Man staunte nicht schlecht, als Rapid Metalist Kharkiv gestern in der ersten Halbzeit auswärts an die Wand spielte. Eigentlich hätte Grün-Weiß in der östlichen... Rapid zwingt Metalist Kharkiv in einen „Umschaltkrimi“ – und verliert mit 0:2…

Man staunte nicht schlecht, als Rapid Metalist Kharkiv gestern in der ersten Halbzeit auswärts an die Wand spielte. Eigentlich hätte Grün-Weiß in der östlichen Ukraine führen müssen, als der israelische Schiedsrichter zum Pausentee bat. Dass es immer noch 0:0 stand lag einerseits an der schlechten Chancenverwertung Rapids, andererseits an einer etwas untypischen Spielweise von Metalist Kharkiv.

Die Ukrainer sind für ihr dynamisches, variables Flügelspiel bekannt und ließen diese Stärke in den ersten zehn Minuten auch aufblitzen. Taison griff über die linke Seite gefährlich an, vor allem weil er vom bärenstarken Fininho, der anstelle von Pshenychnykh auf der linken Abwehrseite zum Einsatz kam, unterstützt wurde. Über die rechte Seite lief in der Anfangsphase praktisch nichts, woraufhin der etatmäßige rechte Mittelfeldspieler, Kapitän José Ernesto Sosa, seinen Aktionsradius deutlich vergrößerte und mehr in die Mitte rückte, um stärker am Spiel teilzunehmen.

Metalist untypisch: 28 Flanken in den Rapid-Strafraum

Doch die Metalist-Mannschaft vollendete ihre Angriffe nicht so, wie man es eigentlich von ihnen gewöhnt ist. Der Tabellenvierte aus der Ukraine spielte so, als wäre im Sturmzentrum immer noch der zu Shakhtar Donetsk abgewanderte Solostürmer Marko Devic zugegen – und nicht der unauffällige und schwach antizipierende Jonathan Cristaldo. Die Mannschaft von Trainer Myron Markevich schlug sage und schreibe 28 Flanken in oder um den Rapid-Strafraum. Eigentlich sind die Ukrainer mit südamerikanischem Touch eher für inverses Flügelspiel bekannt, also die Spielweise, bei der Spieler wie Taison, Fininho oder Sosa selbst mit Dribblings zur Mitte gefährlich werden.

Unnötiges Kopfballgegentor durch eine kopfballschwachen Offensive

Eine dieser Flanken – allerdings aus einem ruhenden Ball – führte in der zweiten Halbzeit zum 1:0 durch den eingewechselten Edmar. Dass das wohl vorentscheidende Gegentor, nach dem bei Rapid die Luft draußen war, aus einer Flanke zustande kam, ist zwar angesichts der 28 Flankenbälle nichts überraschendes, allerdings etwas sehr ärgerliches. Denn Metalist Kharkiv ist im Grunde eine Mannschaft, die kaum über gute Kopfballspieler verfügt und nicht auf das Spiel bis zur Grundlinie ausgerichtet ist. Rapid hatte Kharkiv bis zum Gegentor in Luftduellen immer im Griff, auch wenn offensiv vor allem gegen den körperlich starken Gueye und die überraschend starken Fininho und Torres zu wenige dieser Duelle gewonnen wurden.

Prager mit hohem Pressing, aber schwach im zweiten Durchgang

Rapid zeigte in der ersten Halbzeit eine kämpferisch ansprechende Leistung und überraschte die als nicht hundertprozentig sattelfest bekannte Metalist-Abwehr mit hohem Pressing. Thomas Prager wurde etwa als rechter Mittelfeldspieler auf einer – auf dem Papier – offensiven Position eingesetzt, spielte allerdings fast über die gesamte Partie auf einer Linie mit Außenverteidiger Trimmel. Prager sorgte auf seiner Seite für recht konsequente „Verteidigung nach vorne“ und war somit in der ersten Halbzeit durchaus wertvoll. Wie so oft zeigte seine Leistungskurve mit Fortdauer des Spiels massiv nach unten und in der zweiten Halbzeit war er nicht nur offensiv unauffällig, sondern auch passunsicher und dribbelschwach.

Linksdrall: Spielgestalter konvergieren zum aktiven Burgstaller

Wesentlich offensiver als Prager auf der rechten Seite spielte Burgstaller auf der linken. Burgstaller spielte auch diesmal eher von innen nach außen und ist mit seiner Dynamik einer der Hauptverantwortlichen dafür, dass 48% aller Rapid-Angriffe über die linke Seite gefahren wurden. Ein außergewöhnlich hoher Wert! Da Prager sich kaum nach vorne einschaltete und daher auch keine gute Anspielstation in der Offensive darstellte, orientierten sich auch Hofmann und Ildiz stark zur linken Seite, um Burgstaller in Szene zu setzen. Ein allgemeiner Linksdrall in der Formation Rapids war die logische Folge.

