Zwanzig Jahre ist es nun schon her, dass Nana’s Sommerhit „Lonely“ im Radio auf und ab gespielt wurde. Passend irgendwie zu Gelsenkirchen und Umgebung.... 20 Jahre danach: Was wurde aus Schalkes Eurofightern?
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_FC Schalke 04 - Wappen mit FarbenZwanzig Jahre ist es nun schon her, dass Nana’s Sommerhit „Lonely“ im Radio auf und ab gespielt wurde. Passend irgendwie zu Gelsenkirchen und Umgebung. Zu dieser Zeit, im Mai 1997 lag nämlich der Ruhrpott darnieder, die Kumpels in den Mienen streikten und rebellierten. Der Kohleabbau, der wichtigste Wirtschaftszweig einer ganzen Malocher-Region sollte eingestellt werden! Schicht im Schacht, tausenden Bergleuten würde so die Existenz unter den Füßen wegezogen. Und genau in diese Tristesse rein, gelang Schalke der große Coup: Der Traditionsklub aus dem Ruhrpott holte den Pot – genauer gesagt den UEFA-Cup. Wir schauen einmal nach, was eigentlich aus den damaligen Helden, den 97er Eurofightern wurde.

Ein Wort und schon hebt man die Stimmungslage in Gelsenkirchen: „Eurofighter“. Während dieser Begriff hierzulande maximal ein paar Stirnfalten inklusive dubios verschwundener Millionenbeträge auslöst, ist dies im Ruhrpott der Begriff für Helden. Jene Schalker „Kumpels“, die damals im Endspiel den grpßen Favoriten Inter bezwangen, werden heute verehrt. Sie genießen Kultstatus und sind zu einem großen Teil auch nach dem Ende ihrer aktiven Laufbahn tief mit dem Fußball verwurzelt. Heuer feiern sie das 20-jährige Jubiläum, am Sonntag vor exakt zwei Jahrzehnten stemmten sie den Pokal in den Mailänder Nachthimmel. Wir schauen jetzt auf alle dreizehn in den beiden Finalspielen (damals wurde der UEFA-Cup in Hin- und Rückspiel ausgespielt) eingesetzten Spielern und ihren weiteren Lebensweg!

Jens Lehmann (#1, Torhüter, GER, jetzt 47 Jahre alt)

Nach zehn Jahren auf Schalke zog es ihn 1998 zum AC Mailand. Danach der schmerzhafte Wechsel zum Lokalrivalen Borussia Dortmund, ehe es über Arsenal nach Stuttgart ging. Lehmann verdrängte vor der Heim-WM Oliver Kahn zwischen den Pfosten der Nationalmannschaft. Im März 2011 kehrte er durch eine Verletzungsmisere bei Arsenal noch einmal zu den Gunners zurück. Highlights waren das Derby-Kopfballtor gegen Dortmund und sein vermeintliche Wasserlassen während des Champion-League-Spiels hinter eine Werbebande. Nach der Karriere erklärte er als Experte bei Sky und RTL dem TV-Zuschauer den Fußball. Der ehemalige Torhüter ist auch sozial sehr engagiert und unter anderem Mitglied im Kuratorium der Deutschen Kinderkrebsnachsorge.

Olaf Thon (Libero, GER, 51 Jahre)

Als gebürtige Gelsenkirchener hatte er die Rolle des „Lokal-Heros“ beim königsblauen Anhang quasi gepachtet. Auch sein zwischenzeitliches Engagement beim FC Bayern (1988-1994) wurde ihm verziehen. Thon hängte nach mehreren Verletzungen 2002 seine Schuhe an den Nagel und war von 2005 bis 2008 er Mitglied des Schalker Aufsichtsrats. Später arbeitete er in der Marketingabteilung des Vereins, ehe es nur ein Jahr später unter großem öffentlichem Tamtam die Trennung gab. 2010 trainierte er für eine Saison den NRW-Ligisten VfB Hüls. Jetzt analysiert er auf Sport 1 den Spieltag.

