Es ist ein lange verschwiegenes Problem, ein Tabuthema. Rapid hat seit gut fünf Jahren ein Torhüterproblem und Neo-Coach Peter Schöttel versucht dieses nun zu... Schöttel macht ernst – neuer Tormann für Rapid!

Es ist ein lange verschwiegenes Problem, ein Tabuthema. Rapid hat seit gut fünf Jahren ein Torhüterproblem und Neo-Coach Peter Schöttel versucht dieses nun zu beheben, indem er Helge Payer einen Konkurrenten zur Seite stellt, der den pragmatisiert scheinenden Rapid-Goalie tatsächlich fordern kann.

Unter Rapid-Fans hält sich ein statistischer Irrglaube hartnäckig: Helge Payer absolvierte sein erstes Pflichtspiel im Tor der Hütteldorfer nicht bei der berühmten 0:4-Niederlage bei Paris St.Germain, bei der ihm der spätere Weltfußballer Ronaldinho zwei Tore einschenkte, zudem Mendy und Anelka trafen, sondern schon acht Tage zuvor als Rapid auswärts in Bregenz mit 1:2 unterlag (beide Tore Oliver Mattle).

TRADITIONSBEWUSSTSEIN AUF DER TORHÜTERPOSITION

Payer wurde zur Identifikationsfigur in Grün-Weiß, hielt in jungen Jahren seinen Kasten bemerkenswert sauber, glänzte vorallem auf der Linie. Der gebürtige Oberösterreicher, dessen Vater als Nachwuchstormanntrainer beim SK Rapid fungiert, war mit ein Garant dafür, dass Rapid 2004/05 den Meistertitel holte, spielte die wohl beste Partie seiner Karriere in derselben Saison am 26.März 2005 beim 2:0-Auswärtssieg des österreichischen Nationalteams in Wales. Rapid, das seit vielen Jahrzehnten die Tradition pflegte, Nachwuchstorhüter aus den eigenen Reihen aufzubauen, wog sich in Sicherheit. Man hatte das vermeintlich größte Torwarttalent des Landes an den Verein gebunden und brauchte sich über viele Jahre keine Sorgen über die „Einserposition“ im Team machen.

SCHNELLER AUFSTIEG, DOCH BALDIGE ZWEIFEL

Doch Payers Stern stürzte schneller ab, als er aufging. Nach der Meistersaison, in der Rapids Vorzeige-Einser teilweise grandios parierte, häuften sich die Fehler. Payers größte Schwäche, die Strafraumbeherrschung, speziell in Verbindung mit Flanken, gepaart mit einer Prise ungesunder Arroganz und absoluter Unfähigkeit zur Selbstkritik machten Payer vom Publikumsliebling zum Sorgenkind – so sahen es zumindest die Fans, weniger drastisch hingegen der Klub. Vorallem Payers Vertrag, den in Fankreisen selbstredend kaum jemand im Detail kennt, dessen Ausmaß jedoch auf Basis von Medienberichten und Hörensagen immer wieder deutlich wurde, ist den Fans des SK Rapid seit jeher ein Dorn im Auge – in Relation zu den gebotenen Leistungen des Keepers, der sein letztes Länderspiel vor nunmehr 20 Monaten bestritt.

ZWEISCHNEIDIGES SCHWERT

Zu den schwankenden Leistungen kamen Verletzungen und Krankheiten. Von 2008 bis 2010 wurde Payer von zahlreichen kleineren Problemen, aber auch ernsteren Beschwerden wie etwa einer karrieregefährdenden Thrombose-Erkrankung geplagt. Sämtliche Ersatzkeeper (Hedl, Lukse, Koch) waren nur Füllstoff für Rapids logischen Einsergoalie. Doch ebendieser Einsergoalie knüpfte nie wieder an sein eigentliches Leistungspotential an. Allmählich forderten zahlreiche Fans die Ablöse des 31jährigen, der jedoch in den Vereinsstrukturen einzementiert wirkte. Für Teile der Fanszene galt er weiterhin als Identifikationfigur, zudem war Payer stets ein vorbildlicher Werbeträger und ein wichtiger Integrationsposten innerhalb der Mannschaft.

DAUERHAFT FITTER EINSER GESUCHT!

Peter Schöttel will die festgefahrenen Strukturen in der Torhüterfrage neu definieren, sprach sich zwar zuerst für einen Einsertormann Payer aus, relativierte seine Aussagen jedoch später und betonte, dass er einen „fitten Einser“ bräuchte. Payer, übrigens ein großer Fan des gerade abgestiegenen italienischen Traditionsklubs Sampdoria Genua, erfüllt diese Voraussetzungen nur noch bedingt und so ist eine personelle Änderung auf dem Torhütersektor fast unausweichlich. Zur Freude vieler Fans. Nun ist die Torhüterposition jene, für die auf internationaler Ebene die gerinsten Ablösesummen bezahlt werden – und doch rätselt man in Fankreisen, wer derjenige sein soll, der Payer die Stirn bieten soll.

WOLF UND GEBAUER ALS KANDIDATEN

Zwei logische Kandidaten sind bereits bei Rapid im Gespräch: Der 23jährige Raphael Wolf stellte über zwei Jahre in Kapfenberg sein Talent zur Schau, gilt als einer der besten Keeper der Bundesliga. Der größte Vorteil des introvertierten Deutschen: Er ist der jüngste Kandidat auf den Platz im Rapid-Tor und wäre somit auch der vielversprechendste Perspektivtransfer. Der zweite heiße Kandidat ist Ried-Schlussmann Thomas Gebauer, der wiederum mehr Routine mitbringt, durch seine Heirat mit einer Österreicherin als Inländer gilt, allerdings am 30.Juni bereits seinen 29.Geburtstag feiert und zuletzt durch einen Kreuzbandriss außer Gefecht gesetzt wurde. In der heimischen Liga sind Wolf und Gebauer die einzigen logischen – und leistbaren – Kandidaten für den SK Rapid. Doch ein Blick über den Tellerrand erlaubt auch einen Blick auf andere Top-Leute…

NEUER KEEPER AUS DEM AUSLAND?

…wie etwa Jürgen Macho, dessen Verbindung mit Rapids Fanszene einen positiven Faktor in die emotional kippende Rapid-Familie bringen würde. Da Macho allerdings im August seinen 34.Geburtstag feiert, wird er mit großer Wahrscheinlichkeit nicht die neue Torhüterlösung sein, die den Verein auch auf Sicht weiterbringt. Auf dem internationalen Markt tummeln sich jedoch auch weitere Top-Leute, die Rapids Ansprüche erfüllen könnten und erschwinglich wären. Wie etwa der montenegrinische Schlussmann von Sturms Europacup-Gegner Videoton Szekesfehervar, Mladen Bozovic. Oder Weißrusslands U21-Teamkeeper Aleksandr Gutor, der bei BATE Borisow gesetzt ist und bei der U21-Europameisterschaft in Dänemark sehr positiv auf sich aufmerksam machen konnte. Rapid beteuert sieben Kandidaten für eine neue Nummer Eins zu haben und auch wenn der Klub klarstellt, dass man in dieser speziellen Personalentscheidung keine Eile hat, ist bereits in den nächsten ein bis zwei Wochen mit einer Entscheidung zu rechnen.

Daniel Mandl, abseits.at

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen