Im Sommer 2011 verließen 16 Spieler den VfL Wolfsburg. Dafür holte Felix Magath 25 neue Spieler. 37 Spieler stehen derzeit im Kader der ersten...

Im Sommer 2011 verließen 16 Spieler den VfL Wolfsburg. Dafür holte Felix Magath 25 neue Spieler. 37 Spieler stehen derzeit im Kader der ersten Mannschaft. Zum Vergleich: Im Kader des FC Bayern München, gegenwärtig Tabellenführer in der deutschen Bundesliga, stehen 24 Spieler. Im Sommer wurden fünf Spieler abgegeben, sieben geholt. In den letzten viereinhalb Jahren hat Felix Magath 80 Kicker zum FC Schalke 04 und zum VfL Wolfsburg geholt…

Dass das Geld in der VW-Stadt recht locker in den Hosentaschen steckt, ist bekannt. Mit der Meisterschaft 2009 holte sich nicht nur der 58-Jährige die Bestätigung, nach dem Rauswurf bei den Bayern ebendiesen den Abo-Titel abspenstig gemacht zu haben. Auch die Bosse beim Verein für Leibesübungen freute das natürlich. Doch das Konzept „Magath“ ist anders als jenes bei anderen deutschen Vereinen. Während sich alle anderen Vereine einen Trainer und einen Sportdirektor (wie auch immer die Bezeichnung dann genau lautet) leisten, vereint Felix Magath beide Aufgaben. Er entspricht dadurch dem in Kontinentaleuropa wenig bekannten Modell des englischen „Managers“. Unter diesem Titel arbeiten Sir Alex Ferguson, Arsene Wenger und Co.

Das britische Modell

In der Premier League steckt viel Geld. Sehr viel Geld. Darum werden die Agenden des Trainers auf unzählige Teilbereiche aufgeteilt. Ähnlich dem American Football, wo es „defensive“ bzw. „offensive coordinators“ gibt, teilen sich im gut bezahlten englischen Fußball viele verschiedene Angestellte das Training auf. Fitness, Koordination, Offensive und so weiter werden schon lang nicht mehr von nur einem Coach gelehrt. Der „Manager“, wie Ferguson und Kollegen genannt werden, gibt die Richtung vor und – hier ist der grundlegende Unterschied zu deutschen und österreichischen Trainern – verhandelt die Spielerverträge mit. Klarerweise wird er dabei von einer langen Liste an Mitarbeitern unterstützt: Scouts und Anwälte. Beiden Teilen des Profifußballs – wirtschaftliche und sportliche Belange – steht der Manager somit vor.

In Deutschland „Sportdirektoren“

Mit der einsetzenden Kommerzialisierung reichte es irgendwann nicht einfach nur mehr, den Profis einmal in der Woche einen Scheck zu überreichen. Der Münchner Robert Schwan, 1921 geboren, gilt als erster Fußballmanager in Deutschland im wirtschaftlichen Sinne. Er leitete ab Mitte der 60er-Jahre die finanziellen Agenden beim FC Bayern München. Seit den Sechzigern teilten sich also in Deutschland die Aufgabenbereiche die Mannschaft betreffend auf. Auf der einen Seite arbeiteten die Trainer mit den Spielern am Feld, für das finanzielle, also Spielerverträge, Prämien, etc. tat dies der Sportdirektor. Die Bezeichnung für diesen kann auch anders lauten, Geschäftsführer Sport, Manager oder ähnliches.

