Auf das 0:2 gegen die Ungarn folgte nun also ein hart umkämpftes 0:0 gegen Portugal, das uns irgendwie doch noch im Turnier hält. Ein... Der nervenaufreibende neunte EM-Tag: Zwei Blickwinkel und eine Realitätsanalyse

_ÖFB NationalteamtrikotAuf das 0:2 gegen die Ungarn folgte nun also ein hart umkämpftes 0:0 gegen Portugal, das uns irgendwie doch noch im Turnier hält. Ein Sieg gegen Island sollte nun mit hoher Wahrscheinlichkeit zum Aufstieg ins Achtelfinale reichen. Das nervenaufreibende Spiel gegen die Selecao kann aus zwei Blickwinkeln getrachtet werden. Die Realität lässt sich aber nur schwer wegwischen.

Blickwinkel 1

Was war das für ein heißer Tanz! Die ÖFB-Nationalmannschaft gab gegen den Favoriten aus Portugal keinen Ball auf und warf alles rein, was ihr möglich war. Robert Almer ist natürlich der Matchwinner des Spiels, da er es war, der die Portugiesen – einmal mit Hilfe des Aluminiums – in letzter Instanz zur Verzweiflung brachte.

Auch die etwas ungewöhnliche Änderung, den nicht fitten Janko rauszunehmen, um den als Rechtsaußen glücklosen Martin Harnik im Angriffszentrum spielen zu lassen, trug Früchte. Zwar vergab Harnik die beste Chance der Österreicher, aber seine Präsenz und seine Antizipationsfähigkeit machten Österreich an vorderster Front fußballerisch etwas stärker. Gegen einen etwas schwächeren Gegner wie Island, könnte das wirklich funktionieren!

Schade, dass die Flügel abtauchten. Gerade bei Marko Arnautovic, der mit solch großen Ambitionen in dieses Turnier ging, ist dies ein wenig enttäuschend. Marcel Sabitzer dürfte vorerst noch nicht soweit sein – seine Zeit könnte 2018 in Russland kommen. Dafür kamen die Hinterleute der beiden immer besser in die Partie. Vor allem Florian Klein fing sich in der zweiten Hälfte, auch wenn er da und dort seinen Gegenspieler laufen ließ.

Einen besonderen Part nahm David Alaba ein, der die Zehnerposition hinter Harnik bekleidete und der passivere Offensivteil des 4-4-2-Pressings der Österreicher war. Marcel Koller nahm seinen Star in der zweiten Halbzeit runter, weil er schlichtweg nicht gut war. Jeder zweite Pass des Bayern-Legionärs war ein Fehlpass und Alaba kam nicht damit zurecht, dass er auf dieser Position zu wenig Zeit hatte, um sich entsprechend umzusehen.

Gelobt werden muss aber die Doppelsechs: Dass Julian Baumgartlinger das Potential hat, auf diesem Niveau stark zu spielen, bewies er bereits mehrmals. Aber die Leistung des wohl besten Feldspielers Stefan Ilsanker überraschte dann doch einige. In dieser Verfassung muss Ilsanker weiterhin in dieser Truppe bleiben, auch weil er einer der wenigen war, die eine positive Körpersprache an den Tag legten und gleichzeitig sogar noch eine gute Passquote aufwiesen.

Die Chance lebt und wieso sollte man Island nicht besiegen können? Es wird ein Duell auf Augenhöhe und mit einer kämpferischen Leistung wie gegen Portugal, gepaart mit einer spielerischen Steigerung, kann das ÖFB-Team den Aufstieg noch schaffen.

Blickwinkel 2

Noch heute wissen wir nicht, wieso wir gestern einen Punkt holten. 23 Torversuchen der Portugiesen – verschossener Elfer inklusive – stehen gerade mal vier der Österreicher gegenüber. Wir hatten keinen Eckball, unsere offensive Dreierreihe spielte zusammen weniger Pässe als William Carvalho alleine. Machen wir uns nichts vor, bei all der zwangsoptimistischen Lobhudelei: Wir waren einfach schlecht.

…und zwar schlecht im Sinne einer Mannschaft, die in den letzten Jahren gewisse Ansprüche aufbaute. Marcel Koller ließ gegen Portugal merklich nicht auf Sieg spielen, wir gaben uns mit Peanuts zufrieden und auch seine Wechsel waren weitgehend unverständlich. Alessandro Schöpf brachte nach seiner Einwechslung Leben ins Spiel, was etwa der miserable Marcel Sabitzer nie schaffte und auch Marko Arnautovic völlig vermissen ließ. Arnautovic spielte durch, Sabitzer unfassbarerweise bis zur 84.Minute. Am Ende war es auch überraschend, dass der immer mehr abtauchende Harnik durchspielte.

Trotz seiner mehr als durchwachsenen Leistung war auch die Auswechslung von David Alaba völlig unverständlich. Klar, auf der Zehn funktionierte der 23-Jährige am gestrigen Abend so überhaupt nicht, aber einen polyvalenten Spieler wie Alaba kann man immer noch anders verwenden. So zum Beispiel anstelle von Arnautovic als Linksaußen, gegebenenfalls sogar anstelle des erneut sehr wackeligen Martin Hinteregger in der Innenverteidigung. Alles Positionen, die er bei den Bayern schon spielte.

