Die Rolle des Fußballers hat sich verändert. Musste er früher einfach „nur Fußballspielen können“, muss er heutzutage ein Medienprofi sein, Verträge lesen und deuten... Kopfsache | Die Rolle des Kickers im Wandel der Zeit: Fußballer als ICH-AG

Die Rolle des Fußballers hat sich verändert. Musste er früher einfach „nur Fußballspielen können“, muss er heutzutage ein Medienprofi sein, Verträge lesen und deuten können und in der schnelllebigen Welt auf alle Situation so gut wie möglich vorbereitet sein. Nicht zuletzt sind immer mehr mit dieser Rolle überfordert und erleiden ein BurnOut oder haben zumindest merkbare Probleme, mit dieser neuen Situation umzugehen. (Georg Sander)

Eine illustre Runde traf sich am Dienstag, 17. Jänner, beim Fußballforum im Wiener Ernst-Happel-Stadion und diskutierte darüber, wie sich Kicker heutzutage selbst vermarkten, um die Profi-Jahre optimal zu nutzen. Das Thema hieß „Das Berufgsbild Fußballprofi im Wandel“ Moderiert von Andi Marek gaben Ex-Welttorhüter und Bayern-Legende Jean-Marie Pfaff, Fußballergewerkschafter-Präsident Gernot Zirngast, Ried-Manager Stefan Reiter, Austria-Geschäftsführer Thomas Parits und Spielerberater Jürgen Werner ihre Erfahrungen preis.

Allgegenwärtiges Bosman-Urteil

Jürgen Werner, Chef von Stars&  Friends und somit Berater von unter anderem Emanuel Pogatetz (Hannover 96) oder Martin Skrtel (Liverpool FC) , führte die neuen Entwicklungen auf das Bosman-Urteil von 1995 zurück: „Die Veränderungen sind da, alles wird immer schnelllebiger. Vor Bosman war das alles schwerer.“ Damit hat er nicht unrecht. Vor dem Urteil des Europäischen Gerichtshofes konnten Vereine ja nach Vertragsende Ablösesummen verlangen.
Jean-Marie Pfaff führte einen weiteren Punkt an: „Als wir jung waren, war es sehr schwer in die erste Mannschaft zu kommen.“ Jüngere Spieler kosten den Verein weniger und bringen viel Geld. Pfaffs Annahme, die Spieler würden dort hingehen, wo am meisten gezahlt werde, unterstrich Ried-Manager Reiter. „Die Gesellschaft hat sich nun mal weiterentwickelt. Wenn uns das nicht Recht ist, dann sind wir selber schuld. Wir gehören ja zum System.“

Ausland als Muss

Die Spieler würden in diesem System, das Reiter resignierend als „nun mal so“ bezeichnet, entmündige die jungen Spieler. Das macht es notwendig, dass viele Personen mitnaschen: „Ältere Profis waren im Käfig, haben eine Lehre begonnen.“ Durch das von allen Seiten als gut befundene Akademiesystem könnten die Spieler meist nur kicken, es fehle an einem Plan B. Gewerkschafte Zirngast ergänzte, es sei hierbei wichtig,  „den richtigen Personen zu vertrauen. Karriereberatung ist wichtig!“ In Österreich sei nicht so viel zu verdienen, dass mit 35 keine Geldsorgen mehr bestünden. Das Ausland müsse das Ziel sein, denn in Österreich ist der Markt nachweislich zu klein. Von den rund 270 Profis in der Bundesliga sind 67 Legionäre. Durchgerechnet auf angenommen 15 Jahrgänge schaffen es vielleicht 14, 15 Spieler pro Jahrgang, in der Heimat Profi zu werden. Die Akademien bilden pro Jahrgang gut 200 Spieler aus, die Profis werden wollen. Die Schlüsse aus dieser Hochrechnung seien den Lesern selbst gestattet…Stefan Reiter dazu: „Die Mannschaft der Akademie gibt es dort, damit ein, zwei, drei gibt, die durchkommen.“

Vereinstreue so gut wie unmöglich

Das Bild „Profifußballer“ habe sich durch einen weiteren Aspekt verändert. „1992/93 hat sich viel getan durch die CL-Reform. Das war ein Umbruch“, so Austrias Thomas Parits. Bosman und diese Reform ermöglichten erst die explodierenden Transfersummen und Gehälter. Mitgespielt haben auch die Fernsehverträge. Umgerechnet sollen im Jahr 92/93 laut transfermarkt.at in der Premier League rund 50  Millionen Euro für Transfers ausgegeben worden sein. 2010/11 sollen es mehr als 700 Millionen gewesen sein. Die Spieler wechseln eben, wo es Geld zu verdienen gibt. Der richtige Berater sei laut Jürgen Werner wichtiger denn je: „Wenn man die Geschichte von Stars&Friends verfolgt, sieht man, dass wir keine Jungen ins Ausland bringen, sondern Spieler, die reif sind.“ Zu den Klienten zählen beispielsweise auch Sebastian Prödl oder Christoph Leitgeb. Unterschiedliche Charaktere, unterschiedliche Wege. Der Mann, der wechseln will, muss dazu selber reif sein. Darüber stehen Transfers wie jener von Erwin Hoffer von Rapid Wien zu SSC Napoli. „Das war der richtige Wechsel. Es gibt nicht so viele Chancen. Dass es sportlich schwer wird, war klar“, so Zirngast. Es haben alle davon profitiert, zumindest finanziell. Die Crux sei gewesen, dass mit Donadoni nach ein paar Monaten jener Mann weg war, der Hoffer wollte. Zum finanziellen meinte der Gewerkschafter süffisant, dass „Es Jimmy nichts Schlimmeres passieren, soll als von Napoli verliehen zu werden.“

Ich-AGs machen, was sie wollen

Am Beispiel Nikica Jelavic wurde zum Abschluss noch der Gedanke durchgespielt, wie sehr Spieler und Berater Vereine unter Druck setzen könnten. Wieder war Bosman „schuld“. „Seit Bosman hat der Verein kaum Handhabe mehr. Die Frage ist nur noch: Was macht man am besten draus?“ Die Vereine hätten aber eine Handhabe: Die Entwicklung vom Einzelnen zum Kollektiv hin. Reiter weiter: „Es geht aber nicht mehr nur Spieler, sondern um die Marke.“ Zwar müssen die Vereine planen – ein Seitenhieb auf den Transfer von Florian Mader im Sommer in Richtung Parits musste sein -, aber die Wechsel seien das, was in Kauf genommen werden müsste. Ebenjener „Beschuldigter“ führte zum Abschluss das wichtigste an: „Mentale Stärke ist wichtig und Spielen ist wichtig.“ Nacer Barazite habe laut dem Veilchen-Manager auf viel Geld verzichtet, als er nach Wien kam, aber die Beispiele Aleksandar Dragovic oder Julian Baumgartlinger sollen für ihn ein tolles Beispiel gewesen sein. Langfristig muss es aber auch in Österreich so sein, dass neben der Europa League auch endlich wieder die Champions League eine Bühne sei.

Das Bild der Spieler hat sich verändert – Fernsehen, Bosman und Champions League brachten den Vereinen Geld, die Ausbildung wurde verbessert. In der zumal surrealen Welt des Profifußballs fällt die Orientierung schwer. Die richtige Beratung durch Eltern, Berater und Vereine ist vonnöten. Dessen sind sich sowohl Vereinsvertreter, Spielermanager und auch Gewerkschafter sicher.

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