Dass man als klarer Außenseiter ins Spiel bei Metalist Kharkiv gehen würde, wusste in Wien-Favoriten jeder. Die Art und Weise wie die Ukrainer auftraten,... Schneller im Kopf, besser in den Beinen – Metalist Kharkiv lässt der Austria keine Chance!

Dass man als klarer Außenseiter ins Spiel bei Metalist Kharkiv gehen würde, wusste in Wien-Favoriten jeder. Die Art und Weise wie die Ukrainer auftraten, machte es für die Austria jedoch unmöglich, die Partie offen zu halten. Metalist war der Wiener Austria in allen Belangen überlegen und fuhr einen ungefährdeten und stressfreien 4:1-Heimsieg ein.

Die Hauptgründe dafür sind offensichtlich: Das Team aus Kharkiv war der Austria nicht nur technisch klar überlegen, sondern auch im Kopf schneller. Viele zweite Bälle gingen an die Ukrainer, im Mittelfeld verlorene Bälle holten sich die Gelben oft schnell wieder. Das Team von Miron Markevich konnte sich zwischenzeitlich sogar Leerlaufphasen leisten, in denen zahlreiche Mittelfeldspieler nicht zeitgerecht hinter den Ball kamen (zwischen dem 3:1 und dem 4:1) und die Austria somit zumindest Chancen hatte, ein offensives Übergewicht zu erzeugen. Allerdings verteidigte der Tabellendritte der Ukraine auch gut, wählte bei offensivem Ballbesitz der Austria eine mittlere Pressingzone, die es der Austria schwer machte, direkte Bälle in die Tiefe zu spielen, Metalist allerdings auch Luft verschaffte, da die Austria sich nie vorne festsetzen konnte.

Starkes Offensivpressing von Metalist

Beeindruckender war allerdings das Offensivpressing der Ukrainer. Sie praktizierten ein enorm hohes Pressing, von dem man sagt, dass es nur absolute Klasseteams spielen sollten – oder Teams, die sich eines hohen Qualitätsunterschieds im Vergleich zum Gegner bewusst sind. Das Pressing der Ukrainer erfolgte nicht durch einzelne Akteure wie Solospitze Marko Devic, sondern mannschaftlich geschlossen: Devic, sowie die Mittelfeldspieler Taison, Cleiton Xavier und Sosa attackierten die Veilchen bereits in deren Hälfte. Dahinter verschob Edmar klug mit seinen Mitspielern, während Torres – in der Staffelung knapp hinter Edmar – das Ausbrechen der Austria-Kreativspieler verhindern sollte. Das Resultat, welches man nicht nur einmal sehr gut beobachten konnte: Die Austria-Viererkette schob den Ball hin und her, wurde dabei immer von gegnerischen Spielern unter Druck gesetzt, während die freien Austria-Spieler von den defensiveren Mittelfeldspielern von Metalist Kharkiv verfolgt wurden.

Edmar trifft zum 2:1 – ein Fall fürs Taktiklehrbuch!

Das 2:1 durch Edmar war indirekt ein Musterbeispiel, wie man während einer derartigen Pressingaktion umschalten sollte. Sekunden bevor das Tor fiel, hatte die Austria eigentlich bereits den Ball. Georg Margreitter gewann das Kopfballduell mit Devic und obwohl sich Taison den Ball holte, war er von zwei Austria-Spielern an der Seitenlinie zugestellt. Dennoch gelang ihm ein schöner Pass zurück auf Devic und die Austria war plötzlich erneut nur mit drei Spielern hinter dem Ball, obwohl zu diesem Zeitpunkt neun Spieler in der eigenen Hälfte waren. Der spätere Torschütze Edmar war zu dem Zeitpunkt als Devic den Ball zurückbekam mehr als 35 Meter vom Tor der Austria entfernt.

