Rapid kann offenbar nicht mehr gewinnen. Nach dem 1:1 gegen die Admira verlor das Team den dritten Platz an den SK Sturm und wartet... Proteste/Resignation in Hütteldorf: Darum wird weder jemand gehen, noch gegangen werden!

SK Rapid Wien (Logo, Wappen)Rapid kann offenbar nicht mehr gewinnen. Nach dem 1:1 gegen die Admira verlor das Team den dritten Platz an den SK Sturm und wartet nun bereits seit sieben Spielen auf einen vollen Erfolg. Die Gründe für das Versagen auf dem Platz waren einmal mehr dieselben – und auf den Tribünen macht sich eine seltsame Mischung aus Ratlosigkeit, Resignation und Aggression breit.

Auch die Ausrede nach einem günstigen Matchverlauf zieht in Hütteldorf nicht mehr: Nach der 1:2-Niederlage in Wolfsberg, bei der Rapid früh in Führung ging, konnte die Elf von Peter Schöttel auch gegen die Admira das erste Tor erzielen. Unterm Strich standen wieder nur ein 1:1 und eine über weite Strecken jämmerliche Leistung.

Rapid mit denselben Problemen und schlechtem Defensiv-Umschaltspiel

Die taktischen Fehler blieben erwartungsgemäß dieselben. Logisch, weil der Aufbau einer Spielphilosophie und eines funktionierenden taktischen Konzepts nicht von heute auf morgen geht. Doch auch von der Admira ließ sich Rapid in entscheidenden Szenen die Schneid abkaufen. Die entscheidenden Zweikämpfe wurden verloren, das Kombinationsspiel in die Tiefe passte weder in der Mitte noch an den Flügeln und Spielverlagerungen zur richtigen Zeit waren erneut Mangelware. Diesmal gesellten sich jedoch auch schwere Fehler im Umschaltspiel von Offensive auf Defensive dazu, besonders auffällig nach Standardsituationen, bei denen die Admira gleich zweimal ohne große Mühe mit einfachem Passspiel im Konter Überzahlsituationen herstellen konnte.

Schick und Ouedraogo die stärksten Admira-Feldspieler

Am Ende musste Rapid rein spielerisch sogar mit dem 1:1 zufrieden sein, nachdem die Admira zwei Aluminiumtreffer aufwies und in vielerlei Hinsicht entschlossener wirkte. Dies betrifft etwa das Flügelspiel, wobei vor allem Thorsten Schick herausstach und Tito trotz zahlreicher glückloser Aktionen zumindest mehr versuchte als die meisten Key Player Rapids. Sinnbildlich für die gute Leistung der Südstädter war jedoch das sehr intensive und moderne Spiel von Stürmer Issiaka Ouedraogo, der nicht nur gut antizipierte und Bälle in schwierigen Situationen behauptete, sondern auch noch 50 Zweikämpfe bestritt, von denen er immerhin 20 gewann – obwohl er zumeist allein auf weiter Flur war. Zum Vergleich: Terrence Boyd bestritt 28 Zweikämpfe und gewann 16. Welche Aussage dies genau hat werden wir euch diese Woche noch in einem gesonderten Artikel verdeutlichen.

Spruchbänder

Rapids Baustellen erweiterten sich über die letzten Wochen massiv. Der Groll der Tribünen richtet sich nicht mehr nur gegen Präsidium und Vorstand – auch Mannschaft und Trainer werden mittlerweile in die Pflicht genommen. Auf einem Transparent im „Block West“ war sogar ein „Schulte raus“-Statement zu lesen. Auf einem großen Spruchband während der ersten Halbzeit stand geschrieben: „Zieht endlich die Konsequenzen bevor Protest zu Gleichgültigkeit wird und Rapid seinen Mythos verliert.“ Kurz zuvor wurde auf weiteren Spruchbändern der Mannschaft verdeutlicht, dass es in dieser Tonart nicht mehr weitergehen kann.

Fokus auf „eh alle“

Der Protest verteilt sich somit bereits auf alle Beteiligten. Das Präsidium trägt Schuld, die sportlichen und wirtschaftlichen Entscheidungsträger tragen Schuld, der Trainer trägt Schuld und auch die Spieler werden in die (Fan-)Pflicht genommen. Das Resultat dieser Situation ist, dass die Protestaktionen der Rapid-Fans zu schwach fokussiert sind – Verantwortung an der aktuellen Misere im Klub tragen „eh alle“ und das Gros der Rapid-Fans weiß mit dieser Situation nicht immer gut umzugehen. Obwohl die Anhängerschaft damit richtig liegt, dass jeder seine Mitschuld an der Situation hat.

Ähnliche Situation in der Saison 2002/03

Das Resultat ist somit eine gewisse Grundaggression auf den Rängen, aber auch Ratlosigkeit, was man noch stärker beeinflussen könnte bzw. wen man noch stärker unter Druck setzen könnte. Ein Beispiel für eine ähnliche Situation ereignete sich im Frühjahr 2003: Vor der 31.Runde holte Rapid nur einen Sieg aus den letzten neun Spielen und stand in der Tabelle auf dem enttäuschenden sechsten Platz. In den 30 Runden zuvor erzielte Rapid nur 32 Treffer und das Spiel der Grün-Weißen war weder erfolgreich noch ansehnlich, obwohl mit Andreas Herzog der Wunschspieler der Fans ein Jahr zuvor aus Bremen nach Hütteldorf zurückkehrte.

