Der Regen tropfte gegen das Fenster. Fad und lang war so ein Sonntagabend in der Kasernierung. Es gibt aufregendere Momente als fern von der... Anekdote zum Sonntag (98) –  Django, der Tifoso

Der Regen tropfte gegen das Fenster. Fad und lang war so ein Sonntagabend in der Kasernierung. Es gibt aufregendere Momente als fern von der Familie ein verregnetes Frühlingswochenende im Hotel zu verbringen. Herbert Prohaska streckte sich auf dem Bett und gähnte. Schon fast zehn Jahre war es her, dass er sein Debüt im Nationalteam gefeiert hatte: Die ersten Sporen verdiente er sich unter Leopold Stastny, es folgten der legendäre Spitz von Izmir, Cordoba, der Gijoner Nicht-Angriffspakt –alles nur mehr Schatten der Vergangenheit. In der Mikrobetrachtung sah allerdings nur jemand, der Prohaskas Karriere genau verfolgte, dass der gebürtige Simmeringer nicht immer einen leichten Stand im AUT-Team hatte: Schon Stastnys Nachfolger Senekowitsch setzte ihn nur sporadisch ein. Sein legendäres Tor in der Türkei verdankte der Spielmacher dem Ausfall Josef Hickersbergers. An diesem Abend ließ sich Herbert von diesen Erinnerungen, wie diesen berieseln. Für die weiteren Stunden hatte er sowieso keine großen Pläne.

Plötzlich riss ihn das Telefonklingeln aus seiner retrospektivischen Gedankenspirale: Am anderen Ende der Leitung war die Telefonistin des Vösendorfer Hotels, indem die Nationalmannschaft bei diesem Lehrgang einquartiert war: „Herr Prohaska, ich habe hier einen Herrn Franco Nero, der gerne mit Ihnen plaudern würde. Darf ich ihm Ihre Zimmernummer geben?“ Im ersten Augenblick dachte Prohaska, er würde noch in seiner Fantasiewelt zwischen Vergangenheit und Zukunft, Realität und Fiktion schweben. Franco Nero? Der „Django“ aus den Spaghetti-Western von Sergio Corbucci? Der sollte in dem Hotel der niederösterreichischen Kleinstadt mit ihm sprechen wollen? Unmöglich. Prohaska grinste. Wer mochte sich diesen Scherz ausgedacht haben? Er brach die gespannte Stille mit einem deutlichen: „Ja, natürlich.“ Jetzt war er selbst aufgeregt: Versteckte Kamera? Oder ein verwegener Spaß seiner Teamkameraden? Prohaska setzte sich auf, zog die Bettdecke glatt und öffnete erwartungsvoll die Türe. Am Ende des Ganges erblickte er jetzt tatsächlich einen Herrn, der von der Bewegungsart an den italienischen Filmschauspieler erinnerte. Prohaska klappte die Kinnlade runter und er hauchte: „Buonasera.“ Der leibhaftige Franco Nero streckte ihm die Hand entgegen und strahlte ihn mit seinen legendären stahlblauen Augen an: „Herbert, ich habe gerade die Ergebnisse aus der Serie A erfahren. Willst du sie wissen?“ Prohaska nickte und deutete dem Schauspieler an, Platz in seinem Zimmer zu nehmen. Die beiden plauderten sich durch einen wunderbaren Abend. Nero, der in Parma aufgewachsen war, war AS-Roma-Fan und fand es skandalös, wie mit dem Austria-Kapitän erst vor wenigen Monaten verfahren worden war. Eigentlich war „Schneckerl“ zugesagt worden, dass sein Kontrakt verlängert werden würde. Letztendlich kam es doch anders und der Wiener musste als fünftes Rad am Wagen die Krot schlucken. Beleidigt zog es ihn zu seinem Herzensklub.

Franco Nero, der sich zu Dreharbeiten in Österreich befand, hatte zufällig erfahren, dass ganz in der Nähe das ÖFB-Team einquartiert war. Er ließ es sich nicht nehmen, seinen Lieblingsstar persönlich kennen zu lernen. Für den Jahrhundertspieler der Wiener Veilchen war es nicht das erste Mal, dass er von einem Weltstar erkannt worden war: Bereits in seiner Mailänder Zeit aß Herbert seinen „pesce“ neben einem berühmten Sänger. Bevor sich Prohaska noch erheben konnte, um sich von diesem ein Autogramm holen, bat ihn seinerseits der Kellner, ob er nicht so nett sein würde, seine Unterschrift auf dieses Stückchen Papier zu kritzeln: Herr Adriano Celentano, sei ein großer Bewunderer seiner Kunst.

Marie Samstag, abseits.at  

Marie Samstag

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