Bei eisigen Temperaturen fanden sich nur knapp 10.000 Zuschauer im Hanappi Stadion ein um das letzte Heimspiel des SK Rapid Wien im Jahr 2012... Rapid gelingt erstmals Wende – Wacker Innsbruck gegen fluide Wiener nicht kompakt genug

Bei eisigen Temperaturen fanden sich nur knapp 10.000 Zuschauer im Hanappi Stadion ein um das letzte Heimspiel des SK Rapid Wien im Jahr 2012 zu sehen. Dieses gewannen die Gastgeber gegen den FC Wacker Innsbruck dank der Tore von Deni Alar und Terrence Boyd mit 2:1 – das erste Mal in der laufenden Saison, dass die Hütteldorfer ein Spiel nach einem Rückstand zu ihren Gunsten drehten.

Als die Tiroler nach einem Missverständnis zwischen Mario Sonnleitner und Lukas Königshofer in der 43. Minute per Eigentor in Führung ging, ahnten wohl viele Rapid-Fans Böses. Erst ein einziges Mal – am 11. Spieltag beim 1:1 in Wiener Neustadt – konnte man punkten. Der postwendende Ausgleich von Alar und Boyds neuntem Saisontor sorgten aber letztlich noch für ein versöhnliches Ende.

Ildiz zurück, Hofmann fehlt

Rapid-Trainer Peter Schöttel musste gegen das Schlusslicht auf Steffen Hofmann verzichten, da der Kapitän aufgrund einer Oberschenkelverletzung nicht vollständig fit war. Somit ergänzten, wie beim 1:0-Erfolg über Metalist Kharkiv, Christopher Trimmel und Guido Burgstaller die beiden Torschützen in der Offensivabteilung, die sich sehr fluid zeigte. Darüber hinaus gönnte Schöttel Dominik Wydra und Markus Heikkinen ein Pause, was zu einer neuen Besetzung auf der Doppelsechs führte. Neben Harald Pichler begann Muhammed Ildiz, dessen Hereinnahme ein Grund dafür war, dass die Grundformation des Rekordmeisters eher 4-4-2-artige Züge annahm, verglichen mit dem gewohnten 4-2-3-1. Der 21-Jährige gilt nämlich als klassischer Box-to-Box-Spielertyp, der stark vertikal agiert, woraufhin sich Alar meist neben Boyd positionierte.

Personeller Notstand aufgrund von Sperren

Bei den Gästen aus Tirol fehlten die beiden Ex-Rapidler Roman Wallner und Christoph Saurer aufgrund von Sperren, wodurch auch FCW-Coach Roland Kirchler umstellen musste. In der Viererkette, in deren Zentrum Martin Svejnoha reinrotierte, gab Christian Schilling als Linksverteidiger sein Startelfdebüt. Für den Last-Minute-Torschützen des letzten Wochenendes rückte Alexander Hauser vor auf den linken Flügel, was eine Asymmetrie zur gegenüberliegenden Seite nach sich zog. Dort agierte Christopher Wernitznig nämlich wesentlich breiter und höher. Im Zentrum übernahm Carlos Merino die Aufgaben von Saurer, während Kapitän Tomas Abraham versuchte die defensiven Löcher zu stopfen. Marcel Schreter und Julius Perstaller zeigten sich – vor allem in der Anfangsphase – gut abgestimmt, worauf im Folgenden eingegangen wird.

Starker Start der Innsbrucker

Rapid hat unter Woche Europa League spielen müssen. Vielleicht haben sie ja etwas Kraft liegen lassen und wir können das bei einem Konter ausnützen“, gab Kirchler vor dem Spiel eine vorsichtige Marschrichtung vor, die nicht unbedingt implizieren ließ, dass sein Team selbst versucht das Heft in die Hand zu nehmen. Dennoch begannen die Gäste sehr engagiert und rissen vor allem mit guten Laufwegen Löcher in die Rapid-Abwehr.

Perstaller ließ sich als Wandspieler oft fallen um Räume in seinem Rücken anzubieten, was für Rapid insofern schwer zu verteidigen war, als er meist zwischen Innen- und Außenverteidiger startete und diagonal zurückrückte. Dadurch lockte er neben seinem direkten Gegenspieler auch den äußeren Abwehrspieler etwas aus seiner Position raus, woraufhin entweder der Flügelspieler oder Schreter diagonal in den anschließend gespielten Pass kreuzen konnte. Besonders gefährlich wurde dies wenn der Spielaufbau über rechts lief, da dort mit Merino und Wernitznig das spielstärkere Duo agierte.

