Der Europa League Auftakt des SK Rapid Wien misslang: Die Grün-Weißen unterlagen dem FC Thun im Berner Oberland mit 0:1 und fielen dabei in... Dabei sein ist nicht alles, Rapid – Rückfall in alte Muster beschert Grün-Weiß ein 0:1 in Thun!

Zoran Barisic (SK Rapid Wien)Der Europa League Auftakt des SK Rapid Wien misslang: Die Grün-Weißen unterlagen dem FC Thun im Berner Oberland mit 0:1 und fielen dabei in alte Muster zurück. Die Gründe für die Niederlage waren zahlreich. Einerseits waren sie taktischer Natur, andererseits individueller – hauptsächlich aber hatte das schwache Spiel mentale Gründe.

Vor der Saison betonte der Rapid-Trainerstab, dass man 2013/14 keine Rapid-Elf sehen würde, die sich nicht so teuer wie möglich verkauft. Man werde immer kämpfen und sein Bestes geben – Rapid-Tugenden sollen wieder hervorgekehrt werden. Die Saison ist nun etwa zwei Monate alt und die Offiziellen versprachen nicht zu viel. Der Cup-Ausrutscher beim LASK sei ausgeklammert, beim 0:2 in der Südstadt wollte, aber konnte man nicht. Gestern sah man die erste Rapid-Partie der Saison, in der sich alle von Anfang an verkalkulierten und auch der Einsatz nicht stimmte.

Der europäische Beistrich in der Unterhose

Bevor wir auf taktische und spielerische Fehler eingehen, betrachten wir aber ein größeres Problem. Es wirkt wie ein Fluch und kaum jemand kann es sich erklären: Während Rapid in den Qualifikationsrunden zum Europacup teils unmöglich scheinende Dinge vollbringt und beinharte Gegner ausschaltet, spielt man in Gruppenphasen zumeist mit dem von Ernst Happel geprägten „Beistrich in der Unterhose“. Doch wieso ist das so?

Alles weitere ist Draufgabe

Nur dabei zu sein ist eben nicht alles. Die Rapid-Mannschaft wird intern, aber vor allem medial Jahr für Jahr darauf gedrillt, dass das Erreichen der Gruppenphase praktisch ein Muss ist. In der (noch) aktuellen, verstaubten Struktur des Rekordmeisters, ist dies ein Muss, um das jährliche Budgetloch zu stopfen. Ist man erst mal drin, fängt der muntere Kartenverkauf an und der Fokus rückt zu stark vom Wesentlichen, nämlich dem Sportlichen ab. Man ist drin, kann schon nix mehr passieren, alles Weitere ist Draufgabe.

19 Spiele, drei Siege, viele offene Fragen

Aber es ist eben nicht alles Weitere Draufgabe. Rapid steht nun schon zum vierten Mal in der Europa-League-Gruppenphase und ist somit beinahe Stammgast in diesem Bewerb. Von insgesamt 19 Spielen in dieser Phase gewann Rapid lediglich drei. Einige der zugelosten Gegner waren jedoch weitaus angenehmer als welche, gegen die Rapid in der Qualifikation bravourös spielte (Aston Villa, Asteras Tripolis, PAOK, Vojvodina Novi Sad).

Quali hui, Gruppe pfui

Gerade in den sechs Spielen der Europa League Gruppenphase passieren für gewöhnlich noch mehr Sensationen als in den Qualifikationsrunden davor. Schon der 1. Spieltag der neuen Europa League Saison sah mit St.Gallen, Ludogorets Razgrad, Esbjerg und Racing Genk mehrere Überraschungssieger. Rapid ist nicht schlechter als diese Mannschaften und doch geht nach der Qualifikationsphase das europäische Feuer der Hütteldorfer flöten. Und das auf eine Art und Weise, die fast schon sinnbildlich für den ganzen Verein und seine Führung ist: Sechs Spiele… da kann man das Erste schon mal verlieren, denn man hat noch genug Zeit und fünf weitere Partien, um das wieder auszubügeln.