Marek erhörte die Fans nach schlappem 1:1 gegen Bregenz

In der 31.Runde der Saison 2002/03 folgte nun also ein 1:1 gegen den Tabellenletzten Schwarz-Weiß Bregenz vor 4.000 Zuschauern im Hanappi-Stadion. Nach dem Spiel blieben die eingefleischten Rapid-Fans auf der Westtribüne auf ihren Plätzen und forderten lautstark den Vorstand. Rapid-Stimme Andy Marek erbarmte sich und sprach nach dem Abpfiff via Mikrofon mit den Fans. Der durch die Ultras forcierte Sitzstreik wurde also zumindest (aktiv) wahrgenommen. Marek vertröstete die Fans zwar nur, betonte aber auch, dass sich der seinerzeit ungeliebte Vorstand so schnell wie möglich zu Lösungsmeetings zusammenfinden würde.

Herbst 2006: Der Wiener Fußball am Boden

Drastischeres Beispiel aus der Saison 2006/07: Nachdem Rapid in der vorangegangenen Saison – nur ein Jahr nach der Meisterspielzeit 2004/05 – als Fünfter die Europacup-Teilnahme verpasste, stand das Team nach der 17.Runde und einem erschreckend schwachen 1:1 gegen den SV Pasching auf dem neunten und vorletzten Tabellenplatz. Übrigens punktegleich mit der Austria, die nur aufgrund weniger geschossener Tore auf dem letzten Platz stand.

Platzsturm, Schreiduelle, Rücktritt

Was nach dem Abpfiff folgte war ein Stück Rapid-Geschichte: Wütende Rapid-Fans stürmten den Platz, viele andere blieben nach dem Abpfiff auf den Tribünen sitzen und harrten dem Schauspiel, das da noch kommen möge. Junge, völlig desillusionierte Rapid-Fans lieferten sich Schreiduelle mit dem wütenden Sportdirektor Peter Schöttel, der die Art und Weise der Kritik in seinem Status als Rapid-Legende nicht auf sich sitzen lassen wollte. Schöttel, zu dieser Zeit selbst noch sehr unerfahren, zog noch am selben Abend die Konsequenzen und gab seinen Rücktritt bekannt, der in Kraft treten würde, sobald ein Nachfolger feststünde. Die Fans forderten den Sportdirektor, dieser stellte sich und nach einer halben Stunde war die Ära des vielkritisierten Sportdirektors Schöttels zu Ende.

Die schwierige Frage nach dem Hauptverantwortlichen

Diese Beispiele sollen zeigen, dass sich der Protest der Rapid-Fans heute schwieriger gestaltet, weil man selbst nicht wirklich sicher ist, was als Erstes passieren soll. Man hört ständig Namen wie Edlinger, Kuhn, Ebner, Schöttel, sogar Schulte und einige konkrete Spielernamen. Auch nach dem jüngsten 1:1 gegen die Admira blieben einige Fans konsequent im Block stehen und skandierten Parolen gegen den Vorstand und die Verantwortlichen. Die Hoffnung, dass sich einer der verantwortlichen Herren stellen würde, war in weiten Teilen des Blocks jedoch ohnehin gering. Man blieb halt und schaute, ob noch etwas passiert. Konkret „gefordert“ wurde nach dem Abpfiff jedoch (noch) niemand. Auch das ist nur zu verständlich, denn wer ist in einer Situation, in der alle schuld sind am meisten schuld?

Rauswürfe wird’s nicht geben, weil’s keinen Hauptschuldigen gibt

Die Frage, die sich die Fans stellen ist aktuell paradoxerweise dieselbe, die sich auch im Verein selbst jeder stellt: Was muss zuerst passieren um die Situation zu verbessern bzw. welcher Verantwortliche zieht die ersten Konsequenzen? Eine Hand voll Siege auf dem grünen Rasen können die aktuelle Lage nicht mehr kitten, sondern nur die Momentaufnahme verschönern. Konsequenzen in Form von Rauswürfen wird es nicht geben – das lassen die Verträge nicht zu. Schöttels Vertrag wurde vor den Schlüsselspielen zu Beginn der Frühjahrssaison verlängert – die Personen, die verstehen warum dem so ist, sind an einer Hand abzuzählen. Edlinger tritt ohnehin im Herbst zurück, Schulte ist erst frisch beim Verein und bekam kaum Chancen sich zu beweisen und Kuhn genießt Edlingers Vertrauen und kann aktuell auf Zeit spielen, auch wissentlich, dass er unter einem neuen Präsidium womöglich keine Rolle mehr spielen könnte.

Rücktritte wird’s nicht geben, weil’s keiner „am meisten“ in der Kritik steht

Rausschmisse: Unwahrscheinlich. Rücktritte: Warum auch? Die Schuld ist „gut“ verteilt und niemand wird sich dazu bemüßigt fühlen, weil der Fokus der Kritik auf einer Gruppe von Personen und nicht auf ein oder zwei Einzelpersonen liegt. Rapid befindet sich aktuell in einer Spirale, die nicht angenehmer wird, sehr wohl aber Selbstreflexion erfordert. Und so bleibt die Frage der Saison 2012/13 die, die sich alle Parteien gleichermaßen stellen: Was muss zuerst passieren um die Situation zu verbessern.

Zurück zum Sportlichen

Wir graben auch in den nächsten Tagen tiefer und legen unser nächstes grün-weißes Augenmerk auf die Themen Spielphilosophie, Gruppen- und Mannschaftstaktik, sowie Kaderplanung. Also kommt speziell in den nächsten 1 – 2 Tagen wieder, um noch mehr Durchblick in Grün-Weiß zu erhalten!

Daniel Mandl, abseits.at

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen

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