Magath mit einmaligem Modell

Nachdem ihm in den 90ern die Masche „Feuerwehrmann“ gegeben wurde, feierte er beim VfB Stuttgart große Erfolge und schmiss Spieler wie Kuranyi, Heldt, Hleb, Soldo, Lahm, Hildebrand und Hinkel ins kalte Bundesligawasser. Schon zu Stuttgarter Zeiten arbeitete er unter dem Titel „Teammanager“ und bekleidete wirtschaftliche und sportliche Ämter zu gleich. Zur Saison 2004/05 holte Uli Hoeneß Magath nach München. Die Geschichte ist bekannt, der in Bayern nur als Trainer Arbeitende holte zwei Mal in Folge das Double und wurde ein halbes Jahr nach dem Meistertitel 2006 rausgeworfen. Später sagte jener Hoeneß einmal, dass Magath ein „Trainer für zwei Saisonen sei“.

Und Uli hatte Recht

In einem Interview mit der Bild-Zeitung sagte Magath, er puzzle gerne und da greife man eben auch mal nach dem falschen Puzzleteil. Das erklärt den Transferwahnsinn, den er seit seiner ersten Amtszeit in Wolfsburg betreibt. Auf Schalke reichte es den Verantwortlichen dann schnell. Nun vergeht aber fast kein Tag ohne Vollzugsmeldungen aus der VW-Stadt – wie erwähnt, ist Geld dort weniger wert als anderswo. Magath interessiert es als Generalmanager offensichtlich nicht, langfristig zu planen. Das wirkt wie von gestern. Ein paar Spieler holen, leistungsbezogene Verträge her und mal sehen, was passiert. Nach dieser Devise stellt er seine Teams zusammen. Während die anderen Vereine in Deutschland auf die eigene Jugend setzen, kommen Magath nur mehr selten Spieler wie Julian Draxler aus. Der Erfolgstrainer ordnet dem Tabellenplatz alles unter.

Überholtes Modell

Nach dem Titel mit Wolfsburg und den kurzfristigen Erfolgen mit Schalke scheint es derzeit so, als ob Magath sein Karma verloren hat. Das für ihn so uninteressante Mittelmaß ist derzeit Realität und die restlichen Vereine arbeiten an langfristigen Plänen, die die neuesten sportwissenschaftlichen Erkenntnisse in ihre Jugend zu stecken. Götze, Reus und Co. sind das Ergebnis akribischer Arbeit, nicht von Hamsterkäufen. Doch das alles interessiert Magath nicht. Wie Jara zu Salzburg-Zeiten, wie während der Ära Stronach bei der Austria, versucht er, nach dem Prinzip „Try-and-Error“ Spieler zu holen und auszuprobieren. Der eigene Nachwuchs zählt dabei recht wenig, was eben zufällig zu gut für die zweite Mannschaft ist, kommt zur ersten.

Casting-Show

Im Sommer waren es noch verdiente Spieler wie Chris (32), Thomas Hitzlsperger (29) oder Sotirios Kyrgiakos (31), die kamen, nun sind es junge Spieler wie Ibrahim Sissoko (19) von Academica Coimbra oder Slobodan Medojevic (20) von FK Vojvodina Novi Sad. Normalerweise, so muss man sagen, ist es umgekehrt. Da werden im Sommer Perspektivspieler geholt und im Winter alte Hasen. Und: Wie kann der Chef über den gesamten Wolfsburger Fußball diese Spieler alle bewerten? Taktische Fähigkeiten, technische Fertigkeiten, psychische Belastbarkeit oder Teamfähigkeit werden wohl auf Zuruf eines Scouts bewertet. Mit 29 Kickern fliegt er dieser Tage ins Trainingslager, wer dabei ist, weiß der Zeugwart wohl auch erst am Flughafen. Felix Magath veranstaltet ein riesiges Fußballer-Casting, holt junge Spieler, alte Kicker und ewige Talente und versucht, in einem Casting seine Mannschaft zu finden.

2012 schon das, was 2013 Meister werden soll?