Yves Eigenrauch (Manndecker, GER, 46 Jahre)

Eigenrauch war ein weiterer, klassischer Publikumsliebling auf Schalke. Jeder Ballkontakt wurde von einem langgezogenen „Yyyyyyves“ begleitet. Der „etwas andere Profi“ arbeitete nach seinem Laufbahnende 2002 für die Schalker Stadiongesellschaft, schrieb Kolumnen für die taz und die ARD, später arbeitete er in der Presseabteilung des Kinder- und Jugendtheaters Gelsenkirchen. Beim Schalke-Film „Fußball ist unser Leben“ spielte er sich selbst. Die Hamburger Musikgruppe Tomte besang den Liebling der königsblauen Anhangs mit dem Song „Yves, wie hältst du das aus?“

Thomas Linke (Manndecker, GER, 47 Jahre)

Mit Bayern sammelte der 43-fache Teamspieler in der Folge eifrig nationale und internationale Titel. Die österreichische Meisterschaft stemmte er genau zehn Jahre nach dem UEFA-Cup-Sieg mit Red Bull Salzburg. Dort beendete er später auch seine aktive Spielerlaufbahn. Als sportlicher Leiter lernte er beim Ligaprimus sein Handwerk, ehe er 2011 zum FC Ingolstadt wechselte. Wo er den Zweitliga-Abstiegskandidaten in der Folge in die Bundesliga führte und dabei Ralph Hasenhüttl als Trainer installierte. Heuer geht es aber für die Schanzer retour in Liga zwei.

Johan de Kock (Manndecker, NLD, 52 Jahre)

2001 beendete der Holländer nach fünf Jahren auf Schalke seine Karriere. Danach versuchte er sich in seiner Heimat als Trainer. Bei unterklassigen Stationen Rheden, Groesbeek, De Treffers und Spakenburg blieb er mäßig erfolgreich und residiert seit September 2013 nicht mehr auf der Trainerbank. Dem Fußballgeschäft blieb de Kock aber treu, als Aufsichtsrat beim niederländischen Fußballverband.

Andreas Müller (defensives Mittelfeld, GER, 54 Jahre)

Neun Jahre schnürte der Vorstopper seine Stiefel für die Knappen, ehe er 2000 in die Führungsetage des Vereins wechselte. Zunächst war er die rechte Hand von Manager Rudi Assauer, im Sommer 2006 sollte er dessen Erbe antreten. Müller hatte wenig Glück mit seinen Transfers, Millionen-Flops sind bis heute mit seinem Namen verknüpft. Müller musste wenig überraschend 2009 seinen Hut nehmen. Seit 2012 ist er Teilhaber der Spielerberaterfirma GoalSky AG und zog in der Folge in dessen Vorstand ein. Danach folgte ein Kurzauftritt als Manager bei Hoffenheim. Im Jänner 2014 beerbte er Helmut Schulte als Sportdirektor bei Rapid. Im November des Vorjahres wurde sein Vertrag aufgelöst.

Jiri Nemec (zentrales Mittelfeld, CZE, 51 Jahre)

Der Mittelfeldabräumer mit der auffälligen Haarpracht gab zu seiner aktiven Zeit kaum Interviews, sondern ließ lieber die Leistung auf dem Platz sprechen. So gesehen passte sein Spitzname „Nemey“ (deutsch: „der Stumme“) wie die sprichwörtliche Faust. Nemec, der 84 Länderspiele für Tschechien absolvierte, genießt auf Schalke immer noch Kultstatus. Heute arbeitet er als Co-Trainer beim Zweitligisten SK Kladno. Sein Sohn Patrick wurde in Gelsenkirchen geboren und spielte im königsblauen Nachwuchs, schaffte aber nicht den Durchbruch ins Profigeschäft.

