Eigentlich hätte man mit Teamchef-Šťastný-Anekdoten gute zehn Stück dieser Serie füllen können. Einzig in Teil 16 und 59 trieb der schrullige Slowake allerdings sein... Anekdote zum Sonntag (146) – Storys von Šťastný (I)

Eigentlich hätte man mit Teamchef-Šťastný-Anekdoten gute zehn Stück dieser Serie füllen können. Einzig in Teil 16 und 59 trieb der schrullige Slowake allerdings sein Unwesen. Jetzt – wo die Anekdote zum Sonntag langsam ausläuft – soll noch einmal ein Pointenfeuerwerk à la Poldi gezündet werden. Aber, Achtung: Es darf nicht vergessen werden, dass der Ex-Verteidiger und Erfinder der Schülerliga auch über hohe Kompetenz verfügte, die er mit seinem Pippi-Langstrumpf-Schmäh verband. Šťastný war sieben Jahre Teamchef und scheiterte nur mit viel Pech an der WM-Quali 1974. Die Generation Prohaska, Krankl, Obermayer, Pezzey und Co. zollt ihm bis heute Respekt.

Lassen Sie sich mitnehmen ins Hotel Fürstenhof der 70er. Diese Gedankenreise ist gar nicht schwer: Die Fassade des Westbahnhofes hat sich kaum verändert. Wie damals rasen die Autos scheinbar pausenlos den Mariahilfergürtel hinunter. Menschentrauben verlassen den Bahnhof, die gleichnamige U-Bahn-Station oder warten auf eine der zahlreichen Straßenbahnen. Leopold Šťastný bewohnte im Fürstenhof jahrelang Zimmer 26, nutzte diesen Ort allerdings nur zum Schlafen. Wenn er nicht mit Portier Horak in der Lobby scherzte, war er mitunter im (heute geschlossene) „Espresso Goal“ oder im ÖFB-Haus auf der Mariahilferstraße anzutreffen. In „seinem“ Grätzl besuchte der gebürtige Pressburger auch regelmäßig dieselben Wirtshäuser und erreichte, dass er immer irgendwie sein Lieblingsessen Mohnnudeln bekam, selbst wenn es nicht auf der Karte stand. Eine von Šťastnýs Storys dreht sich ums Essen: Bei seinen Rundgängen verschlug es den vierfachen tschechoslowakischen Meister auch zum Naschmarkt. Als er bei einer Standlerin nach Sardinen verlangte und diese ihn fragte, ob er norwegische oder portugiesische bevorzuge, meinte Šťastný schlagfertig: „Was interessiert mich das? Ich will sie essen und nicht mit ihnen reden!“

Schlagfertigkeit war eine Grundtugend in seinem Universum. In ÖFB-Pressechef Ludwig Stecewicz hatte der Slowake einen Bruder im Geiste gefunden. Gemeinsam schrieben sie einen Leserbrief an eine renommierte österreichische Tageszeitung und lobten den Sportjournalisten des Blattes für seine Reportagen über den grünen Klee. Dabei kritisierte der Journalist Šťastný ständig. In ihrem Brief hoben die ÖFB-Herren aber hervor wie glücklich sie seien, dass sich endlich einer traue dem Šťastný zu zeigen, wo der Bartl den Most herholt. Unterzeichnet wurde das Machwerk mit Ledölb (Anagramm von Blödel), wohnhaft in 1140 Wien, Baumgartner Höhe 1. Für alle Nicht-Wiener: Das ist die Adresse der Psychiatrischen Klinik am Steinhof. Als der vermeintliche Leserbrief tatsächlich in der nächsten Ausgabe veröffentlich wurde, lachten Stecewicz und Šťastný Tränen.

Ein weiterer Wiener Anlaufpunkt des Kult-Teamchefs war ein Scherzartikelgeschäft in der Schottenfeldgasse. Šťastný hatte den Humor eines Fünfjährigen und stöberte gern nach Gegenständen, mit denen er seine Umwelt pflanzen konnte. Einmal erstand er eine täuschend echt aussehende Plastiksemmel. Beim Frühstücksbuffet des nächsten Teamlehrganges versteckte Šťastný das Hartplastikteil in dem Korb mit frischem Gebäck und beobachtete mit kindlicher Freude, wie ein Opfer sofort den Küchenchef sprechen wollte. Eine ähnliche Nummer zog er mit einer Scherzartikel-Zündholzschachtel durch, die zu seinem Markenzeichen wurde: Die älteren Spieler beobachteten amüsierte, wie der Teamchef als Aufnahmeritual Neulinge zur Seite nahm und sie bat ihm beim „Öffnen“ der Schachtel zu helfen. Irritierte Blicke folgten jedoch traute sich kein Jungspund den Chef zu fragen, ob er ihn verarschen wolle. Sobald die Schachtel aufgeschoben war, bekam der Kicker einen Stromschlag. Šťastný hatte seine Freude.

Marie Samstag, abseits.at

Marie Samstag