Es ist davon auszugehen, dass der Aschaffenburger einen für viele Fans nicht nachvollziehbaren Plan hat. Im März 2011 zurückgekommen schaute er sich an, wen er behalten kann. Danach wurde eine Reihe an Führungsspielern verpflichtet. Die Erkenntnisse darüber werden im Sommer 2012 in einer Elf enden, die 2012/13 einen Angriff auf Bayern, Dortmund oder Schalke führen soll. Die VW-Bosse unterstützen das. Der Plan heißt offensichtlich, 2013 die zweite Meisterschaft nach Niedersachsen zu holen – Koste es, was es wolle. Einem Irrtum sitzen hierbei die Verantwortlichen, die noch nicht Magath heißen, allerdings auf: Danach bleibt nichts über. Es gibt keinen langfristigen Plan beim 58-Jährigen. Mit dem finanziellen Aufwand von 20 Millionen Euro seit Öffnung des Transferfensters im Winter hätten in Österreich schon drei fast Akademien errichtet werden können. Diese würden in ein paar Jahren Geld ausspucken, anstatt zu fressen. Doch sowohl Magath als auch VW-Chef Martin Winterkorn scheinen für das eigene Revers zu arbeiten.

Spieler als Ware

Grundsätzlich muss gesagt werden, dass das Geschäft nun mal so ist, weil die Rahmenbedingungen es ermöglichen. Spieler kommen, Spieler gehen, zwischendrin die Trainer. Die paar Vereine, die heute schon an morgen und übermorgen denken, sind gegenwärtig die Deppen. Doch bei Magaths Castingshow kommt ein weiterer Faktor dazu: Die unzähligen Profis, die mit der Mannschaft trainieren, aber nie spielen, verlieren wertvolle Jahre in ihrem Fußballerleben. Es wird gehandelt wie mit Aktien, hin und wieder schaut ein Jackpot wie bei Edin Dzeko heraus. Oft geht es für die Kicker aber bergab. Gut, bei derartigen Bezügen wie Diego sie hatte, auf der Tribüne zu sitzen fällt leichter als anderswo, aber es ist die Frage, welchem Beispiel die vielen, vielen kleineren Vereine folgen. Oft lesen die Verantwortlichen die Parabel von der Ameise, die im Sommer für den Winter schuftet und von der Heuschrecke ausgelacht wird, nur bis hierhin. Die Geschichte endet aber damit, dass die Ameise im Winter genug zu fressen hat und die Heuschrecke nicht…
Die Verantwortlichen des VfL Wolfsburg werden sich irgendwann die Frage stellen müssen, ob die Wiederverpflichtung von Felix Magath wirklich intelligent war. Die Spieler, die möglicherweise, vielleicht, irgendwann Erfolge feiern, harmonieren mit dem Trainer und Manager. Auch wenn Magaths Modell englisch anmutet, so ist es das nicht. Ferguson und Wenger sind ja nicht wegen kurzfristig erkaufter Titel in ihrer Allmacht erfolgreich, sondern weil sie langfristig denken, planen und – am wichtigsten – oft gewinnen.

Georg Sander, abseits.at

Georg Sander

  • richie_w.

    13.Januar.2012 #1 Author

    Magath is sicher eine eigenwillige Person, aber den sportlichen Abstieg seit dem Meistertitel kann man ihm nicht vorwerfen. Da hats ein Dieter Hoeneß (mit Hilfe von Veh und McClaren) fast ganz allein geschafft mit fragwürdigen Transfers das Team an den Rand des Abstiegs zu führen. Beispiel: Andrea Barzagli wurde für 300k zu Juventus nach Turin verscherbelt. Von den sinnlosen und teuren Transfers gar nicht zu sprechen. (Diego, Karim Ziani,…)
    Magath macht jetzt das, was er mit dem VFL vor der Meistersaison auch gemacht hat. Damals hat er viele damals eher unbekannte (junge) Spieler wie Marcel Schäfer, Misimovic, Dzeko, Benaglio, Riether,… geholt und ausprobiert. Interessant wäre es gewesen wie sich die Mannschaft selbst und auch Magath, wäre ein in WoB geblieben, nach dem Meistertitel verhalten hätte.

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