„Konzept Gruppenphase“ aus den Köpfen streichen

Dass Rapid in Europa nicht so schlecht ist, wie es die Gruppenphasen-Ergebnisse vermuten lassen, sah man oft genug in der Qualifikation. Aber um den nächsten Schritt auf der Europa-Leiter zu erklimmen, muss ein Umdenken in den Köpfen der Spieler stattfinden. Gespannt vor Eurosport zu sitzen und auf die drei Reiseziele für die Gruppenphase zu warten ist noch lange nicht das Ziel, sondern erst der Anfang. Rapid muss sich selbst die Trauben höher hängen und jedes Gruppenspiel wie ein K.O.-Spiel angehen, bei dem man das Hinspiel bereits mit 0:1 verlor. Die Zufriedenheit über das Erreichte und die Gewissheit, dass man in der Gruppe eben mehr Chancen kriegt, als in K.O.-Phasen müssen weichen, damit Rapid in Europa erfolgreich sein kann.

Keine Eigeninitiative

Diese Mentalität konnte man gestern auf dem Thuner Kunstrasen, der von den TV-Stationen ermüdenderweise bis zum Erbrechen als mögliche Ausrede für die blutleere Darbietung herangezogen wurde, spüren. Steffen Hofmann erklärte nach dem Spiel, dass man auf dem Platz einige falsche Entscheidungen traf. Damit hat er zwar banalerweise Recht, aber die Probleme, die Hofmann meinte, waren taktikpsychologischer Natur. Es handelte sich um das alte Problem, dass niemand auf dem Platz taktische Eigeninitiative übernahm. Die Mannschaft war merklich in der sprichwörtlichen „Kist’n“, aber selbst Routiniers wie Hofmann oder Boskovic unternahmen nichts, um das Schiff in eine andere Richtung zu lenken.

Klaffendes Loch im zentralen Mittelfeld erschwert Spielaufbau

Dabei waren es ihre Positionen, die mit für die größten Probleme im Rapid-Spiel sorgten. Das offensichtlichste Problem am gestrigen Abend: Im Aufbauspiel klaffte im Mittelfeld ein großes Loch. Die Staffelung der Mittelfeldzentrale passte überhaupt nicht und so hatten die Innenverteidiger praktisch keine Möglichkeiten risikofrei aus der eigenen Hälfte zu spielen. Natürlich gehört zu einem solchen Szenario auch ein starker Gegner dazu. Thun war am gestrigen Tag wesentlich fokussierter auf Rapid, stand sehr gut und kompakt, attackierte früh und presste auf clevere Art und Weise passiv im Mittelfeld, wenn Rapid noch mit dem Spielaufbau aus der eigenen Abwehr beschäftigt war.

Außenverteidiger ohne Mut zum Risiko

Das grausige Ballgeschiebe zwischen Sonnleitner und Dibon, das dadurch entstand, hätten die gesamte Mannschaft bzw. einzelne Nebenspieler gruppentaktisch verhindern müssen. Dies fängt bei den Außenverteidigern an: Hätten diese ihre Grundpositionen jeweils ein paar Meter höher gewählt, wäre Rapid im Offensivspiel eher als Block gestanden und die gegnerischen Flügelspieler wären tiefer gebunden worden. Passiert ist aber das Gegenteil: Der biedere Linksaußen Andreas Wittwer band Trimmel mit einfachstem Stellungsspiel in der eigenen Hälfte und der Rapid-Rechtsverteidiger bewies nur in groben Ansätzen Mut zum Risiko.

Keine Bindung auf der linken Seite

Noch ernüchternder war das Bild auf der linken Verteidigerposition. Thomas Schrammel wirkt schon in der heimischen Bundesliga häufig überfordert, doch mit dem giftigen Christian Schneuwly konnte er noch weniger anfangen. Schrammel spielte einmal mehr ohne Inspiration, unsicher, fehleranfällig und vor allem: Tief! Das widerspricht schon mal grundsätzlich der Ausrichtung eines modernen Außenverteidigers, aber noch schlimmer wird es, wenn der vorgelagerte Mittelfeldspieler – in diesem Fall Guido Burgstaller – das System als 4-3-3 alter Prägung interpretiert und die Bindung zwischen Außenverteidiger und Flügel verloren geht. Die taktischen bzw. stellungstechnischen Probleme auf der linken Seite waren also wechselseitig: Schrammel stand viel zu tief, spielte prinzipiell Alibipässe und traute sich nicht aus der Kette heraus – Burgstaller stand zu hoch, spielte sein typisches weitläufiges und exzentrisches Spiel und kam zu selten entgegen.