Mike Büskens (linkes Mittelfeld, GER, 49 Jahre)

Das Kampfschwein im Mittelfeld war die Identifikationsfigur im Fansektor. Der liebte nämlich bevorzugt „Malocher“ wie man selber einer war, der spielerische Glamour war irgendwo in München oder Hamburg, auf jeden Fall außerhalb des Ruhrpotts beheimatet. Die letzten Jahre seiner Karriere verbrachte er nach zwei Saisons in Duisburg noch bei den Schalker Amateuren. Eine kritische Darminfektion überstand er zum Glück und wurde in der Folge im Sommer 2005 Trainer bei Schalkes zweiter Mannschaft. Gemeinsam mit Oliver Reck und Youri Mulder sprang er 2009 nach der Beurlaubung Fred Ruttens in die Bresche. Danach verbrachte er vier positive Jahre beim Zweitligisten Greuther Fürth, ehe es ein Kurzgastspiel bei Düsseldorf und dann wieder bei Fürth gab. Unter seinem Kumpel Andi Müller wurde er als Trainer bei Rapid installiert, ehe er im Herbst dort vorzeitig beurlaubt wurde.

Radoslav Latal (rechtes Mittelfeld, CZE, 47 Jahre)

Für rund 125.000 Euro verpflichtete Rudi Assauer das tschechischen Duracell-Männchen  und Latal zahlte die Ablöse mit starken Auftritten x-fach zurück. Nach sieben Jahren in Deutschland kehrte er zu seinem Heimatklub Sigma Olmütz zurück. 2007 sammelte er als Trainer des Drittligisten Fotbal Frydek-Mistek erste Erfahrungen auf der Bank. Danach wechselte er zu Opava, Sokolov und Ostrau, dann ins slowakischen Kosice, ehe es ihn nach Polen zu Piast Gliwice verschlug, wo er Anfang März entlassen wurde und seitdem auf ein Engagement wartet.

Marc Wilmots (offensives Mittelfeld, BEL, 48 Jahre)

Der belgische Nationalspieler mit dem Spitzennamen „Kampfschwein“ beendete 2001 nach einem Kurzgastspiel in Bordeaux auf Schalke seine Karriere. Für acht Spiele sprang er 2003 als Interimstrainer bei den Knappen ein. Über Truiden wurde er in den Trainerstab der belgischen Nationalmannschaft von Georges Leekens geholt. Dort beerbte er 2012 Dick Advocaat und formte aus den Belgieren eine Topmannschaft, die es bis an die Spitze der Weltrangliste schaffte. Nach der ob der hohen Erwartungen dann doch enttäuschenden Euro, trat er im Sommer zurück und ist seit März Teamchef der Elfenbeinküste.

Ingo Anderbrügge (Mittelfeld, GER, 53 Jahre)

Geboren in Datteln, beackerte der Mann mit der gefürchteten „linken Klebe“ die Außenbahn der Königsblauen bis 2001. Als Sohn eines Bergarbeiters war er prädestiniert für eine Kultstatus-Rolle. Wenig überraschend wurde er in die Schalker Jahrhundertelf nominiert. 2003 spielte er als „Kicker“ für das NFL-Europe-Team Rhein Fire. Nach seiner aktiven Laufbahn versuchte sich als (Fußball)Trainer bei Werne, Erkenschwick, Hüls und Burghausen – jeweils mit wenig Erfolg. In Marl betreibt er nun eine Fußballschule.

Oliver Held (Sturm, GER, 44 Jahre)

Als Jungspund in die Partie geworfen, wechselte Held 2001 zum FC St. Pauli und von dort zum TSV Kropp, wo er 2011 die Karriere ausklingen ließ. Dort war er der Star des Viertligisten und für knapp drei Jahre auch Spieler-Co-Trainer. Unrühmlich berühmt wurde er zuvor mit einer Handabwehr auf der Torlinie gegen den 1. FC Köln. Auf Schiedsrichter-Nachfrage gab er an, den Ball mit dem Kopf gespielt zu haben, Toni Polster wünschte ihm daraufhin „sein ganzes Leben kein Glück mehr zu haben“.