Das Ergebnis war das einzig positive des gestrigen Spiels, aber es ist bitter und seltsam zugleich, dass die Österreicher kein bisschen von dem großen spielerischen und offensiv-dynamischen Potential abrufen, das diese Mannschaft eigentlich hat.  Es darf doch nicht wahr sein, dass jenes aufstrebende Österreich, das in der EM-Qualifikation so tolle Spiele ablieferte, das mutloseste, unpräziseste und in Wahrheit schwächste Team bei der EURO ist!

Und leider: Das sind wir aktuell. Die wenigen Nadelstiche, die die Koller-Elf setzt, sind voraussehbar. Wir haben keinerlei spielerischen Esprit, es gibt keine Überraschungen, kaum Mut eines Einzelnen, der sich mal ein Herz fasst und in ein dynamisches Eins-gegen-Eins geht. Wie konnte der fußballerische Charme dieser Mannschaft so massiv abhandenkommen, dass wir von Ungarn besiegt und von Portugal an die Wand gespielt werden?

Die Realität

Es ist kein neues Phänomen, nur diesmal trifft es eben uns selbst und schmerzt daher doppelt und dreifach: Bei Großereignissen hängt vieles von der Tagesform ab. Das eine oder andere Team stinkt im Vergleich zu seinem Potential immer ab. Das passiert auch größeren Mannschaften. Vor zwei Jahren Spanien, Italien, England, Portugal, Russland oder die vor dem Turnier hochgelobten Bosnier. Vor vier Jahren die Niederlande, Polen und Schweden. Vor sechs Jahren die unfassbar schlechten Franzosen, Italien oder die ebenfalls besser eingeschätzten Ivorer. Ja, es passiert alle zwei Jahre und diesmal erwischt es leider uns.

Der Punkt gegen Portugal ist ein Silberstreif am düsteren Horizont. Und wir brauchen uns auch gar nichts vormachen: Dieser Horizont ist leider düster. Möglicherweise nimmt Österreich diesen Punktgewinn als Kick mit, um den Isländern das erste oder die ersten EM-Tore einzuschenken und sich doch noch fürs Achtelfinale zu qualifizieren. Aber die erhoffte, erhebliche Steigerung wird es auch nach einem Aufstieg nicht geben, weil wir einfach nicht in Form sind. Es ist nicht unser Monat.

Trotzdem muss man nicht Trübsal blasen. Österreichs Kicker werden – wann auch immer – gescheiter aus Frankreich abreisen. Weiterhin setzt man beim ÖFB auf Kontinuität, auf Kollers Arbeit würde auch ein vorzeitiges Ausscheiden bei der EURO keinen Einfluss haben und eine neue Spielergeneration mit höchstem Potential (Schöpf, Wimmer, Sabitzer und Co.) rückt und reift nach, um das Team in der Breite noch stärker zu machen. Und wenn’s nicht 2016 mit dem österreichischen Sommermärchen klappt, dann eben 2018. Als österreichischer Fußballfan wurde man in den letzten Jahren und Jahrzehnten derart gebeutelt, dass wir die Geduld für zwei weitere Jahre schon noch aufbringen können.

Und was auch klar sein muss: Dies darf nicht als nestbeschmutzende, unzulässige Kritik gelten. Immer wieder vernimmt man, dass die Kritiker jetzt aus ihren Löchern kriechen, wo’s schlecht rennt und es nach den tollen zwei Jahren wieder etwas zum Draufhauen gibt. Man kann das Ganze aber auch wesentlich nüchterner betrachten. Wir sind derzeit eben schlecht und das wird man ja noch sagen dürfen. Wenn wir das nämlich nicht tun und alle gratulieren sich gegenseitig dazu, dass wir immerhin nicht verloren und toll gekämpft haben, dann sind wir wieder so österreichisch wie eh und je und werden unser Anspruchsdenken nie auf einem neuen, höheren Level manifestieren. Wir Österreicher brauchen von Zeit zu Zeit Katharsis um langfristig besser zu werden!

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen

  • Thomas Lenz

    19.Juni.2016 #1 Author

    Natürlich darf man es sagen. Sie waren schlecht und sie müssen und sie können sich steigern.

    Antworten

  • Teiwaz

    19.Juni.2016 #2 Author

    „Es darf doch nicht wahr sein, dass jenes aufstrebende Österreich, das in der EM-Qualifikation so tolle Spiele ablieferte, das mutloseste, unpräziseste und in Wahrheit schwächste Team bei der EURO ist!“

    Dem ist kaum mehr was hinzu zu fügen.

    Polyvalenz von Alaba hin oder her, wer grade mal etwas mehr als 50% der Zuspiele an den Mann bringt hat bei einem Großereignis nix am Platz verloren, da hilft auch kein Positionsrotieren, er ist einfach nicht in Form.

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