Burgstallers exzentrisches Stellungsspiel und horizontales Laufspiel

Thema Burgstaller. Bei keinem anderen Rapid-Spieler scheiden sich die Geister so wie beim 24-jährigen Kärntner. Fakt ist, dass er mit fünf Ligatreffern der aktuelle Toptorschütze seines Teams ist. Fakt ist aber auch – wie bereits häufig erklärt -, dass er mit seiner positionsuntreuen und in keinster Weise vorausschauenden Art Fußball zu spielen, Gift für Mannschafts- und Gruppentaktik sein kann. Gestern ließ sich das einmal mehr wie in einem Lehrbuch beobachten. Burgstallers Positionsspiel war erneut völlig konzeptlos und sein großer horizontaler Aktionsradius fällt nicht mehr unter den Begriff „Rochieren“. Dieser Aktionsradius ist eher das Indiz für totale Planlosigkeit, wie man sich in einem modernen 4-3-3-System dem Team und einzelnen Gruppen auf dem Platz unterzuordnen hat.

Schwache Reaktionszeit und kein Blick in die unmittelbare Zukunft

Ein Burgstaller’scher Ballverlust in Vorwärtsbewegung leitete das 1:0 für Thun ein. Nicht nur in dieser Aktion hatte Burgstaller eine Reaktionszeit wie ein kaputtes 56k-Modem. Man kann von all seinen technischen Unzulänglichkeiten und schwachen ersten Ballkontakten absehen – das Hauptproblem bei Rapids 30er ist jedoch, dass er seinen nächsten Schachzug noch nicht kennt, wenn er einen Ball annimmt. Das kann Burgstaller zwar einerseits zu einer Art Spontanitätswaffe machen, andererseits blockiert ihn das auf dem Weg ein richtig guter Fußballer zu werden. Und manchmal, wie zum Beispiel gestern, resultiert diese Planlosigkeit in der Voraussicht auch in Gegentoren.

Schwaches Umschaltspiel von offensiv auf defensiv

Natürlich ist aber nicht nur Burgstaller am Gegentor und der Unterlegenheit Rapids schuld. Den ärgerlichsten Faktor am gestrigen Abend stellt das Umschaltspiel dar – in beide Richtungen. Als Burgstaller vor dem 0:1 den Ball verlor, joggte das gesamte zentrale Mittelfeld und die offensive Dreierreihe Rapids in der gegnerischen Hälfte umher, während Thun blitzschnell seine Mannen nach vorne schob. Assistgeber Zuffi stach in den Raum, in dem eigentlich Boskovic, Petsos oder Hofmann den Schweizer Mittelfeldspieler stellen sollten. Stattdessen musste der zurückweichende Sonnleitner Zuffi attackieren und hatte aufgrund von Zuffis Tempovorsprung bereits einen motorischen Nachteil. Dass sich Trimmel nicht so dynamisch bewegte, wie Torschütze Christian Schneuwly, passte ins Bild. Das Grundproblem lag in dieser Szene im Umschaltspiel von Offensive auf Defensive, welches über 90 Minuten praktisch nie passte.

Jeder Thuner in Bewegung: Minimierung intensiver Läufe

Nochmal: Auch der Gegner spielt beim Fußball eine Rolle. Was Rapid am gestrigen Abend schlecht machte, machte die gut organisierte Mannschaft des FC Thun gut. Die Thuner bewegten sich als Mannschaft gut und minimierten durch ihre gute Abstimmung im gruppentaktischen Bereich ihre Anstrengungen. Nach Ballgewinnen schaltete das gesamte Team gut um, was auch mit der starken Kommunikation zusammenhing und vor allem von Kapitän Dennis Hediger verkörpert wurde. Im Umschaltspiel von Offensive auf Defensive hätte Thun Schwächen gehabt, speziell bei schnell vorgetragenen Kontern und Diagonalpässe auf die Flügel hinter die Außenverteidiger…

