Kroatien. Der Favorit hatte zudem 69% Ballbesitz, 86% Passgenauigkeit und gewann überraschenderweise 73% der Kopfballduelle. Island befand sich außerdem über eine halbe Stunde in Unterzahl, weil Ólafur Ingi Skulason nach einer Notbremse Rot sah. Trotzdem kann ein solches Spiel 0:0 enden. Die kroatische Elf kam mit Stars wie Modric, Mandzukic, Rakitic, Eduardo und Perisic, bestätigte aber mit ihrem Spiel, dass man momentan zu verkrampft und großem Druck ausgesetzt ist.

…ideenlos.

Obwohl Kroatien die Spieler dafür hätte, ein technisch feines Fußballspiel aufzuziehen, versuchte man es zu geradlinig. Das 4-2-3-1 des Teams war in keinster Weise variabel, für Island relativ leicht zu verteidigen. Während Modric und Rakitic auf der Zentralachse zu wenig in die Offensive kamen, weil Island gut von innen nach außen verteidigte, war die gesamte offensive Mittelfeldreihe mit Ausnahme des gefährlichen und engagierten, aber zu unpräzisen Ivan Perisic ein Totalausfall. Eduardo war schwach, Ilicevic ein Totalausfall und auch die später eingewechselten Rebic und Olic ließen jeglichen Esprit vermissen, den vor allem Olic bei seinem Klub derzeit zeigt. Das kroatische Team ist aktuell einfach in der fußballerisch-sprichwörtlichen „Kist’n“.

Viele weite Bälle

Und weil man sich gegen die massive isländische Defensivtaktik die Zähne ausbiss, entschied man sich für die unsicherste aller Alternativen: Kroatien spielte weite Bälle. Wirft man einen Blick auf die Statistik, so findet man unglaubliche 83 weite Bälle der Kroaten (inklusive Spielverlagerungen). Dem gegenüber stehen aber nur drei versuchte Lochpässe durch Abwehrschnittstellen, von denen nur einer ankam. Wenn es auf spielerischem Weg nicht geht, dann muss es eben anders probieren – aber alleine die Zahlen beweisen, wie unflexibel Kroatien am gestrigen Abend agierte. Trotz Chancenplus, Überzahl und den besseren Passwerten: Der Druck wird nach dem 0:0 in Island größer und die mentale Komponente spielt den Nordmännern in die Karten.

Islands Chancen intakt

Island darf also weiter hoffen. Der einstige Fußballzwerg ist nicht mehr comichaft als Ansammlung großer grimmiger Gestalten zu bezeichnen, sondern viel mehr als technisch versiertes, wenn auch insgesamt unerfahrenes und nicht komplettes Team. Aber die Blauen mauserten sich zu einer Mannschaft, die ihre Stärken im Konterspiel und in der defensiven Disziplin wiederfindet. Nachdem Kolbeinn Sigthorsson gestern kurz vor der Pause überknöchelte und womöglich für das Rückspiel ausfällt, ist die Umstellung auf ein 4-4-1-1 im Auswärtsspiel wahrscheinlich. Dies würde die Passwege im Konter noch einmal verringern und Island womöglich gefährlicher machen. Chancen wird die Lagerbäck-Truppe in Kroatien jedenfalls vorfinden und die Nummer 18 der Welt sollte vor der Nummer 46 gewarnt sein!

Daniel Mandl, abseits.at

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen

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