Ildiz von bis zu drei Spielern isoliert

Rapid hingegen agierte weniger strukturiert. Im Spielaufbau fächerten sich die Hütteldorfer in eine Dreierkette, bestehend aus den beiden Innenverteidigern und Pichler, auf, davor sollte der halbrechts spielende Ildiz für die Verbindungen nach vorne sorgen. Allerdings wurde dieser von seinen Ex-Kollegen gut isoliert. Neben Hauser, der von der Außenbahn einrückte, wurde Ildiz nämlich auch von Abraham angelaufen und Perstaller war stets bemüht den Spielmacher in seinen Deckungsschatten zu stellen, presste gegebenenfalls den gegnerischen Spielaufbau erst gar nicht an. So kam der Taktgeber in knapp 80 Minuten auf lediglich 48 Ballkontakte – nicht zu vergleichen mit den Fabelwerten vom Saisonbeginn.

Dadurch hatten die Rapidler beim Herausspielen zwar wenig Druck, was sie aber kaum ausnutzten. Lediglich Gerson wagte ab und zu Vorstöße, leitete so beispielsweise das 1:1 ein und bediente davor auch Burgstaller mit einem sehenswerten langen Pass. Ansonsten sah man das gewohnt risikolose Aufbauspiel, das deswegen nicht gefährlich wurde, weil die Staffelung nicht passte. Im Extremfall warteten vier, fünf Akteure auf einer Linie mit der gegnerischen Verteidigung, während der Ball in der eigenen Hälfte quergepasst wurde.

Rapids linke Seite verwaist

Ein weiteres Problem war, dass die linke Außenbahn – in erster Linie nach Umschaltmomenten – oft verwaist war. Aufgrund von Hausers zentraler Stellung konnte Rapid mit Schimpelsberger, der die meisten Ballkontakte (65) aller Spieler hatte, und Trimmel die rechte Seite leicht überladen. Allerdings fehlten auf der gegenüberliegenden Seite Anspielstationen in der Tiefe um in Drucksituationen die Seite zu wechseln oder die dort offenen Räume zu bespielen.

Burgstaller zog wie gewohnt stark in die Mitte, was an sich noch kein Problem darstellte. Er konnte dadurch für Überzahlsituationen im Zentrum sorgen oder zumindest Bergmann von der Außenbahn wegziehen. Allerdings rückte in diesen Fällen kein Mitspieler auf – vor allem Markus Katzer agierte sehr konservativ. Diese fehlende Breite dürfte ein gewichtiger Grund dafür gewesen sein, warum Schöttel zur Halbzeit mit Christopher Drazan einen klassischen Flügelspieler bzw. mit Thomas Schrammel den risikofreudigeren Außenverteidiger brachte.

Offensivfluidität und fehlende Defensivkompaktheit

Paradoxerweise fiel der Ausgleich nach einer Hereingabe von der linken Seite, bei dem Rapids größter Vorteil in diesem Spiel sichtbar wurde: die Fluidität. Gab Alar den größten Teil des Spiels einen zweiten Stürmer, ließ er sich in diesem Fall im Zentrum etwas zurückfallen um Gerson eine Anspielposition zu bieten. In dieser Zone hatte Alar besonders viel Platz, da die Tiroler Linien äußert weit auseinandergezogen waren. In der Folge rückte Bergmann ein, woraufhin Burgstaller auf der Außenbahn Platz hatte. Dakovic konnte einerseits die Flanke nicht verhindern, andererseits riss sein Herausschieben ein Loch in die Abwehr, das der Gegner nutzte.

Auch beim Siegtreffer kamen die beiden erwähnten Symptome zum Vorschein, als Schimpelsberger nach einem Ballgewinn viel Platz zwischen den Linien viel Platz vorfand, in den er mit einem Diagonallauf reindribbelte und Boyd bediente. Dessen Treffer bedeutete den vierten Sieg in Folge, wodurch Rapid mit Titelverteidiger Red Bull Salzburg gleichzog, während die Innsbrucker weiter Letzter sind.

Alexander Semeliker, abseits.at

Alexander Semeliker

@axlsem