Martin Max (Sturm, GER, 48 Jahre)

Selten war ein Spieler wohl so unterschätzt wie der Bundesliga-Torschützenkönig der Saison 2001/02. Max absolvierte lediglich ein Länderspiel für Deutschland. Dabei knipste er verlässlich bei all seinen Profistationen: Bei Borussia Mönchengladbach, auf Schalke, bei 1860 München und auch zum Schluss bei Hansa Rostock. Von 2007 bis 2009 trainierte Max den Kreisligisten TSV Grafing. Heute betreibt er ein Jugendfußball-Camp und ist stellvertretender Abteilungsleiter der Schalke-Traditionself.

Huub Stevens (Trainer, NDL, 63 Jahre)

Schalke war die erste Trainerstation des Niederländers in Deutschland. Sein Satz „Die Null muss stehen“ erlangte Kultstatus. Sechs Jahre lang arbeitete er bei den „Knappen“, es folgten die Stationen Hertha BSC Berlin, 1. FC Köln, Roda Kerkrade, Hamburger SV und PSV Eindhoven. Danach wurde er mit Red Bull Salzburg Meister und rockte die Europa-League. Danach kehrte er zu Schalke als Trainer bzw. Beirat zurück, ehe es nach Saloniki, zweimal Stuttgart und dann nach Hoffenheim ging. Grundsätzlich ist seine Karriere nach eigenen Angaben vorbei, doch sein Name ist trotzdem immer wieder im Gespräch, wenn in der Bundesliga wieder ein Coach gefeuert wurde.

Tipp: Mehr Hintergrund-Infos zu diesem ganz speziellen Sommer im Ruhrpott erhaltet ihr übrigens in der aktuellen Ausgabe des Fußballmagazins „11 Freunde“. Am Samstag werden wir übrigens an dieser Stelle die 97-er Champions League Helden vom gelbschwarzen Lokalrivalen ausforschen.

Die Fakten zum UEFA-Cup-Finale

Hinspiel am 7.5.1997 im Parkstadion auf Schalke:

Schalke 04 – Inter Mailand 1:0 (0:0)
Schalke 04: Jens Lehmann – Olaf Thon (K) – Thomas Linke, Johan de Kock – Jiří Němec, Andreas Müller, Yves Eigenrauch, Mike Büskens (67. Martin Max), Ingo Anderbrügge – Radoslav Látal, Marc Wilmots

Inter Mailand: Gianluca Pagliuca – Giuseppe Bergomi (K), Fabio Galante, Massimo Paganin, Alessandro Pistone – Ciriaco Sforza, Javier Zanetti, Aron Winter, Salvatore Fresi (62. Nicola Berti) – Maurizio Ganz, Iván Zamorano – Trainer Roy Hodgson (England)

Schiedsrichter Marc Batta (Frankreich)

Tor: 1:0 Marc Wilmots (70.)

 

Rückspiel am 21.5.1997 im Giuseppe Meazza-Stadion:

Inter Mailand – Schalke 04  2:4 n.E. (0:0, 0:1)

Inter Mailand: Gianluca Pagliuca – Giuseppe Bergomi (K – 70. Jocelyn Angloma), Massimo Paganin, Alessandro Pistone, Salvatore Fresi – Javier Zanetti (120. Nicola Berti), Ciriaco Sforza (82. Aron Winter), Paul Ince – Youri Djorkaeff – Iván Zamorano, Maurizio Ganz

Schalke 04: Jens Lehmann – Olaf Thon (K) – Johan de Kock, Thomas Linke – Radoslav Látal (111. Oliver Held), Jiří Němec, Yves Eigenrauch, Andreas Müller (98. Ingo Anderbrügge), Mike Büskens – Marc Wilmots, Martin Max

Schiedsrichter Jose Maria Garcia Aranda (Spanien)

Tor: 1:0 Ivan Zamaorano (85.)

Elfmeterschießen: 1:1 Martin Max, Aron Winter (verschießt), 1:2 Olaf Thon, 2:2 Youri Djorkaeff, 2:3 Ingo Anderbrügge, Ivan Zamorano (verschießt), 2:4 Marc Wilmots

Werner Sonnleitner, abseits.at

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Werner Sonnleitner