Neben der heimischen tipico-Bundesliga und der deutschen Eliteliga ist wohl keine Spielklasse für Marcel Koller derart interessant wie die 2. deutsche Bundesliga. Schließlich tummeln... Auf St. Pauli brennt noch Licht – 3:1-Heimerfolg über Aalen dank bester Saisonleistung

stpauliNeben der heimischen tipico-Bundesliga und der deutschen Eliteliga ist wohl keine Spielklasse für Marcel Koller derart interessant wie die 2. deutsche Bundesliga. Schließlich tummeln sich dort in zahlreichen Klubs (potentielle) Nationalteamakteure, denen es genau auf die Beine zu schauen gilt. Auch in der 41. Saison reißt der Boom rund um die Liga nicht ab, die extrem ausgeprägte Ausgeglichenheit verleiht der 2. deutschen Bundesliga ihren Reiz.

Lienen setzt auf 4-4-2-Formation, Chessa und Ludwig in Aalens Startformation

Bei seiner Premiere vor heimischem Publikum griff Ewald Lienen auf ein 4-4-2-System zurück. Jan Verhoek und der fallweise etwas dahinter agierende Lennart Thy bildeten das Sturmduo, Routinier Görlitz beackerte die rechte Seite im Mittelfeld. Daube und Nehring bildeten das Sechsergespann, rechts in der Viererkette kam Startsev anstelle des gelbgesperrten Schachten zum Zug. Bei den Gästen verstärkte Chessa das Zentrum vor der Abwehr, Alexander Ludwig verdrängte Dominick Drexler aus der Startelf und begann im linken Mittelfeld.

Aalen kommt kaum zum Atmen, Pauli legt los wie die Feuerwehr

Der VfR Aalen bediente sich einmal mehr seiner gewohnten Spielanlage, die es bekanntlich vorsieht, hinten gut zu stehen, die Struktur im Aufbau einfach zu halten und über sich bietende Kontersituationen zu Tormöglichkeiten zu kommen. Die Hausherren hingegen präsentierten sich wie verwandelt, setzten von Beginn an alles daran das Heft in die Hand zu nehmen und die Ruthenbeck-Elf mürbe zu spielen. Die erste Hälfte stand klar im Zeichen der Kiezkicker, das Torschussverhältnis von 12:4 spricht eine mehr als deutliche Sprache. Die Qualität der Abschlüsse konnte sich sehen lassen, Thy und Daube scheiterten schon vor Verhoeks hochverdienter Führung an Aluminium.

Heatmap Lennart Thy

Heatmap Lennart Thy

Generell zeichnete die Hamburger speziell vor dem Seitenwechsel unbedingter Wille, Entschlossenheit und Zielstrebigkeit aus – der letzte Punch, der in den letzten Wochen oftmals gefehlt hatte, ließ den Funken zu den Fans wieder überspringen. Vor allem Youngster Thy und Daube boten sehr gute Leistungen. Ersterer war beinahe überall am Feld zu finden, was auch ein Blick auf seine Heatmap bestätigt. Er legte insgesamt 12,6 km zurück – eine Laufleistung die sich mehr als sehen lassen kann. Thy fühlte sich sichtlich wohl, bereitete zudem einen Abschluss vor und kann dank 53% gewonnener Zweikampfduelle eine knapp positive Bilanz vorweisen. 68,6% seiner Zuspiele waren von Erfolg gekrönt, ein durchaus passabler Wert, der jedoch auch noch Verbesserungspotential erkennen lässt.

Passstruktur Lennart Thy

Passstruktur Lennart Thy

Die Grafik offenbart in diesem Punkt ein interessantes Detail: Während ihm im Zentrum in Relation zur Anzahl an Pässen kaum Fehler unterlaufen, mehren sich diese, je weiter es in Richtung Flügel geht. Alles in allem vermochte der 22-Jährige mit seiner Leistung kräftig Werbung in eigener Sache zu betreiben.