Falsche Seite?

Das Spiel über die linke Seite zu forcieren galt vor der Partie nicht als cleverstes Stilmittel. Die Kombination aus dem linken Flügel Taison und dem biederen ukrainischen Außenverteidiger Pshenychnykh wäre mit gutem Umschaltspiel zu knacken gewesen – somit war eher zu erwarten, dass Rapid stärker über rechts kommt. Weil aber Metalist ein wenig überraschte und hinter Taison Fininho brachte und zudem auch der überragende Cleiton Xavier eher linkslastig spielte, war es schließlich doch clever selbst in der Offensive auf die linke Seite auszuweichen. Dort spielte mit Papa Gueye zwar der stärkere Innenverteidiger als Torsiglieri, dafür aber mit Villagra auch der schwächere Außenverteidiger als Fininho, was Rapid immer wieder Chancen eröffnete.

Rapid zielgerichtet und auf Offensivpässe ausgerichtet

Die Zielstrebigkeit Rapids überraschte Metalist Kharkiv merklich. Die Ukrainer spielten vor allem in der ersten Halbzeit viel zu lasch und locker, teilweise fast schon überheblich. Rapid hingegen wich für diese schwere Partie völlig von der Philosophie des Ballbesitz- und Ballkontrollefußballs ab und griff zielgerichtet an. Typische Beispiele, die diese Veränderung im allgemeinen Matchplan untermauern:

  • Rapid hatte nur 38% Ballbesitz
  • Deni Alar hatte als Zielspieler einer konternden Mannschaft acht Ballkontakte mehr als der Zielspieler von Heimteam Metalist Kharkiv, Jonathan Cristaldo, der nach 74 Minuten und 12 Ballkontakten ausgewechselt wurde.
  • Mario Sonnleitner und Gerson spielten gemeinsam nur 41 Pässe. Gerson hatte in der laufenden Saison bereits Partien, in denen er alleine über 100 Pässe spielte. Dies bedeutet, dass das Spiel nur selten hinten herum gespielt wurde, sondern konkreter nach vorne.
  • Passend dazu: Markus Katzer und Christopher Trimmel, Rapids Außenverteidiger, hatten mit 61% bzw. 64% angekommene Pässe schlechte Passquoten. Dies hängt jedoch damit zusammen, dass das Spiel nur selten durch Pässe auf die Innenverteidiger oder defensive Mittelfeldspieler beruhigt wurde und stets Anspielstationen in der Offensive gesucht wurden.

 

Tolles defensives Umschaltspiel

Rapid wirkte in der ersten Halbzeit vor allem deshalb so souverän, weil die gesamte Mannschaft nach den erfolglosen Angriffen in Eiltempo und äußerst konsequent wieder auf Defensive umschaltete. Vor allem Ildiz und Heikkinen zeichneten sich damit aus, sehr schnell wieder hinter den Ball gekommen zu sein. Auch Sonnleitner ist in einzelnen Szenen herauszuheben. Dadurch, dass Rapid mannschaftlich geschlossenes Umschaltspiel betrieb, wurden die Metalist-Spieler zu Spielverlagerungen und Einzelaktionen gezwungen, die Rapid erst recht wieder in Balleroberungen verwandelte. Rapid machte in der ersten Halbzeit gegen diesen starken, aber etwas ideenlosen und überheblichen Gegner alles richtig – nur das Tor wollte nicht gelingen.

Kharkiv indivuell deutlich stärker

In der zweiten Halbzeit bekam Grün-Weiß schließlich die teure Rechnung präsentiert, die ein solches Klasseteam nun mal auftischt, wenn man zu viele Chancen vergibt. Red Bull Salzburg kassierte in zwei Partien acht Tore gegen die Ukrainer, die Wiener Austria musste sechs Gegentore hinnehmen. Metalist ist sicher nicht das obere Ende der europäischen Spitzenklubs, aber bereits dem erweiterten Kreis zuzurechnen. Vor allem aber ist die Elf aus Kharkiv eine Mannschaft, die in diesem Bewerb Ambitionen hat und ihn sehr ernst nimmt. Und wenn man gegen eine solche Mannschaft erst mal einen Treffer kassiert und somit einem Rückstand hinterherläuft, wird es schwer die Kontrolle über das Konter- und Umschaltspiel und auch über die eigenen Nerven zu behalten. Guido Burgstaller behielt diese Nerven nicht, sah nach seinem unnötigen Sensenfoul in der Nachspielzeit glatt Rot und fehlt daher voraussichtlich in beiden Spielen gegen Bayer 04 Leverkusen…

Daniel Mandl, abseits.at

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen

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