Diese Aufteilung herrschte als Taison an der Seitenlinie den Ball gegen zwei Austrianer behauptete (Klicken zum Vergrößern):

Nur zwei Sekunden nach Taisons Balleroberung erfolgte der Pass von Marko Devic auf den durchbrechenden Edmar, der von drei bis vier Austria-Mittelfeldspielern in seinem unmittelbaren Umfeld komplett vernachlässigt wurde. Niemand verfolgte ihn rechtzeitig, alle schienen bereits wieder offensiv zu denken, weil der Ball eigentlich „unserer“ sein und nichts anbrennen sollte. Als Devic den Pass in Richtung Edmar spielt, sieht die Aufteilung wie folgt aus:

Die Räume zwischen den Austria-Verteidigern sind zu groß. Suttner und Margreitter stehen jeweils zu weit außen, wodurch die Mitte nicht mehr kompakt ist. Im Mittelfeld orientieren sich gleich zwei Austrianer zum ballführenden Spieler. Zwei weitere Mittelfeldspieler unternahmen gar nichts. Ein einziger Schritt, der vom ballführenden Spieler weggehen müsste und stattdessen in den Raum, in den dieser den Ball spielen könnte, hätte dieses Tor vielleicht verhindert. Dass dies nicht passierte ist vor allem deshalb ärgerlich, weil die Austria eine 6-gegen-3-Überzahl an aktiv beteiligten Spielern besaß. Mit der richtigen Kommunikation kommt Edmar niemals an den Ball – der spätere Schnitzer von Peter Hlinka passt schließlich ins Bild.

Zu wenig Aggressivität

Das Tor zum 2:1 war jedoch nur ein Beispiel von vielen, in denen Metalist Kharkiv im Kopf wesentlich schneller war, als die Wiener Austria. Vor allem das Spiel ohne Ball war bei den Ukrainern schön anzusehen – kurze, explosive Aktionen und die Möglichkeit Ruhephasen einzulegen, weil die gesamte Mannschaft arbeitete und der Einzelne somit weniger bzw. unregelmäßigere Laufarbeit verrichten musste. Zudem fehlte bei der Austria – mit Ausnahme des manchmal lauten Georg Margreitter – ein Spieler, der auf dem Platz die Richtung vorgab. In der ersten Halbzeit beging die Austria nur zwei Fouls, die Foulstatistik stand am Ende des Spiels bei 13:7 für Metalist Kharkiv. Sieben Fouls in 90 Minuten gegen einen offensichtlich technisch stärkeren Gegner sind zumeist kein gutes Zeichen. Außer man kommt gar nicht erst in die Zweikämpfe, was aber in diesem Spiel keineswegs der Fall war. Die Austria kann gegen einen Gegner wie Metalist nur schwer umdenken und das feine Spiel, das man phasenweise in der österreichischen Bundesliga zeigt, ad acta legen, um sämtliche Kampftugenden auszupacken. Dies wäre in der Ukraine allerdings bitter nötig gewesen, nur gab dies auf dem Platz niemand vor…

Die Chance lebt!

Kaum zu glauben, aber trotz der 1:4-Packung in Kharkiv leben die Chancen der Wiener Austria auf den Aufstieg in die Runde der letzten 32. Grundvoraussetzung dafür ist ein Heimsieg gegen Malmö FF, das die letzten drei Europacup-Auswärtsspiele jeweils klar verlor, allerdings zuvor in der Qualifikation mit 1:0 bei den Glasgow Rangers gewann. AZ Alkmaar müsste zeitgleich zu Hause gegen Metalist Kharkiv verlieren. AZ verlor seine letzten fünf Europacup-Heimspiele nicht, bezog die letzte Niederlage am 21.Oktober 2010 ausgerechnet gegen das ukrainische Team Dynamo Kiev (1:2). Allerdings gewann Alkmaar in der bisherigen Ligasaison 2011/12 all seine sieben Heimspiele. Selbst wenn Metalist Kharkiv mit einer Top-Mannschaft antritt, was nach deren fixen Aufstieg nicht sicher ist, ist ein Spiel in Alkmaar kein Spaziergang. Im Falle eines Remis zwischen AZ Alkmaar und Metalist Kharkiv würde die Austria einen 6:0-Sieg gegen Malmö FF benötigen…

Daniel Mandl, abseits.at

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen