Jeden Sonntag wollen wir in dieser neuen Serie Spieler beleuchten, die ungewöhnliche Wege eingeschlagen haben. Wir möchten Geschichten von Sportlern erzählen, deren Karriere entweder... Men to (re)watch (2) –  Walter Schleger (KW 2)

Jeden Sonntag wollen wir in dieser neuen Serie Spieler beleuchten, die ungewöhnliche Wege eingeschlagen haben. Wir möchten Geschichten von Sportlern erzählen, deren Karriere entweder im Konjunktiv stecken blieb, die sich zu einem gegebenen Zeitpunkt radikal verändert haben oder sonst außergewöhnlich waren und sind: Sei es, dass sie sich nach dem Fußball für ein völlig anderes Leben entschieden haben, schon während ihre Profizeit nicht dem gängigen Kickerklischee entsprachen oder aus unterschiedlichen Gründen ihr Potenzial nicht ausschöpften. Auf jeden Fall wollen wir über (Ex)-Fußballer reden, die es sich lohnt auf dem Radar zu haben oder diese (wieder) in den Fokus zu rücken. Wir analysieren die Umstände, stellen Fragen und regen zum Nachdenken an. Im zweiten Teil reisen wir zurück in die Vergangenheit und wollen uns die Lebensgeschichte von Dr. Walter Schleger genauer anschauen…

Die Nummer 11 zieht in den Strafraum, am Verteidiger vorbei, legt sich den Ball auf links und schießt knapp über die Latte. Doch diese vergebene Chance ist an diesem Nachmittag kein Beinbruch: Österreich besiegt das walisische Nationalteam auswärts mit 2:1. Wir schreiben das Jahr 1955 und die rot-weiß-rote Elf hat vor wenigen Monaten den größten Triumph ihrer Geschichte erreicht: Bei der WM-Endrunde in der Schweiz 1954 holte man – als Mitfavorit – den dritten Platz. Mitglied des A-Teams war – sowohl bei der WM als auch mit der Nummer 11 im Spiel gegen Wales – Walter Schleger: Dr. med. vet. Walter Schleger.

Am Ende seiner Karriere sollten vier Meistertitel, drei Pokalsiege, zwei Teilnahmen an WM-Endrunden und 22 Länderspiele stehen. Schlegers Fußballlaufbahn ist also weit entfernt von Durchschnittlichkeit. Umso mehr mag es verblüffen, dass sich der Stürmer selbst nie über sein Kicker-Dasein definiert hat, seine akademische Entwicklung hatte für den späteren Austria Wien-Angreifer Priorität: „Ich habe nie Fußball nur deshalb gespielt, weil ich Fußball gern gespielt habe. Das war für mich immer nur ein Mittel zum Zweck. Ich wollte Tierarzt werden. Das habe ich schon mit sechs Jahren gewusst. Dieses Ziel hatte ich immer vor Augen und es auch erreicht. Heute kann ich sagen, dass ich meine Position nicht dem Fußball verdanke!“, erzählte er anlässlich seines 50. Geburtstags.

Goldener Fuß von Prag

Geboren wurde Walter Schleger als Sohn sudetendeutscher Eltern im September 1929 in Prag. Anfangs betrieb er Leichtathletik und Handball ehe er beim Traditionsverein Sparta Prag mit dem Kicken begann. Entdeckt wurde er schließlich als der Wiener Athletiksport Club 1946 ein Gastspiel in seiner Heimatstadt absolvierte. Das Angebot des WAC kam für Schleger wie gerufen: Er und seine Familie fühlten sich ob der Anfeindungen gegen die deutschsprachige Minderheit in Tschechien nicht mehr wohl und übersiedelten – ohne langes Nachdenken – nach Wien. Walter gab sein Debüt für den WAC und streberte fleißig, um seine Schullaufbahn am Gymnasium fortzusetzen. Er gab Ende der 40er-Jahre sein Debüt für die Jugendmannschaft des österreichischen Meisters von 1915. Parallel dazu wurde er rasch für die Nachwuchs-Nationalmannschaft entdeckt, so wurde der Mittelstürmer im März 1948 für die Jugendspiele in London nominiert. Schleger galt als Rohdiamant, war er doch ein fast kompletter Stürmer: Technisch gut, schnell, durchsetzungsstark. Er verkörperte den damals idealen Mittelstürmer.

Nachdem er sich im zweiten Wiener Gemeindebezirk behauptet hatte, streckten auch andere Vereine ihre Fühler nach ihm aus. Im Sommer 1949 wechselte der spätere Tierarzt gemeinsam mit Mraszner zum Wiener Sportklub.

Damals hatten alle Spieler Berufe, ein Leben als Profi gab es nicht. Schleger war die Ausnahme, er steckte noch in der Ausbildung und finanzierte sich durch das Kicken sein Studium der Veterinärmedizin. In jenem Job, den er eigentlich nur zum Geldverdienen betrieb, war der junge Mann allerdings mehr als nur ein Mitläufer: Kurz nach seinem 22. Geburtstag debütierte er für die Nationalelf gegen Deutschland und fuhr drei Jahre später mit zur Endrunde in die Schweiz.

Schleger schien der perfekte Stürmer zu sein, trotzdem war ihm das Glück in entscheidenden Momenten nicht hold: Im Nationalteam netzte Walter nur ein mageres Mal. Bei der Endrunde ’54 stellte ihn Teamchef Frühwirth als Außenverteidiger im Halbfinale gegen Deutschland auf: Österreich ging in der Folge mit 6:1 unter. Vier Jahre später absolvierte Schleger nur bei der Auftaktniederlage gegen Brasilien ein WM-Match über 90 Minuten. In seiner Klubkarriere lief es angesichts von 90 Toren bei rund 300 gespielten Partien schon besser, doch während seiner langen Zeit bei der Wiener Austria standen meist Kreativspieler im Vordergrund.

Stürmer. Sieger. Serum.

1951 ging Schleger noch als Sportklubspieler mit der Wiener Austria auf Südamerikatournee und wurde danach fix von den Violetten verpflichtet. Es sollten dreizehn glückliche und erfolgreiche Jahre in Wien-Favoriten werden: Gemeinsam mit Ocwirk, Stojaspal, Fiala, Nemec gehörte Schleger der FAK-Truppe der 50er und 60er an. Zwei Jahre nach seinem Transfer holte er den ersten von insgesamt vier Meistertellern, drei Mal wurde man Vizemeister, ebenso oft war man im Cup erfolgreich. Trotzdem machte der Herr Doktor nie viel Aufsehen um seine Person. 1956 promovierte er, acht Jahre später hängte er nach dem verlorenen Cupendspiel gegen die Admira seine Fußballschuhe – beinahe heimlich – an den Nagel: „Es war mir eine unglaubliche Erleichterung, als ich nach dem Cupfinale meine Karriere beendet habe. Dies ist ohne jeden großen Akt vor sich gegangen, ohne Tam-Tam.

Trotz dem er schon als Aktiver als Assistent an der Tierärztlichen Hochschule, der späteren Veterinärmedizinischen Universität, gearbeitet hatte, schien ihn das Fußballfieber nicht loszulassen. Amüsant, wenn man betrachtet, wie Schleger stets bemüht war, seine ballesterischen Ambitionen kleinzureden. Nebenbei übte er fünf Saisonen lang das Traineramt beim SC Eisenstadt aus und führte die Burgenländer in die höchste Spielklasse. Der frühere Stürmer werkte auch noch im wissenschaftlichen Beirat des ÖFB, ehe er sich auf seine Arbeit an der Universität konzentrierte. Schleger war immer unterwegs: Er nahm Forschungstätigkeiten von Kalifornien bis Russland war, publizierte eifrig und habilitierte sich schließlich 1973. Als Professor fungierte er als Vorstand des Instituts für Tierzucht und Genetik und leitete von 1977 bis 1996 das von ihm eingerichtete Ludwig-Boltzmann-Institut für Immuno- und Zytogenetische Forschung. Zudem war er zwei Jahre lang Rektor der Veterinärmedizinischen Universität Wien.

Aus dem Stürmer war ein Gelehrter geworden, aus den Pokalen, die er auf dem Spielfeld gewann, wurden zahlreiche offizielle Ehrungen, die ihm zu Teil wurden. Walter Schleger war mit so vielen Talenten gesegnet, dass man eifersüchtig werden könnte. Er selbst würde sicher sagen, dass sein Erfolg vor allem mit harter Arbeit zu tun hatte: Schon als Einwanderer bemühte er sich um eine rasche Eingliederung in die Gesellschaft, später als Fußballer saß Walter über seinen Büchern, während seine Kollegen in der Kasernierung Karten spielten oder ein Nickerchen machten. Er gab nie auf: Als Sechzehnjähriger kam Walter mit Nichts nach Wien und musste von vorne anfangen, doch der Ehrgeiz brannte in ihm und er sollte 1991 als Universitätsprofessor in Pension gehen. Hochdekoriert starb er nur wenige Wochen nach seinem 70. Geburtstag. Der „Fußball-Professor“, der stets das Gefühl hatte, nicht genügend Anerkennung für seine wissenschaftliche Karriere bekommen zu haben, wäre erstaunt, wenn er wüsste, dass es heute kaum einen Kicker gibt, der auch in seiner zweiten Karriere durchstartet.

Marie Samstag, abseits.at

Marie Samstag