Passstruktur Dennis Daube

Passstruktur Dennis Daube

Dennis Daube füllte seine Rolle als Leader aus und brachte mithilfe seiner hohen Passsicherheit Ruhe und Souveränität in die eigenen Reihen, dies wirkte sich auf die Zirkulation des Balles förderlich aus. Daube unterliefen bei 50 Pässen lediglich sieben Fehler, dies entspricht einer Quote von 86% geglückter Zuspiele. Daube war bemüht das Leder stets präzise nach vorne zu spielen, das Spiel somit geradlinig zu halten und nicht unnötig zu verschleppen. Neben seinen zwei eigenen Torabschlüssen leistete der Mittelfeldakteur fünf Torschussassists.

Aalen mit kalter Dusche nach der Pause

Die Ambitionen und Hoffnungen der Gäste, im zweiten Spielabschnitt durch eine höhere Sicherheit im Aufbauspiel und schnörkelloseren Angriffsversuchen doch noch etwas Zählbares mitnehmen zu können, zerschlugen sich bereits in Minute 49. Barth lenkt einen Daube-Corner unglücklich ins eigene Gehäuse – Bernhard ist ohne jede Abwehrchance. St. Pauli zog sich, den komfortablen Vorsprung im Rücken, mit Fortdauer der Partie weiter zurück, ging nicht mehr ganz so aggressiv und zielstrebig zu Werke, wie noch im ersten Durchgang. Die stets emsigen und bemühten Aalener rannten an, fanden aber lange Zeit kein wirkliches Rezept um die sicher stehende Defensive zu knacken – immer wieder brachte ein Hamburger ein Bein entscheidend dazwischen. Hierin ist sicher der größte Verdienst von Ewald Lienen in der einen Woche seines Schaffens zu sehen: Es glückte ihm, der Schießbude der Liga eine gewisse defensive Stabilität zu geben, das Umschalten zwischen Offensive und Defensive klappte merklich besser.

St. Pauli lässt Zügel schleifen, Nervosität kommt auf – Aalen wacht zu spät auf

Die „Kiezkicker“ erweckten über 70 Minuten einen souveränen, ungefährdeten Eindruck. In der Schlussphase gaben die Lienen-Schützlinge die Kontrolle jedoch ab, Aalen gewann mit dem Mute der Verzweiflung mehr Zweikämpfe, präsentierte sich giftiger und spritziger. In dieser Phase merkte man doch deutlich, dass den Braun-Weißen die Selbstverständlichkeit und Sicherheit fehlt, die Zahl an Flüchtigkeitsfehlern erhöhte sich zusehends. Doch der Abwehrriegel hielt. St. Pauli stemmte sich mit vereinten Kräften erfolgreich gegen den Anschlusstreffer, der nun in der Luft lag und wohl endgültig das große Zittern ausgelöst hätte. Stattdessen belohnte sich Thy im Konter für seine überzeugende Vorstellung mit seinem ersten Saisontor. Der postwendende Ehrentreffer durch den eingewechselten Kaufmann kam zu spät, das 1:3 war letztlich nur Ergebniskosmetik.

Fazit

Ewald Lienen feiert bei seinem Heimdebüt einen völlig verdienten 3:1-Heimerfolg.

Sein Team präsentierte sich vor allem in der Defensive stark verbessert, ließ nur sehr wenig zu, ging aggressiv und entschlossen zu Werke. Barths Missgeschick brachte St. Pauli schließlich endgültig auf die Siegerstraße, Aalen hingegen zeigte sich zu lange beeindruckt vom erfrischenden Spiel des bis dahin Tabellenletzten. Ein Duell zweier Abstiegskandidaten findet einen hochverdienten Sieger, die Mannen von Stefan Ruthenbeck ließen die Chance, sich leicht abzusetzen, ungenutzt. St. Pauli scheint die Zeichen der Zeit erkannt zu haben und bot seit langem wieder einmal richtig erfrischenden, mit Esprit vorgetragenen Fußball.

Dank der mit Abstand besten Saisonleistung brennt auf St. Pauli – anstatt des Christbaums – doch noch (etwas) Licht…

David Kühhas, abseits.at

David Kühhas

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