Umschaltspiel nach vorne verlief zu schleppend

…doch Rapid schaltete nicht nur in die eine Richtung schlecht um. Die direkten Gegenstöße verliefen sich im Sand, weil die einzelnen Mannschaftsteile nicht schnell genug nachrückten und weil sich kaum ein Spieler eine beherzte Einzelaktion zutraute. Einmal mehr nehmen in diesem – gestern misslungenen – Konzept die Außenverteidiger eine tragende Rolle ein. Doch auch die Innenverteidiger, die sich selbst nach schnellen Gegenstößen viel zu tief binden ließen, sind hier nicht frei von Schuld.

Mannschaftsteile im Aufbauspiel zu weit auseinander

Passend dazu kommen wir zum letzten Hauptproblem Rapids im gestrigen Auswärtsspiel. Dieses kann man metaphorisch als „Ziehharmonikaproblem“ bezeichnen. Es handelt sich um die Unfähigkeit das Spiel aufzubauen, was sich überblicksmäßig mit drei Punkten erklären lässt:

  • Innenverteidiger und Außenverteidiger stehen zu tief
  • Die offensive Dreierreihe steht zu hoch
  • Das zentrale Mittelfeld steht entweder zu tief oder zu hoch und durch diese Extreme ging die Staffelung verloren – und dazwischen ist nichts.

Das logische Resultat: Die Mannschaftsteile Rapids standen im Aufbauspiel so weit auseinander, dass der Ball stets weite Strecken zurücklegen musste. Sprich: Rapid musste das Spiel immer kompliziert und riskant aufbauen. Weil man das nicht immer riskieren wollte, sahen wir das bereits erwähnte Ballgeschiebe in der Verteidigung. Thun hingegen stand auf der Zentralachse sehr kompakt und durch das kaum vorhandene Antizipationsspiel der offensivsten Rapid-Spieler konnten die Schweizer fast immer ein Übergewicht im Mittelfeld verbuchen. Dies wiederum erschwerte Rapid ein mögliches Gegenpressing, nahm sämtliche Fluidität aus dem Spiel, ermöglichte den gegnerischen Außenverteidigern eine höhere Grundposition (vor allem bei Schrinzi zu beobachten) und so weiter und so weiter…

Schlechtes Spiel ist kein Problem, Mentalität schon

Die Fehlerkette im Spiel Rapids war also lang. Die beobachtbaren Probleme waren taktischer, spielerischer und technischer Natur, lagen womöglich auch an einer Aufstellung, mit der sich Barisic verkalkulierte – was wiederum bisher sehr selten vorkam! Schlecht zu spielen ist eine Sache und eine Partie wie in Thun hätte Rapid auch gegen eine gut organisierte heimische Mannschaft passieren können. Das kann passieren, das muss man der jungen Mannschaft verzeihen. Das echte Hauptproblem ist aber Rapids Gruppenphasenfluch und dieses sitzt irgendwo im Hinterstübchen. Da Thun gut strukturiert spielte und Rapid auch spielerisch einen rabenschwarzen Tag erwischte, wäre das Spiel der Grün-Weißen wohl so oder so mühsam anzusehen gewesen. Aber was am Allermeisten fehlte, war die Siegermentalität und jedweder Ansatz in der Körpersprache der Spieler, der besagen könnte: „Ja! Ich will hier punkten, denn ich will im Frühjahr noch Europacup spielen!“

Daniel Mandl, abseits.at

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen

  • Alexander

    20.September.2013 #1 Author

    Zoran Barisic hat mit diesem Spiel bewiesen die ungefähr gleiche Einstellung zu Taktiken und Matchplänen wie Dietmar Constantini zu haben.

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  • tf

    20.September.2013 #2 Author

    wenn Rapid so spielen würde wie du Analysen schreibst, wären die Grünweißen schon längst Stammgast in der Championsleague

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  • woifmoa

    21.September.2013 #3 Author

    solange in der sportlichen abteilung rapids so gearbeitet wird braucht man nicht auf den kuhn hinhauen, weil das budget nicht 2, 3 millionen höher ist. verpufft sowieso alles

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